{"id":121769,"date":"2010-01-01T12:00:00","date_gmt":"2010-01-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2010\/01\/zuercher-12\/"},"modified":"2023-08-23T23:35:41","modified_gmt":"2023-08-23T21:35:41","slug":"zuercher-11","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2010\/01\/zuercher-11\/","title":{"rendered":"Das Wachstum der Schweizer Volkswirtschaft seit 1920"},"content":{"rendered":"<p>Aus Anlass des 90. Geburtstages des Magazins Die Volkswirtschaft erfolgt hier ein kurzer R\u00fcckblick \u00fcber die wirtschaftliche Entwicklung der schweizerischen Volkswirtschaft von 1920 bis in die Gegenwart. Schwerpunkt bildet dabei die quantitative Entwicklung des Einkommens und des materiellen Wohlstandes. Gemessen am realen Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf der Bev\u00f6lkerung sind wir 2008 etwa f\u00fcnfmal wohlhabender als 1920. Dieser Indikator d\u00fcrfte den tats\u00e4chlichen Wohlstandszuwachs \u00fcber die vergangenen 90 Jahre allerdings erheblich untersch\u00e4tzen. Alternative Wohlstandsindikatoren \u2013 wie der Human Development Index (HDI) \u2013 verdeutlichen den eindr\u00fccklichen Zuwachs an Lebensqualit\u00e4t unserer Gesellschaft. <img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/201001_05_Zuercher_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"253\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<i>\u00abI would predict that the standard of life in progressive countries one hundred years hence will be between four and eight times as high as it is today. There would be nothing surprising in this even in the light of our present knowledge. It would not be foolish to contemplate the possibility of a far greater progress still.\u00bb<\/i>Dieses Zitat stammt von John Maynard Keynes und findet sich im Aufsatz <i>\u00abEconomic Possibilities for our Grandchildren\u00bb,<\/i> den er 1928 verfasst und dann im Laufe der folgenden zwei Jahre an verschiedenen Orten in England vorgetragen hat. Ver\u00f6ffentlicht wurde der Aufsatz im Oktober 1930 \u2013 zu einer Zeit also, als die Weltwirtschaft bereits tief in der Grossen Depression steckte. Keynes ging es mit diesem Aufsatz, wie er selber sagte, um \u00abthe Trend of Things\u00bb. Er wollte zeigen, dass sich die Grosse Depression r\u00fcckblickend nur als relativ kleine Delle im Wachstumsverlauf \u00fcber die Epoche seit der Industriellen Revolution, die ansonsten von kontinuierlich und substanziell steigender Produktivit\u00e4t und schnell wachsendem Wohlstand gepr\u00e4gt war, herausstellen w\u00fcrde. Was die Wirtschaftsaussichten angeht, befinden wir uns 80 Jahre nach der Publikation des Aufsatzes von Keynes beinahe in der genau gleichen Situation wie damals. Die Wirtschaftspolitik fokussiert auf die k\u00fcrzeste Frist; die Konjunkturpolitik hat die langfristig ausgelegte Wachstumspolitik verdr\u00e4ngt. Zudem sehen viele \u00d6konomen \u2013 wie beispielsweise der fr\u00fchere Chef\u00f6konom des IWF, Kenneth Rogoff \u2013 eine Zeit der \u00abneuen Normalit\u00e4t\u00bb anbrechen, die durch deutlich unter dem Vorkrisentrend liegende Wachstumsraten gepr\u00e4gt sein wird. Insbesondere wird die rasant steigende Staatsverschuldung das Wachstumspotenzial in jenen L\u00e4ndern belasten, die bis anhin als Wachstumslokomotiven in der Weltwirtschaft wirkten. Experten stimmen daher in der Einsch\u00e4tzung \u00fcberein, dass wir unsere Erwartungen hinsichtlich Wohlstandsentwicklung auf ein tieferes Niveau kalibrieren m\u00fcssen. Im Folgenden wird zuerst die Entwicklung des Bruttoinlandproduktes (BIP) sowie des BIP pro Kopf der Bev\u00f6lkerung skizziert. Auch wenn die hundert Jahre, die Keynes damals als Zeithorizont unterstellte, noch nicht ganz abgelaufen sind, \u00fcbertrifft die bisherige Wohlstandsentwicklung bereits heute seine Prophezeiung. In einem zweiten Schritt wird schliesslich argumentiert, dass die Wohlstandsentwicklung \u00fcber die letzten 90 bis 100 Jahre wohl noch viel rasanter verlaufen ist, als die verf\u00fcgbaren BIP-Indikatoren vermuten lassen.&#13;<\/p>\n<h2>Die Entwicklung des BIP und des BIP pro Kopf der Bev\u00f6lkerung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn <i>Tabelle 1<\/i> sind wichtige Gr\u00f6ssen f\u00fcr 1920 und 2008 aufgef\u00fchrt. Die Wohnbev\u00f6lkerung in der Schweiz hat sich \u00fcber den betrachteten Zeitraum knapp verdoppelt, w\u00e4hrend die Zahl der Erwerbst\u00e4tigen um den Faktor 2,4 zugenommen hat. Das reale BIP ist um den Faktor 9,2 und das reale BIP pro Kopf der Bev\u00f6lkerung als Mass f\u00fcr den Wohlstand um den Faktor 4,7 gestiegen. Die durchschnittliche j\u00e4hrliche Wachstumsrate des realen BIP \u00fcber die vergangenen 88 Jahre betrug 2,5%, jene des BIP pro Kopf der Bev\u00f6lkerung 1,7%. Die Produktivit\u00e4t pro Erwerbst\u00e4tigen ist schliesslich um durchschnittlich j\u00e4hrlich 1,5% gewachsen. <i>Grafik 1<\/i> zeichnet die Entwicklung des Niveaus des realen BIP sowie die j\u00e4hrlichen Ver\u00e4nderungsraten seit 1920 nach. Deutlich heben sich ein Aufschwung in den 1920er-Jahren, ein R\u00fcckgang w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges, ein starker Einbruch Mitte der 1970er-Jahre sowie eine Stagnationsphase in den 1990er-Jahren vom Trend ab.<i>Grafik 2<\/i> kontrastiert die Wachstumskurve des BIP pro Kopf der Bev\u00f6lkerung der Schweiz mit jener Frankreichs, Deutschlands und Grossbritanniens. Die Daten basieren auf Sch\u00e4tzungen von <i>Maddison (2006).<\/i> Die Schweiz hat nach dem Zweiten Weltkrieg Grossbritannien \u00fcberholt, seit Mitte der 1970er-Jahre ist jedoch auch eine Konvergenz der Wohlstandsniveaus ersichtlich: Die Varianz der Pro-Kopf-Einkommen dieser L\u00e4ndergruppe ist um fast den Faktor 3,5 gesunken. In <i>Tabelle 2<\/i> sind die durchschnittlichen j\u00e4hrlichen Wachstumsraten sowie die Standardabweichungen als Mass der Volatilit\u00e4t des Wachstums f\u00fcr die drei Zeitabschnitte 1920\u20131950, 1950\u20131973 und 1973\u20132008 zusammengefasst. Der Zeitabschnitt zwischen 1920 und 1950 war sowohl gemessen an der Standardabweichung der Wachstumsarten wie bez\u00fcglich der Anzahl j\u00e4hrlicher Wachstumsr\u00fcckg\u00e4nge sehr volatil. Die Standardabweichung der Wachstumsraten nahm in den folgenden Perioden ab, allerdings bei r\u00fcckl\u00e4ufigem Trendwachstum des BIP und des Wohlstands. Zwar musste auch Mitte der 1970er-Jahre des \u00d6fteren mit negativem Wachstum gerechnet werden (etwa in jedem sechsten Jahr). In rund zwei Dritteln aller Jahre in diesem Zeitabschnitt schwankten die Zuwachsraten des BIP aber in einem engen Band zwischen \u20130,6% und +3,6%. Rezessionen fielen folglich milder aus als in den vorangegangenen Zeitabschnitten. Eine abnehmende Volatilit\u00e4t der Wachstumsarten bedeutet nat\u00fcrlich auch einen berechenbareren Wirtschaftsverlauf. Diese Eigenschaft der letzten Jahrzehnte bezeichnet man heute als \u00abThe Great Moderation\u00bb.&#13;<\/p>\n<h2>Untersch\u00e4tzter Wohlstandszuwachs<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nReal ist die Menge der in der Schweiz produzierten G\u00fcter und Dienstleistungen demnach heute mehr als neunmal h\u00f6her als vor 90 Jahren. Der Vergleich der Wohlstandsniveaus beziehungsweise der Pro-Kopf-Einkommen zwischen zwei Zeitpunkten vernachl\u00e4ssigt jedoch, dass \u00fcber den Zeitablauf nicht nur mehr G\u00fcter und Dienstleistungen und Einkommen erwirtschaftet werden, sondern dass auch die <i>Vielfalt und Qualit\u00e4t der produzierten G\u00fcter und Dienstleistungen<\/i> zugenommen hat. Die Aussage, wonach 1920 das Pro-Kopf-Einkommen zu Preisen des Jahres 2000 13800 Franken betrug, verleitet zur Annahme, dass der damalige Lebensstandard gleich demjenigen von heute w\u00e4re, wenn heute ein Einkommen in der gleichen H\u00f6he zur Verf\u00fcgung stehen w\u00fcrde. Ein strenger Vergleich des materiellen Lebensstandards zwischen 1920 und 2008 setzt aber einen in beiden Perioden identischen G\u00fcterkorb voraus (vgl. <i>DeLong, 2000<\/i>). Demnach d\u00fcrfte der G\u00fcterkorb 2008 keine Ausgaben etwa f\u00fcr einen elektronischen Taschenrechner oder f\u00fcr eine Eisenbahnfahrt an den Flughafen Z\u00fcrich beinhalten, da 1920 weder Ersteres noch Letzteres existierte. Um wie viel wohlhabender wir deshalb heute sind, l\u00e4sst sich erst ermessen, wenn ber\u00fccksichtigt wird, dass eine grosse Menge an G\u00fctern und Dienstleistungen, auf die wir heute unser Einkommen verwenden k\u00f6nnen, 1920 zu <i>keinem<\/i> Preis erh\u00e4ltlich waren \u2013 ungeachtet wie reich man damals war. Grob gesch\u00e4tzt d\u00fcrften etwa 30% aller heute verf\u00fcgbaren G\u00fcter und Dienstleistungen um 1920 noch gar nicht existiert haben.&#13;<br \/>\nUmgekehrt geh\u00f6rten nat\u00fcrlich auch viele G\u00fcter und Dienstleistungen 1920 zum Alltag, die es heute nicht mehr gibt, wie z.B. Pferdefuhrwerke. Zu diesen G\u00fctern und Dienstleistungen geh\u00f6ren heute selbstverst\u00e4ndliche Dinge wie der Mikrowellenofen, der K\u00fchlschrank, der Herzschrittmacher oder medizinische Dienstleistungen wie eine Herz-Bypass-Operation und \u00c4hnliches. Der durchschnittliche materielle Lebensstandard von 1920 ist folglich aus heutiger Sicht nicht nur absolut weniger wert, sondern auch vom objektiven Kaufverm\u00f6gen her gesehen. Oder anders ausgedr\u00fcckt: Ein Einkommen von 13800 Franken pro Kopf der Bev\u00f6lkerung, das auf alle heute verf\u00fcgbaren G\u00fcter und Dienstleistungen ausgegeben werden kann, ist ein Mehrfaches desselben Einkommens im Jahr 1920 wert.Dabei ist zu betonen, dass bei einem solchen Vergleich die Preise konstant gehalten wurden (Preise des Jahres 2000). Die G\u00fcter und Dienstleistungen aus dem Jahre 1920 sind f\u00fcr uns heute nicht deshalb weniger wert, weil sich der Preis ver\u00e4ndert h\u00e4tte. Im Gegenteil: Ein Franken von 1920 w\u00e4re nach Ber\u00fccksichtigung der aufgelaufenen Teuerung heute rund 4,70 Franken wert. Die Aussage, wonach unser Pro-Kopf-Einkommen heute fast f\u00fcnfmal h\u00f6her ist als 1920, d\u00fcrfte daher den wahren Wohlstandszuwachs und das wahre Wachstum des materiellen Lebensstandards erheblich untersch\u00e4tzen. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, wie schwierig ein intertemporaler Vergleich des materiellen Lebensstandards ist, wenn laufend Inventionen und Innovationen stattfinden, welche die G\u00fctervielfalt und -qualit\u00e4t erh\u00f6hen.&#13;<\/p>\n<h2>Alternative Wohlstandsindikatoren<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nNicht erst mit der Einsetzung einer Kommission mit nobelpreisgekr\u00f6nten \u00d6konomen wie Joseph Stiglitz und Amartya Sen durch den franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidenten Nicolas Sarkozy mit dem Auftrag, ein besseres Wohlstandsmass vorzuschlagen, ist das BIP pro Kopf der Bev\u00f6lkerung als eindimensionales und einseitig den materiellen Wohlstand betonendes Mass in die Kritik geraten (vgl. <i>Stiglitz et al., 2009<\/i>). In diesem Abschnitt wird deshalb ein umfassenderes Mass f\u00fcr das Wohlstandsniveau untersucht, n\u00e4mlich der <i>Human Development Index (HDI),<\/i> der seit 1980 j\u00e4hrlich vom United Nations Development Programme (UNDP) ver\u00f6ffentlicht wird. Der HDI stellt einen Versuch dar, anhand einer Masszahl den Stand der menschlichen Entwicklung in den L\u00e4ndern der Welt abzubilden. Er ber\u00fccksichtigt neben dem konventionellen BIP pro Kopf der Bev\u00f6lkerung auch die Lebenserwartung und den Bildungsgrad mittels der Alphabetisierungsrate sowie der Einschulungsrate der Bev\u00f6lkerung eines Landes. Ziel ist eine Abbildung von Werten wie bessere Ern\u00e4hrung, Gesundheit, Bildung, Freizeit sowie M\u00f6glichkeiten der Mitbestimmung der Menschen. Die Auspr\u00e4gung des HDI liegt zwischen 0 und 1, wobei der h\u00f6chst m\u00f6gliche Lebensstandard den Wert 1 annimmt. Das UNDP unterscheidet dabei die drei Kategorien hoher, mittlerer und geringer menschlicher Entwicklung.<i>Crafts (2000)<\/i> hat den HDI f\u00fcr einige ausgew\u00e4hlte L\u00e4nder r\u00fcckwirkend bis 1870 rekonstruiert, was sowohl einen langfristigen intertemporalen wie auch einen internationalen Vergleich erlaubt. In <i>Tabelle 3<\/i> sind die entsprechenden Ergebnisse seit 1913 zusammen mit den neusten verf\u00fcgbaren Daten dargestellt. <i>Grafik 3<\/i> liefert die zeitliche Entwicklung des HDI f\u00fcr die Schweiz. Mit einem Wert von 0,673 im Jahr 1913 entsprach der Entwicklungsstand der Schweiz damals etwa jenem von Marokko oder S\u00fcdafrika im Jahr 2007. Beide L\u00e4nder z\u00e4hlen heute zur L\u00e4ndergruppe mittlerer menschlicher Entwicklung. Neben den Fortschritten bez\u00fcglich materiellem Lebensstandard ist vor allem die Lebenserwartung bei Geburt eindr\u00fccklich gestiegen. \u00dcberhaupt ist festzustellen, dass L\u00e4nder mit geringer menschlicher Entwicklung heute bez\u00fcglich Lebenserwartung gr\u00f6ssere Fortschritte erzielt haben als bez\u00fcglich des eng gefassten materiellen Wohlstands, bei dem sie oft noch weit hinterherhinken. Dramatisch ist beispielsweise der R\u00fcckgang der S\u00e4uglingssterblichkeit. Diese ist in der Schweiz seit 1920 von 29 Totgeburten auf 1000 Einwohner auf heute noch knapp 4 gefallen. Auch bez\u00fcglich Einschulungsquote kann f\u00fcr die Schweiz eine Zunahme von 52,2% 1913 auf 99% 2007 beobachtet werden. Insgesamt zeigt der HDI aber, dass die Korrelation zwischen Wirtschaftswachstum und Verbesserung des Lebensstandards oder des Wohlstandes sehr eng ist. Dies wird auch durch Untersuchungen der OECD gest\u00fctzt (siehe z.B. <i>Boarini, 2006<\/i>).&#13;<\/p>\n<h2>Schlussbemerkung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAuch wenn die hier skizzierte Entwicklung des BIP und des BIP pro Kopf der Bev\u00f6lkerung notwendigerweise sehr knapp ist, sollte sich dennoch gezeigt haben, dass die wirtschaftliche sowie die umfassender gemessene \u00abmenschliche\u00bb Entwicklung der Schweiz \u00fcber die vergangenen rund 90 Jahre beeindruckend ist. Dies gilt sowohl absolut wie auch im Vergleich zu anderen L\u00e4ndern. Der mittels BIP gemessene rein materielle Wohlstandszuwachs d\u00fcrfte die tats\u00e4chliche Wohlstandszunahme erheblich untersch\u00e4tzen. Deutlich wird dies, wenn ber\u00fccksichtigt wird, dass wir heute \u00fcber G\u00fcter und Dienstleistungen verf\u00fcgen, die 1920 zu keinem Preis erh\u00e4ltlich waren. Neben den Verbesserungen der materiellen Lebensbedingungen schlagen auch Errungenschaften \u2013 wie etwa die drastische Senkung der S\u00e4uglingssterblichkeit oder die Reduktion der Analphabetenrate \u2013 positiv zu Buche. So richtig Keynes diese Fortschritte aufgrund seiner Trendextrapolation antizipierte, so spektakul\u00e4r irrte er in anderen Bereichen. Er ging beispielsweise davon aus, dass bis etwa 2030 die Arbeitszeit pro Erwerbst\u00e4tigen zur Deckung der lebensnotwendigen Aufwendungen noch rund 15 Stunden pro Woche betragen w\u00fcrde (siehe z.B. Zibilotti, 2008). Er erw\u00e4gt dann ausf\u00fchrlich die gesellschaftlichen Umw\u00e4lzungen, welche ein solcher Zugewinn an Freizeit mit sich bringen w\u00fcrde, und leitet davon das sp\u00e4ter ber\u00fchmt gewordene Konzept der technologischen Arbeitslosigkeit ab. Tats\u00e4chlich ist die durchschnittliche individuelle Arbeitszeit seit 1920 erheblich gefallen, jedoch l\u00e4ngst nicht so stark wie das Keynes vorhergesagt hat. Eine weitere Fehleinsch\u00e4tzung betrifft seine Vorhersage, wonach bis 2030 das fundamentale \u00f6konomische Problem der menschlichen Subsistenz gel\u00f6st sein werde. Bei all den erw\u00e4hnten Fortschritten muss jedoch auch hier zur Kenntnis genommen werden, dass dieses Problem wohl noch auf l\u00e4ngere Zeit hinaus nicht gel\u00f6st sein wird und wir uns auf die damit verbundenen paradiesischen Zust\u00e4nde noch etwas gedulden m\u00fcssen. Dies umso mehr, wenn wir den Blick auf jene Regionen der Welt richten, in denen nach wie vor bittere Armut herrscht. Und dennoch ist Keynes Vorhersage beeindruckend, wenn ber\u00fccksichtigt wird, dass nach Ver\u00f6ffentlichung seines Aufsatzes erhebliche R\u00fcckschl\u00e4ge hingenommen werden mussten: zuerst durch die Grosse Depression, sp\u00e4ter durch den Zweiten Weltkrieg und weitere Krisen. Dies l\u00e4sst nat\u00fcrlich die Hoffnung intakt, wonach die Chancen \u2013 trotz des heute grassierenden Pessimismus angesichts der gegenw\u00e4rtigen Wirtschaftslage \u2013 dennoch nicht schlecht stehen, dass unsere Gross- und Urgrossenkel in 100 Jahren mindestens eine weitere Vervierfachung des Wohlstandsniveaus gew\u00e4rtigen d\u00fcrfen. Ein stetiges Wachstum unseres Lebensstandards ist f\u00fcr uns mittlerweile so selbstverst\u00e4ndlich geworden, dass wir uns dieses kr\u00e4ftigen Trends erst dann bewusst werden, wenn gelegentlich gr\u00f6ssere Abweichungen davon auftreten oder vor\u00fcbergehend das Wirtschaftswachstum g\u00e4nzlich ausbleibt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1 \u00abReales BIP und j\u00e4hrliche Wachstumsraten der Schweiz, 1920\u20132008\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2 \u00abEntwicklung des BIP pro Kopf der Bev\u00f6lkerung in Deutschland, Frankreich und dem Vereinigten K\u00f6nigreich, 1920\u20132006\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 3 \u00abEntwicklung des Human Development Index (HDI) der Schweiz, 1913-2007\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 1 \u00abEntwicklung wichtiger Gr\u00f6ssen zwischen 1920 und 2008\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 2 \u00abDurchschnittliche j\u00e4hrliche Wachstumsraten und Standardabweichungen des BIP, 1920\u20132008\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 3 \u00abBIP pro Kopf und Human Development Index (HDI) der Bev\u00f6lkerung seit 1913 f\u00fcr ausgew\u00e4hlte L\u00e4nder\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Konstruktion der DatenreihenVom Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft (Seco) stehen Daten f\u00fcr das reale und nominale Bruttoinlandprodukt (BIP) ab 1980 zur Verf\u00fcgung. Zur\u00fcckgehend bis 1948 existieren zudem Sch\u00e4tzungen basierend auf den Wachstumsraten gem\u00e4ss OECD. Die BIP-Daten zwischen 1920 und 1947 wurden schliesslich aufgrund der Wachstumsraten gem\u00e4ss <i>Andrist et al. (2000)<\/i> zur\u00fcck gerechnet. Die nominalen Gr\u00f6ssen des BIP stimmen ungef\u00e4hr mit jenen von Ritzmann-Blickenstorfer (1996) f\u00fcr das BIP 1851-1913 \u00fcberein (siehe <i><a href=\"http:\/\/www.eso.uzh.ch\/modul4\/DataBase.html\">http:\/\/www.eso.uzh.ch\/modul4\/DataBase.html<\/a><\/i>). Daten zur Lebenserwartung, Bev\u00f6lkerungsentwicklung und weitere Indikatoren stammen vom Bundesamt f\u00fcr Statistik (BFS) (<i><a href=\"http:\/\/www.bfs.admin.ch\">http:\/\/www.bfs.admin.ch<\/a><\/i>).&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 2: Literatur und Quellen\u2212 Andrist, Felix, Richard G. Anderson und Marcela W. Williams (2000): Real Output in Switzerland: New Estimates for 1914\u201347. Federal Reserve Bank of St. Louis, 43\u201369 <i>(<a href=\"http:\/\/research.stlouisfed.org\/publications\/review\/00\/05\/05fa.pdf\">http:\/\/research.stlouisfed.org\/publications\/review\/00\/05\/05fa.pdf<\/a>).<\/i>\u2212 Boarini, Romina, Asa Johansson und Marco Mira d\u2019Ercole (2006): Alternative Measures of Well-Being. OECD Social, Employment and Migration Working Papers Nr. 33 <i>(<a href=\"http:\/\/www.oecd.org\/dataoecd\/13\/38\/36165332.pdf\">http:\/\/www.oecd.org\/dataoecd\/13\/38\/36165332.pdf<\/a>).\u2212 Crafts, Nicholas (2000): Globalization and Growth in the Twentieth Century. IMF Working Paper 00\/44 (<a href=\"http:\/\/www.imf.org\/external\/pubs\/ft\/wp\/2000\/wp0044.pdf\">http:\/\/www.imf.org\/external\/pubs\/ft\/wp\/2000\/wp0044.pdf<\/a>).\u2212 DeLong, Bradford (2000): Cornucopia. The Pace of Economic Growth in the Twentieth Century. NBER Working Paper 7602 (www.j-bradford-delong.net\/pdf_files\/ Cornucopia.pdf).- Keynes, John Maynard (1963): Economic Possibilities for our Grandchildren, in: Essays in Persuasion. Norton. \u2212 Maddison, Angus (2006): The World Economy. OECD Development Center Studies, Paris <i>(<a href=\"http:\/\/www.ggdc.net\/maddison\">http:\/\/www.ggdc.net\/maddison<\/a>).\u2212 Rogoff, Kenneth (2009): The \u00abNew Normal\u00bb for Growth. Project Syndicate (www.project-syndicate.org\/commentary\/rogoff56).\u2212 Ritzmann-Blickenstorfer, Heiner (1998): 150 Jahre schweizerischer Bundesstaat im Lichte der Statistik, in: Bundesamt f\u00fcr Statistik, Statistisches Jahrbuch der Schweiz 1998. Z\u00fcrich. (<a href=\"http:\/\/www.bfs.admin.ch\">http:\/\/www.bfs.admin.ch<\/a>, Infothek).\u2212 Ritzmann-Blickenstorfer, Heiner (1996): Historische Statistik der Schweiz. Chronos Verlag. (<a href=\"http:\/\/www.eso.uzh.ch\/modul4\/DataBase\">http:\/\/www.eso.uzh.ch\/modul4\/DataBase<\/a>. html).\u2212 Siegenthaler, H. (1987): Die Schweiz 1914\u20131984, in: Fischer W. (Hrsg.): Handbuch der Europ\u00e4ischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Bd. 6. Stuttgart.\u2212 Schweizerische Gesellschaft f\u00fcr Volkswirtschaft und Statistik (1964): Ein Jahrhundert schweizerischer Wirtschaftsentwicklung 1864\u20131964. Festschrift der SGSV. Bern.\u2212 Schweizerische Nationalbank (2007): Die Schweizerische Nationalbank 1907\u20132007. Z\u00fcrich.\u2212 Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft (2009): Bruttoinlandprodukt \u2013 Quartalssch\u00e4tzungen. (<a href=\"http:\/\/www.seco.admin.ch\">http:\/\/www.seco.admin.ch<\/a>, Themen, Wirtschaftslage, BIP Quartalssch\u00e4tzungen).\u2212 Stiglitz, Joseph E., Amartya Sen und Jean-Paul Fitoussi (2009): Report by the Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress <i>(www.stiglitz-sen-fitoussi.fr\/documents\/rapport_anglais.pdf).\u2212 UNDP (2009): Human Development Report 2009. Human development index 2007 and its components. (<a href=\"http:\/\/hdr.undp.org\/en\/media\/HDR_2009_EN_Table_H.pdf\">http:\/\/hdr.undp.org\/en\/media\/HDR_2009_EN_Table_H.pdf<\/a>).\u2212 Zilibotti, Fabrizio (2008): \u00abEconomic Possibilities for Our Grandchildren\u00bb 75 Years after: A Global Perspective, in: Revisiting Keynes: Economic Possibilities for Our Grandchildren. MIT Press (Hrsg. Lorenzo Pecchi und Gustavo Piga).<\/i><\/i><\/i><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus Anlass des 90. Geburtstages des Magazins Die Volkswirtschaft erfolgt hier ein kurzer R\u00fcckblick \u00fcber die wirtschaftliche Entwicklung der schweizerischen Volkswirtschaft von 1920 bis in die Gegenwart. Schwerpunkt bildet dabei die quantitative Entwicklung des Einkommens und des materiellen Wohlstandes. 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