{"id":121966,"date":"2009-11-01T12:00:00","date_gmt":"2009-11-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2009\/11\/spycher-4\/"},"modified":"2023-08-23T23:35:57","modified_gmt":"2023-08-23T21:35:57","slug":"spycher-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2009\/11\/spycher-3\/","title":{"rendered":"Kostensparen mit Massnahmen ausserhalb der Krankenversicherung?"},"content":{"rendered":"<p>Die Gesundheitskosten werden auch in Zukunft steigen. Effizienzgewinne innerhalb der Krankenversicherung (KV) sind aber m\u00f6glich, und es ist dringend notwendig, sie zu realisieren. Allerdings werden diese Gewinne den grundlegenden Trend kaum \u00e4ndern. Zunehmend r\u00fccken daher Massnahmen ausserhalb der KV in den Blickpunkt, insbesondere in den Bereichen Pr\u00e4vention und Gesundheitsf\u00f6rderung. Sind die Menschen ges\u00fcnder, dann werden sie auch weniger Leistungen in Anspruch nehmen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Gesundheitskosten steigen in der Schweiz seit vielen Jahren. Von \u00abKostenexplosion\u00bb oder \u00abPr\u00e4mienexplosion\u00bb sprach man schon in den 1970er-Jahren. Das Bild der Explosion trifft jedoch nicht zu. Die Gesundheitskosten haben seit 1960 vielmehr kontinuierlich zugenommen. Dies zeigt der internationale Vergleich (vgl. Grafik 1): Im OECD-Durchschnitt stiegen die Kosten zwischen 1960 und 2007 stetig von 48 US-Dollar auf 3075 US-$ pro Kopf an (zu Kaufkraftparit\u00e4ten). \u00a0Mit Ausnahme der USA durchliefen die meisten hoch entwickelten L\u00e4nder eine \u00e4hnliche Entwicklung. Deutschland und die Niederlande, deren Gesundheitssysteme mit der Schweiz vergleichbar sind, zeigen \u00e4hnliche Wachstumsraten, wenn auch auf einem etwas tieferen Kostenniveau. Der Verlauf in Grossbritannien &#8211; als Stellvertreter f\u00fcr ein staatliches Gesundheitswesen &#8211; ist ebenfalls vergleichbar, allerdings auf einem Kostenniveau leicht unter dem OECD-Durchschnitt. \u00a0Grafik 1 suggeriert eine exponentielle Entwicklung. Betrachtet man den Anteil der Gesundheitskosten am Bruttoinlandprodukt (BIP), sieht die Entwicklung bereits moderater aus (vgl. Grafik 2). Aufgrund des starken Wirtschaftswachstums in den vergangenen Jahren ist in der Schweiz der Anteil am BIP sogar leicht zur\u00fcckgegangen.&#13;<\/p>\n<h2>Verschiedene Faktoren f\u00fcr die Kostenentwicklung urs\u00e4chlich<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWelche Faktoren stehen hinter der l\u00e4ngerfristigen Kostenentwicklung? Neuere Literatur\u00fcbersichten verweisen sowohl auf angebotswie auch auf nachfrageseitige Faktoren. Vgl. Camenzind (2008) und Camenzind et al. (2008). Nachfrageseitig spielt die Entwicklung des Wohlstandes eine zentrale Rolle. Je gr\u00f6sser der Wohlstand, umso gr\u00f6sser ist der prozentuale Anteil der Ressourcen, die f\u00fcr Gesundheit ausgegeben werden. Ebenfalls wichtig sind die demografische Zusammensetzung der Bev\u00f6lkerung sowie das Inanspruchnahmeverhalten. Untersuchungen im Bereich der Invalidenversicherung zeigen eindr\u00fccklich, wie sich der Krankheitsbegriff in den letzten Jahren ver\u00e4ndert hat. Vgl. Bachmann\/Furrer (1999). Angebotsseitig spielt die Dichte und die Qualit\u00e4t des Angebotes eine wichtige Rolle. Empirische Analysen weisen zudem dem medizinisch-technologischen Fortschritt eine grosse Bedeutung zu. Schliesslich sind auch die Regelungen der Krankenversicherung wesentlich: Liberal-offenere Systeme f\u00fchren zu h\u00f6heren Kosten als st\u00e4rker staatlich regulierte Systeme. \u00a0In den j\u00fcngsten Diskussionen um die Zunahme der Pr\u00e4mien 2010 war immer wieder von der \u00abKonsumhaltung\u00bb der Versicherten die Rede; sie w\u00fcrden sich wie in einem \u00abSelbstbedienungsladen\u00bb verhalten. Bisher wurden noch keine Studien ver\u00f6ffentlicht, die diese Hypothesen best\u00e4tigen. Die Kostenbeteiligungen &#8211; in der Schweiz sind sie im internationalen Vergleich \u00fcberdurchschnittlich &#8211; sowie die \u00e4rztlichen Kompetenzen sollten einem solchen Verhalten aber wesentlich entgegenwirken. Ein Blick auf die Verteilung der Kosten zeigt, dass die Wirkungen einer Konsumhaltung nur beschr\u00e4nkt sein k\u00f6nnen (vgl. Grafik 3). 80% der Bev\u00f6lkerung weisen unterdurchschnittliche Kosten aus (unter 3000 Franken) und verursachen zusammen lediglich 19% der Gesamtkosten. Die 6% der Bev\u00f6lkerung, die am kr\u00e4nksten sind, haben demgegen\u00fcber einen Anteil von 52% der Gesamtkosten. Bei dieser Gruppe d\u00fcrfte eine Konsumhaltung kaum einen wesentlichen Einfluss auf die Kosten haben.\u00a0In den kommenden Jahren werden die Gesundheitskosten, sofern gesundheitspolitisch keine wesentlich anderen Weichenstellungen vorgenommen werden, weiter zunehmen. Colombier (2008) geht von einer Zunahme des Anteils der Gesundheitskosten am BIP von heute 10,8% auf 13,5% (2030) und auf 15,4% (2050) aus. Vuilleumier et al. (2007) kommen mit anderen Sch\u00e4tzmethoden bereits im Jahr 2030 auf Werte zwischen 15,4% und 16,7%. Die Ursachen f\u00fcr die Zunahme in den kommenden Jahren sind die gleichen wie in der Vergangenheit.&#13;<\/p>\n<h2>Finanzierungs- oder Kostenproblem?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEs gibt keine optimale H\u00f6he der Gesundheitskosten, keinen optimalen Anteil der Gesundheitskosten am BIP und auch kein optimales Kostenwachstum. Aus wissenschaftlicher Sicht kann man lediglich Aussagen dar\u00fcber treffen, ob die heutigen Leistungen effizient erbracht werden. Hier zeigt die Literatur, dass wir es in der Schweiz besser machen k\u00f6nnten. Vgl. beispielsweise OECD\/WHO (2006), Leu et al. (2008). \u00a0Vorerst stellt sich aber die Frage, warum gesundheitspolitisch die Kosten- und die Pr\u00e4mienentwicklungen als derart problematisch eingestuft werden. Mindestens zwei Bev\u00f6lkerungsgruppen stehen dabei im Zentrum: Zum einen die Gruppe der Gesunden. Sie bezahlen jedes Jahr Pr\u00e4mien und erhalten kurzfristig &#8211; aus ihrer Sicht &#8211; nur wenig direkte Gegenleistungen, ausser der Sicherheit, im Bedarfsfall gut versorgt zu sein. Im statistischen Durchschnitt verschlechtert sich die Gesundheit mit zunehmendem Lebensalter, so dass f\u00fcr die heute Gesunden auch eine intertemporale Sicht angebracht w\u00e4re. Leider gibt es heute noch keine intertemporale Inzidenzanalyse, die nachweist, wer \u00fcber den Lebenszyklus vom Gesundheitswesen netto profitiert und wer netto zahlt. Eine entsprechende Arbeit wurde vom Bundesamt f\u00fcr Gesundheit in Auftrag gegeben. Zum anderen geht es um die Gruppe der Haushalte mit tieferen Einkommen und keinen oder keinen wesentlichen Pr\u00e4mienverbilligungen. Diese Gruppe ist von den j\u00e4hrlichen Pr\u00e4mienzunahmen am st\u00e4rksten betroffen. Auch hierzu haben wir keine neueren empirischen Untersuchungen, die aufzeigen, wie viele Personen und Haushalte betroffen sind und wie sich die Pr\u00e4mienzunahmen konkret auswirken.\u00a0Wenn wir einen kurzen Moment vom vorhandenen Effizienzpotenzial in der KV abstrahieren und davon ausgehen, dass der Kostenentwicklung eine entsprechende Mehrleistung des Gesundheitswesens und eine Erh\u00f6hung der Lebensqualit\u00e4t gegen\u00fcber stehen, dann ist die Kosten-\/Pr\u00e4mienzunahme kein Problem per se. Es besteht aber f\u00fcr gewisse Bev\u00f6lkerungsgruppen ein Finanzierungsproblem und f\u00fcr andere &#8211; die \u00abGesunden\u00bb &#8211; ein Solidarit\u00e4tsproblem.&#13;<\/p>\n<h2>Wo ansetzen?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAkzeptieren wir f\u00fcr die folgenden \u00dcberlegungen den Ausgangspunkt, dass Gesundheitskosten eingespart werden sollen. Wo soll aber angesetzt werden? Zu allererst gilt es, einen oder den Systementscheid zu f\u00e4llen. Zur Auswahl stehen stark staatliche oder stark marktwirtschaftliche Ausgestaltungen des Gesundheitswesens. In der Schweiz haben wir uns bereits mit dem KUVG (vor 1996) und dann noch st\u00e4rker mit dem KVG f\u00fcr eine modifizierte Variante des \u00abregulierten Wettbewerbs\u00bb Vgl. Hammer et al. (2008). entschieden. Im Kern beinhaltet das Konzept im Rahmen der staatlichen Regulierungen den Einsatz marktwirtschaftlicher Koordination zwischen Angebot und Nachfrage (sei es bei den Versicherern oder bei den Leistungserbringern). Diese Offenheit f\u00fchrt zu Kostenzunahmen, wenn das Produkt &#8211; und dies ist bei den Leistungen des Gesundheitswesens der Fall &#8211; zunehmend nachgefragt wird und die Produktivit\u00e4tsfortschritte beschr\u00e4nkt sind. In mehr staatlich organisierten Gesundheitswesen ist es eher m\u00f6glich, die Kostenentwicklung zu kontrollieren. Der Preis daf\u00fcr sind allerdings oft anderweitige negative Auswirkungen (z.B. Warteschlangen, Zweiklassenmedizin etc.).\u00a0Welche Ansatzpunkte zum Kostensparen bleiben aber, wenn der grunds\u00e4tzliche Systementscheid des KVG zur Aufgabenteilung zwischen Markt und Staat nicht in Frage gestellt werden soll? Es gibt Einsparungsm\u00f6glichkeiten mit Massnahmen innerhalb und ausserhalb der Krankenversicherung.&#13;<\/p>\n<h2>Massnahmen innerhalb der Krankenversicherung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nSeit Jahren wird diskutiert, ob man beim Kostensparen eher die grossen Brocken angehen oder viele kleine Baustellen er\u00f6ffnen sollte. Aus unserer Sicht ist ein \u00absowohl als auch\u00bb sinnvoll, allerdings mit klarer Priorit\u00e4t bei den grossen Brocken. Wichtig ist zudem der Blick auf die Kostenverteilung (siehe Grafik 3). Substanzielle Kosteneinsparungen m\u00fcssen bei den besonders Kranken ansetzen. Die Gruppe der Hochkostenf\u00e4lle ist aber sehr heterogen. Vgl. Sommer\/Biersack (2005). Folglich kann es auch keine einfachen, sondern nur differenzierte Antworten geben. \u00dcberdies stellen sich bei dieser Gruppe von Versicherten sofort auch ethische Fragen (namentlich der Rationierung).\u00a0Zu den grossen Brocken an m\u00f6glichen Einsparungen z\u00e4hlen: \u00a0&#8211; Die Ver\u00e4nderung der Form der heute weitgehend unkoordinierten Leistungserbringung hin zur integrierten, auf die Bed\u00fcrfnisse der Patienten abgestimmte Versorgung (auch durch Managed Care und den Einsatz von E-Health-Instrumenten); \u00a0&#8211; Korrektur von Fehlanreizen f\u00fcr einzelne Akteure, damit sie in ihren \u00dcberlegungen sowohl Kosten wie auch Nutzen ihrer Handlungen ber\u00fccksichtigen (z.B. Einf\u00fchrung der Vertragsfreiheit, st\u00e4rkerer Einsatz von Pauschalabgeltungen, Einf\u00fchrung des Finanzierungsmonismus, weitere Reform des Risikoausgleichs durch st\u00e4rkere Ber\u00fccksichtigung der Morbidit\u00e4t der Versicherten). \u00a0Die Schaffung von gr\u00f6sseren Versorgungsregionen wird oft und aus plausiblen Gr\u00fcnden als grosser Brocken bezeichnet, gleichwohl ist das Kosteneinsparungspotenzial (leider) noch nicht ausreichend mit validen Studien belegt. Wohl entscheidender als die Regionengr\u00f6sse ist der Zentralisierungsgrad. Zu den kleineren bis mittleren Brocken geh\u00f6ren Tarifkorrekturen, die Anpassungen bei den Medikamentenpreisen sowie die Zulassung der Parallelimporte. Nur kleine Effekte sind zu erwarten von der Einf\u00fchrung der Telefonberatung, der Behandlung von Versicherten im Ausland sowie der punktuellen Substitution von \u00c4rzten durch Nicht\u00e4rzte.\u00a0Die oben genannten Massnahmen werden an dieser Stelle nur mit Blick auf ihre Kostenwirkungen dargestellt. Selbstverst\u00e4ndlich k\u00f6nnen und sollen sie sich auch in anderen Bereichen auswirken. So hat die Einf\u00fchrung von E-Health und der Vertragsfreiheit ganz wesentliche Konsequenzen in der Verbesserung der Qualit\u00e4t.&#13;<\/p>\n<h3>Reduktion des Grundleistungskatalogs: Fragliche Wirkung<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nNat\u00fcrlich k\u00f6nnte man zwecks Kostenreduktion auch wesentliche Pfeiler der heutigen Ausgestaltung ver\u00e4ndern, ohne das Grundkonzept des KVG in Frage zu stellen. Dazu geh\u00f6rt etwa die Reduktion des Grundleistungskatalogs. Die Reduktion w\u00fcrde vorerst einmal zu einer Kostenverschiebung f\u00fchren; Leistungen, die nicht mehr im Grundleistungskatalog enthalten w\u00e4ren, m\u00fcssten privat bezahlt werden. Die Solidarit\u00e4t zwischen Gesunden und Kranken w\u00fcrde reduziert. Aber w\u00fcrden auch echte Kosteneinsparungen resultieren? Wohl nur in sehr beschr\u00e4nktem Ausmass und zwar dort, wo Leistungen vorher \u00abunn\u00f6tigerweise\u00bb in Anspruch genommen worden sind. Ebenfalls eine Reduktion w\u00e4re bei den einkommensschwachen Haushalten zu erwarten. Sinnvoller scheint uns in dieser Frage ein anderer Weg zu sein: Die Anreize f\u00fcr die \u00c4rztinnen und \u00c4rzte sind so zu setzen, dass sie nur die notwendigen, wirksamen, zweckm\u00e4ssigen und effizienten Leistungen einsetzen. Dazu w\u00e4ren namentlich die Einf\u00fchrung der Vertragsfreiheit, die verst\u00e4rkte integrierte Versorgung sowie der verst\u00e4rkte Einsatz von Pauschalabgeltungen zu pr\u00fcfen.&#13;<\/p>\n<h2>Massnahmen ausserhalb der Krankenversicherung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nGrafik 4 zeigt ein stark vereinfachtes Schema zur Entstehung der Gesundheitskosten. Die individuellen und die strukturellen Gesundheitsdeterminanten beeinflussen den Gesundheitszustand. Zu den individuellen Determinanten geh\u00f6ren insbesondere das Lebensalter, das Geschlecht, die genetische Veranlagung sowie das Gesundheitsverhalten. Unter den strukturellen Determinanten finden sich die Arbeitsbedingungen, die Umwelt- und Verkehrsqualit\u00e4t, die sozialen Netzwerke, die Bildung und anderes. Der Gesundheitszustand hat Auswirkungen auf die Bereiche des Gesundheitswesen und der Wirtschaft. Gerade dem Zusammenhang zwischen Gesundheit und Wirtschaft &#8211; \u00abHealth is Wealth\u00bb &#8211; wird in der Schweiz noch viel zu wenig Beachtung geschenkt. \u00a0Folgen wir diesem einfachen Modell, dann scheint es logisch, durch Investitionen bei den Gesundheitsdeterminanten Kosteneinsparungen anzustreben. Colombier (2008) zeigt auf, dass durch eine Verbesserung des Gesundheitszustandes &#8211; ceteris paribus &#8211; die Gesundheitskosten statt 15,5% im Jahre 2050 nur 14,6% betragen w\u00fcrden. Weaver et al. (2008) zeigen analoge Ergebnisse f\u00fcr den Langzeitbereich auf. Die genannten Studien abstrahieren allerdings von den Kosten, die zur Verbesserung des Gesundheitszustandes notwendig sind. \u00a0Welche Determinanten bieten sich &#8211; unabh\u00e4ngig von den zu leistenden Investitionen &#8211; f\u00fcr eine wesentliche Verbesserung des Gesundheitszustandes an? Kickbusch (2008) verweist auf folgende zentralen Ansatzpunkte: \u00a0&#8211; Reduktion der sozialen Ungleichheiten, die heute noch immer zu starken gesundheitlichen Ungleichheiten f\u00fchren (vor allem durch mehr Bildung); \u00a0&#8211; Verbesserung der Arbeitsbedingungen; Reduktion der Erwerbslosigkeit; \u00a0&#8211; Erh\u00f6hung der individuellen Gesundheitskompetenzen, damit sich u.a. das individuelle Gesundheitsverhalten verbessert (namentlich im Bereich Tabak, Alkohol und Ern\u00e4hrung\/Bewegung).&#13;<\/p>\n<h3>Determinanten mit gutem Kosten-Nutzen-Verh\u00e4ltnis<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nLassen sich im Bereich der Gesundheitsdeterminanten Massnahmen finden, die auch unter Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten gut abschneiden? Zuerst m\u00fcssen wir kl\u00e4ren, welche Kosten- und Nutzenbegriffe verwendet werden. Sehr oft wird die Perspektive der Krankenversicherung eingenommen: Kosten werden dabei als pr\u00e4mienwirksame Zusatzkosten, der Nutzen als eingesparte KV-Kosten definiert. Bei vielen Massnahmen bilden diese Begriffsfassungen nur einen Teil der Wirklichkeit ab. So f\u00e4llt bei den durch Tabak und den missbr\u00e4uchlichen Alkoholkonsum ausgel\u00f6sten volkswirtschaftlichen Kosten nur ein Teil in den Bereich der Krankenversicherung. Dar\u00fcber hinaus ergeben sich indirekte (z.B. durch Arbeitsaunfall) und intangible Kosten (etwa durch die Reduktion der Lebensqualit\u00e4t). Es kann daher Massnahmen geben, die ein positives volkswirtschaftliches, aber ein negatives KV-Kosten-Nutzen-Verh\u00e4ltnis aufweisen. Eine besondere Schwierigkeit liegt darin, dass es Massnahmen gibt, die im Bereich der direkten Kosten (innerhalb der KV) Mehrkosten verursachen, die Nutzengewinne aber vor allem in der Verbesserung der Lebensqualit\u00e4t und somit ausserhalb der KV liegen.\u00a0Im Bereich von Pr\u00e4vention und Gesundheitsf\u00f6rderung gibt es &#8211; trotz grossen methodischen Herausforderungen &#8211; bereits zahlreiche Untersuchungen im In- und Ausland, die ein positives Kosten-Nutzen-Verh\u00e4ltnis von einzelnen Massnahmen nachweisen. Vgl. beispielsweise Abelson (2003) oder die spezialisierte Datenbank WHO-Choice (www.who.int\/choice). Das Bundesamt f\u00fcr Gesundheit (BAG) hat in der Vergangenheit bereits verschiedentlich Wirksamkeitsanalysen und Evaluationen von Pr\u00e4ventionsmassnahmen durchgef\u00fchrt. Zudem wird das BAG demn\u00e4chst die Ergebnisse von Kosten-Nutzen-Analysen von mehrj\u00e4hrigen Pr\u00e4ventionsprogrammen im Bereich Tabak, Alkohol und Unf\u00e4lle pr\u00e4sentieren. Im Bereich anderer Gesundheitsdeterminanten wurden weniger Kosten-Nutzen-Studien durchgef\u00fchrt, nicht zuletzt weil die Messung der Effekte besonders schwierig ist (z.B. bei der Erh\u00f6hung der Gesundheitskompetenz in den Schulen und Betrieben).&#13;<\/p>\n<h2>Gesundheitspolitische Agenda der kommenden Jahre<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Kosten- und Pr\u00e4mienentwicklungen werden in den kommenden Jahren auf der politischen Agenda verbleiben. Daneben gibt es aber aus einer breiteren gesundheitspolitischen Perspektive weitere Themen, die f\u00fcr die Gesundheit und die Lebensqualit\u00e4t der Bev\u00f6lkerung ebenso wichtig sein werden:\u00a0&#8211; Health Professionals: Die vorliegenden Studien des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums Vgl. Seematter-Bagnoud et al. (2008); Jaccard Ruedin\/Weaver (2009). weisen darauf hin, dass wir bei den Gesundheitsberufen im \u00e4rztlichen und nicht-\u00e4rztlichen Bereich in den kommenden 20 Jahren erstens die Altersr\u00fccktritte nicht alle werden ersetzen und zweitens den aufgrund der demografischen Verschiebungen entstehenden Mehrbedarf nicht werden decken k\u00f6nnen. Aufgrund der langen Ausbildungszeiten ist hier grosser Handlungsbedarf gegeben. Allerdings wird die L\u00f6sung des Problems nicht nur durch die Erh\u00f6hung der Abschl\u00fcsse erfolgen k\u00f6nnen. Die Lage ist komplizierter. Zuallererst braucht es den raschen \u00dcbergang zu integrierten Versorgungsformen sowie die Verst\u00e4rkung von Pr\u00e4vention und Gesundheitsf\u00f6rderung; beide Schritte reduzieren den Personalbedarf. Da auch andere Branchen die Jungen stark umwerben werden, ist weiter davon auszugehen, dass wir auch l\u00e4ngerfristig einen betr\u00e4chtlichen Teil der Health Professionals aus dem Ausland werden hereinholen m\u00fcssen. Weiter braucht es die Abstimmung der Lerninhalte der verschiedenen Berufe, damit eine integrierte Versorgung \u00fcberhaupt m\u00f6glich wird. Bildung ist die Voraussetzung f\u00fcr Qualit\u00e4tsgewinn durch effiziente Zusammenarbeit der Health Professionals entlang der Behandlungskette und somit ein Kostensparfaktor. Zudem k\u00f6nnen durch breite und differenzierte Bildungsangebote auf allen Bildungsstufen Karrierem\u00f6glichkeiten in diesen Berufen aufgezeigt werden, die sie gerade f\u00fcr eine junge Generation attraktiver machen und Wiedereinsteigern eine Perspektive \u00f6ffnen\u00a0&#8211; EU-Harmonisierung: Seit Herbst 2008 verhandelt die Schweiz mit der EU ein bilaterales Gesundheitsabkommen. Obschon noch keine Ergebnisse vorliegen, l\u00e4sst sich dennoch bereits sagen, dass dieses Abkommen in verschiedenen Bereichen gr\u00f6ssere Auswirkungen auf die Schweiz haben wird. Besondere Aufmerksamkeit kommt sicher einer neuen EU-Richtlinie zur Patientenmobilit\u00e4t (414\/2008) zu. Wenn sie Teil des zu \u00fcbernehmenden Acquis wird, dann werden sich unsere Grenzen stark \u00f6ffnen. Auch im Bereich E-Health und Qualit\u00e4tssicherung werden neue Anforderungen auf uns zukommen.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nMit grosser Wahrscheinlichkeit werden die Gesundheitskosten in den kommenden Jahren weiter zunehmen. Die gesundheitspolitischen Massnahmen k\u00f6nnen zwar die Wachstumsraten beeinflussen, verm\u00f6gen den Trend aber kaum wesentlich zu ver\u00e4ndern. Dies hat einerseits mit den zugrundeliegenden Ursachen des Kostenwachstums zu tun, die gleich bleiben werden (demografische Alterung, medizinisch-technischer Fortschritt, Wohlstandszunahme). Andererseits erfordern wesentliche Eingriffe in die Kostenentwicklung starke Einschnitte in die Regulierung des Gesundheitswesens, die heikle Themen aufwerfen (namentlich die Rationierung) und politisch heute noch nicht als reif bezeichnet werden k\u00f6nnen.\u00a0Die Kostenzunahme hat auch eine erfreuliche Seite, weist sie doch &#8211; auch eingedenk der vorhandenen Effizienzreserven &#8211; auf eine steigende Bedeutung dieses Wirtschaftszweiges und damit die hohe Besch\u00e4ftigungsrelevanz hin. Weniger erfreulich und anzugehen sind die Finanzierungsprobleme f\u00fcr gewisse Bev\u00f6lkerungsschichten. Da es sich bei der Krankenversicherung um eine Sozialversicherung handelt, d\u00fcrften die zunehmenden Kosten immer st\u00e4rker auch unter dem Gesichtspunkt der \u00abGrenzen der Solidarit\u00e4t\u00bb diskutiert werden. Die angesprochenen Effizienzreserven &#8211; man spricht von 20% bis 25% der heutigen Kosten &#8211; sind konsequent auszusch\u00f6pfen. M\u00f6chte man aber in Zukunft die Gesundheitskosten dauerhaft stabilisieren (z.B. auf 10% des BIP), dann sind staatliche Eingriffe notwendig, die mit anderen Zielvorstellungen (Qualit\u00e4t, Solidarit\u00e4t) in Konflikt geraten. Notwendig sind somit Strategien, welche die Menschen \u00fcber die Beeinflussung der Gesundheitsdeterminanten ges\u00fcnder machen, die Lebensqualit\u00e4t erh\u00f6hen und dadurch indirekt zur Reduktion der Kosten beitragen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1 \u00abEntwicklung der Pro-Kopf-Gesundheitskosten in ausgew\u00e4hlten L\u00e4ndern, 1960-2007\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2 \u00abVerteilung der Bruttokosten in der Krankenversicherung, 2008\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 3 \u00abEntwicklung der Gesundheitskosten als Anteil am Bruttoinlandprodukt in ausgew\u00e4hlten L\u00e4ndern, 1960-2007\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 4 \u00abZusammenhang zwischen Gesundheitsdeterminanten und Gesundheitswesen\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Literatur &#8211; Abelson Peter, Richard Taylor et al. (2003): Returns on investment in public health:An epidemiological and economic analysis. Australian Government. &#8211; Bachmann Ruth und Cornelia Furrer (1999): Die \u00e4rztliche Beurteilung und ihre Bedeutung im Entscheidverfahren \u00fcber einen Rentenanspruch in der Eidg. Invalidenversicherung. Beitr\u00e4ge zur Sozialen Sicherheit. &#8211; Camenzind Paul (2008): Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze regionaler Kostenunterschiede im Gesundheitswesen. Analyse der internationalen gesundheits\u00f6konomischen und gesundheitsstatistischen Literatur &#8211; mit besonderem Fokus auf die Schweiz. Arbeitsdokument 30 des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (Obsan).- Camenzind Paul, Spycher Stefan und Raymond Rossel (2008): Kosten, Finanzierung, Effizienz und Solidarit\u00e4t, in: Meyer Katharina (Hrsg.) (2008): Gesundheit in der Schweiz. Nationaler Gesundheitsbericht 2008, Obsan. Verlag Huber, S. 313-324.- Colombier Carsten (2008): Demografische Alterung und Gesundheitswesen &#8211; Mehrbelastungen prim\u00e4r in der Langzeitpflege, in: Die Volkswirtschaft 10-2008, S. 63-66.- Hammer Stephan, Martin Peter und Judith Trageser (2008): Wettbewerb im Gesundheitswesen: Auslegeordnung. Forschungsprotokoll 9 des Obsan.- Jaccard Ruedin H\u00e9l\u00e8ne und France Weaver (2009): Ageing Workforce in an Ageing Society: Wieviele Health Professionals braucht das Schweizer Gesundheitssystem bis 2030? Web-Publikation des Obsan. &#8211; Kickbusch Illona (2008): Auf dem Weg zu einer multisektoralen Gesundheitspolitik, in: Meyer Katharina (Hrsg.) (2008): Gesundheit in der Schweiz, S. 341-355.- Leu Robert E., Frans Rutten, Werner Brouwer, Christian R\u00fctschi and Pius Matter (2008): The Swiss and the Dutch Health Care Systems Compared: A Tale of Two Systems. Nomos Verlag.- OECD\/WHO (2006): OECD Reviews of Health Systems: Switzerland. Paris.- Seematter-Bagnoud Laurence, Julien Junod, H\u00e9l\u00e8ne Jaccard Ruedin, Maik Roth, Claudia Foletti, Brigitte Santos-Eggimann (2008): Offre et recours aux soins m\u00e9dicaux ambulatoires en Suisse &#8211; Projections \u00e0 l&#8217;horizon 2030. Document de travail 33, Obsan.- Sommer J\u00fcrg und Ortrud Biersack (2005): Hochkostenf\u00e4lle in der Krankenversicherung. Experten-\/Forschungsbericht zur Kranken- und Unfallversicherung. &#8211; Vuilleumier Mathieu, Sonia Pellegrini et Claude Jeanrenaud (2007): D\u00e9terminants et \u00e9volution des co\u00fbts du syst\u00e8me de sant\u00e9 en Suisse. Revue de la litt\u00e9rature et projections \u00e0 l&#8217;horizon 2030. &#8211; Weaver France , H\u00e9l\u00e8ne Jaccard Ruedin, Sonia Pellegrini, Claude Jeanrenaud (2008): Les co\u00fbts des soins de longue dur\u00e9e d&#8217;ici \u00e0 2030 en Suisse. Document de travail 34, Obsan.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Gesundheitskosten werden auch in Zukunft steigen. Effizienzgewinne innerhalb der Krankenversicherung (KV) sind aber m\u00f6glich, und es ist dringend notwendig, sie zu realisieren. Allerdings werden diese Gewinne den grundlegenden Trend kaum \u00e4ndern. Zunehmend r\u00fccken daher Massnahmen ausserhalb der KV in den Blickpunkt, insbesondere in den Bereichen Pr\u00e4vention und Gesundheitsf\u00f6rderung. 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