{"id":121331,"date":"2010-07-01T12:00:00","date_gmt":"2010-07-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2010\/07\/oberhaensli-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:33:53","modified_gmt":"2023-08-23T21:33:53","slug":"oberhaensli","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2010\/07\/oberhaensli\/","title":{"rendered":"Wasserknappheit als globale Herausforderung"},"content":{"rendered":"<p>Die Wasservorr\u00e4te der Welt \u2013 im nat\u00fcrlichen Kreislauf unabl\u00e4ssig erneuert \u2013 scheinen grenzenlos. Aber um Leben und \u00dcberleben von Mensch und Natur zu sichern, ben\u00f6tigen wir das Wasser zur richtigen Zeit in der richtigen Form am richtigen Ort. Auf dieser Basis hat die 2030 Water Resources Group in neuen Sch\u00e4tzungen die 154 weltweit wichtigsten Flussbecken zusammengefasst. Das Ergebnis: Bereits heute \u00fcbernutzen wir das verf\u00fcgbare Wasser; bis 2030 k\u00f6nnte der Nachfrage\u00fcberhang auf \u00fcber 60% steigen. Die Landwirtschaft w\u00fcrde dabei am h\u00e4rtesten getroffen, mit Einbussen von bis zu 30% beim weltweiten Anbau von Grundnahrungsmitteln. Vorab lokale Wasserprobleme w\u00fcrden so endg\u00fcltig zur globalen Herausforderung.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Gefahren zuk\u00fcnftiger Wasserknappheit werden von vielen noch immer untersch\u00e4tzt. Soweit das Thema in der regenreichen Schweiz \u00fcberhaupt diskutiert wird, konzentriert sich die Debatte h\u00e4ufig auf politisch\/ideologisch fokussierte Nebenaspekte.&#13;<\/p>\n<h2>Wasserbezug \u00fcber die sich nat\u00fcrlich erneuernden Mengen hinaus<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEin erstes, sich versch\u00e4rfendes Grundproblem beim Wasser ist der rasch wachsende Bezug und der h\u00e4ufig verschwenderische Umgang damit. So sinkt der Grundwasserspiegel im Punjab (Indien) um etwa einen Meter pro Jahr. Die Pumpen zur Bew\u00e4sserung der Felder wurden \u00fcber lange Zeit subventioniert; Elektrizit\u00e4t f\u00fcr die Pumpen ist kostenlos. Bei ungedeckten Kosten in vielen Regionen \u2013 auch in Industriel\u00e4ndern \u2013 leidet der Unterhalt der Infrastruktur, zum Beispiel mit der Folge von Wasserverlusten in Bew\u00e4sserungskan\u00e4len. Wie kann das sich im nat\u00fcrlichen Zyklus unabl\u00e4ssig erneuernde Wasser \u00fcberhaupt knapp werden? Es geht um verf\u00fcgbares Wasser: Wir ben\u00f6tigen es in der richtigen Form zur richtigen Zeit am richtigen Ort:\u2013 <i>Wasser in der richtigen Form:<\/i> Bei den k\u00fcrzlichen \u00dcberschwemmungen in Polen wurde das Trinkwasser knapp. Die einzige sichere L\u00f6sung war Wasser in Flaschen. Das heisst nicht, dass Flaschenwasser Leitungswasser ersetzen k\u00f6nnte oder sollte; dazu sind die Mengen (Bruchteile von Promillen des aufbereiteten Leitungswassers) viel zu klein. Es zeigt aber, dass Flaschenwasser bereits aufgrund seiner Verf\u00fcgbarkeit eine andere \u00f6konomische Qualit\u00e4t besitzt als Leitungswasser. \u2013 <i>Zur richtigen Zeit:<\/i> Mit dem Monsun haben grosse Landstriche in Indien im Durchschnitt genug Wasser, nur nicht dann, wenn es zum landwirtschaftlichen Anbau ben\u00f6tigt w\u00fcrde. \u2013 <i>Am richtigen Ort:<\/i> Die hohen statistischen Durchschnittswerte Russlands an Wasser helfen dem Aralsee wenig. Wasserknappheit ist zuerst ein lokales Problem \u2013 bei der Suche nach L\u00f6sungen m\u00fcssen Flussbecken separat analysiert werden. Untersuchungen auf dieser Basis zeigen, dass bereits heute rund 300 km3 mehr S\u00fcsswasser abgezogen werden, als verf\u00fcgbar sind. Bis 2030 d\u00fcrfte die \u00dcbernutzung auf 2700 km3 oder rund 65% des sich nat\u00fcrlich erneuernden S\u00fcsswassers steigen \u2013 mit katastrophalen Folgen f\u00fcr die Landwirtschaft als Hauptverbraucher von Wasser und die weltweite Nahrungsmittelversorgung. Sp\u00e4testens damit werden lokale Wasserprobleme zum globalen Problem.&#13;<\/p>\n<h2>Strukturelle Probleme der munizipalen Wasserversorgung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas zweite Grundproblem ist die unzureichende Versorgung mit munizipalem Trink- und Haushaltswasser in Entwicklungsl\u00e4ndern. Zwar gab es Verbesserungen. So sank bei einer rasch wachsenden Weltbev\u00f6lkerung die Zahl der Menschen ohne Zugang zu sicherem Wasser von 1215 Mio. im Jahr 1990 auf 850 Mio. Menschen im Jahr 2006. Aber das sind immer noch viel zu viele \u2013 erst recht, wenn die l\u00e4ngerfristigen Aussichten ungewiss sind. Eines der Probleme sind Tarife, die h\u00e4ufig nicht einmal die Unterhaltskosten decken. Die Folgen: Leckverluste; mangelnde finanzielle Ressourcen, um auch die Wohngebiete der \u00e4rmsten Teile der Bev\u00f6lkerung mit der munizipalen Wasserversorgung zu erschliessen; und Verschwendung des subventionierten Trinkwassers durch \u2013 meist wohlhabende \u2013 B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger mit Wasserhahn zuhause. Die \u00e4rmsten Schichten zahlen ein Mehrfaches der munizipalen Tarife f\u00fcr Wasser aus Tanklastern von sehr zweifelhafter Qualit\u00e4t&#13;<br \/>\nVgl. Human Development Report 2006: \u00abIn many countries only 25% of the poorest households have access to piped water in their homes, compared with 85% of the richest. Poor people living in slums often pay 5\u201310 times more per litre of water than wealthy people living in the same city.\u00bb und leiden zunehmend unter der Korruption beim Wasser.&#13;<br \/>\nKorruption in Cochabamba: Jean Friedmann-Rudofky, Return to Cochabamba: Eight Years Later; Earth Island Journal Autumn 2008. Zudem: Global Corruption Report 2008: Corruption in the Water Sector. Transparency International.Zur Frage \u00f6ffentliche versus private Wasserversorgung: Im Grunde ist es unerheblich, wer die Wasserversorgung bereitstellt, solange ein paar Grunds\u00e4tze befolgt werden: Kostendeckung (mit Ausnahme des Wassers f\u00fcr die \u00c4rmsten), Effizienz, Transparenz und angemessener Unterhalt. Zudem ist die Diskussion eher theoretischer Natur, da die privatwirtschaftliche Wasserversorgung heute in Entwicklungsl\u00e4ndern lediglich 3% ausmacht und \u2013 mit Ausnahme von einigen gr\u00f6sseren Schwellenl\u00e4ndern wie Russland, China und Malaysia \u2013 r\u00fcckl\u00e4ufig ist.&#13;<br \/>\nVgl. Marin, Philippe, Public Private Partnerships for Urban Water Utilities. The World Bank, 2009 (<a href=\"http:\/\/www.ppiaf.org\">http:\/\/www.ppiaf.org<\/a>, Publications, Trends and Policy Options, \u00abBy Sector\u00bb, \u00abWater\u00bb)&#13;<\/p>\n<h2>Eine dreifache gesellschaftliche Rolle von Wasser<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEs geht also um Kostendeckung. Doch hier braucht es mehr Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die verschiedenen Rollen von Wasser als soziales, \u00f6kologisches und \u00f6konomisches Gut:\u2013 Wohl am wichtigsten ist seine <i>soziale Rolle<\/i>, das Minimum zum \u00dcberleben als Menschenrecht. Der Zugang zu diesem Minimum \u2013 weltweit ein relativ bescheidenens Volumen von 60\u2013125 km3 \u2013 muss gesichert werden, auch wenn eine Familie daf\u00fcr nicht bezahlen kann. \u2013 Wasser ist ein <i>\u00f6kologisches Gut<\/i>. Gesch\u00e4tzte Mengen von bis zu 4200 km3 weltweit m\u00fcssen f\u00fcr die Natur, Feuchtgebiete, Seen, Fl\u00fcsse reserviert bleiben. Die Zahl bezieht sich lediglich auf von Menschen intensiv mitgenutzte Gew\u00e4sser. Es ist ein Zielwert, der vielenorts durch \u00dcbernutzung bereits heute massiv unterschritten wird. \u2013 Wasser ist ein <i>\u00f6konomisches Gut<\/i> \u2013 zur Zeit rund 4400 km3. Es handelt sich z.B. um Wasser f\u00fcr Pools und Rasen von Haushalten, f\u00fcr Industrie und Dienstleistungen sowie f\u00fcr landwirtschaftliche Produktion. Ohne angemessenen Preis wird es nur in seltenen F\u00e4llen bewirtschaftet, sondern verschwendet.&#13;<\/p>\n<h2>Interesse einer globalen Lebensmittelfirma<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nInwiefern sind solche Probleme f\u00fcr Nestl\u00e9 von Belang? Das Unternehmen steht als Bindeglied zwischen Landwirtschaft sowie Konsumentinnen und Konsumenten. Es verarbeitet Nahrungsmittel und stellt zum Beispiel sicher, dass auch in heissen L\u00e4ndern die Milch in guter Qualit\u00e4t von den meist weit von den grossen Metropolen entfernt lebenden Bauern zu den Verbrauchern in den St\u00e4dten gelangt. Nestl\u00e9 ist also abh\u00e4ngig von Bauern, die dauerhaft mit dem verf\u00fcgbaren Wasser produzieren. Und unsere Produkte setzen den Zugang von Konsumentinnen und Konsumenten zu sicherem Trinkwasser f\u00fcr K\u00fcche und Hygiene voraus.Das Unternehmen engagiert sich direkt \u2013 und dies schon seit vielen Jahren. Bereits in den 1930er-Jahren wurde die erste Abwasserkl\u00e4ranlage der Nestl\u00e9-Gruppe in Betrieb genommen. Die Lebensmittelindustrie verbraucht mit ein paar Litern pro US-Dollar an Umsatz relativ wenig Wasser, gegen\u00fcber mehreren 100 Litern bei Chemie, Papier- und Zelluloseverarbeitung. Trotzdem hat Nestl\u00e9 unter Aussch\u00f6pfung aller Einsparm\u00f6glichkeiten den Wasserbezug \u00fcber die letzten zehn Jahre von 5 auf weniger als 1,5 Liter pro US-Dollar Umsatz reduziert. \u00dcberdies beraten wir weltweit etwa 600&nbsp;000 Bauern, mit denen wir direkt zusammenarbeiten, um ihnen bei einem sorgsameren Umgang mit Wasser zu helfen.&#13;<\/p>\n<h2>Zusammenarbeiten f\u00fcr umfassende L\u00f6sungen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas Problem hat aber eine Gr\u00f6ssenordnung, dass Einzelmassnahmen bestenfalls ein Tropfen auf einen heissen Stein sind. Nestl\u00e9 beteiligt sich deshalb am Politikdialog im Rahmen einer weltweiten Initiative, um die grosse Wasserkrise zu verhindern. Teil der Initiative ist die von McKinsey konzipierte Kostenkurve der Wassereinsparm\u00f6glichkeiten. In einzelnen Flussbecken wird jedes m\u00f6gliche Mittel zur Reduktion des Wasserbezugs danach beurteilt, wieviele US-Cents f\u00fcr einen eingesparten Kubikmeter aufgewendet werden m\u00fcssen.&#13;<br \/>\nDer Bericht der 2030 Water Resources Group ist auf <i><a href=\"http:\/\/www.2030waterresourcesgroup.com\/water_full\">http:\/\/www.2030waterresourcesgroup.com\/water_full<\/a><\/i> frei zug\u00e4nglich.Das Problem der sich abzeichnenden Wasserknappheit ist l\u00f6sbar. Dazu braucht es aber eine umfassende, faktenbezogene Strategie der Beh\u00f6rden, die in Partnerschaft aller Stakeholder in einem Flusseinzugsgebiet umgesetzt wird. Eine angemessene Wertsch\u00e4tzung von Wasser wird auf Dauer die nachhaltige Nutzung dieser so wichtigen Ressource sicherstellen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wasservorr\u00e4te der Welt \u2013 im nat\u00fcrlichen Kreislauf unabl\u00e4ssig erneuert \u2013 scheinen grenzenlos. 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