{"id":121723,"date":"2010-01-01T12:00:00","date_gmt":"2010-01-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2010\/01\/hauser-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:35:03","modified_gmt":"2023-08-23T21:35:03","slug":"hauser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2010\/01\/hauser\/","title":{"rendered":"90 Jahre Schweizer Aussenwirtschaftspolitik"},"content":{"rendered":"<p>Die schweizerische Aussenwirtschaftspolitik der letzten 90 Jahre war starken Ver\u00e4nderungen unterworfen, die von internationalen handelspolitischen Rahmenbedingungen hervorgerufen wurden, aber auch innenpolitisch bestimmt waren. Nach der Phase des Protektionismus in der Zwischenkriegszeit folgte in den 1950er-Jahren mit dem Gatt&#13;<br \/>\nGeneral Agreement on Tariffs and Trade, heute WTO. der Aufbau eines multilateralen Welthandelssystems, dem sich die Schweiz \u2013 nach anf\u00e4nglichem Z\u00f6gern \u2013 in den 1960er-Jahren ebenfalls zuwandte. Eine Konstante der schweizerischen Aussenhandelspolitik kann im Bem\u00fchen gesehen werden, wirtschaftliche Integration ohne politische Einbindung zu erreichen. <img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/201001_09_Hauser_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"247\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEine pers\u00f6nliche Stellungnahme zu Beginn: Ich war \u00fcberrascht zu sehen, wie anders die Welt der schweizerischen Aussenwirtschaftspolitik bis in die 1950er-Jahre war und wie wenig ich davon wusste. Eine grosse Zahl bilateraler Handels- und Zahlungsvertr\u00e4ge von meist recht kurzer Laufzeit setzten den Rahmen. Mengenm\u00e4ssige Einfuhr- und Ausfuhrkontrollen sorgten ab den 1930er-Jahren f\u00fcr den bilateralen Zahlungsausgleich im Rahmen von Clearingsystemen. Die Schweiz blieb nach dem Zweiten Weltkrieg den Bretton-Woods-Institutionen fern, und ein Beitritt zum Gatt war bis in die 1950er-Jahre kein Thema.Im Folgenden wird zuerst ein chronologischer \u00dcberblick der schweizerischen Handelspolitik vor dem Hintergrund der sich ver\u00e4ndernden internationalen Rahmenbedingungen gegeben. Anschliessend verdeutlichen einige Zahlen die Entwicklung der letzten 90 Jahre. Ein paar allgemeine Lehren aus den aufgezeigten Zusammenh\u00e4ngen schliessen den Beitrag ab.&#13;<\/p>\n<h2>Der schwierige Weg zum Multilateralismus<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie zweite H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts wird h\u00e4ufig als liberales Zeitalter beschrieben, das sich deutlich von jenem nach dem Ersten Weltkrieg abhebt. Dies ist nur teilweise richtig. Korrekt ist, dass der Goldstandard einen freien Zahlungsverkehr \u2013 und damit den multilateralen Ausgleich \u2013 erm\u00f6glichte. Ebenso hat sich das in den 1860er-Jahren mit dem Cobden-Vertrag zwischen England und Frankreich erstmalig vereinbarte Meistbeg\u00fcnstigungsprinzip zunehmend zum Standard bilateraler Handelsvertr\u00e4ge entwickelt und damit bilateral vereinbarte Konzessionen multilateralisiert. Wenig beachtet wird, dass die Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzende Politik des Zollabbaus schon in den 1870er-Jahren umgeschlagen hat, als Reaktion auf die schwere Rezession. Schutzz\u00f6lle und so genannte Kampfz\u00f6lle (Zollerh\u00f6hungen, um damit Verhandlungsmasse f\u00fcr zuk\u00fcnftige Zollsenkungsverhandlungen zu schaffen) waren also bereits vor dem Ersten Weltkrieg g\u00e4ngige Handelspolitiken, denen sich auch die Schweiz als traditionell stark freih\u00e4ndlerisch eingestellte Nation nicht vollst\u00e4ndig entziehen konnte. So enthielt beispielsweise die Zolltarifrevision von 1902, wenn auch auf tieferem Niveau als bei den meisten europ\u00e4ischen Handelspartnern, protektionistische Z\u00fcge.&#13;<\/p>\n<h2>1920\u20131945: Zerfall des multilateralen Welthandelssystems<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nNach dem Ersten Weltkrieg zerfiel das multilaterale Welthandelssystem zusehends \u2013 und zwar aus zwei Gr\u00fcnden: Steigende Zolls\u00e4tze beeintr\u00e4chtigten den internationalen Handel, und in den 1930er-Jahren kam es zum Versagen des multilateralen Zahlungssystems. Zu den <i>Z\u00f6llen<\/i>: Die Zolltarifrevision der Schweiz von 1921 sollte einerseits die Gewichtsz\u00f6lle an die seit 1902 aufgelaufene Geldentwertung anpassen; anderseits enthielt sie erstmals Schutzz\u00f6lle f\u00fcr die Landwirtschaft. Diese Revision kann als Ausgangspunkt einer zunehmend protektionistischen Landwirtschaftspolitik gewertet werden. Aber auch die allgemeine Anpassung hatte \u2013 vermutlich ungewollt \u2013 stark protektionistische Wirkungen. Der nach der Revision einsetzende R\u00fcckgang der Weltmarktpreise verlieh dem Gewichtszoll eine Schutzwirkung, die weit \u00fcber das bisherige Niveau hinausging. So stieg die durchschnittliche Zollbelastung der schweizerischen Importe sehr rasch auf 8%\u201310% (gegen\u00fcber 4,5% vor dem Ersten Weltkrieg); 1935 betrug sie mehr als 20% und auch 1938 noch immer 17%, also etwa das Vierfache der Vorkriegsjahre.&#13;<br \/>\nVgl. Bosshardt und Nydegger, S. 314. Damit blieb die Schweiz allerdings immer noch hinter den Zollmauern anderer Staaten zur\u00fcck. Bekannt (und ber\u00fcchtigt) ist der Smoot-Hawley Act der USA von 1931, mit dem die Z\u00f6lle zum Teil massiv erh\u00f6ht wurden und der von anderen L\u00e4ndern zum Anlass f\u00fcr analoge Zollerh\u00f6hungen genommen wurde. Die Zollpolitik war allerdings nur die eine \u2013 gewissermassen \u00e4ussere \u2013 Mauer der protektionistischen Abschottung. Mindestens so gravierend erwies sich das <i>Versagen des internationalen Zahlungssystems<\/i>. Bereits in den 1920er-Jahren hatte der damalige Reichsbankpr\u00e4sident Hjalmar Schacht Devisenkontrollen f\u00fcr deutsche Importe eingef\u00fchrt. Nach dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise folgte ab 1931 eine grosse Zahl von Zahlungsabkommen, die auf dem bilateralen Clearing beruhten. Sofern nicht Kreditmechanismen oder (begrenzt) multilaterale Kompensationsm\u00f6glichkeiten bestanden, setzte dieses System voraus, dass die Importe und Exporte zwischen jedem L\u00e4nderpaar ausgeglichen sein mussten. Dies konnte nur mit weitreichenden Eingriffen in die Aussenhandelstransaktionen gesichert werden. Zuerst nahm man diese Situation als Problem unzureichender Zahlungsf\u00e4higkeit der Verliererstaaten aus dem Ersten Weltkrieg wahr. Im Nachhinein l\u00e4sst sich der Zerfall der multilateralen Welthandelsordnung aber mindestens so sehr dem Festhalten an einer falschen W\u00e4hrungsordnung zuschreiben. Nach dem Ersten Weltkrieg wollte man den Goldstandard mit voller W\u00e4hrungskonvertibilit\u00e4t wieder einf\u00fchren, ohne aber die Disziplin der automatischen Geldmengenvariation f\u00fcr Defizit- und \u00dcberschussl\u00e4nder zu akzeptieren. Da Wechselkurs sowie interne Preis- und Lohnentwicklungen als Anpassungsmechanismen ausfielen, war es nicht zu vermeiden, dass sich aussenwirtschaftliche Ungleichgewichte entwickelten, denen man nur mit mengenm\u00e4ssigen Eingriffen in die internationalen Zahlungs- und damit Handelsstr\u00f6me begegnen konnte. Die direkte Lenkung der Aussenhandelstransaktionen versch\u00e4rfte sich in den Kriegsjahren, w\u00e4hrend der Aussenhandel zu einem zentralen Element der \u00dcberlebensstrategie wurde.&#13;<br \/>\nDa diese Zeitspanne in den Berichten der Unabh\u00e4ngigen Expertenkommission Schweiz \u2013 Zweiter Weltkrieg ausgiebig dokumentiert ist, m\u00f6chte ich hier nicht weiter darauf eintreten (vgl. die Grundlagenstudie Meier, Frech, Gees und Kropf oder Kapitel 4 des Schlussberichts der Unabh\u00e4ngigen Expertenkommission Schweiz \u2013 Zweiter Weltkrieg).&#13;<\/p>\n<h2>1945\u20131955: Aufbau des internationalen Zahlungssystems<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie bilateralen Handels- und Zahlungsvertr\u00e4ge blieben bis in die Mitte der 1950er-Jahre ein zentrales Element der schweizerischen Aussenwirtschaftspolitik. Unter der F\u00fchrung der USA und unterst\u00fctzt durch die Marshall-Plan-Hilfe sollte der Wiederaufbau in Europa zu einer multilateralen Weltwirtschaftsordnung f\u00fchren. Zu diesem Zwecke wurden 1948 die Europ\u00e4ische Organisation f\u00fcr Wirtschaftliche Zusammenarbeit (OEEC, Vorl\u00e4uferin der heutigen OECD) und in deren Schoss 1950 die Europ\u00e4ische Zahlungsunion (EZU) geschaffen, die einen Prozess der fortschreitenden Liberalisierung anstossen und begleiten sollten. Dieser Prozess erwies sich als recht schwierig, und die volle Konvertibilit\u00e4t f\u00fcr laufende Transaktionen konnte erst 1958 durch alle OEEC-Mitglieder eingef\u00fchrt werden. Solange diese nicht gegeben war, mussten Institutionen des gebundenen Zahlungsverkehrs mit entsprechenden Eingriffen in die Handelsstr\u00f6me beibehalten werden. Die schweizerische Aussenhandelspolitik blieb in dieser Phase stark bilateral ausgerichtet.&#13;<\/p>\n<h2>1955\u20131965: Neuausrichtung der schweizerischen Aussenwirtschaftspolitik<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nMitte der 1950er-Jahre ist eine Neuausrichtung der schweizerischen Aussenwirtschaftspolitik erkennbar, die teilweise von \u00e4usseren Entwicklungen aufgedr\u00e4ngt, zum Teil aber Resultat einer politischen Neuausrichtung war, die sich auch personell verfolgen l\u00e4sst. 1934\u20131954 hatte Jean Hotz als Direktor der Handelsabteilung die bilaterale Politik entscheidend gepr\u00e4gt. Nach seinem R\u00fccktritt \u00fcbernahm Hans Schaffner die Handelsabteilung; 1961 folgte dessen Wahl in den Bundesrat. Hans Schaffner hat in beiden Funktionen den multilateralen Weg auf mehreren Ebenen eingeleitet und fortgef\u00fchrt. In Europa musste die Schweiz auf die Gr\u00fcndung der Europ\u00e4ischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) reagieren. Nachdem ein Beitritt zur EWG aus politischen Gr\u00fcnden nicht in Frage kam, forcierte Hans Schaffner die Gr\u00fcndung einer \u00abgrossen\u00bb Freihandelszone, der neben der EWG alle anderen europ\u00e4ischen L\u00e4nder angeh\u00f6ren sollten. Als diese Pl\u00e4ne am Veto Frankreichs scheiterten, war er wiederum treibende Kraft f\u00fcr die Schaffung der \u00abkleinen\u00bb Freihandelszone, der Europ\u00e4ischen Freihandelsassoziation (Efta). In die Zeit Hans Schaffners f\u00e4llt auch die Ann\u00e4herung der Schweiz an das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (Gatt). Wie bereits eingangs erw\u00e4hnt, war die schweizerische Position anf\u00e4nglich sehr zur\u00fcckhaltend, da man bef\u00fcrchtete, dass die Zahlungsbilanzklausel der Schweiz einseitige Verpflichtungen auferlegen k\u00f6nnte. Mit der im Rahmen der OEEC erreichten Konvertibilit\u00e4t der meisten europ\u00e4ischen W\u00e4hrungen verlor dieses Argument an Gewicht. Gleichzeitig musste man feststellen, dass die in den bilateralen Handelsvertr\u00e4gen enthaltene Meistbeg\u00fcnstigungsklausel nicht ausreichte, um aus den Gatt-Zollsenkungsrunden der anderen L\u00e4nder den vollen Nutzen ziehen zu k\u00f6nnen. Die im Gatt gebundenen Zolls\u00e4tze galten zwar aufgrund der Meistbeg\u00fcnstigung auch f\u00fcr Importe aus der Schweiz; es fehlte aber der Verhandlungsrahmen f\u00fcr die Einbringung spezifisch schweizerischer Interessen. Als Beispiel wurde in Kommentaren auf die schweizerischen Uhrenexporte in die USA hingewiesen. Daf\u00fcr zeigte sich in der schweizerischen Landwirtschaftspolitik eine neue Schwierigkeit. Neuseeland und Australien stellten sich gegen eine Aufnahme der Schweiz ohne weitreichende Konzessionen im Agrarbereich. 1958 einigten sich die Gatt-Mitglieder auf einen provisorischen Beitritt der Schweiz (ohne Stimmrecht, aber mit voller Teilnahme an den Gatt-Arbeiten) und 1966 erfolgte die definitive Aufnahme mit einer Reihe von Sonderbestimmungen zur schweizerischen Agrarpolitik. In beiden Phasen war Hans Schaffner zentraler Verhandlungspartner auf schweizerischer Seite.&#13;<\/p>\n<h2>Ab 1980: Von der Aussenhandels- zur Standortpolitik<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Internationalisierung der Wirtschaft, die sich vor allem seit den 1980er-Jahren beschleunigt hat, f\u00fchrt dazu, dass zur Aussenwirtschaftspolitik in weitaus gr\u00f6sserem Masse auch die Bereitstellung g\u00fcnstiger Investitionsbedingungen geh\u00f6rt. Nach aussen geht es um die St\u00e4rkung schweizerischer Direktinvestitionen. Neben direkter politischer Unterst\u00fctzung ist hier vor allem das dichte Netz von Doppelbesteuerungs- und Investitionsschutzabkommen von grosser Bedeutung. Aber auch ausl\u00e4ndische Direktinvestitionen in der Schweiz sind ein wichtiger Pfeiler unseres Wachstums. Unternehmen k\u00f6nnen heute ihre betrieblichen Funktionen relativ flexibel verteilen. F\u00fcr die Schweiz ist entscheidend, dass sie attraktiver Standort f\u00fcr einkommensstarke Aktivit\u00e4ten wird. Und hier sind Erfolge durchaus zu verzeichnen: Sehr viele internationale Unternehmen nehmen Konzernaufgaben aus dem Standort Schweiz wahr, was hoch bezahlte Arbeitspl\u00e4tze und Steuereinnahmen schafft. In diesem Sinne ist Aussenwirtschaftspolitik zunehmend auch Standortpolitik in einem vermehrt international integrierten Wirtschaftsraum. Diese Standortpolitik umfasst neben der Sicherung aussenwirtschaftlicher Transaktionen auch Steuerpolitik, Ausbildung, Kultur und Verkehr \u2013 kurz, alles was eine Niederlassung f\u00fcr Firmen und F\u00fchrungspersonen attraktiv macht.&#13;<\/p>\n<h2>Einige Zahlen zur aussenwirtschaftlichen Verflechtung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie vorangehenden Abschnitte haben die Entwicklung der schweizerischen Aussenwirtschaft vor allem aus den internationalen politischen Herausforderungen und deren vertraglicher Einbettung skizziert. Im Folgenden wird auf einige grosse Entwicklungslinien in den vergangenen 90 Jahren hingewiesen. Tabellen und Grafiken sollen den faktischen Hintergrund erg\u00e4nzen, wobei leider konsistente Zahlenreihen \u00fcber den ganzen Zeitraum fehlen.&#13;<br \/>\nF\u00fcr die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Datenlage gut. Sch\u00e4tzungen f\u00fcr fr\u00fchere Jahre beruhen auf unterschiedlichen Quellen und lassen sich nur hinsichtlich der Gr\u00f6ssenordnungen vergleichen.&#13;<\/p>\n<h2>Gute Verfassung der Ertragsbilanz der Schweiz<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Handelsbilanz wies traditionell ein Defizit aus, das durch \u00dcbersch\u00fcsse aus Dienstleistungstransaktionen und Kapitaleinkommen ausgeglichen wurde und per saldo zu einem \u00dcberschuss der Ertragsbilanz f\u00fchrte (vgl. <i>Tabelle 1<\/i>). Diese \u00fcber die gesamte Periode gesunde Verfassung der Ertragsbilanz hob sich positiv von den Erfahrungen der meisten anderen europ\u00e4ischen L\u00e4nder ab und war \u2013 zusammen mit einer auf Geldwertstabilit\u00e4t ausgerichteten Geldpolitik \u2013 ein Hauptgrund f\u00fcr die besondere Stellung der Schweiz im europ\u00e4ischen Handelssystem w\u00e4hrend der 1930er- bis 1950er-Jahre.&#13;<\/p>\n<h2>Schwankende Aussenhandelsintensit\u00e4t<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Aussenhandelsintensit\u00e4t ist in Tabelle 1 erst f\u00fcr die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg abgetragen. Die Zahlen widerspiegeln die stark wachsende Bedeutung der Exporte w\u00e4hrend der letzten Jahrzehnte. Der Anteil der G\u00fcterexporte am Bruttoinlandprodukt (BIP) hat sich von 1960 bis heute von 20% auf 40% verdoppelt. H\u00e4ufig vergisst man allerdings, dass die internationale Verflechtung bereits vor dem Ersten Weltkrieg sehr hoch gewesen ist. Gem\u00e4ss <i>Bosshardt\/Nydegger<\/i> machten die Ausfuhren zu Beginn des 20. Jahrhunderts rund einen Drittel des BIP aus. Der Erste Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise liessen diesen Anteil auf 15% im Durchschnitt der Jahre 1937\/38 fallen. Auch wenn die beiden Zahlenreihen nur beschr\u00e4nkt vergleichbar sind, hat die Schweiz in BIP-Prozenten gemessen erst in den 1990er-Jahren wieder die Werte aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg erreicht.&#13;<\/p>\n<h2>Verschiebungen in der Branchenstruktur der Exporte<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nBetrachtet man die Branchenstruktur der Exporte (vgl. <i>Grafik 1<\/i>), so fallen einige markante Verschiebungen auf. Die Textilindustrie als fr\u00fcher dominierende Branche hat weitgehend an Bedeutung verloren. Aus heutiger Sicht bemerkenswert ist der ausserordentlich hohe Anteil, den die Textilindustrie bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts einnahm. Nach Sch\u00e4tzungen von <i>Bosshardt\/Nydegger<\/i> machten diese in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts deutlich \u00fcber 50% aller Exporte aus. Gem\u00e4ss den neueren Daten betrug der Anteil der Textilbranche Mitte der 1920er-Jahre immer noch 40% der gesamten Ausfuhren. Die Weltwirtschaftskrise brachte dann aber einen eigentlichen Zusammenbruch, von dem sich die Branche auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr erholen konnte. Dazu mag \u2013 neben dem Aufkommen neuer Anbieter \u2013 auch beigetragen haben, dass die hochwertigen Textilien in den Jahren des gebundenen Zahlungsverkehrs als \u00abnon-essentiels\u00bb nur geringe Priorit\u00e4t erhielten. Auch die Entwicklung der schweizerischen Maschinenindustrie ist eindr\u00fccklich: Einem ausserordentlich starken Anstieg in den 1950er- und 1960er-Jahren folgte ein Anteilsverlust, der sich im letzten Jahrzehnt beschleunigte. Bemerkenswert ist auf der anderen Seite der Anteilsgewinn der chemischen und pharmazeutischen Industrie seit Anfang der 1990er-Jahre.&#13;<\/p>\n<h2>Regionale Verteilung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie regionale Verteilung der Exporte (vgl. <i>Grafik 2<\/i>) zeigt \u2013 gemessen an den grossen weltwirtschaftlichen Verschiebungen \u2013 eine erstaunliche Konstanz. Einzige Ausnahme sind die deutlich sichtbaren Spuren des Zweiten Weltkriegs im Vergleich der Zahlen 1930, 1940 und 1950. In der \u00f6ffentlichen Diskussion wird h\u00e4ufig der Eindruck eines starken Anteilsgewinns der aussereurop\u00e4ischen Staaten geweckt, was sich in den Zahlen aber kaum findet.&#13;<\/p>\n<h2>Ausl\u00e4ndische Direktinvestitionen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIm vorangehenden Abschnitt wurde darauf hingewiesen, dass ab 1980 die internationale Verflechtung der Wirtschaft stark zugenommen hat. Dies zeigt sich auch in der Entwicklung der ausl\u00e4ndischen Direktinvestitionen (vgl. <i>Grafik 3<\/i>). Ab 1985 werden detaillierte Zahlen von der Schweizerischen Nationalbank (SNB) erhoben. F\u00fcr die gesamten Fl\u00fcsse sind Zahlen bis 1965 verf\u00fcgbar; diese sind aber nur bis 1980 abgebildet, da die Investitionsfl\u00fcsse w\u00e4hrend der ganzen Periode konstant im Bereich 2 bis 4 Mrd. Franken lagen und keine besonderen Bewegungen aufwiesen. Die Grafik zeigt, dass einerseits \u00fcber die letzten Jahrzehnte die Fl\u00fcsse stark steigen und dass andererseits diese konjunkturbedingt stark schwanken. Auch hier ist die regionale Struktur erstaunlich stabil. Rund zwei Drittel der Direktinvestitionsbest\u00e4nde liegen nach wie vor in Europa und Nordamerika.&#13;<\/p>\n<h2>Allgemeine Schlussfolgerungen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nSeit den 1960er-Jahren ist der multilaterale Rahmen fest verankert. Die Gefahr eines R\u00fcckfalls in den gebundenen Zahlungsverkehr und den damit verbundenen strengen Bilateralismus besteht nicht. Trotzdem sind auch innerhalb dieses Rahmens zentrale Herausforderungen f\u00fcr die schweizerische Aussenwirtschaftspolitik auszumachen. Ohne auf Details einzugehen, sei auf die Europafrage, die stark steigende Tendenz zu bilateralen Pr\u00e4ferenzabkommen und die wachsende Bedeutung des asiatischen Raums f\u00fcr den schweizerischen Aussenhandel hingewiesen. Die Schweiz hat hier mit dem letztj\u00e4hrigen Abschluss eines Freihandelsabkommens mit Japan \u2013 noch vor der EU \u2013 einen beachtlichen Erfolg erzielt.&#13;<\/p>\n<h2>Zwei Konstanten der schweizerischen Aussenwirtschaftspolitik<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Entwicklungen des 20. Jahrhunderts zeigen besonders deutlich den <i>engen Zusammenhang zwischen der internationalen W\u00e4hrungs- und Handelsordnung<\/i>. Freier Zahlungsverkehr ist eine zentrale Voraussetzung f\u00fcr eine multilaterale Weltwirtschaftsordnung. Die Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre wurde nicht nur durch die Schutzz\u00f6lle, sondern ebenso durch die mengenm\u00e4ssigen Export- und Importkontrollen, die zur Sicherung der Zahlungsbilanzsituation eingef\u00fchrt wurden, massiv verst\u00e4rkt. Der Zusammenhang wird auch in der Aufbauphase nach dem Zweiten Weltkrieg deutlich. Die mit den bilateralen Clearingverfahren verbundenen Mengenkontrollen konnten erst Mitte der 1950er-Jahre deutlich gelockert werden, als die Zahlungsbilanzsituation der OEEC-Mitglieder den freien Zahlungsverkehr f\u00fcr laufende Transaktionen wieder zuliess. Diese Lehre darf auch f\u00fcr die Zukunft nicht vergessen werden: Freier Zahlungsverkehr ist f\u00fcr die Sicherung einer offenen Weltwirtschaftsordnung wichtiger als Stabilit\u00e4t der Wechselkurse. Dies gilt auch f\u00fcr die Integration von Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4ndern in die Weltwirtschaft. Die zweite Konstante der schweizerischen Aussenhandelspolitik zeigt sich im Bem\u00fchen gegen\u00fcber Europa, <i>wirtschaftliche Integration ohne politische Einbindung<\/i> zu erreichen. Dies pr\u00e4gte die Politik der 1920er- und 1930er-Jahre, war zentrales Spannungsfeld w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs und kann auch als kennzeichnendes Merkmal der schweizerischen Handelspolitik seit den 1950er-Jahren bezeichnet werden. Das erfolglos angestrebte Ziel einer grossen Freihandelszone als Antwort auf die Gr\u00fcndung der EWG, die Gr\u00fcndung der Efta nach dem Veto Frankreichs zur grossen Freihandelszone, das bilaterale Freihandelsabkommen von 1972, die Verhandlungen zum EWR und die nach der negativen Volksabstimmung eingeschlagene bilaterale Strategie sind Bausteine auf einem konsistenten Weg der wirtschaftlichen Integration ohne politische Einbindung. Hans Schaffner, Paul Jolles und Franz Blankart verk\u00f6rpern diesen Weg als zentrale Personen der schweizerischen Aussenhandelspolitik. Auf diesem Hintergrund ist die heutige Europadebatte im Wesentlichen eine Auseinandersetzung dar\u00fcber, ob die Trennung von wirtschaftlicher und politischer Integration angesichts des ver\u00e4nderten politischen Umfeldes auch in Zukunft eine tragf\u00e4hige Strategie bleiben kann; die Meinungen dazu sind offensichtlich sehr geteilt.&#13;<\/p>\n<h2>Drei kritische Punkte<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAuf dem Hintergrund der in diesem Beitrag aufgezeigten Entwicklungen gibt es aber auch drei kritische Punkte, die zu beobachten sind:<i>Erstens:<\/i> Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4nder konnten die Zahlungsbilanzklausel zu einfach anrufen und haben die Fehler europ\u00e4ischer Staaten aus den 1920er- und 1930er-Jahren wiederholt. Auch wenn sich die Situation nicht zuletzt unter dem Einfluss des Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF) deutlich verbessert hat, darf das Risiko einer R\u00fcckbewegung nicht untersch\u00e4tzt werden. <i>Zweitens:<\/i> Im Vormarsch ist die allgemeine Verletzung des Meistbeg\u00fcnstigungsprinzips. Solange die anderen Prinzipien durchgesetzt werden und die Meistbeg\u00fcnstigungszolls\u00e4tze tief sind, h\u00e4lt sich der Schaden in Grenzen. Je mehr aber gleichzeitig die anderen Prinzipien verletzt werden, desto gr\u00f6sser sind die Risiken einer zu leichtfertigen Vernachl\u00e4ssigung des Grundsatzes der Meistbeg\u00fcnstigung. Als Beispiel sei auf Pr\u00e4ferenzabkommen im Agrarbereich (Bananenfall) verwiesen. Ebenso kann es problematisch sein, wenn Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4nder dazu aufgefordert werden, vermehrt Pr\u00e4ferenzabkommen untereinander abzuschliessen. Da ihre effektiven Z\u00f6lle meist deutlich unter den gebundenen Zolls\u00e4tzen liegen, ist die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, dass sie zum Ausgleich der Pr\u00e4ferenzz\u00f6lle ihre Meistbeg\u00fcnstigungsans\u00e4tze erh\u00f6hen. <i>Drittens:<\/i> Die Schweiz ist zurzeit eine Vorreiterin von Pr\u00e4ferenzabkommen. Aus Schweizer Sicht ist dies angesichts des Stillstandes in der Doha-Runde sowie des Vorsprungs, den man sich gegen\u00fcber den Europ\u00e4ischen Gemeinschaften verschaffen kann, durchaus positiv zu werten. Meines Erachtens d\u00fcrfen aber die systemischen Risiken der heutigen Entwicklung nicht untersch\u00e4tzt werden. Das letzte Jahrhundert hat gezeigt, dass die Kosten eines Zerfalls der multilateralen Welthandelsordnung sehr hoch sein k\u00f6nnen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 1 \u00abErtragsbilanz der Schweiz, 1912\u20132007\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1 \u00abStruktur der schweizerischen Exporte nach Branchen, 1925\u20132008\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2 \u00abStruktur der schweizerischen Exporte nach Regionen, 1925\u20132008\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 3 \u00abDirektinvestitionen (FDI) der Schweiz im Ausland, 1980\u20132008\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Literatur\u2013 Bosshardt, Alfred und Nydegger, Alfred: Die schweizerische Aussenwirtschaft im Wandel der Zeiten, in: Schweizerische Zeitschrift f\u00fcr Volkswirtschaft und Statistik, 1964, Band 100, Heft I\/II, S. 302\u2013327.\u2013 Hotz, Jean: Die treibenden Kr\u00e4fte in der schweizerischen Handelspolitik, in: Schweizerische Zeitschrift f\u00fcr Volkswirtschaft und Statistik, 1947, Band 83, Heft IV, S. 543\u2013552.\u2013 Kneschaurek, Francesco: Struktur und Entwicklung der aussenwirtschaftlichen Leistungsbilanz der Schweiz, in: Aussenwirtschaft, Jahrgang 7, Heft IV, 1952, S. 236\u2013251.\u2013 Meier, Martin, Frech, Stefan, Gees Thomas und Kropf, Blaise: Schweizerische Aussenwirtschaftspolitik 1930\u20131948: Strukturen \u2013 Verhandlungen \u2013 Funktionen, Ver\u00f6ffentlichungen der UEK, Band 10, Z\u00fcrich: Chronos Verlag, 2002.\u2013 Unabh\u00e4ngige Expertenkommission Schweiz \u2013 Zweiter Weltkrieg: Die Schweiz, der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg, Schlussbericht, Z\u00fcrich: Pendo Verlag 2002.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die schweizerische Aussenwirtschaftspolitik der letzten 90 Jahre war starken Ver\u00e4nderungen unterworfen, die von internationalen handelspolitischen Rahmenbedingungen hervorgerufen wurden, aber auch innenpolitisch bestimmt waren. 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