{"id":121759,"date":"2010-01-01T12:00:00","date_gmt":"2010-01-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2010\/01\/straumann-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:35:09","modified_gmt":"2023-08-23T21:35:09","slug":"straumann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2010\/01\/straumann\/","title":{"rendered":"Warum ist die Schweiz ein reiches Land? Eine Antwort aus wirtschaftshistorischer Sicht"},"content":{"rendered":"<p>Die Geschichte lehrt, dass Erfolg ohne g\u00fcnstige Umst\u00e4nde kaum m\u00f6glich ist. So verh\u00e4lt es sich auch im Fall der schweizerischen Wirtschaftsgeschichte der letzten 90 Jahre. Besonders drei exogene Faktoren hatten eine g\u00fcnstige Wirkung: der ununterbrochene Friede, das Wachstum der grossen Nachbarn nach 1945 und die aus dem 19. Jahrhundert ererbte Branchenstruktur. Gleichzeitig zeigt die Geschichte aber auch, dass sich Erfolg nur dann einstellt, wenn man die g\u00fcnstigen Gelegenheiten beim Schopf zu packen weiss. Zu den hausgemachten St\u00e4rken der Schweiz z\u00e4hlen die hohe Qualit\u00e4t des Humankapitals und die auf Stabilit\u00e4t ausgerichtete Wirtschaftspolitik. Anders formuliert: Der grosse Erfolg der Schweizer Wirtschaft in den letzten 90 Jahren ist sowohl auf Gl\u00fcck wie auf Verstand zur\u00fcckzuf\u00fchren. Im Folgenden soll diese eigent\u00fcmliche Mischung genauer analysiert werden.<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/201001_04_Straumann_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"235\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn der modernen Zeit sind 90 Jahre Wirtschaftsgeschichte eine halbe Ewigkeit. Im Jahr 1920 war das durchschnittliche Einkommen etwa f\u00fcnfmal geringer als in der Gegenwart und die Bev\u00f6lkerungszahl nur halb so gross. Nicht weniger als zwei Drittel der Besch\u00e4ftigten arbeiteten entweder in der Landwirtschaft (26%) oder im gewerblich-industriellen Sektor (44%), w\u00e4hrend die beiden Sektoren heute nur noch etwas mehr als ein Viertel ausmachen. Das Leben war h\u00e4rter, gef\u00e4hrlicher und k\u00fcrzer. Als 1918\/19 die \u00abspanische Grippe\u00bb um sich griff, fielen ihr in der Schweiz nicht weniger als 25000 Menschen zum Opfer. Die durchschnittliche Lebenserwartung lag bei rund 60 Jahren.Auch in der Wirtschaftspolitik liegen Welten zwischen 1920 und der Gegenwart. Wegen des Landesstreiks vom November 1918 waren die Beziehungen zwischen den Arbeitgebern und der Arbeiterschaft nachhaltig gest\u00f6rt. Die politischen Positionen der b\u00fcrgerlichen und linken Parteien lagen weit auseinander. Die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS) votierte an ihrem Parteitag von 1920 f\u00fcr ein neues Programm, das die b\u00fcrgerliche Demokratie verurteilte und nach der Eroberung der parlamentarischen Mehrheit eine Diktatur des Proletariats vorsah. Teile der b\u00fcrgerlichen Parteien w\u00fcnschten sich dagegen eine autorit\u00e4re Restauration, um die Arbeiterbewegung gef\u00fcgig zu machen. Erst in den 1930er-Jahren bahnte sich eine Verst\u00e4ndigung zwischen links und rechts an. 1943 erhielt die SPS ihren ersten Bundesratssitz.Beim Vergleich der damaligen mit der heutigen Zeit sind es jedoch nicht die Unterschiede, die eine Erkl\u00e4rung erfordern, obwohl sie einem als Erstes ins Auge stechen. Bei der schweizerischen Wirtschaftsgeschichte f\u00e4llt vielmehr die ausgepr\u00e4gte Konstanz auf, denn bereits damals geh\u00f6rte die Schweizer Wirtschaft zu den erfolgreichsten Volkswirtschaften der Welt. Wie l\u00e4sst sich diese ausserordentliche Konstanz erkl\u00e4ren?&#13;<\/p>\n<h2>Wachstum dank Frieden<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Schweiz ist in den letzten 90 Jahren nie erobert worden. Dass dabei auch Gl\u00fcck eine Rolle spielte, d\u00fcrfte kaum umstritten sein. Wenn zum Beispiel der deutsche Westfeldzug im Fr\u00fchjahr 1940 keinen schnellen Erfolg gebracht h\u00e4tte, w\u00e4re die Wehrmacht wahrscheinlich \u00fcber die Schweiz nach Frankreich eingefallen, um eine zweite Front zu er\u00f6ffnen. Die meisten anderen westeurop\u00e4ischen Kleinstaaten, die wie die Schweiz im Konfliktfall stets auf Neutralit\u00e4t bedacht waren, hatten diesbez\u00fcglich weniger Gl\u00fcck. Den gr\u00f6ssten Schaden erlitt Belgien, das sowohl im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg von den deutschen Truppen angegriffen wurde. Vor allem in den 1920er-Jahren litt das Land unter Kriegssch\u00e4den und finanzpolitischen Konflikten. Beides hemmte das Wachstum.Die Schweiz konnte demgegen\u00fcber nach den Weltkriegen jeweils mit einem intakten Produktionsapparat auf die Weltm\u00e4rkte treten. Der durch Gl\u00fcck bewahrte Friede war auch eine wichtige Voraussetzung f\u00fcr den spektakul\u00e4ren Aufschwung der Verm\u00f6gensverwaltung im 20. Jahrhundert. Bereits Ende der 1920er-Jahre \u2013 also noch vor der Einf\u00fchrung des Bankgeheimnisses 1935 \u2013 war die Schweiz das f\u00fchrende Zentrum Europas. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die H\u00f6he der ausl\u00e4ndischen Verm\u00f6gen weiter zu, als viele europ\u00e4ische B\u00fcrger einen erneuten Krieg, Inflation oder Konfiskation bef\u00fcrchteten. Dass die Banken einen besonders ausgepr\u00e4gten Schutz der Privatsph\u00e4re bieten konnten, hat diesen Prozess zweifellos beg\u00fcnstigt, wenn auch nicht ausgel\u00f6st. Entscheidend war die politische und wirtschaftliche Stabilit\u00e4t der vom Krieg unversehrten Schweiz.&#13;<\/p>\n<h2>Im Schlepptau der grossen Nachbarn<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAls gl\u00fccklicher Umstand muss auch bezeichnet werden, dass die Schweiz als kleine, offene Volkswirtschaft von wirtschaftlich erfolgreichen L\u00e4ndern umgeben ist. Das gilt vor allem f\u00fcr Deutschland, das nach dem Zweiten Weltkrieg eine Art Wiedergeburt erfuhr. Auch die Nachfrage aus Frankreich und Norditalien belebte die schweizerische Exportindustrie nach dem Zweiten Weltkrieg. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Bedeutung des europ\u00e4ischen Markts etwas relativiert; aber noch immer gehen zwei Drittel der Exporte in die benachbarten L\u00e4nder. Wenn Deutschland Probleme hat, wirkt sich das unmittelbar auf den Schweizer Export aus, wie die aktuelle Wirtschaftskrise zeigt.Neben dem Export profitierten auch die Finanzdienstleistungen und der Tourismus vom steigenden Wohlstand der grossen Nachbarn. Zudem l\u00f6ste die Einwanderung von Ingenieuren und Wissenschaftlern das Problem, dass in diesen F\u00e4chern der einheimische Nachwuchs zu klein war. Die Basler Chemie und die Grossunternehmen der Maschinenindustrie zum Beispiel h\u00e4tten sich ohne ausl\u00e4ndische Spezialisten nie in diesem Mass entwickeln k\u00f6nnen. Nicht zuletzt hat sich auch die Geldpolitik der Deutschen Bundesbank als \u00e4usserst positiv erwiesen. W\u00e4hrend andere europ\u00e4ische Zentralbanken immer wieder Inflation entfachten und grosse Kapitalbewegungen ausl\u00f6sten, die den realen Wechselkurs des Frankens vor\u00fcbergehend in die H\u00f6he trieben, sorgten die W\u00e4hrungsh\u00fcter des wichtigsten Handelspartners f\u00fcr Stabilit\u00e4t. Dank der Europ\u00e4ischen Zentralbank hat sich die Situation weiter verbessert. Ohne Euro h\u00e4tte die j\u00fcngste Finanzkrise zweifellos einen gr\u00f6sseren W\u00e4hrungskollaps in Europa ausgel\u00f6st, der die Wettbewerbsposition der Schweizer Exportindustrie empfindlich geschw\u00e4cht h\u00e4tte.&#13;<\/p>\n<h2>Flexible Branchenstruktur<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAls grosses Gl\u00fcck muss schliesslich auch die aus der Vergangenheit ererbte Branchenstruktur taxiert werden. Die Kombination von exportorientierter Landwirtschaft, hochwertiger Industrieproduktion, Tourismus und Finanzdienstleistungen hat sich in den letzten 90 Jahren als \u00e4usserst flexibel erwiesen. Zu den g\u00fcnstigen Umst\u00e4nden muss sie deshalb gez\u00e4hlt werden, weil sie keineswegs einem grossen Plan entsprach, sondern sich aufgrund einer langen historischen Entwicklung ergeben hat. Die Exportorientierung der Landwirtschaft geht bis auf das Sp\u00e4tmittelalter zur\u00fcck, als die Bauern des \u00abHirtenlandes\u00bb die Getreidewirtschaft zugunsten der Viehwirtschaft aufgaben und ihre Herden \u00fcber die Alpenp\u00e4sse nach Norditalien trieben. Durch die Spezialisierung auf die Milchwirtschaft wurde die Grundlage geschaffen f\u00fcr die industrielle Herstellung von Milchpulver und Schokolade. Die schweizerische Industrieproduktion hat ihre Wurzeln im 16. und 17. Jahrhundert, als die aus Frankreich vertriebenen Protestanten (Hugenotten) die Uhrenindustrie in die Westschweiz brachten und zum Aufschwung der Textilindustrie in der Deutschschweiz beitrugen. Aus der Textilindustrie gingen im 19. Jahrhundert die Maschinenindustrie sowie die Chemie- und Pharmaindustrie hervor. Der Tourismus war im Wesentlichen eine Erfindung der englischen Besucher, die im 19. Jahrhundert die Alpen als Erholungsgebiet f\u00fcr sich entdeckt hatten. Die Gr\u00fcndung von Grossbanken, Kantonalbanken und Versicherungen ergab sich automatisch aus der Industrialisierung in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts.Das Gl\u00fcck bestand nicht nur darin, dass die Schweizer Wirtschaft gut diversifiziert war, sondern auch darin, dass der Rohstoffsektor unbedeutend war. Denn die Geschichte zeigt, dass Regionen mit einem starken Rohstoffsektor besonders grosse M\u00fche mit dem Strukturwandel bekunden. Auch hier ist der Blick nach Belgien aufschlussreich. Bis in die Zwischenkriegszeit sorgte das rohstoffreiche Wallonien f\u00fcr grossen Wohlstand. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann aber ein Abstieg, von dem sich die Region bis heute nicht erholt hat. In der Wissenschaft ist deshalb zu Recht von einem \u00abRessourcenfluch\u00bb die Rede. Reichtum, der auf Rohstoffen beruht, hat nur kurzfristig eine positive Wirkung. Langfristig ist er eine Hypothek.Zu den Nachteilen einer reichen Ressourcenausstattung geh\u00f6rt auch das Ph\u00e4nomen der \u00abholl\u00e4ndischen Krankheit\u00bb. L\u00e4nder, die mit Rohstoffexporten hohe Erl\u00f6se erzielen, leiden unter einem starken Aufwertungsdruck des realen Wechselkurses. Das hat zur Folge, dass die \u00fcbrigen Exportsektoren an Wettbewerbsf\u00e4higkeit verlieren und schrumpfen. Zum ersten Mal entdeckt wurde dieses Problem in den 1970er-Jahren, als die Niederlande aufgrund von Erdgasexporten gleichzeitig einen Handelsbilanz\u00fcberschuss und eine Krise der traditionellen Exportsektoren erlebten. Auch Norwegen hat wegen der Erd\u00f6lfunde einen relativen Niedergang der einst starken Maschinenindustrie hinnehmen m\u00fcssen. Nat\u00fcrlich sind auch in der Schweiz einst bl\u00fchende Industriezentren abgestiegen, weil man sich allzu lange auf den Erfolg einer einzelnen Branche verlassen hat \u2013 etwa in den Kantonen Glarus, St.Gallen oder Solothurn. Aber es ist ungleich schwieriger, in einem ehemaligen Bergbaugebiet neue Arbeitspl\u00e4tze zu schaffen als in einer Region, die ihre St\u00e4rken in der Textil- oder Uhrenindustrie gehabt hat. Der Aufschwung der Medizinaltechnik am Jura-S\u00fcdfuss ist ein typisches Beispiel daf\u00fcr.&#13;<\/p>\n<h2>Die Grenzen des Gl\u00fccks<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWie die Wirtschaftsgeschichte der Schweiz ohne diese g\u00fcnstigen Umst\u00e4nde verlaufen w\u00e4re, l\u00e4sst sich nicht sagen. Die Entwicklung eines Landes ist immer einzigartig. Der Vergleich mit anderen europ\u00e4ischen Kleinstaaten zeigt aber, dass Gl\u00fcck keineswegs die ganze Erfolgsgeschichte der Schweizer Wirtschaft erkl\u00e4ren kann. Wohl profitierte die Schweiz davon, dass sie von beiden Weltkriegen verschont blieb: In den 1920er-Jahren und Ende der 1940er-Jahren nahm der relative Wohlstand der Schweiz besonders stark zu. Aber ein messbarer Vorteil zeigte sich nur vor\u00fcbergehend. Am Ende des 20. Jahrhunderts wiesen nicht die vom Zweiten Weltkrieg verschonten L\u00e4nder \u2013 wie Schweden oder die Schweiz \u2013 das h\u00f6chste durchschnittliche Einkommen auf, sondern D\u00e4nemark. Schweden schnitt nicht einmal besser als Belgien ab.Auch die Tatsache, dass die Schweiz von erfolgreichen Nachbarn umgeben ist, erkl\u00e4rt nicht alles. Ein legend\u00e4res Beispiel ist Irland. Obwohl Nachbar eines der reichsten L\u00e4nder der Welt, vermochte die Gr\u00fcne Insel bis in die j\u00fcngste Zeit kaum ein nennenswertes Wachstum zu erzielen. Die Nachbarschaft zu Grossbritannien schien eher ein Fluch als ein Segen zu sein. Erst dank einem radikalen wirtschaftspolitischen Kurswechsel vermochte die irische Wirtschaft von der N\u00e4he zu Grossbritannien zu profitieren. Die blosse Anwesenheit eines erfolgreichen Nachbarn ist deshalb keineswegs ausreichend. Es kommt vielmehr darauf an, wie ein Kleinstaat seine Chancen nutzen kann.Schliesslich ist auch die Bedeutung der ererbten Branchenstruktur zu relativieren. Nat\u00fcrlich war es f\u00fcr die Schweizer Wirtschaft ein grosses Gl\u00fcck, dass sie keinem Ressourcenfluch unterlag. Aber damit ist nicht gekl\u00e4rt, warum zum Beispiel die Basler Chemie im ausgehenden 20. Jahrhundert den Strukturwandel hin zur Pharmaindustrie schaffte. Die deutschen Unternehmen hatten diesbez\u00fcglich mehr Probleme. Genauso wenig wird verst\u00e4ndlich, warum Luxemburg trotz seiner jahrzehntelangen Abh\u00e4ngigkeit von der Stahlindustrie einen bl\u00fchenden Finanzplatz aufbauen konnte. Es gibt Ausnahmen, die erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig sind.Um die schweizerische Erfolgsgeschichte zu verstehen, muss man deshalb auch Faktoren ber\u00fccksichtigen, die sich nicht auf g\u00fcnstige Umst\u00e4nde zur\u00fcckf\u00fchren lassen. Zwei von ihnen haben eine besonders hohe Erkl\u00e4rungskraft: die hohe Qualit\u00e4t des Humankapitals und die auf Stabilit\u00e4t ausgerichtete Wirtschaftspolitik.&#13;<\/p>\n<h2>Die \u00abSchweizer Tugenden\u00bb<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEs ist in der \u00f6konomischen Theorie unbestritten, dass der Wohlstand eines Landes in letzter Instanz von der Qualit\u00e4t des Humankapitals abh\u00e4ngt. Je unternehmerischer und je besser ausgebildet die Arbeitskr\u00e4fte sind, desto gr\u00f6sser ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Land reich ist. In der Schweiz scheinen die Bedingungen f\u00fcr die Akkumulation von Humankapital besonders g\u00fcnstig gewesen zu sein. Zum einen hat es immer eine hohe Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr Tugenden wie Fleiss, Qualit\u00e4tsarbeit und Unternehmertum gegeben, zum andern haben Politik und Wirtschaft stets besonderes Gewicht auf gute Bildungsinstitutionen gelegt, sowohl f\u00fcr die Eliten wie auch f\u00fcr Volkssch\u00fcler und Lehrlinge.Woher die hohe Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr Bildung und Ausbildung stammt, ist nicht leicht zu erkl\u00e4ren. Klar ist aber, dass sie auf eine lange Tradition zur\u00fcckblicken kann und so gut verankert ist, dass man manchmal von \u00abSchweizer Tugenden\u00bb spricht. Die Schweizer St\u00e4dte waren Zentren der Reformation, die ein neues Arbeitsethos mit sich brachte. Sie haben auch unternehmerische Energien freigesetzt, indem sie immer wieder Menschen aus den l\u00e4ndlichen Gebieten oder dem benachbarten Ausland angezogen haben, die sich durch besondere Leistungen auszeichnen wollten. Im 19. Jahrhundert war die Eidgenossenschaft eine Pionierin bei der Volksbildung und der technischen Bildung. 1854 wurde das Eidgen\u00f6ssische Polytechnikum in Z\u00fcrich, 1874 das Technikum in Winterthur gegr\u00fcndet. Gegen Ende des Jahrhunderts verankerte der Bund das moderne Modell der Berufslehre.Die hohe Qualit\u00e4t des Humankapitals war eine Voraussetzung daf\u00fcr, dass sich die Schweizer Unternehmen auf hochwertige Nischenprodukte spezialisieren und ihren Angestellten und Arbeitern relativ hohe L\u00f6hne ausbezahlen konnten. Gleichzeitig war sie auch eine Folge des Erfolgs. Die Unternehmer wussten, dass sie ihre Nischenstrategie nur dann fortsetzen konnten, wenn sie die Volksschule, die h\u00f6here technische Bildung und die betriebliche Ausbildung unterst\u00fctzten. Auch f\u00fcr die Arbeitnehmerseite hat es sich immer gelohnt, in die eigene Ausbildung zu investieren, denn mit einem besseren Abschluss ergab sich fast automatisch ein h\u00f6herer Lohn.&#13;<\/p>\n<h2>Die Kunst, grosse Fehler zu vermeiden<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEin zweiter Erfolgsfaktor, der nicht einfach auf g\u00fcnstige Umst\u00e4nde zur\u00fcckgef\u00fchrt werden kann, ist die schweizerische Wirtschaftspolitik. Man kann zwar nicht von einer optimalen Politik sprechen; auch in der Schweiz wurden oft falsche Entscheide gef\u00e4llt. Doch im internationalen Vergleich f\u00e4llt auf, dass die Fehltritte in der Regel weniger gravierend waren als im benachbarten Ausland. Vor allem gelang es, eine auf Stabilit\u00e4t ausgerichtete Politik zu verfolgen.Die schweizerische Geldpolitik ist ein typisches Beispiel. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat zwar nicht alles richtig gemacht. Die Deflationspolitik w\u00e4hrend der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre, die restriktive Politik Mitte der 1970er-Jahre und die Hochzinspolitik in den fr\u00fchen 1990er-Jahren haben mit Sicherheit kontraproduktiv gewirkt. \u00dcber die gesamten 90 Jahre hinweg war aber die schweizerische Geldpolitik ausserordentlich erfolgreich. W\u00e4hrend die meisten europ\u00e4ischen Staaten mindestens einmal eine Phase von hoher Inflation oder gar von Hyperinflation erleben mussten, blieben die Preise in der Schweiz seit 1920 immer relativ stabil.Ein anderes Beispiel ist die schweizerische Fiskal- und Finanzpolitik. Sowohl die Steuers\u00e4tze wie die Verschuldung von Bund, Kantonen und Gemeinden blieben \u00fcber die letzten 90 Jahre moderat. W\u00e4hrend andere L\u00e4nder nach 1945 die Konjunktur mittels Fiskal- und Finanzpolitik zu stabilisieren versuchten und daf\u00fcr oft h\u00f6here Schulden in Kauf nahmen, blieben die Schweizer Beh\u00f6rden eher zur\u00fcckhaltend. Manchmal hatte diese Zur\u00fcckhaltung kurzfristig negative Wirkungen, etwa Mitte der 1970er-Jahre oder in den fr\u00fchen 1990er-Jahren. F\u00fcr die langfristige Stabilit\u00e4t der Staatsfinanzen war sie aber vorteilhaft.Ein wichtiger Stabilit\u00e4tsfaktor war schliesslich die Sozialpartnerschaft, die sich in den sp\u00e4ten 1930er-Jahren herausgebildet hatte und nach dem Zweiten Weltkrieg in den meisten Branchen zur Regel geworden war. Die Interessengegens\u00e4tze zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern liessen sich damit zwar nicht aus der Welt schaffen. Aber der Wille, im Krisenfall gemeinsame L\u00f6sungen zu finden, statt den Konflikt zu eskalieren, schuf ein Klima des Vertrauens, das zweifellos wachstumsf\u00f6rdernd war.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nKurz gesagt beruhte der Wohlstand der Schweiz in den letzten 90 Jahren nicht nur auf g\u00fcnstigen Umst\u00e4nden, sondern auch auf erarbeiteten St\u00e4rken. Und vieles deutet darauf hin, dass die Schweizer Wirtschaft auch in Zukunft \u00fcberdurchschnittlich erfolgreich sein wird. Ein Ende der Geschichte ist noch nicht abzusehen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Einwanderung und WachstumIn den letzten 90 Jahren war die durchschnittliche Einwanderungsrate deutlich h\u00f6her als die Auswanderungsrate. Die Entwicklung verlief aber keineswegs linear. Wenn wir mangels besserer Daten den Anteil der ausl\u00e4ndischen Bev\u00f6lkerung an der st\u00e4ndigen Wohnbev\u00f6lkerung als Indikator verwenden, lassen sich vier Phasen unterscheiden. Von 1920 bis 1945 halbierte sich der Anteil der ausl\u00e4ndischen Wohnbev\u00f6lkerung von knapp 10% auf 5%. Dies war durch eine striktere Einwanderungspolitik und den Zweiten Weltkrieg bedingt. W\u00e4hrend der Hochkonjunkturphase von 1945 bis zur grossen Rezession Mitte der 1970er-Jahre fand eine erste grosse Einwanderungswelle statt: Der Anteil der ausl\u00e4ndischen Wohnbev\u00f6lkerung stieg von 5% auf 17%. Nach einer starken kurzfristigen Reduktion auf 14%, die darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren war, dass die Schweiz mehr als 150000 ausl\u00e4ndische Saisonniers nach Hause schickte, um die Arbeitslosigkeit zu bek\u00e4mpfen, begann in den 1980er-Jahren eine zweite grosse Einwanderungswelle, die bis heute andauert.Einwanderung und Wohlstand sind zwei Seiten derselben Medaille. Eine kleine, offene Volkswirtschaft wie die Schweiz erzielt nur dann ein kontinuierliches Wachstum, wenn sie ausl\u00e4ndische Arbeitskr\u00e4fte rekrutieren kann. Wie hoch die Einwanderungsrate sein soll und wie die Einwanderung gesteuert werden kann, ist prim\u00e4r eine politische Frage. Aus \u00f6konomischer Sicht ist es optimal, wenn die Einwanderung nicht in erster Linie die Besetzung offener Stellen erm\u00f6glicht, sondern zur Steigerung der Produktivit\u00e4t beitr\u00e4gt. Dies war in der schweizerischen Wirtschaftsgeschichte der letzten 90 Jahre nicht immer der Fall. Vor allem in der Hochkonjunktur der Nachkriegszeit haben strukturschwache Branchen ausl\u00e4ndische Arbeitskr\u00e4fte rekrutiert, um mit einer Niedriglohnstrategie den unvermeidbaren Abstieg hinauszuz\u00f6gern. In der Krise der 1970er-Jahre war deshalb der Zusammenbruch dieser Branchen besonders dramatisch. Hingegen hat die Schweiz immer hochqualifizierte Arbeitskr\u00e4fte anziehen k\u00f6nnen. Ohne diese Attraktionsf\u00e4higkeit w\u00e4re die Wirtschaftsgeschichte der letzten 90 Jahre ganz anders verlaufen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 2: Literatur\u2212 Bergier Jean-Fran\u00e7ois (1983), Die Wirtschaftsgeschichte der Schweiz. Von den Anf\u00e4ngen bis zur Gegenwart, Z\u00fcrich\/K\u00f6ln: Benziger Verlag.\u2212 Historische Statistik der Schweiz (1996), herausgegeben von Heiner RitzmannBlickenstorfer, unter der Leitung von Hansj\u00f6rg Siegenthaler, Z\u00fcrich: Chronos.\u2212 Maddison Angus (2001), The World Economy. A Millennial Perspective, Paris: OECD.\u2212 Schweizerische Nationalbank (Hg.) (2007), Schweizerische Nationalbank, 1907\u20132007, Z\u00fcrich: NZZ Libro.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geschichte lehrt, dass Erfolg ohne g\u00fcnstige Umst\u00e4nde kaum m\u00f6glich ist. So verh\u00e4lt es sich auch im Fall der schweizerischen Wirtschaftsgeschichte der letzten 90 Jahre. Besonders drei exogene Faktoren hatten eine g\u00fcnstige Wirkung: der ununterbrochene Friede, das Wachstum der grossen Nachbarn nach 1945 und die aus dem 19. Jahrhundert ererbte Branchenstruktur. 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