{"id":121976,"date":"2009-11-01T12:00:00","date_gmt":"2009-11-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2009\/11\/de-haller-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:36:22","modified_gmt":"2023-08-23T21:36:22","slug":"de-haller","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2009\/11\/de-haller\/","title":{"rendered":"Die Medizin ist in erster Linie zum Heilen da"},"content":{"rendered":"<p>In der Medizin geht es nicht nur um Pillen, Fiebermesser und Z\u00e4pfchen, obwohl man dies in Bundesbern manchmal zu denken scheint. In erster Linie geht es vielmehr um Menschen und Menschlichkeit. F\u00fcr \u00c4rztinnen und \u00c4rzte hat eine gute, richtige Medizin einen h\u00f6heren Stellenwert als wirtschaftliche \u00dcberlegungen &#8211; das ist einer der Grunds\u00e4tze des Selbstverst\u00e4ndnisses. Dies bedeutet selbstverst\u00e4ndlich nicht, dass die \u00c4rzteschaft das Geld zum Fenster hinauswerfen will oder dass f\u00fcr sie die Kostenproblematik v\u00f6llig unerheblich ist. Sondern es geht hier um eine Frage der Priorit\u00e4ten. Um es lapidar auszudr\u00fccken: Die Medizin ist nicht in erster Linie dazu da, um zu sparen, sondern um zu heilen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWirtschaftliche \u00dcberlegungen sind im Gesundheitswesen in Wirklichkeit nicht medizinischer, sondern ethischer Natur. Sie m\u00fcssen in die \u00dcberlegungen &#8211; als ein Element unter vielen anderen &#8211; integriert werden, mit denen der Behandlungsprozess gesteuert wird. Sie sind wichtig, haben aber nicht oberste Priorit\u00e4t. Und sie k\u00f6nnen uns keinesfalls veranlassen, die Qualit\u00e4t unserer Arbeit abzubauen. \u00a0Diese Qualit\u00e4t, die wir erhalten wollen, bezieht sich sowohl auf die erzielten Resultate (Outcome) als auch auf die Prozesse, die zu diesen Resultaten f\u00fchren. Dabei geht es insbesondere um die Beziehung zwischen Arzt und Patient, die &#8211; zusammen mit der Betreuung des Patienten &#8211; seit jeher in der Medizin von grundlegender Bedeutung ist. Wirtschaftliche \u00dcberlegungen m\u00fcssen daher von Fall zu Fall ber\u00fccksichtigt werden. Dies bedeutet, dass jede Situation einzeln entsprechend dem jeweiligen Patienten oder den betroffenen Personen beurteilt werden muss, und dass es weder allgemeing\u00fcltige Antworten noch rezeptm\u00e4ssige L\u00f6sungen gibt.&#13;<\/p>\n<h2>Von der Theorie zur Praxis<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn der Praxis m\u00fcssen dem Gesundheitssystem zweifellos wirtschaftliche Grenzen gesetzt werden, wie dies bei jedem T\u00e4tigkeitsbereich der Gesellschaft und des Staates der Fall ist. Dies bestreitet auch die \u00c4rzteschaft nicht. Sie setzt sich jedoch gegen unsinnige wirtschaftliche Grenzen zur Wehr, wenn diese etwa dazu f\u00fchren, dass f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung nicht mehr die ben\u00f6tigten medizinischen Leistungen erbracht werden k\u00f6nnen.\u00a0Vor diesem Hintergrund wird klar, dass wirtschaftliche Einschr\u00e4nkungen bei der Erbringung von medizinischen Leistungen politischer Natur sind. Die Politik hat den Auftrag der Gesellschaft, von der sie gew\u00e4hlt und legitimiert wird, in Bezug auf die Finanzierung des Gesundheitssystems die notwendigen Grenzen festzulegen. Angesichts der Sprunghaftigkeit der \u00f6ffentlichen Meinung zu diesem Thema ist das ein schwieriges Unterfangen. Dies ist jedoch kein Grund, dass sich unsere gew\u00e4hlten Entscheidungstr\u00e4ger dieser Verantwortung entziehen.\u00a0So haben weder die Versicherer noch die Personen, welche im Gesundheitswesen t\u00e4tig sind, die Grenzen des Systems selbst festzulegen. Sie haben aber die Aufgabe, f\u00fcr einen optimalen Betrieb zu sorgen und die verf\u00fcgbaren Mittel intelligent und mit Gemeinschaftssinn zu nutzen. Nicht zu ihrer Rolle geh\u00f6rt indes das Treffen von Entscheiden, die letztlich im Wesentlichen politischer Natur sind. \u00a0Selbstverst\u00e4ndlich soll man die so genannten \u00abbetroffenen Kreise\u00bb an der Festlegung der Grenzen des Systems beteiligen. Da sie \u00fcber die erforderlichen fachlichen Kompetenzen verf\u00fcgen, m\u00fcssen sie angeh\u00f6rt und einbezogen werden, und es w\u00e4re v\u00f6llig kontraproduktiv, darauf zu verzichten. Doch die Verantwortungsbereiche m\u00fcssen weiterhin klar aufgeteilt sein, damit das politische System richtig funktioniert.&#13;<\/p>\n<h2>Ein neuer Stil der Zusammenarbeit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Schweizer \u00c4rzteschaft misst der Ethik einen hohen Stellenwert bei. Sie f\u00fchlt sich f\u00fcr die bestm\u00f6gliche Nutzung des Budgets des Gesundheitssystems mitverantwortlich und engagiert sich in ihrer t\u00e4glichen beruflichen T\u00e4tigkeit entsprechend. Es geh\u00f6rt zwar nicht zu ihren Aufgaben, die Grenzen des Systems festzulegen, doch sie muss unbedingt in die \u00dcberlegungen zu dieser Frage einbezogen werden.\u00a0Was wir bis vor kurzem in der Gesundheitspolitik am meisten vermisst haben, ist ein Minimum an \u00dcbereinstimmung \u00fcber die Grunds\u00e4tze und die prinzipiellen Optionen. Es ist zweifellos auf diesen Umstand zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass konkrete Entscheide \u00fcber die Umsetzung der Ausrichtungen des Gesundheitssystems blockiert wurden. Offenbar entwickelt sich nun ein neuer Stil der Zusammenarbeit zwischen allen Akteuren des Gesundheitssystems, dank dem bisherige Blockaden \u00fcberwunden werden k\u00f6nnen. Wir setzen unsere Hoffnungen darauf und freuen uns dar\u00fcber.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Medizin geht es nicht nur um Pillen, Fiebermesser und Z\u00e4pfchen, obwohl man dies in Bundesbern manchmal zu denken scheint. In erster Linie geht es vielmehr um Menschen und Menschlichkeit. F\u00fcr \u00c4rztinnen und \u00c4rzte hat eine gute, richtige Medizin einen h\u00f6heren Stellenwert als wirtschaftliche \u00dcberlegungen &#8211; das ist einer der Grunds\u00e4tze des Selbstverst\u00e4ndnisses. 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