{"id":121643,"date":"2010-03-01T12:00:00","date_gmt":"2010-03-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2010\/03\/becker-6\/"},"modified":"2023-08-23T23:34:42","modified_gmt":"2023-08-23T21:34:42","slug":"becker-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2010\/03\/becker-5\/","title":{"rendered":"Der Landesindex der Konsumentenpreise von 1914 bis heute"},"content":{"rendered":"<p>Der Landesindex der Konsumentenpreise (LIK) ist eines der meistbeachteten statistischen Produkte: Der LIK ist in der breiten \u00d6ffentlichkeit ebenso gefragt wie in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Seit 1922 erstellt und auf 1914 zur\u00fcckgerechnet, zeichnet der LIK die Preisentwicklung im Zeitverlauf nach und liefert damit eine wirtschaftspolitische Schl\u00fcsselinformation. Nicht nur die Preise sind ver\u00e4nderlich, sondern auch die Grundbausteine des LIK, was die Aufgabe der Preisstatistikerinnen und -statistiker erschwert. Aus diesem Grund wird der Indikator regelm\u00e4ssig revidiert. Im Zentrum steht aber nach wie vor die Messung der Kaufkraftver\u00e4nderung aus der Optik der Konsumentinnen und Konsumenten. <img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/201003_17_Becker_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"247\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn der Preisentwicklung widerspiegeln sich wirtschaftliche, politische und soziale Ereignisse. So bewirkte zum Beispiel die Mangelsituation im Ersten Weltkrieg einen Anstieg des allgemeinen Preisniveaus. Die Nachkriegsrezession (1918\u20131922) f\u00fchrte zu einem allgemeinen Preisr\u00fcckgang, wobei sich insbesondere die landwirtschaftlichen Produkte verbilligten. Der B\u00f6rsencrash von 1929 l\u00e4utete eine Weltwirtschaftskrise ein. W\u00e4hrend der Kriegswirtschaft des Zweiten Weltkriegs zogen die Preise wieder an und stabilisierten sich zwischenzeitlich in der Nachkriegszeit. Danach kamen die Preise nicht mehr vom Wachstumspfad ab. Die Entwicklung der Gewichtung des Warenkorbs, der s\u00e4mtliche von den Haushalten konsumierten Waren und Dienstleistungen abbildet, liefert ebenfalls interessante Informationen \u00fcber die Entwicklung der Konsumgewohnheiten (siehe <i>Grafik 2<\/i>): 1939 entfielen 40% der gesamten Konsumausgaben auf Nahrungsmittel; heute sind es nur noch 11%. Das bei den Nahrungsmitteln eingesparte Geld wird haupts\u00e4chlich f\u00fcr Produkte rund um das Wohlbefinden ausgegeben, denn der Anteil der Ausgaben f\u00fcr Freizeit und Gesundheitspflege ist seit 1939 stark angestiegen. Der LIK ist seit seiner Einf\u00fchrung im Jahr 1922 achtmal angepasst worden. Da Ungenauigkeiten bei der Indexerarbeitung gravierende makro- und mikro\u00f6konomische Konsequenzen haben, wird der Indikator periodisch aktualisiert. Wie bereits geschildert, ver\u00e4ndern sich die Konsumgewohnheiten. Gleichzeitig bieten technologische und wissenschaftliche Weiterentwicklungen vielversprechende M\u00f6glichkeiten, um die Preiserhebung und die Indexberechnung weiter zu verbessern. Vor der Schilderung der laufenden Revision wird im Folgenden zun\u00e4chst die Berechnung des LIK erl\u00e4utert.&#13;<\/p>\n<h2>Was braucht es f\u00fcr die Erstellung des LIK?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDazu braucht es drei Hauptkomponenten: Erstens den <i>Warenkorb<\/i>, der praktisch alle Waren und Dienstleistungen abdeckt, von den Nahrungsmitteln und Getr\u00e4nken \u00fcber Bekleidung, Wohnen, Energie, Hausrat, Gesundheitspflege, Verkehr, Nachrichten\u00fcbermittlung, Unterricht bis hin zu Freizeit und Kultur, Restaurants und Hotels, K\u00f6rperpflege oder Privatversicherungen. Diese Gruppen werden entsprechend den Konsumausgaben der Haushalte gewichtet:&#13;<br \/>\nDie dabei verwendeten Daten stammen aus der j\u00e4hrlichen Haushaltsbudgeterhebung (Habe) des BFS. Siehe <a href=\"http:\/\/www.bfs.admin.ch\">http:\/\/www.bfs.admin.ch<\/a>, \u00abThemen\u00bb, \u00ab20 \u2013 Wirtschaftliche und soziale Situation der Bev\u00f6lkerung\u00bb, \u00abEinkommen, Verbrauch und Verm\u00f6gen\u00bb, \u00abDaten, Indikatoren\u00bb, \u00abHaushaltseinkommen und -ausgaben 2007\u00bb. Je gr\u00f6sser die Ausgaben f\u00fcr eine Gruppe, desto bedeutender ist deren Gewicht. So machen beispielsweise die Ausgaben f\u00fcr Wohnen und Energie mit mehr als 25% den gr\u00f6ssten Anteil aus (siehe <i>Grafik 3<\/i>). Zweitens braucht es die <i>Preise<\/i>. Damit deren Entwicklung berechnet werden kann, m\u00fcssen sie f\u00fcr bestimmte Produkte im Warenkorb erfasst und im Zeitverlauf beobachtet werden. Durchschnittlich werden zirka 60&nbsp;000 Preise in rund 2200 Verkaufsstellen monatlich erhoben und \u00fcberpr\u00fcft. Die Qualit\u00e4t der Preiserhebungen ist entscheidend, denn sie bilden das Fundament des LIK. Die Produkte, deren Preise erhoben werden, m\u00fcssen repr\u00e4sentativ f\u00fcr die Konsumgewohnheiten der Haushalte sein und im Zeitverlauf so stabil wie m\u00f6glich bleiben. In gewissen F\u00e4llen schliessen sich Repr\u00e4sentativit\u00e4t und Stabilit\u00e4t jedoch aus. Ein bestimmtes Computermodell bleibt nie sehr lange auf dem Markt; auch Kleider unterliegen den Modestr\u00f6mungen und wechseln von Jahreszeit zu Jahreszeit. Es gilt somit, Techniken zu entwickeln, mit denen zwei unterschiedliche Produkte verglichen sowie Preis- von Qualit\u00e4tseffekten getrennt werden k\u00f6nnen. Die dritte Hauptkomponente ist die <i>Berechnungsformel<\/i>, anhand derer sich die Preisver\u00e4nderungen der ca. 60&nbsp;000 Preise im Warenkorb aggregieren lassen. Zurzeit kommen ein geometrisches und auf aggregiertem Niveau ein gewichtetes arithmetisches Mittel zum Einsatz (nach dem Konzept von Laspeyres). Diese beiden Berechnungsmethoden sind in der Preisstatistik verbreitet, auch im benachbarten Ausland. Die Preisstatistikerinnen und -statistiker forschen intensiv nach M\u00f6glichkeiten zur Verbesserung der Genauigkeit des LIK. Anl\u00e4sslich der Revision 2000 wurde ein Grossteil der Preiserhebung professionalisiert und an ein privates Erhebungsinstitut ausgelagert. Warenkorb-Nomenklatur und Berechnungsformeln wurden mit den Nachbarl\u00e4ndern harmonisiert, und neue Produkte fanden Aufnahme im Warenkorb, wie zum Beispiel Geb\u00fchren, Finanzdienstleistungen, Gebrauchtwagen und Privatversicherungen. Im Jahr 2005 wurde die Erhebungsperiode f\u00fcr Erd\u00f6lprodukte (Heiz\u00f6l und Treibstoffe) verl\u00e4ngert, neue Erhebungstechniken wurden in Betracht gezogen, und die Beobachtung der Preisentwicklung f\u00fcr mehrere Waren und Dienstleistungen wurde deutlich verbessert (Medikamente, medizinische Leistungen, Telekommunikation und \u00f6ffentliche Dienstleistungen). 2008 wurde f\u00fcr einen Grossteil der Produkte im Warenkorb ein monatlicher Erhebungsrhythmus eingef\u00fchrt, und die Produkte eines Grossverteilers wurden erstmals via Scannerdaten erhoben (siehe Kasten 1). Mitte desselben Jahres startete die 9. LIK-Revision, die wiederum bedeutende Verbesserungen bringen wird.&#13;<\/p>\n<h2>Schwerpunkte der laufenden Revision<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Revision 2010 des LIK besch\u00e4ftigt sich mit heiklen und komplexen Themen. Dazu z\u00e4hlen: \u2013 <i>Mietpreisindex:<\/i> Verbesserung der Stichprobengrundlage und Logistik, wahrscheinlich Verdoppelung der Stichprobengr\u00f6sse (von 5000 auf 10&nbsp;000 Wohnungen), Entwicklung eines hedonischen Modells zur besseren Unterscheidung von Qualit\u00e4tsdifferenzen zwischen Wohnungen;\u2013 <i>Qualit\u00e4tsanpassungen:<\/i> Einf\u00fchrung einer neuen Qualit\u00e4tsanpassungsmethode f\u00fcr Bekleidung und technologische Produkte, Entwicklung eines hedonischen Modells zur Angleichung der Qualit\u00e4t von Computern;\u2013 <i>Erhebungstechniken:<\/i> Wahrscheinlich Verzicht auf Papierformulare zugunsten von Handhelds f\u00fcr die Preiserhebung und dadurch verbesserte M\u00f6glichkeiten zur Datenqualit\u00e4tskontrolle;\u2013 <i>Privatversicherungen:<\/i> Pr\u00fcfung der M\u00f6glichkeit, Netto- anstatt Bruttopr\u00e4mien zu erheben und neben den Pr\u00e4mien der neuen Vertr\u00e4ge zus\u00e4tzlich auch jene der bestehenden Vertr\u00e4ge zu integrieren, Aktualisierung der Leistungspakete. Angesichts seiner Komplexit\u00e4t l\u00e4sst sich der LIK im Rahmen dieses Artikels nicht eingehend erkl\u00e4ren. Es sei jedoch darauf verwiesen, dass die internationalen Organisationen ihre Kr\u00e4fte vereint und ein \u00fcber 500-seitiges Handbuch erstellt haben, das eine \u00dcbersicht \u00fcber die bestehenden Methoden und Techniken zur Erstellung von Verbraucherpreisindizes bietet.&#13;<br \/>\nVgl. <a href=\"http:\/\/www.oit.org\/public\/english\/bureau\/stat\/download\/cpi\/order.pdf\">http:\/\/www.oit.org\/public\/english\/bureau\/stat\/download\/cpi\/order.pdf<\/a>. Auch das BFS baut sein diesbez\u00fcgliches Internetangebot seit mehreren Jahren deutlich aus, so dass Interessierte dort eine Vielzahl von Informationen zu diesem Indikator finden.&#13;<br \/>\nVgl. <a href=\"http:\/\/www.LIK.bfs.admin.ch\">http:\/\/www.LIK.bfs.admin.ch<\/a>. Die Revision 2010 des LIK ist zurzeit im Gang; das Detailkonzept dazu ist auf Anfrage erh\u00e4ltlich.&#13;<br \/>\nE-Mail: lik2010@<a href=\"http:\/\/bfs.admin.ch\">http:\/\/bfs.admin.ch<\/a>.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1: \u00abLandesindex der Konsumentenpreise, 1914\u20132009\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2: \u00abEntwicklung des Warenkorbs, 1939\u20132000\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 3: \u00abGrobstruktur Warenkorb und Gewichtung, 2010\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Verwendung von Scannerdaten f\u00fcr die PreiserhebungScannerdaten werden beim Einlesen der Produkt-Strichcodes an den Kassen der Grossverteiler erzeugt. Sie werden seit Juli 2008 f\u00fcr den LIK verwendet. Solche Daten bringen viel pr\u00e4zisere Ergebnisse als eine Preiserhebung \u00abvor Ort\u00bb. Der Grund daf\u00fcr ist die grosse zeitliche und geografische Abdeckung der so erfassten Preise. Die damit einhergehenden Umsatzinformationen erlauben dar\u00fcber hinaus die Auswahl der f\u00fcr die Preiserhebung repr\u00e4sentativsten Artikel. Und nicht zuletzt werden die Datenlieferanten von statistischen Aufgaben rund um die Lieferung von Verbraucherpreisen entlastet. Das Bundesamt f\u00fcr Statistik (BFS) geh\u00f6rt zu den Pionieren unter den statistischen \u00c4mtern bei der Verwendung von Scannerdaten zur Berechnung des Verbraucherpreisindexes (LIK). Diese Modernisierung der Preiserhebung ist nicht zuletzt dank der engen Zusammenarbeit mit den Grossverteilern m\u00f6glich. Die Verwendung von Scannerdaten zur Berechnung des LIK erfolgt in Etappen. Sie begann im Juli 2008 mit der Integration der Daten eines ersten Grossverteilers f\u00fcr die Warengruppen Nahrungsmittel, Wasch- und Putzmittel sowie Kosmetika. In den n\u00e4chsten Jahren soll die Verwendung von Scannerdaten schrittweise auf andere Grossverteiler und Warengruppen ausgedehnt werden.&#13;<br \/>\nVgl. B\u00f6sch, R., M\u00fcller, R., Paolino, M.: Preiserhebungen mit Scannerdaten f\u00fcr den Landesindex der Konsumentenpreise: Erste Teileins\u00e4tze. In: Die Volkswirtschaft 1\/2-2009, S 47 ff.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Landesindex der Konsumentenpreise (LIK) ist eines der meistbeachteten statistischen Produkte: Der LIK ist in der breiten \u00d6ffentlichkeit ebenso gefragt wie in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Seit 1922 erstellt und auf 1914 zur\u00fcckgerechnet, zeichnet der LIK die Preisentwicklung im Zeitverlauf nach und liefert damit eine wirtschaftspolitische Schl\u00fcsselinformation. 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