{"id":121830,"date":"2009-12-01T12:00:00","date_gmt":"2009-12-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2009\/12\/stocker-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:35:28","modified_gmt":"2023-08-23T21:35:28","slug":"stocker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2009\/12\/stocker\/","title":{"rendered":"Klimaver\u00e4nderung und Post-Kyoto-Verhandlungen: Im Gespr\u00e4ch mit Thomas Stocker"},"content":{"rendered":"<p>Der Klimaphysiker an der Universit\u00e4t Bern, Thomas Stocker, leitet als Ko-Vorsitzender die Wissenschafts-Arbeitsgruppe 1 des Weltklimarats, welche die wissenschaftlichen Grundlagen des n\u00e4chsten IPCC-Berichts verfasst. IPCC steht f\u00fcr Intergovernmental Panel on Climate Change oder Zwischenstaatlicher Ausschuss f\u00fcr Klima\u00e4nderungen. Mit dem Bericht werden regelm\u00e4ssig die politischen Entscheidungstr\u00e4ger \u00fcber den Stand der Erkenntnis zum Klimawandel informiert. Das Interview umfasst Fragen zu den Erwartungen an Kopenhagen, zur Stellung der Schweiz in diesem Prozess, aber auch zu Arbeitsweise und Umgang mit kontroversen Positionen beim IPCC. Professor Stocker hat bereits vor zwanzig Jahren \u00fcber den Zusammenhang zwischen der Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosph\u00e4re und dem globalen Temperaturanstieg geforscht und ist als B\u00fcrger Verfechter einer aktiven Klimapolitik.<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/200912_11_Stocker01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"244\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Volkswirtschaft: Auf dem Klimagipfel vom 7. bis 18. Dezember 2009 in Kopenhagen geht es um ein neues globales Klimaschutzabkommen, das Nach-Kyoto-Protokoll. Was muss in Kopenhagen geschehen, damit Sie die Konferenz als Erfolg werten?\u00a0Stocker: Zentral ist, dass eine Einigung mit konkreten Klimazielen zustande kommt und die industrialisierten L\u00e4nder verbindlich zusagen, ihre CO2-Emissionen bis 2020 um 20%, 30% oder eventuell sogar 40% zu reduzieren; Schweden hat sich dazu bereiterkl\u00e4rt. Ohne diesen ersten Schritt der Industriel\u00e4nder werden die Schwellenl\u00e4nder nicht bereit sein, ihrerseits Verpflichtungen einzugehen. Die weltweiten Verpflichtungen sind wiederum unumg\u00e4nglich, um l\u00e4ngerfristig die Klimaziele, wie etwa eine Begrenzung der Erderw\u00e4rmung auf 2\u00b0 C, zu erreichen.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Kern- und Knackpunkt des Gipfels ist die Finanzierung des Klimawandels und damit verbunden die Umstellung auf die deutliche Reduktion des weltweiten CO2-Ausstosses. Angesichts der immensen L\u00f6cher, welche die Finanz- und Wirtschaftskrise in die \u00f6ffentlichen Haushalte der Industriel\u00e4nder gerissen hat, sind die Chancen nicht gr\u00f6sser geworden, dass sich eben diese L\u00e4nder auf der Konferenz grossz\u00fcgig zeigen werden. Was spricht f\u00fcr Sie dennoch daf\u00fcr, dass die Weltgemeinschaft einer Einigung n\u00e4her kommt?\u00a0Stocker: Klimaschutz zieht nicht nur Kosten, von denen immer wieder die Rede ist, nach sich, sondern bringt auch Nutzen in Form verminderter k\u00fcnftiger Sch\u00e4den. Der Klimawandel wird auf der Kostenseite sehr stark einschenken: Mit jedem Grad Temperaturanstieg werden Folgeerscheinungen &#8211; wie die Ver\u00e4nderung von \u00d6kosystemen, des Wasserhaushaltes, oder des Lebensraums durch den Anstieg des Meeresspiegels &#8211; schlimmer sein und folglich auch die Anpassung an diese Ver\u00e4nderung viel aufwendiger. Weltweiter Klimaschutz ist somit eine langfristige Grossinvestition, bei der man den Nutzen erst in ferner Zukunft haben wird, n\u00e4mlich durch intakte \u00d6kosysteme, deren Dienstleistungen, z.B. die Produktion von Nahrungsmitteln, lebenswichtig sind, durch gew\u00e4hrleisteten Zugang zu Ressourcen wie Wasser, und durch erhaltenen Lebensraum in K\u00fcstengebieten.\u00a0 Die Volkswirtschaft: Das Kyoto-Protokoll l\u00e4uft Ende 2012 aus &#8211; also erst in drei Jahren. Damit verbleibt noch Zeit f\u00fcr eine Einigung. Was w\u00fcrde f\u00fcr Sie eine Einigung erst \u00abin letzter Minute\u00bb bedeuten?\u00a0Stocker: \u00abDie letzte Minute\u00bb gibt es in diesem Sinne nicht. Aber wenn man zu lange wartet, verringert sich die Breite der zur Verf\u00fcgung stehenden Handlungsoptionen. So w\u00e4re ein Erreichen des 2\u00b0 C-Ziels vor 30 Jahren, als die wesentlichen wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Klimaerw\u00e4rmung als Folge der Emission fossiler Brennstoffe bereits auf dem Tisch lagen, relativ einfach zu erreichen gewesen. Inzwischen ist dieses Ziel sehr ehrgeizig geworden, denn es sind dazu Emissionsreduktionen bis zum Jahr 2050 von weltweit 80% notwendig. Das bedeutet nichts anderes als eine beinahe vollst\u00e4ndige Umstellung der Energiebereitstellung und Mobilit\u00e4t. Werden weiterhin keine Massnahmen ergriffen, so wird dieses Klimaziel bald nicht mehr erreichbar sein. Kleine Analogie: Wenn Sie mit Ihrem Fahrzeug auf ein Hindernis zufahren, gibt es einen Punkt, der abh\u00e4ngig ist von Geschwindigkeit und Bremsverm\u00f6gen, ab dem eine Kollision nicht mehr zu verhindern ist.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Die Wirtschaft will die Klimaziele auf eine wirtschaftlich effiziente Weise erreichen. Dazu geh\u00f6rt, dass CO2 dort abgebaut wird, wo es am g\u00fcnstigsten ist &#8211; und das bedeutet \u00fcber den Emissionshandel im Ausland, was sehr verst\u00e4ndlich ist.\u00a0Stocker: Der Emissionshandel ist an sich eine interessante Einrichtung. Dieser Umstand darf aber nicht von der Tatsache ablenken, dass sich letztlich alle L\u00e4nder an der CO2-Reduktion beteiligen m\u00fcssen. Heute wird der Emissionshandel h\u00e4ufig dazu benutzt, im eigenen Land nichts zu tun und daf\u00fcr die Emissionsrechte in einem Land einzukaufen, wo die Reduktion nach den heutigen Preisen am g\u00fcnstigsten ist. Dabei wird vergessen, dass der Preis f\u00fcr Emissionszertifikate sehr volatil ist: Vor rund drei Jahren ist er innerhalb weniger Monate von 5 auf 25 Franken hochgeschnellt. Dieses spekulative Element der Zertifikate macht eine zuverl\u00e4ssige Planung und Absch\u00e4tzung der wirklichen Kosten unm\u00f6glich. Der Kauf eines Zertifikates ist aber nur kurzfristig gedacht die \u00f6konomisch sinnvolle L\u00f6sung. Durch den Kauf transferieren wir viel Geld ins Ausland, um den ungebremsten Verbrauch von fossilen Brennstoffen sicherzustellen. Viel vern\u00fcnftiger w\u00e4re die Verwendung dieses Geldes im Inland, um langfristige Investitionen &#8211; zum Beispiel in den \u00f6ffentlichen Verkehr und im Geb\u00e4udebereich &#8211; zu t\u00e4tigen und ein aggressives Technologie- und Innovationsprogramm aufzubauen, mit dem Ziel, die CO2-Emissionen der Schweiz konsequent zu reduzieren und von der einseitigen Abh\u00e4ngigkeit von fossilen Brennstoffen wegzukommen. Dies bedeutet Schaffung von hochwertigen Arbeitspl\u00e4tzen und Wertsch\u00f6pfung im eigenen Land, anstatt eine neue und zus\u00e4tzliche Abh\u00e4ngigkeit von Zertifikaten einzugehen. \u00a0 \u00a0Die Volkswirtschaft: Trotzdem bleibt die Tatsache, dass heute im Ausland die Reduktion einer Tonne CO2 viel billiger ist als im Inland.\u00a0Stocker: Sie haben recht, wenn Sie ausschliesslich die heutigen Kosten betrachten und die Situation von morgen und \u00fcbermorgen ausblenden, n\u00e4mlich die Kosten f\u00fcr k\u00fcnftige Emissionsrechte, die Kosten f\u00fcr die Anpassung an den Klimawandel sowie die wachsenden Kosten von Klimasch\u00e4den. Im Alltag denken wir auch nicht so: Beim Kauf eines Paars Schuhe achten Sie sicher auch darauf, dass diese ein paar Jahre halten und eventuell repariert werden k\u00f6nnen und nicht gleich auseinanderfallen. Von dieser fast dogmatischen Kurzfristigkeit der \u00f6konomischen Betrachtung m\u00fcssen wir uns unbedingt l\u00f6sen. Das hat ja auch die aktuelle Finanzkrise gezeigt. Allerdings bezweifle ich auch dort, dass diese Lektion in den K\u00f6pfen angekommen ist.\u00a0Die Volkswirtschaft: Der Bundesrat ist bei seinen Vorschl\u00e4gen auch auf die Akzeptanz der Wirtschaft angewiesen und darf sich mit seinen Vorschl\u00e4gen keine Nachteile f\u00fcr den Wirtschaftsstandort Schweiz einhandeln. Was kann aus Ihrer Sicht die Schweizer Wirtschaft durch eine \u00abVorreiterrolle\u00bb im Clean-Tech-Bereich gewinnen?\u00a0Stocker: Die Schweiz kann nur gewinnen, handelt es sich doch um hochwertige neue Arbeitspl\u00e4tze, die vor allem im Bereich der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) geschaffen werden k\u00f6nnen. Wer heute stehen bleibt, der ist morgen im Hintertreffen. Grosse Innovationsleistungen zeichnen sich bereits am Horizont ab. Wenn wir sie in der Schweiz nicht erbringen, dann wird es jemand anderes tun. \u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Sie arbeiten gegenw\u00e4rtig am 5. IPCC-Bericht zum Klimawandel. Wie wird im Rahmen des IPCC gearbeitet? \u00a0Stocker: Es gibt drei Arbeitsgruppen: Die erste, die ich zusammen mit einem chinesischen Kollegen leite, beurteilt den Kenntnisstand \u00fcber die wissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels. Die zweite Arbeitsgruppe befasst sich mit den Auswirkungen auf Umwelt und Mensch; und die dritte Arbeitsgruppe bewertet die Handlungsoptionen zur Verminderung der Klimafolgen und zur Anpassung an den Klimawandel.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Wie geht IPCC mit nicht gesicherten Aussagen um?\u00a0Stocker: Unsere Aufgabe im IPCC ist es, die politischen Entscheidungstr\u00e4ger zum Stand des Wissens bez\u00fcglich Klimawandel zu informieren, und das in einer umfassenden, offenen, transparenten und politikneutralen Art und Weise. Vom IPCC ist denn auch nie eine Aussage zu h\u00f6ren, dass z.B. ein Ziel von maximal 2\u00b0 C Erw\u00e4rmung erreicht werden muss. Wir sagen nur: Falls die Policymakers ein Ziel von 2\u00b0 C beschliessen, hat das folgende Auswirkungen und Konsequenzen f\u00fcr Emissionen, Impact und Meeresspiegel. Wir sagen im selben Bericht auch, was eine Erw\u00e4rmung von 3\u00b0 C oder 4\u00b0 C oder auch 1,5\u00b0 C bedeutet. Das ist unsere Aufgabe. Alles andere hat nichts mit IPCC zu tun, sondern sind Aussagen von Einzelnen oder Interessengruppen oder ist ungenaue Berichterstattung.\u00a0Diese Aufgabe impliziert, dass wir die Themen in ihrer ganzen Breite darstellen. Wenn es einen Konsens gibt, zum Beispiel \u00fcber die bisher beobachteten Klima\u00e4nderungen, dann schreiben wir das in unserem Bericht und belegen das durch die vorhandene wissenschaftliche Literatur. Nur Publikationen, die nach den Regeln der Wissenschaft begutachtet worden sind, k\u00f6nnen ber\u00fccksichtigt werden, also keine graue Literatur oder sonstige Informationen. Wenn eine Kontroverse vorliegt, schreiben wir das ebenfalls. Zum Beispiel konnten wir bei den Wolken im 3. Bericht von 2001 das Vorzeichen der Ver\u00e4nderung noch nicht genau bestimmen. Dass aber der Effekt der Wolken nicht so stark sein kann, dass er den viel st\u00e4rkeren Wasserdampf-R\u00fcckkoppelungseffekt \u00fcberkompensieren kann, haben wir auch geschrieben &#8211; und das entsprach dem damaligen Konsens. Mittlerweile konnten wir das Vorzeichen des Wolkenfeedbacks im letzten Bericht als wissenschaftlichen Fortschritt vermelden. Jetzt hoffen wir, dass wir im n\u00e4chsten Bericht diesen Unsicherheitsbereich noch etwas reduzieren k\u00f6nnen.\u00a0Noch ein letzter Punkt bez\u00fcglich Kontroversen im IPCC: Im dritten Zustandsbericht haben wir sogar zwei renommierte Wissenschafter als Autoren eingeladen, die erkl\u00e4rte Klimaskeptiker waren. Ich selber habe damals in meinem Kapitel mit einem sehr prominenten US-amerikanischen Wissenschafter zusammengearbeitet, der auch heute immer noch zu den Klimaskeptikern geh\u00f6rt. Wir rangen hart um den Konsens und erreichten ihn auch in den meisten Punkten. Dissens, der in einigen spezifischen technischen Fragen vorlag, wurde ebenfalls formuliert.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Einer der prominentesten wissenschaftlichen Zweifler an den Aussagen des IPCC ist der Umweltphysiker Augusto Mangini von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, mit dem Sie auch bereits im Rahmen der Sternstunden am Schweizer Fernsehen debattierten. Vgl. Die Klima-Kontroverse. Die Umweltphysiker Thomas Stocker und Augusto Mangini im Gespr\u00e4ch. Sternstunde Philosophie vom 9.11.2008 (www.sf.tv\/sendungen\/sternstunden\/index.php?docid=20081109). Was sagen Sie zu seiner Kritik?\u00a0Stocker: Mein Freund Augusto Mangini ist ein guter Physiker, der in einem Teilgebiet der Klimaforschung ausgezeichnete Arbeit geleistet hat, n\u00e4mlich bei den Stalagmiten. Stalagmiten entstehen bekanntlich im Innern von H\u00f6hlen durch die Kalkausf\u00e4llung von Wassertropfen. Das Klimasignal, das man in der Atmosph\u00e4re feststellt, mit den Bedingungen, die in dieser feuchten H\u00f6hle herrschen, zu verbinden, ist alles andere als trivial. Noch eine Stufe schwieriger ist dann, dieses Klimasignal aus Messungen an den Stalagmiten herauszulesen. \u00a0Zu beachten ist auch, dass es sich um ein relativ junges Wissenschaftsgebiet handelt, wo noch viele Fragen offen sind. Herr Mangini hat meiner Meinung nach etwas vorschnell aus Messungen an Stalagmiten aus vereinzelten H\u00f6hlen Schl\u00fcsse \u00fcber die gesamte Nordhalbkugel und ihrer Temperaturver\u00e4nderung gezogen. Das kann man tun, solange man noch keine anderen gesicherten Informationen hat. Aber es gibt mit den Baumjahrringen, den Eisbohrkernen, den Bohrlochtemperaturen und anderen eine Reihe von wunderbaren Klimaarchiven, die bereits sehr konsistent zeigen, wie sich die Temperatur in den letzten 500 Jahren entwickelt hat. Und wer mit seinen Forschungen sp\u00e4ter dazu st\u00f6sst, hat die Pflicht, zun\u00e4chst einmal die eigenen Resultate grunds\u00e4tzlich zu verstehen, sozusagen die Sprache des neuen Klimaarchivs zu lernen und es dann zu lesen. Erst danach k\u00f6nnen diese Resultate in den gr\u00f6sseren Kontext gestellt werden. \u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: K\u00f6nnen Sie bereits etwas dar\u00fcber sagen, was die grossen Themen des 5. IPCC-Berichts sein werden?\u00a0Stocker: Bei der Plenarversammlung des IPCC vom 26. bis 29. Oktober 2009 in Bali wurde die Struktur des Berichts der Gruppe I, der 2013 publiziert werden soll, verabschiedet. Ein neues Kapitel wird sich mit den Wolkenprozessen und Aerosolen befassen und damit &#8211; so hoffen wir &#8211; eine der grossen Unsicherheiten in den Klimaprojektionen f\u00fcr die n\u00e4chsten 50 bis 100 Jahre reduzieren. Ein weiteres neues Kapitel betrifft die Reaktion des Meeresspiegels auf die Erw\u00e4rmung &#8211; einerseits durch die Ausdehnung des Wassers und andererseits durch das teilweise Abschmelzen der Polkappen und der Gletscher. Hier haben im letzten Zustandsbericht von 2007 noch relativ grosse Unsicherheiten geherrscht, die f\u00fcr uns selber wie auch f\u00fcr die Policymakers unbefriedigend waren.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Wollen wir die Klimawende erreichen, m\u00fcssen weltweit die Verhaltensweisen ge\u00e4ndert werden. Das bedeutet auch eine immense \u00dcberzeugungsarbeit, die von allen in diesem Kontext relevanten gesellschaftlichen Institutionen geleistet werden muss.\u00a0Stocker: Das ist in der Tat der Fall. Beginnen wir mit der Wissenschaft: Sie muss klar kommunizieren, neueste Erkenntnisse verst\u00e4ndlich bekanntgeben und auf Unsicherheiten aufmerksam machen. Es ist zwar unangenehm f\u00fcr \u00d6ffentlichkeit und Politik, von der Wissenschaft h\u00f6ren zu m\u00fcssen: \u00abDas k\u00f6nnen wir noch nicht sagen, hier sind wir unsicher.\u00bb Das ist jedoch die Essenz der wissenschaftlichen Glaubw\u00fcrdigkeit, dass neben der gesicherten Erkenntnis auch die L\u00fccken bekannt gemacht werden. Policymakers sind auch in ihrem Alltag st\u00e4ndig damit konfrontiert, in Unsicherheit zu entscheiden. \u00a0Auftrag der Politik muss sein, langfristig zu denken. Der Benefit der ergriffenen und noch zu ergreifenden Massnahmen f\u00e4llt zum Grossteil nicht bei uns, sondern bei den nachfolgenden Generationen an. Ein solches langfristiges Denken war fr\u00fcher selbstverst\u00e4ndlich, wenn ich etwa an die Einf\u00fchrung der AHV 1948 oder das Forstpolizeigesetz von 1876 denke. Aber auch der Bau der Neat ist ein Projekt, das bei kurzfristiger Renditebetrachtung niemals in Angriff genommen worden w\u00e4re.\u00a0Die Wirtschaft wiederum muss zur Kenntnis nehmen, dass die Klimaforschung seit \u00fcber 30 Jahren eine korrekte Botschaft vermittelt hat, die jedoch lange von einigen Kreisen der Wirtschaft mit allen m\u00f6glichen Mitteln bek\u00e4mpft worden ist. Heute wissen wir noch viel genauer, was die Konsequenzen unserer Entscheidungen f\u00fcr den Klimazustand 2020\/2050\/2100 sind. Diesen konkreten Wissensrahmen zur Verf\u00fcgung zu haben, ist eine einmalige Situation; normalerweise muss die Wirtschaft Entscheidungen bei gr\u00f6sster Unsicherheit treffen. Wir wissen definitiv, dass wir von der einseitigen Abh\u00e4ngigkeit von fossilen Brennstoffen wegkommen m\u00fcssen, um weltweite Klimasch\u00e4den und Ver\u00e4nderungen der Ressourcen zu vermeiden. Hier sind Chancen, welche die Wirtschaft der industrialisierten Welt ergreifen muss.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Wie beurteilen Sie die Rolle der Schweiz mit Blick auf Kopenhagen? \u00a0Stocker: Bei der Formulierung des Klimaziels haben wir es verpasst, eine Vorreiterrolle einzunehmen. Stattdessen hat die Schweiz das EU-Ziel \u00fcbernommen. Eine Vorreiterrolle hat &#8211; wie bereits erw\u00e4hnt &#8211; Schweden \u00fcbernommen. Schweden ist zwar EU-Mitglied, will aber dennoch mit dem 40%-Reduktionsziel \u00fcber die EU-Zielsetzung hinausgehen. Die Schweiz verpasst damit die M\u00f6glichkeit, eine von der EU unabh\u00e4ngige, ehrgeizigere Position einzunehmen. Nicht nur w\u00fcrde dies einen Innovationsschub ausl\u00f6sen; mit einem Voranschreiten k\u00f6nnte unser Land international auch deutlich an Image gewinnen, was wir gegenw\u00e4rtig bitter n\u00f6tig h\u00e4tten. Wir k\u00f6nnten der Welt zeigen, wie ein hochindustrialisiertes Land mit grosser Finanz- und Innovationskraft die Abh\u00e4ngigkeit von fossilen Energietr\u00e4gern durch eigene Kraft konsequent reduzieren kann. \u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Und wie beurteilen Sie die Umsetzung der Kyoto-Ziele, welche die Schweiz immerhin erreichen wird?\u00a0Stocker: Wir werden die Vorgaben von Kyoto nur durch den Zukauf von Zertifikaten erreichen. Chancen, Anreize und Leitplanken zur Reduktion der Emissionen im Inland zu setzen, wurden mehrmals verpasst. So wurde das Energiegesetz abgelehnt. Und einige der im CO2-Gesetz festgeschriebenen Massnahmen kamen nicht einmal zum Tragen. Die vorgesehene Einf\u00fchrung einer CO2-Abgabe auf Treibstoffen wurde durch den Klimarappen elegant abgewendet. \u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Am 5. November 2009 fand in Basel die von Bundesr\u00e4tin Doris Leuthard einberufene 2. Innovationskonferenz statt. Hauptthema der Konferenz war, die Schweiz als Forschungs- und Werkplatz f\u00fcr Cleantech in einem weltweiten Wachstumsmarkt noch besser zu positionieren. Es gibt also durchaus auch positive Zeichen.\u00a0Stocker: Zu konkreten Massnahmen geh\u00f6ren &#8211; neben den guten Worten &#8211; auch verbindliche Leitplanken, die von der Gesellschaft vereinbart werden und innerhalb derer sich die Wirtschaft frei entwickeln kann. Notwendig w\u00e4re eine Politik, die im Thema Klimaschutz und nachhaltige Entwicklung die Partikularinteressen hinter langfristiges und \u00fcberparteiliches Denken stellt.\u00a0Die Volkswirtschaft: Herr Stocker, besten Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGespr\u00e4chsleitung und Redaktion: Geli Spescha, Chefredaktor \u00abDie Volkswirtschaft\u00bb\u00a0Abschrift: Simon D\u00e4llenbach, Redaktor \u00abDie Volkswirtschaft\u00bb<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Klimaphysiker an der Universit\u00e4t Bern, Thomas Stocker, leitet als Ko-Vorsitzender die Wissenschafts-Arbeitsgruppe 1 des Weltklimarats, welche die wissenschaftlichen Grundlagen des n\u00e4chsten IPCC-Berichts verfasst. IPCC steht f\u00fcr Intergovernmental Panel on Climate Change oder Zwischenstaatlicher Ausschuss f\u00fcr Klima\u00e4nderungen. 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