{"id":121316,"date":"2010-07-01T12:00:00","date_gmt":"2010-07-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2010\/07\/lengsfeld-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:33:49","modified_gmt":"2023-08-23T21:33:49","slug":"lengsfeld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2010\/07\/lengsfeld\/","title":{"rendered":"Trinkwasserversorgung braucht den sozialen Kontext"},"content":{"rendered":"<p>Der Gedanke, effiziente Konsortien aus dem Norden f\u00fcr die L\u00f6sung der Trinkwasserprobleme des S\u00fcdens heranzuziehen, ist verlockend. Doch das Konzept der Public-Private Partnership krankt daran, dass der \u00f6ffentliche Sektor zu schwach ist, um seine Bed\u00fcrfnisse durchzusetzen. Ausgehend von den Erfahrungen in der Schweizer Wasserversorgung geht Helvetas bei ihren Projekten von einem Multi-Stakeholder-Approach aus. Bis 2013 \u2013 so das Ziel der aktuellen Kampagne \u2013 sollen 1 Mio. Menschen neu Zugang zu Trinkwasser und sanit\u00e4rer Grundversorgung erhalten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer Suchauftrag \u00abTrinkwasser, verseucht, f\u00e4kal\u00bb bei Google ergibt f\u00fcr die Schweiz exakt zwei F\u00e4lle von Trinkwasserverschmutzung. In der Z\u00fcrcher Gemeinde S. gelangten im Jahr 2001 \u2013 vermutlich aus einem Jauchekasten \u2013 F\u00e4kalbakterien ins Trinkwasser. F\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter stellte der basellandschaftliche Kantonschemiker im Trinkwasser der Gemeinde L. eine bakterielle Verschmutzung fest. In beiden F\u00e4llen wurde die Bev\u00f6lkerung rechtzeitig gewarnt. Der Rektor des Gymnasiums L. ordnete f\u00fcr die Kantine Spezialmassnahmen an, \u00abweil das nat\u00fcrlich eine Katastrophe w\u00e4re, wenn auch nur das Geringste passieren w\u00fcrde.\u00bb Erkrankungen wurden keine gemeldet.Dass dem so ist, h\u00e4ngt nicht nur mit den reichlichen Niederschl\u00e4gen zusammen, sondern vor allem mit dem System der Schweizer Wasserversorgung und der Kl\u00e4rung der Abw\u00e4sser. Die Arbeitsteilung in diesem System ist klar: Die allermeisten Quellen und Grundwasservorkommen sind im Besitz von kommunalen und genossenschaftlichen Instanzen. Ein starker, funktionierender Staat investiert viel Geld in die Trinkwasserversorgung und erl\u00e4sst Vorschriften, die er auch durchsetzt. In l\u00e4ndlichen Gegenden st\u00fctzt er sich dabei auf eine Zivilgesellschaft mit einer oft langen Tradition. Tausende von Gemeindeangestellten und noch mehr freiwillige Mandatstr\u00e4ger von Genossenschaften und -korporationen halten ihre Wasserversorgungen in Stand, und es ist f\u00fcr sie Ehrensache, dass ihr Wasser sauber ist. Auf der andern Seite haben wir in der Schweiz einen zuverl\u00e4ssigen und innovativen Privatsektor, der im Auftrag der \u00f6ffentlichen Hand die Wasserinstallationen baut und unterh\u00e4lt.Auf der s\u00fcdlichen Halbkugel der Erde sieht die Wasserwelt anders aus. 900 Mio. Menschen&#13;<br \/>\nZahlen aus: GLAAS 2010. UN-Water Global Annual Assessment of Sanitation and Drinking Water, WHO (2010). leben ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser; 2,6 Mrd. Menschen m\u00fcssen ohne Toiletten und ohne Abwassersysteme auskommen. Beides hat verheerende Folgen: Jeden Tag sterben 4000 Kinder an Folgekrankheiten von verseuchtem Trinkwasser. Auch in Entwicklungsl\u00e4ndern bestimmen klimatische und institutionelle Gegebenheiten den Umgang mit der Schl\u00fcsselressource Wasser. Da ist zum einen die Wasserknappheit in weiten Teilen der Welt, die sich mit der Klimaerw\u00e4rmung noch versch\u00e4rfen wird. Es fehlt aber auch an Institutionen, die den Aufbau von Wasserversorgungen vorantreiben und ihren Unterhalt sicherstellen k\u00f6nnten. Der Staat ist oft schwach, und zivilgesellschaftliche Strukturen fehlen oder sind nur in Ans\u00e4tzen vorhanden.&#13;<\/p>\n<h2>Public-Private Partnership in der Stadt?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nPPP-Trinkwasser-Projekte sind auf die St\u00e4dte beschr\u00e4nkt, wo weltweit laut WHO immerhin 96% aller Menschen Zugang zu Trinkwasser haben. Die Vorstellung, dass Internationale Player wie <i>Suez Lyonnaise des Eaux<\/i> oder <i>Thames Water<\/i> auch in Entwicklungsl\u00e4ndern staatliche Aufgaben \u00fcbernehmen \u2013 Effizienz aus dem Norden zur L\u00f6sung eines vitalen Problems im S\u00fcden \u2013 ist nur auf den ersten Blick attraktiv. Nach einer ersten Privatisierungseuphorie in den 1990er- und 2000er-Jahren ist Ern\u00fcchterung eingekehrt. In Tansania k\u00fcndigte die Regierung im Jahr 2005 einen Vertrag, den sie mit einem privaten Wasserkonsortium f\u00fcr die Hauptstadt Dar es Salaam abgeschlossen hatte. Auch die britische Thames Water scheiterte an der Wasserversorgung der indonesischen Hauptstadt Jakarta. Und im bolivianischen Cochabamba hat die indigene Bev\u00f6lkerung in einer spektakul\u00e4ren Protest- und Streikaktion die Privatisierung des Wassers verhindert. Der deutsche Wasser-Journalist Frank K\u00fcrschner-Pelkmann schreibt denn auch: \u00abDer Traum vom schnellen Geld mit dem blauen Gold ist ausgetr\u00e4umt.\u00bbAuch das Konzept der Public-Private Partnership (PPP), wie es u.a. vom Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft (Seco) propagiert wird, l\u00e4sst noch Raum f\u00fcr die Tr\u00e4ume vom schnellen Geld. Oft m\u00fcssen die Privatunternehmen daf\u00fcr nicht einmal Investitionsgelder in die Hand nehmen. Das \u00fcbernimmt die \u00f6ffentliche Hand, von der regionalen Beh\u00f6rde bis hin zu grossen multilateralen Gebern wie der Weltbank. Diese Geldgeber sind daran interessiert, dass die Privatunternehmen nicht nur in den Stadtteilen der kaufkr\u00e4ftigen Oberschicht Wasserversorgungen aufbauen, sondern auch in armen Quartieren und an der Peripherie. Um das durchzusetzen, braucht es starke, demokratisch legitimierte Beh\u00f6rden und\/oder eine starke Zivilgesellschaft \u2013 also genau das, was in vielen Entwicklungsl\u00e4ndern fehlt.&#13;<\/p>\n<h2>Private Hilfswerke auf dem Land<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie gr\u00f6sste Wassernot herrscht in l\u00e4ndlichen Gebieten. Hier haben nur gerade 78% \u2013 in Afrika s\u00fcdlich der Sahara gar nur 47% \u2013 Zugang zu Trinkwasser. Frauen gehen oft viele Kilometer bis zur n\u00e4chsten Wasserstelle. Die Chancen, dass staatliche Stellen etwas gegen ihre Wassernot unternehmen, sind klein. Und private Unternehmen werden sich h\u00fcten, daf\u00fcr auch nur einen Franken in die Hand zu nehmen. So sind es fast ausschliesslich private Hilfswerke und staatliche Entwicklungsorganisationen aus den entwickelten L\u00e4ndern, die sich der l\u00e4ndlichen Wasserversorgung annehmen. Helvetas hat das Wasserproblem explizit ins Zentrum ihrer Arbeit und ihrer \u00d6ffentlichkeitskampagne gestellt. Bis 2013 \u2013 so das Ziel der aktuellen Kampagne \u2013 sollen 1 Mio. Menschen neu Zugang zu Trinkwasser und sanit\u00e4rer Grundversorgung erhalten. Helvetas st\u00fctzt sich bei ihrer Arbeit auf Erfahrungen, die in der Schweiz und in vielen andern Gesellschaften der Welt gemacht wurden: Trinkwasserversorgung ist nicht nur ein technisches, sondern in wesentlichen Elementen ein soziales Projekt, an dem Menschen des Versorgungsgebietes mitarbeiten m\u00fcssen. In einem Multi-Stakeholder-Approach arbeitet Helvetas mit Einzelpersonen, lokalen Beh\u00f6rden und Teilen der Zivilgesellschaft zusammen. Selbstverst\u00e4ndlich werden in die Projekte auch lokale und regionale KMU mit einbezogen: Maurer, die Wasserfassungen und Toilettenh\u00e4uschen bauen, Transportunternehmer oder Lieferanten von Sanit\u00e4rmaterial. Letztes Jahr haben dank Helvetas mehr als 200&nbsp;000 Menschen neu Zugang zu Trinkwasser und\/oder sanit\u00e4ren Einrichtungen erhalten. Eine Zahl, auf die Helvetas stolz ist. Jedes Dorf, jede Gemeinde, die neu \u00fcber eine funktionierende Trinkwasserversorgung, \u00fcber K\u00f6rperschaften zu deren Verwaltung und \u00fcber Handwerker zu ihrem Unterhalt verf\u00fcgt, ist ein Erfolg.Auch wenn es darum geht, integrierte Nutzungspl\u00e4ne f\u00fcr die knappe Ressource Wasser auszuarbeiten, st\u00fctzt sich Helvetas auf die Zusammenarbeit aller Beteiligten. Vertreterinnen und Vertreter von Beh\u00f6rden und Zivilgesellschaft sowie Nutzerinnen und Nutzer einer Region setzen sich miteinander an einen Tisch, um ihre oft unterschiedlichen Anspr\u00fcche anzumelden und gemeinsam Priorit\u00e4ten f\u00fcr die Umsetzung festzulegen. Regionale Nutzungspl\u00e4ne tragen dazu bei, Nutzungskonflikte zu minimieren, und liefern eine wichtige Basis f\u00fcr die Planung neuer Wasserprojekte.&#13;<\/p>\n<h2>Vom Dorfbrunnen zu den Milleniumszielen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie vergangenen Jahre haben gezeigt, dass wesentliche Fortschritte m\u00f6glich sind, wenn wir unsere Energien international b\u00fcndeln: In den letzten 17 Jahren haben 1,3 Mrd. Menschen neu Zugang zu einer sicheren Trinkwasserversorgung erhalten; bis zum Jahr 2015 d\u00fcrfte sich der Anteil der Menschen ohne gesicherten Zugang zu Wasser halbiert haben, wie es das siebte Milleniumsziel fordert. Es ist vor allem der Ausbau in den St\u00e4dten, der zu diesem Resultat beigetragen hat. F\u00fcr zahlreiche Bewohnerinnen und Bewohner l\u00e4ndlicher Regionen ist jedoch noch kein Wandel in Sicht. Damit auch ihre Stimmen zu den politischen Entscheidungstr\u00e4gern durchdringen, setzt sich Helvetas daf\u00fcr ein, dass das Menschenrecht auf Wasser verbindlich festgeschrieben wird. Mit einem einklagbaren Recht auf Wasser l\u00e4sst sich Druck aufbauen, damit in Zukunft wieder vermehrt in Wasserversorgungen investiert wird.Der Trend geht jedoch in eine andere Richtung. Der Anteil der Entwicklungsgelder f\u00fcr Wasserprojekte ist in den letzten zehn Jahren von 8% auf 5% zur\u00fcckgegangen. Helvetas fordert die beiden Schweizer Entwicklungsagenturen Deza und Seco auf, ihre Investitionen in den Wasserbereich zu erh\u00f6hen. Denn laut Berechnung der WHO ist Geld f\u00fcr Trinkwasser und sanit\u00e4re Grundversorgung gut investiertes Geld. Eine Investition von 1 US-Dollar bringt hier einen Ertrag von 8 US-Dollar: eingesparte Krankheitskosten, weniger Absenztage in Arbeit und Schulen, mehr Zeit f\u00fcr produktive T\u00e4tigkeiten, weil das Wasser nicht mehr von weit her geholt werden muss. Wer in den Wassersektor investiert, schafft damit Grundlagen f\u00fcr eine nachhaltige Entwicklung.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Gedanke, effiziente Konsortien aus dem Norden f\u00fcr die L\u00f6sung der Trinkwasserprobleme des S\u00fcdens heranzuziehen, ist verlockend. Doch das Konzept der Public-Private Partnership krankt daran, dass der \u00f6ffentliche Sektor zu schwach ist, um seine Bed\u00fcrfnisse durchzusetzen. Ausgehend von den Erfahrungen in der Schweizer Wasserversorgung geht Helvetas bei ihren Projekten von einem Multi-Stakeholder-Approach aus. 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