{"id":121456,"date":"2010-05-01T12:00:00","date_gmt":"2010-05-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2010\/05\/bologna-2\/"},"modified":"2025-03-25T17:36:21","modified_gmt":"2025-03-25T16:36:21","slug":"bologna","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2010\/05\/bologna\/","title":{"rendered":"Wirtschaftliche Kriterien bei der Einleitung von Insolvenzverfahren"},"content":{"rendered":"<p>Der Konkurs ist die dramatischste, aber nicht die einzige Form des Scheiterns eines Unternehmens. Mit jedem Konkursfall sind Begleiterscheinungen verbunden: Zum einen werden finanzielle Verpflichtungen nicht eingehalten, was f\u00fcr Dritte einen Verlust zur Folge hat; zum anderen wird ein Knotenpunkt wirtschaftlicher T\u00e4tigkeit zerst\u00f6rt, was zahlreiche soziale und psychologische Konsequenzen hat. Jede Regelung in diesem Bereich strebt einen Ausgleich zwischen diesen verschiedenen Auswirkungen an, so auch das Bundesgesetz \u00fcber Schuldbetreibung und Konkurs (SchKG). In diesem Artikel wird versucht, die Effektivit\u00e4t der Kriterien f\u00fcr die Einleitung von Insolvenzverfahren zu beurteilen, welche im Rahmen der Gesetzesrevision vorgeschlagen werden. Dabei geht es um die Frage, ob mit Hilfe dieser Kriterien gef\u00e4hrdete Unternehmen zuverl\u00e4ssig und im Voraus zu erkennen sind.<br \/>\nEs handelt sich um eine Zusammenfassung einer der drei Studien, die von Ernst &amp; Young und Eco\u2019Diagnostic im Auftrag des Seco realisiert wurden: Trois \u00e9tudes sur la r\u00e9vision du droit des faillites, Seco, Bern 2010, verf\u00fcgbar im Internet: <a href=\"http:\/\/www.seco.admin.ch\">http:\/\/www.seco.admin.ch<\/a>, Rubriken \u00abDokumentation\u00bb, \u00abPublikationen und Formulare\u00bb, \u00abVer\u00f6ffentlichungsreihen\u00bb, \u00abGrundlagen der Wirtschaftspolitik\u00bb.<\/p>\n<p>Gem\u00e4ss der letzten verf\u00fcgbaren eidg. Betriebsz\u00e4hlung (2008) gibt es in der Schweiz knapp 313&nbsp;000 marktwirtschaftliche Unternehmen mit rund 3,5 Mio. Arbeitspl\u00e4tzen. Hinter diesen aggregierten Zahlen verbergen sich sehr unterschiedliche Verh\u00e4ltnisse: Bei \u00fcber vier von f\u00fcnf Unternehmen (87%) handelt es sich um Mikrounternehmen (weniger als zehn Vollzeit\u00e4quivalente). Ihr Anteil an der Gesamtbesch\u00e4ftigung betr\u00e4gt ungef\u00e4hr 25%; wahrscheinlich liegt auch ihr Anteil am Bruttoinlandprodukt (BIP) etwa auf dem gleichen Niveau. Der Anteil der sogenannten Kleinunternehmen an der Gesamtzahl der Unternehmen betr\u00e4gt 10,6%, wobei sie etwa gleich viele Arbeitspl\u00e4tze bieten wie alle Mikrounternehmen. Knapp 20% der Gesamtbesch\u00e4ftigung entfallen auf die gut 6000 mittleren Unternehmen (50 bis 249 Mitarbeitende). Die restlichen gut 30% der Arbeitspl\u00e4tze stellen einige hundert grosse und sehr grosse Unternehmen.<\/p>\n<h2>Ein komplexes Problem<\/h2>\n<p>Diese Disparit\u00e4ten auf zwei Ebenen \u2013 Unternehmensgr\u00f6sse und Anzahl Arbeitspl\u00e4tze \u2013 machen es ungemein schwierig, ein durchschnittliches oder repr\u00e4sentatives Schweizer Unternehmen zu definieren. Wenn noch die unterschiedlichen Rechtsformen ber\u00fccksichtigt werden, erh\u00f6ht sich diese Schwierigkeit zus\u00e4tzlich. So waren im Jahr 2006 im Handelsregister 476&nbsp;000 juristische Personen eingetragen, w\u00e4hrend 2005 im Rahmen der eidg. Betriebsz\u00e4hlung nur 301&nbsp;000 Unternehmen verzeichnet worden waren. 60% der Unternehmen waren Kapitalgesellschaften, w\u00e4hrend es sich bei den \u00fcbrigen 40% um Personengesellschaften, Vereine oder Stiftungen handelte. In diesem Artikel wird nicht auf die Einzelheiten der verschiedenen Erhebungsinstrumente und auf deren eigene Logik eingegangen.<br \/>\nVgl. dazu Dembinski Paul H., PME en Suisse: profils et d\u00e9fis, Georg Editeur, Genf, 2004; KMU in der Schweiz. Profile und Herausforderungen, R\u00fcegger Verlag, Z\u00fcrich, 2004. Jedenfalls l\u00e4sst sich festhalten, dass grunds\u00e4tzlich jede der hier beschriebenen Formen von wirtschaftlicher T\u00e4tigkeit eines Tages in Konkurs gehen kann, unabh\u00e4ngig davon, ob es sich um eine nat\u00fcrliche oder juristische Person handelt. Aus den verf\u00fcgbaren Statistiken geht indes nicht hervor, ob ein Konkurs mit einer wirtschaftlichen T\u00e4tigkeit zusammenh\u00e4ngt, oder ob es sich um einen Privatkonkurs handelt. Gem\u00e4ss den Erhebungen von Creditreform zur Er\u00f6ffnung der im \u00abSchweizerischen Handelsamtsblatt\u00bb (SHAB) ver\u00f6ffentlichten Konkursverfahren werden in der Schweiz j\u00e4hrlich 4000 bis 5000 Konkurse von Unternehmen verzeichnet. Im Jahr 2009 wurde dieser Wert mit 5215 F\u00e4llen erstmals \u00fcbertroffen. Im Vergleich mit 2008 entsprach dies einem Anstieg um 23,5%.<br \/>\nSiehe dazu den Artikel von Claude Federer auf S. 24 ff. in dieser Ausgabe. Ein F\u00fcnftel dieser Zunahme ist hingegen auf \u00dcberschuldung zur\u00fcckzuf\u00fchren, und der gr\u00f6sste Teil h\u00e4ngt mit der Anwendung des neuen Artikels 731b des Obligationenrechts zusammen, der die Aufl\u00f6sung von Kapitalgesellschaften verlangt, wenn M\u00e4ngel in der Organisation der Gesellschaft vorliegen. Zum Vergleich sei darauf hingewiesen, dass im Jahr 2003 (letztes verf\u00fcgbares Jahr) nur 232 gerichtliche Nachlassvertr\u00e4ge zustande kamen. Dabei ist der Umstand zu ber\u00fccksichtigen, dass jedes Jahr ungef\u00e4hr 20&nbsp;000 Unternehmen ihre wirtschaftliche T\u00e4tigkeit einstellen und damit in den nachfolgenden Betriebsz\u00e4hlungen nicht mehr erfasst werden. Mit anderen Worten: Ein Konkurs ist nur in verh\u00e4ltnism\u00e4ssig wenigen F\u00e4llen der Grund f\u00fcr die Aufl\u00f6sung von Unternehmen. Im Rahmen der Studie musste diesem Datenproblem Rechnung getragen werden (siehe <i>Kasten 1<\/i><\/p>\n<p>Wirtschaftliche Studien zum Ph\u00e4nomen des Konkurses werden durch ein Datenproblem erschwert, das in diesem Fall durch die Kombination der folgenden drei Quellen zu einem gewissen Teil \u00fcberwunden wurde:\u2013 400 Konkursf\u00e4lle, die von Eco\u2019Diagnostic\/Observa (von 1996 bis 2003) zusammengestellt wurden und qualitative Informationen zum Gesch\u00e4ftsgang der Unternehmen in den letzten drei bis vier Jahren vor dem Konkurs enthalten.\u2013 Buchhalterische Kennzahlen \u00fcber mehrere Jahre von rund 40 Unternehmen, die zwischen 1996 und 2005 in Konkurs gegangen sind. Die Daten wurden von der Cr\u00e9dit Suisse in anonymisierter Form zur Verf\u00fcgung gestellt.\u2013 Anonymisierte buchhalterische Daten \u00fcber mehrere Jahre von \u00fcber 100 gesunden Unternehmen. Sie wurden vom Bundesamt f\u00fcr Statistik (BFS) zur Verf\u00fcgung gestellt und beziehen sich auf die Produktion und die Wertsch\u00f6pfung.<\/p>\n<p>).<\/p>\n<h2>Umsatzentwicklung und Fristen f\u00fcr das Erkennen des Konkursrisikos<\/h2>\n<p>Ein Umsatzr\u00fcckgang k\u00f6nnte intuitiv ein erstes Anzeichen f\u00fcr eine Verschlechterung des Gesch\u00e4ftsgangs sein. Die <i>Grafik 1<\/i> zeigt in aggregierter Form (alle Unternehmensalter und -gr\u00f6ssen) die Entwicklung des Umsatzes vor dem Konkurs in knapp 400 F\u00e4llen. W\u00e4hrend in ihrem letzten Gesch\u00e4ftsjahr knapp 40% der Unternehmen einen deutlichen R\u00fcckgang des Umsatzes (\u201310% oder st\u00e4rkere Abnahme) hinnehmen mussten, waren es im Jahr t-2 nur 22% und im Jahr t-5 sogar nur 13%. Am anderen Ende der Skala verzeichneten ungef\u00e4hr 25% der Unternehmen im letzten Jahr vor ihrem Konkurs eine deutliche Umsatzzunahme. Dieser Anteil blieb in den Jahren t-3 bis t-1 praktisch unver\u00e4ndert. In den Jahren t-4 und t-5 lag der Anteil der Unternehmen, die einen starken Umsatzanstieg aufwiesen, deutlich h\u00f6her (45% im Jahr t-5). Allerdings bestanden nur 60% der Unternehmen, f\u00fcr welche Daten zur Umsatzentwicklung vorlagen, seit mehr als f\u00fcnf Jahren. Daraus l\u00e4sst sich der Schluss ziehen, dass die Umsatzentwicklung allein kein zuverl\u00e4ssiger Indikator f\u00fcr k\u00fcnftige Probleme ist.Auf der Basis einer eingehenden Analyse der Umsatzentwicklung anhand dieser allgemeinen Zahlen lassen sich Unternehmen in drei Gruppen mit je unterschiedlichen Ausgangslagen einteilen:\u2013 Sehr junge Unternehmen, die mit ihrem Gesch\u00e4ftsgang das Aufbrauchen ihrer Reserven, das rascher als geplant verl\u00e4uft, nicht kompensieren k\u00f6nnen. In jenen F\u00e4llen, in denen der Umsatz steigt, erfolgt die Umsatzzunahme zu wenig rasch.\u2013 Angeschlagene Unternehmen aller Alters- und Gr\u00f6ssenklassen, deren Gesch\u00e4fte mehr schlecht als recht laufen und die einen Schock (unvorhergesehenes Ereignis) erleiden, von dem sie sich nicht mehr erholen. Dieser Schock ist im Jahresabschluss kaum zu erkennen.\u2013 \u00c4ltere Unternehmen mit einem sukzessiven Umsatzr\u00fcckgang, der ihre in der Vergangenheit geschaffene wirtschaftliche Substanz nach und nach aufzehrt.Der geringe Vorhersagewert der Umsatzentwicklung weist auf eine weitere Besonderheit des Konkurses hin: Er tritt im Allgemeinen unvermittelt auf. Je j\u00fcnger ein Unternehmen ist, desto k\u00fcrzer ist die durchschnittliche Frist f\u00fcr das Erkennen des Konkursrisikos durch die Verantwortlichen. Bei Unternehmen, deren Gr\u00fcndung weniger als drei Jahre zur\u00fcckliegt, betr\u00e4gt sie durchschnittlich acht Monate, bei \u00fcber 20-j\u00e4hrigen Unternehmen 17 Monate. Die Frist korreliert mit der Unternehmensgr\u00f6sse; sie betr\u00e4gt zw\u00f6lf Monate bei Mikrounternehmen und 27 Monate bei Unternehmen, die einmal \u00fcber 50 Mitarbeitende besch\u00e4ftigten. Falls also in der Schweiz Verfahren f\u00fcr die Erhaltung der wirtschaftlichen Substanz von Unternehmen eingef\u00fchrt werden sollen, m\u00fcssen sie so ausgestaltet werden, dass sie rasch umgesetzt werden k\u00f6nnen. Zwischen dem Zeitpunkt, in dem die Unternehmensleitung das Konkursrisiko erkennt, und dem Zeitpunkt, in dem Lieferanten und Kunden Schwierigkeiten bemerken, liegen einige Monate, h\u00f6chstens ein halbes Jahr. Deshalb ist es umso wichtiger, dass schnell gehandelt wird, weil einige Unternehmen im Anschluss an einen erlittenen Schock oder an ein unvorhergesehenes Ereignis zusammenbrechen. Nur bei den bez\u00fcglich Unternehmensalter und -gr\u00f6sse etablierten Unternehmen ist die Frist f\u00fcr das Erkennen eines Konkursrisikos ausreichend lang, um den gegenw\u00e4rtigen \u2013 langwierigen und schwerf\u00e4lligen \u2013 Sanierungsverfahren eine Erfolgschance einr\u00e4umen zu k\u00f6nnen. Sieht man von den Jungunternehmen ohne Wachstum ab, sind die sich aus der Buchf\u00fchrung ergebenden Alarmsignale nur bei 25% der F\u00e4lle von Nutzen \u2013 insbesondere bei Unternehmen, deren Gr\u00fcndung mehr als drei Jahre zur\u00fcckliegt und die sich in einem zunehmenden Abw\u00e4rtstrend befinden.<\/p>\n<h2>Rentabilit\u00e4t und Eigenkapital<\/h2>\n<p>Die Cr\u00e9dit Suisse (CS) hat den Autoren sehr detaillierte Kennzahlen (\u00fcber 100 Positionen pro Jahr) zur Buchf\u00fchrung von 39 anonymisierten Unternehmen zur Verf\u00fcgung gestellt, die im Zeitraum 2000 bis 2007 in Konkurs gegangen sind. Im Gegensatz zur Datenbank von Eco\u2019Diagnostic handelt es sich dabei haupts\u00e4chlich um mittlere und grosse Unternehmen. Diese waren von der Bank zu einem bestimmten Zeitpunkt der Inkassoabteilung zugewiesen worden, weil sie entsprechend dem bankinternen Rating eine besorgniserregende Risikostufe erreicht hatten. Die Zuweisung zur Inkassoabteilung ist Ausdruck einer ge\u00e4nderten Haltung der Bank, die nun die Situation ihres Schuldners antizipiert, indem sie ihn entweder unterst\u00fctzt oder den Prozess f\u00fcr das Eintreiben ihrer eigenen Forderungen beschleunigt.Die \u00c4usserungen der Verantwortlichen der Inkassoabteilung zeigen deutlich, wie wichtig die Buchf\u00fchrungsdaten in heiklen Situationen eines Unternehmens sind. Gem\u00e4ss ihrer Erfahrung geraten Unternehmen einer gewissen Gr\u00f6sse allm\u00e4hlich in Schwierigkeiten. Am Anfang steht eine Krise oder ein Strategiefehler, die drei bis f\u00fcnf Jahre vor dem Konkurs nur f\u00fcr Insider des Unternehmens ersichtlich sind. Anschliessend folgt ein R\u00fcckgang des Umsatzes (oder genauer der Einnahmen), der sich in der Buchf\u00fchrung ein bis drei Jahre vor dem endg\u00fcltigen Aus bemerkbar macht. Als Letztes kommt es in vielen F\u00e4llen weniger als ein Jahr vor dem Konkurs zu einer Liquidit\u00e4tskrise. Bei diesen Unternehmen ist die Situation somit in erster Linie an der Entwicklung des Tagesgesch\u00e4fts ersichtlich; die Entwicklung der Bilanz ist lediglich das Resultat des negativen operativen Verlaufs. Wenn die Krise akut wird, stellen die Unternehmen die Produktion und Weitergabe von Buchf\u00fchrungsdaten ein, die in der Folge bedeutungslos werden. Die Erhaltung der wirtschaftlichen Substanz \u2013 oder der Forderungen \u2013 h\u00e4ngt nicht von Extrapolationen der Vergangenheit, sondern von energischen Entscheiden ab. Dieser Moment, in dem sich die Perspektive umkehrt, ist von grosser Bedeutung: Bis dahin kann die Lage des Unternehmens mit Hilfe der Buchf\u00fchrung objektiv nachvollzogen werden; dar\u00fcber hinaus ist sie nur den Akteuren bekannt und h\u00e4ngt in vielen F\u00e4llen von Gef\u00fchl und Intuition ab.<\/p>\n<h2>Ebitda und Eigenkapitalanteil: Konkursindikatoren?<\/h2>\n<p><i>Grafik 2<\/i> zeigt die H\u00f6he von zwei bedeutenden Kennzahlen, der <i>Earnings before Interest, Taxes, Depreciation and Amortisation (Ebitda)<\/i> und des Eigenkapitalanteils, im letzten Gesch\u00e4ftsjahr vor dem Konkurs. Wie der Begriff zum Ausdruck bringt, ist das Ebitda ein Indikator, mit dem der eigentliche Gesch\u00e4ftsgang eines Unternehmens vor dem Finanzaufwand, den Steuern und den Abschreibungen beurteilt werden kann. Der Eigenkapitalanteil zeigt dagegen die Verschuldung eines Unternehmens an und ist damit ein Gradmesser f\u00fcr dessen finanzielle Selbstst\u00e4ndigkeit.Um die Lesbarkeit der Grafik zu gew\u00e4hrleisten, wurden die Achsen auf 70% begrenzt, womit drei Unternehmen nicht ber\u00fccksichtigt werden konnten: ein Unternehmen, bei dem die beiden Kennzahlen sehr negativ waren, eines, bei dem die beiden Indikatoren sehr positiv waren, und eines, bei dem lediglich die Rentabilit\u00e4t sehr negativ ausgefallen war. Die Unternehmen wurden entsprechend ihrer Bilanzsumme (\u00fcber bzw. unter 2 Mio. Franken) in zwei Gruppen aufgeteilt. Die erste Gruppe umfasste 17 und die zweite Gruppe 19 Unternehmen.Entgegen den Erwartungen ist zu erkennen, dass 20 von 39 Unternehmen im oberen rechten Bereich der Grafik positioniert sind. Kurze Zeit vor ihrem Konkurs wiesen sie sowohl eine minimale Rentabilit\u00e4t als auch noch ein gewisses Eigenkapital auf. Bei einigen Unternehmen lagen die beiden Indikatoren sogar noch recht hoch. Die Mehrheit der grossen Unternehmen (11 von 18) befand sich in diesem Quadranten. Ber\u00fccksichtigt man ausserdem die Entwicklung der beiden Finanzindikatoren, stellt man fest, dass sich die Bilanzstruktur bei zw\u00f6lf Unternehmen verbessert hat. In einigen F\u00e4llen trat w\u00e4hrend der letzten Jahre vor dem Konkurs sogar eine signifikante Verbesserung ein. Die Bilanz ging dabei zwar von einem recht tiefen Niveau aus, zeigte jedoch eine positive Entwicklung. Was die Rentabilit\u00e4t anbelangt, stieg das Ebitda in neun F\u00e4llen an, teilweise sogar in betr\u00e4chtlichem Ausmass.Um eine klare \u00dcbersicht zu gewinnen und die Gr\u00fcnde f\u00fcr den Konkurs genau zu verstehen, wurden die 39 Unternehmen entsprechend dem Auftreten der drei klassischen Anzeichen f\u00fcr das Bestehen eines Konkursrisikos eingeteilt: kein Eigenkapital am Ende des Betrachtungszeitraums, sehr starker Umsatzr\u00fcckgang w\u00e4hrend dieses Zeitraums und negative Rentabilit\u00e4t am Ende dieser Phase. Nur in einem von 39 F\u00e4llen waren alle drei Anzeichen vorhanden. In zehn F\u00e4llen wurden zwei Anzeichen und in 13 F\u00e4llen nur ein Anzeichen festgestellt. In den verbleibenden 15 (!) F\u00e4llen ging das Unternehmen in Konkurs, ohne dass auch nur eines der drei Anzeichen konstatiert worden war.<\/p>\n<h2>F\u00fcnf typische Ausgangslagen<\/h2>\n<p>In einer zweiten Phase wurden die Buchf\u00fchrungsdaten analysiert, um f\u00fcr jeden einzelnen Fall eine oder mehrere plausible Erkl\u00e4rungen f\u00fcr den Konkurs zu finden. Die anschliessenden Diagnosen wurden in f\u00fcnf Erkl\u00e4rungskategorien gruppiert, die im <i>Kasten 2<\/i><\/p>\n<p>\u2013 A (Aktion\u00e4re): Situationen, in denen der Konkurs mit dem Verhalten des Aktion\u00e4rs des Unternehmens zusammenzuh\u00e4ngen scheint. Diesbez\u00fcglich sind zwei Extremf\u00e4lle denkbar: Der Aktion\u00e4r begleicht seine Schulden (seine Rechnungen) nicht und treibt so das Unternehmen \u2013 d.h. die Tochtergesellschaft, wenn es sich um ein Unternehmen im Eigentum der Muttergesellschaft handelt \u2013 in den Konkurs; oder der Aktion\u00e4r zieht liquide Mittel aus der Tochtergesellschaft ab und baut damit ihr Eigenkapital ab. Dieses Vorgehen scheint in 9 von 39 F\u00e4llen der Ausl\u00f6ser des Konkurses gewesen zu sein.\u2013 <i>D (Dominoeffekt):<\/i> Situationen, in denen das Unternehmen Verluste erzielte, weil seine Kunden ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachgekommen waren. Die Stichprobe umfasst 4 F\u00e4lle dieser Art.\u2013 <i>E (exploitation, Betrieb):<\/i> Klassische Situationen, die \u00abnaturgem\u00e4ss\u00bb zum Konkurs f\u00fchren. In diesen F\u00e4llen weisen die verf\u00fcgbaren Informationen auf einen Umsatzeinbruch oder einen starken R\u00fcckgang der Rentabilit\u00e4t hin, was mit den \u00fcblichen Konsequenzen solcher Entwicklungen f\u00fcr die Bilanzstruktur verbunden war. Bei 11 der 39 untersuchten F\u00e4lle ging es anscheinend um betriebliche Probleme.\u2013 <i>HE (hors exploitation, ausserbetrieblich):<\/i> Situationen, in denen die Bilanz verd\u00e4chtige Finanzbewegungen enth\u00e4lt, die auf ausserbetriebliche Aktivit\u00e4ten oder Ereignisse hinweisen. Was die Stichprobe anbelangt, sind zwei Arten entsprechender Finanzbewegungen erkennbar: Wertverluste auf Immobilien, die vom Unternehmen nicht betrieblich genutzt wurden, und Verluste auf Finanzinvestitionen. Diese Art von Situation wurde in zehn F\u00e4llen verzeichnet.\u2013 <i>I (inexplicable, unerkl\u00e4rliche Vorg\u00e4nge):<\/i> Wie der Begriff andeutet, handelt es sich um F\u00e4lle von Unternehmen, bei denen die Experten im Rahmen der Pr\u00fcfung der entsprechenden buchhalterischen Kennzahlen keine plausible Erkl\u00e4rung f\u00fcr den Konkurs fanden. Diese Situation wurde in 8 F\u00e4llen festgestellt.<\/p>\n<p>zusammengefasst sind.Falls die von der CS zur Verf\u00fcgung gestellten F\u00e4lle repr\u00e4sentativ w\u00e4ren f\u00fcr Kapitalgesellschaften, die in der Schweiz in Konkurs gehen, w\u00fcrden sich die Ursachen des Scheiterns wie folgt verteilen: In 27% der F\u00e4lle w\u00e4re der Konkurs die direkte Folge eines betrieblichen Problems.In 18% der F\u00e4lle w\u00e4re der Konkurs darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass das Unternehmen vom Aktion\u00e4r bzw. den Aktion\u00e4ren ausgepl\u00fcndert wurde.In 10% der F\u00e4lle w\u00e4re der Konkurs die Folge eines Dominoeffekts.In 25% der F\u00e4lle w\u00e4re der Konkurs auf ausserbetriebliche Ursachen zur\u00fcckzuf\u00fchren.In 20% der F\u00e4lle h\u00e4tte der Konkurs nicht erfassbare buchhalterische Ursachen, w\u00fcrde mit Vorg\u00e4ngen zusammenh\u00e4ngen, die so rasch ablaufen, dass sie in der Buchf\u00fchrung nicht zum Ausdruck kommen, oder w\u00e4re mit einer Auseinandersetzung mit bestimmten Gl\u00e4ubigern verbunden.Bei den 16 grossen Unternehmen (mit einer Bilanzsumme von \u00fcber 2 Mio. Franken) wurde die betriebliche Ursache (E) nur in drei F\u00e4llen verzeichnet. Somit w\u00fcrden die Ursachen des Konkurses von \u00abgrossen\u00bb Unternehmen mehr im ausserbetrieblichen Bereich liegen oder sogar mit dem Verhalten der Aktion\u00e4re oder Muttergesellschaften zusammenh\u00e4ngen. Bei den kleineren Unternehmen w\u00e4ren betriebliche Probleme die h\u00e4ufigste und \u00abunerkl\u00e4rliche Vorg\u00e4nge auf der Ebene der Buchf\u00fchrung\u00bb die zweith\u00e4ufigste Ursache. Der letztere Fall k\u00f6nnte teilweise mit den Ursachen erkl\u00e4rt werden, die im Rahmen der Analyse der qualitativen Daten von Eco\u2019Diagnostic festgestellt wurden. So k\u00f6nnte es sich etwa um Streitigkeiten innerhalb der Unternehmensleitung, gescheiterte Partnerschaften sowie qualitative und technische Probleme handeln.<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>Zusammenfassend l\u00e4sst sich festhalten, dass \u00fcber die H\u00e4lfte der Konkurse von Kapitalgesellschaften mit Unternehmen zusammenh\u00e4ngen, die \u00fcber eine mehr oder weniger gesunde wirtschaftliche Substanz verf\u00fcgen. Der Konkurs ist in 53% der F\u00e4lle auf externe Faktoren zur\u00fcckzuf\u00fchren (Aktion\u00e4re, ausserbetrieblicher Bereich oder Dominoeffekt). Demzufolge sind die klassischen Alarmkriterien in Bezug auf Liquidit\u00e4t und Rentabilit\u00e4t nur von begrenztem Nutzen, um Massnahmen zur Beschleunigung des Konkurses oder zur Erhaltung der wirtschaftlichen Substanz einzuleiten.Sofern der Gesetzgeber die Erhaltung der wirtschaftlichen Substanz und einen allf\u00e4lligen Neustart von Unternehmen f\u00f6rdern will, muss er Massnahmen vorsehen, die auf das Alter und die Gr\u00f6sse des jeweiligen Unternehmens abgestimmt werden k\u00f6nnen. Die Massnahmen m\u00fcssen rasch umsetzbar und auf die schw\u00e4chsten Komponenten des Wirtschaftsgef\u00fcges abgestimmt sein. F\u00fcr gr\u00f6ssere Unternehmen braucht es striktere, langwierigere und kostspieligere Massnahmen.Die Tatsache, dass viele Konkurse nicht direkt durch die eigentliche wirtschaftliche T\u00e4tigkeit (den Betrieb) des Unternehmens verursacht werden, ist zum einen ein Hinweis darauf, dass die Erhaltung der Substanz eine interessante Option sein kann. Sie spricht zum anderen daf\u00fcr, die Unternehmensstatuten in Bezug auf die Ziele und den zul\u00e4ssigen Gesellschaftszweck restriktiver auszugestalten. Auf diese Weise k\u00f6nnten die Risiken im Zusammenhang mit ausserbetrieblichen Vorf\u00e4llen, durch die der Fortbestand des Unternehmens m\u00f6glicherweise gef\u00e4hrdet wird, vermindert werden.<\/p>\n<p>Grafik 1: \u00abUmsatzentwicklung in den letzten f\u00fcnf Jahren vor dem Konkurs\u00bb<\/p>\n<p>Grafik 2: \u00abBetriebsergebnis (Ebitda) und Eigenkapitalanteil im letzten Gesch\u00e4ftsjahr\u00bb<\/p>\n<p>Kasten 1: Bew\u00e4ltigung des Datenproblems<\/p>\n<p>Wirtschaftliche Studien zum Ph\u00e4nomen des Konkurses werden durch ein Datenproblem erschwert, das in diesem Fall durch die Kombination der folgenden drei Quellen zu einem gewissen Teil \u00fcberwunden wurde:\u2013 400 Konkursf\u00e4lle, die von Eco\u2019Diagnostic\/Observa (von 1996 bis 2003) zusammengestellt wurden und qualitative Informationen zum Gesch\u00e4ftsgang der Unternehmen in den letzten drei bis vier Jahren vor dem Konkurs enthalten.\u2013 Buchhalterische Kennzahlen \u00fcber mehrere Jahre von rund 40 Unternehmen, die zwischen 1996 und 2005 in Konkurs gegangen sind. Die Daten wurden von der Cr\u00e9dit Suisse in anonymisierter Form zur Verf\u00fcgung gestellt.\u2013 Anonymisierte buchhalterische Daten \u00fcber mehrere Jahre von \u00fcber 100 gesunden Unternehmen. Sie wurden vom Bundesamt f\u00fcr Statistik (BFS) zur Verf\u00fcgung gestellt und beziehen sich auf die Produktion und die Wertsch\u00f6pfung.<\/p>\n<p>Kasten 2: F\u00fcnf plausible Erkl\u00e4rungen f\u00fcr den Konkurs<\/p>\n<p>\u2013 <i>A (Aktion\u00e4re):<\/i> Situationen, in denen der Konkurs mit dem Verhalten des Aktion\u00e4rs des Unternehmens zusammenzuh\u00e4ngen scheint. Diesbez\u00fcglich sind zwei Extremf\u00e4lle denkbar: Der Aktion\u00e4r begleicht seine Schulden (seine Rechnungen) nicht und treibt so das Unternehmen \u2013 d.h. die Tochtergesellschaft, wenn es sich um ein Unternehmen im Eigentum der Muttergesellschaft handelt \u2013 in den Konkurs; oder der Aktion\u00e4r zieht liquide Mittel aus der Tochtergesellschaft ab und baut damit ihr Eigenkapital ab. Dieses Vorgehen scheint in 9 von 39 F\u00e4llen der Ausl\u00f6ser des Konkurses gewesen zu sein.\u2013 <i>D (Dominoeffekt):<\/i> Situationen, in denen das Unternehmen Verluste erzielte, weil seine Kunden ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachgekommen waren. Die Stichprobe umfasst 4 F\u00e4lle dieser Art.\u2013 <i>E (exploitation, Betrieb):<\/i> Klassische Situationen, die \u00abnaturgem\u00e4ss\u00bb zum Konkurs f\u00fchren. In diesen F\u00e4llen weisen die verf\u00fcgbaren Informationen auf einen Umsatzeinbruch oder einen starken R\u00fcckgang der Rentabilit\u00e4t hin, was mit den \u00fcblichen Konsequenzen solcher Entwicklungen f\u00fcr die Bilanzstruktur verbunden war. Bei 11 der 39 untersuchten F\u00e4lle ging es anscheinend um betriebliche Probleme.\u2013 <i>HE (hors exploitation, ausserbetrieblich):<\/i> Situationen, in denen die Bilanz verd\u00e4chtige Finanzbewegungen enth\u00e4lt, die auf ausserbetriebliche Aktivit\u00e4ten oder Ereignisse hinweisen. Was die Stichprobe anbelangt, sind zwei Arten entsprechender Finanzbewegungen erkennbar: Wertverluste auf Immobilien, die vom Unternehmen nicht betrieblich genutzt wurden, und Verluste auf Finanzinvestitionen. Diese Art von Situation wurde in zehn F\u00e4llen verzeichnet.\u2013 <i>I (inexplicable, unerkl\u00e4rliche Vorg\u00e4nge):<\/i> Wie der Begriff andeutet, handelt es sich um F\u00e4lle von Unternehmen, bei denen die Experten im Rahmen der Pr\u00fcfung der entsprechenden buchhalterischen Kennzahlen keine plausible Erkl\u00e4rung f\u00fcr den Konkurs fanden. Diese Situation wurde in 8 F\u00e4llen festgestellt.<\/p>\n<p>Kasten 3: Vergleichende Analyse zwischen gesunden und konkursiten Unternehmen<\/p>\n<p>Aus der Analyse der 110 gesunden Unternehmen, deren Daten vom BFS zur Verf\u00fcgung gestellt worden waren, und ihrem Vergleich mit den 39 von der CS vorgelegten F\u00e4llen resultierten zwei zus\u00e4tzliche Erkenntnisse: Zum einen sind bei den sogenannt gesunden Unternehmen h\u00e4ufig buchhalterische Anzeichen f\u00fcr eine Gef\u00e4hrdung des betreffenden Unternehmens zu verzeichnen. Zum anderen ist die Auslegung dieser Kriterien mit Problemen verbunden. Ihre Bedeutung scheint von der Gr\u00f6sse des Unternehmens abzuh\u00e4ngen: Bei den grossen Unternehmen deuten diese Anzeichen auf ein grosses Wachstumspotenzial hin, w\u00e4hrend sie bei den kleinsten Unternehmen die weniger leistungsf\u00e4higen Unternehmen kennzeichnen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Konkurs ist die dramatischste, aber nicht die einzige Form des Scheiterns eines Unternehmens. Mit jedem Konkursfall sind Begleiterscheinungen verbunden: Zum einen werden finanzielle Verpflichtungen nicht eingehalten, was f\u00fcr Dritte einen Verlust zur Folge hat; zum anderen wird ein Knotenpunkt wirtschaftlicher T\u00e4tigkeit zerst\u00f6rt, was zahlreiche soziale und psychologische Konsequenzen hat. 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