{"id":122021,"date":"2009-10-01T12:00:00","date_gmt":"2009-10-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2009\/10\/gerber-8\/"},"modified":"2023-08-23T23:36:34","modified_gmt":"2023-08-23T21:36:34","slug":"gerber-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2009\/10\/gerber-7\/","title":{"rendered":"Eine Tour d&#8217;Horizon zur Aussenwirtschaftspolitik der Schweiz: Im Gespr\u00e4ch mit Jean-Daniel Gerber, Direktor Seco"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Redaktion des Magazins \u00abDie Volkswirtschaft\u00bb hat die Gelegenheit wahrgenommen, Jean-Daniel Gerber, Direktor des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft (Seco), zu Stand und Aussichten der schweizerischen Aussenwirtschaftspolitik zu befragen &#8211; auf der bilateralen wie auf der multilateralen Ebene. Konkret standen insbesondere Fragen zur Gefahr des Protektionismus in der Krise, aber auch nach den Vor- und Nachteilen von Freihandelsabkommen und von WTO-Regeln zur Debatte. Wichtigstes Fazit: Traditioneller Handelsprotektionismus d\u00fcrfte weit weniger eine Gefahr sein als die neuen protektionistischen Tendenzen im Finanz- und Investitionsbereich. Und die Hoffnung auf einen Abschluss der Doha-Runde findet nach dem bekundeten Willen der G20 endlich Nahrung.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Volkswirtschaft: Wirtschaftskrisen versch\u00e4rfen in der Regel den Hang zu Protektionismus und schw\u00e4chen entsprechend den freien Welthandel. Wie hoch sch\u00e4tzen Sie gegenw\u00e4rtig die Gefahr eines weltweiten Protektionismus ein?&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGerber: Die Antwort f\u00e4llt je nach Bereich anders aus. Erfreulich ist, dass die D\u00e4mme gegen den Protektionismus im Handelsbereich bisher nicht v\u00f6llig eingebrochen sind. Wir sind weit vom Handelsprotektionismus entfernt, wie er in den 1930er-Jahren &#8211; mit verheerenden Folgen f\u00fcr die Weltwirtschaft &#8211; stattgefunden hat. Anders sieht es im Finanzsektor aus, wo deutlich weniger verbindliche Regeln bestehen. Da gibt es heute leider einen eigentlichen Run nach Abschottungsmassnahmen. So ist es Schweizer Finanzdienstleistern nicht mehr m\u00f6glich, in Deutschland Produkte anzubieten, ohne dort eine Niederlassung zu haben. Das ist bedenklich, wenn man sich vergegenw\u00e4rtigt, dass es in den 1960er- und 1970er-Jahren im Rahmen der OECD gelungen ist, einen freien Kapitalmarkt herzustellen.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Und wie sieht es bei den Investitionen aus?\u00a0Gerber: Auch bei den Investitionen steht es nicht zum Besten. Etliche L\u00e4nder haben Gesetzgebungen eingef\u00fchrt oder sind daran, solche einzuf\u00fchren, die vorsehen, dass im Ausland get\u00e4tigte Investitionen steuerlich benachteiligt werden. Damit wird Druck auf die Unternehmen ausge\u00fcbt, ihre Investitionen im Inland zu t\u00e4tigen und keine Arbeitspl\u00e4tze ins Ausland auszulagern. Ein prominentes Beispiel daf\u00fcr ist der sogenannte Levin-Coleman-Obama Stop Tax Haven Abuse Act in den USA oder das omin\u00f6se Steuerhinterziehungsverhinderungsgesetz &#8211; welch ein Wort &#8211; in Deutschland.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: In den letzten zehn Jahren hat die Zahl der abgeschlossenen FHA weltweit deutlich zugenommen, w\u00e4hrend die Verhandlungen f\u00fcr ein neues multilaterales Vertragswerk innerhalb der Doha-Runde stagnierten. Immer wieder wurden neue Termine f\u00fcr den Abschluss der Runde genannt, ohne dass ersichtliche Fortschritte erzielt wurden. Wie beurteilen Sie den gegenw\u00e4rtigen Stand und die Hoffnungen auf einen Abschluss?\u00a0Gerber: Ein zeitlicher Druck muss bestehen, um die Verhandlungen abzuschliessen. Fehlt dieser Druck, ist die Gefahr gross, dass sich die Sache bis anno domini verz\u00f6gern w\u00fcrde. Das Zustandekommen des Abschlusses h\u00e4ngt politisch stark von der US-amerikanischen Haltung ab. Da bisher aus Washington positive Zeichen ausgeblieben sind, ist es umso wichtiger, dass in der Schlusserkl\u00e4rung des G20-Gipfels vom 24.\/25. September 2009 in Pittsburgh (USA) der Wille bekundet wird, die Doha-Runde Ende 2010 abzuschliessen. \u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Wie sehen Sie das Verh\u00e4ltnis zwischen FHA und dem Multinationalismus?\u00a0Gerber: Der Multilateralismus hat eindeutige Vorteile, weil eine Konzession, die ein Land macht, dank der Meistbeg\u00fcnstigungsklausel auf alle L\u00e4nder anwendbar ist und weil das Streitschlichtungsverfahren funktioniert. Der Nachteil des Multilateralsimus ist, dass es \u00e4usserst schwierig ist, unter 150 L\u00e4ndern mit sehr disparaten Interessen eine Einigung zu erzielen. Das war schon bei der Tokio-Runde und der Uruguay-Runde so. FHA sind einfacher abzuschliessen, weil es in der Regel nur zwei Beteiligte gibt. Das erlaubt, pr\u00e4ziser auf die einzelnen Interessen einzugehen. Ein multilaterales Abkommen kann denn auch nie massgeschneidert sein. Die Konzessionen, die im Rahmen von FHA gemacht werden, haben zudem kleinere Auswirkungen, weil sie eben nur f\u00fcr die Partnerl\u00e4nder gelten. Deshalb wecken die schon fast universell geltenden WTO-Regeln gr\u00f6ssere \u00c4ngste, dass der freie Handel die inl\u00e4ndischen Anbieter bedrohen k\u00f6nnte.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Es gibt mehrere m\u00f6gliche Motive, FHA abschliessen zu wollen: Welche sind f\u00fcr Sie die wichtigsten?\u00a0Gerber: Das Hauptmotiv ist eindeutig das Vermeiden der Diskriminierung. Der schweizerische Exporteur muss mit gleich langen Spiessen k\u00e4mpfen k\u00f6nnen. Wenn er im Vergleich zu seinen deutschen, franz\u00f6sischen oder \u00f6sterreichischen Konkurrenten benachteiligt ist, wird es sehr schwierig. Wir haben schon relativ teure Produkte. Wenn zus\u00e4tzlich noch hohe Z\u00f6lle auf diese Produkte geschlagen werden, besteht die grosse Gefahr, dass der schweizerische Exporteur nicht zum Zuge kommt. Das zeigt sich am Beispiel Tunesien: Als das Land mit der EU ein Freihandelsabkommen abschloss und mit der Schweiz noch keines hatte, sind unsere Exporte nach Tunesien um 30% gefallen. Mitte 2005 haben wir ein FHA mit Tunesien abgeschlossen. Seither sind unsere Exporte wieder deutlich gestiegen.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Anfang 2005 hat der Bundesrat die Aussenwirtschaftsstrategie verabschiedet. Wie gut ist die Schweiz gegenw\u00e4rtig in der Umsetzung der Strategie unterwegs? \u00a0Gerber: Wir sind sehr gut unterwegs, und ich kann dies auch belegen. Als die Aussenwirtschaftsstrategie vom Bundesrat verabschiedet worden ist, hatte die Schweiz weniger FHA als die EU. Heute ist es umgekehrt, dies aufgrund unserer neuen Taktik. Fr\u00fcher traten wir in Verhandlungen mit den Drittstaaten erst ein, nachdem diese mit der EU bereits ein Abkommen abgeschlossen hatten. Heute schliessen wir vor der EU FHA ab. Aktuelle Beispiele sind Korea, Japan und Kanada. Zudem verhandeln wir mit Indien, und Russland ersuchte auch um solche Gespr\u00e4che.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Die Schweiz hat auch ein FHA mit dem Golfkooperationsrat (GCC) abgeschlossen. Was zeichnet dieses FHA besonders aus?\u00a0Gerber: In den Golfstaaten gibt es eine sehr kaufkr\u00e4ftige Kundschaft, die besonders an Luxusprodukten interessiert ist. Das Abkommen selbst ist dadurch charakterisiert, dass es mit einer Zollunion abgeschlossen wurde. Zudem ist die Geschwindigkeit, mit der wir es abschliessen konnten, beeindruckend, n\u00e4mlich nach nur zwei Jahren. Die EU verhandelt schon seit fast 16 Jahren mit dem GCC, ohne einen Abschluss gefunden zu haben. Speziell sind im Abkommen die Regeln f\u00fcr das \u00f6ffentliche Beschaffungswesen. Der Grund ist, dass die Vereinigten Arabischen Emirate von Emirat zu Emirat unterschiedliche Gesetzgebungen haben, \u00e4hnlich unserem kantonalen F\u00f6deralismus. Das FHA Schweiz-GCC ist ein umfassendes Abkommen, das die Bereiche G\u00fcter, Dienstleistungen, \u00f6ffentliches Beschaffungswesen und geistiges Eigentum umfasst.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Sie kommen soeben von einer Erkundungsreise aus China zur\u00fcck. Die Schweiz und China sind daran, eine Machbarkeitsstudie \u00fcber ein m\u00f6gliches FHA zu erstellen. Was ist hier der Stand der Evaluation? Und wie beurteilen Sie die Aussichten?\u00a0Gerber: Im Oktober 2009 soll ein weiterer Workshop mit chinesischen und schweizerischen Unternehmen stattfinden. Der erste solche Workshop hat in China stattgefunden. Die chinesische Seite hat gewisse Bedenken gegen\u00fcber einem solchen Abkommen, weil wir ihrer Ansicht nach im Maschinenbau, bei den pharmazeutischen Produkten und bei den Uhren sehr wettbewerbsf\u00e4hig sind. Deshalb wurden chinesische Unternehmer in die Schweiz geschickt, um die Lage vor Ort zu beurteilen. Wir hoffen, dass die Chinesen einen Entscheid \u00fcber eine Machbarkeitsstudie treffen, die dann Februar\/M\u00e4rz 2010 in Auftrag gegeben werden k\u00f6nnte. Ich bin zuversichtlich, dass dieser Plan auch so umgesetzt werden kann. \u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Eine Machbarkeitsstudie wurde auch erstellt, um die Chancen f\u00fcr ein FHA zwischen den USA und der Schweiz zu evaluieren. In diesem Falle scheiterte die Aufnahme von Verhandlung insbesondere an unterschiedlichen agrarpolitischen Vorstellungen. Hingegen wurde ein Zusammenarbeitsforum CH-USA eingesetzt. Wor\u00fcber wird hier diskutiert oder verhandelt?\u00a0Gerber: Wie der Namen besagt, handelt es sich hier in erster Linie um eine Diskussionsplattform, wo wir gegenseitig unsere Anliegen einbringen oder autonom gewisse Erleichterungen zugestehen k\u00f6nnen. Das Forum hat aber auch einige wenige vertragliche Resultate gebracht, wie etwa das Abkommen zur Vereinfachung des E-Commerce, das von der damaligen Handelsbeauftragten der US-Regierung, Susanne Schwab, und Bundesr\u00e4tin Doris Leuthard unterzeichnet wurde. Aber ich gebe unumwunden zu, dass man damit weit von den Resultaten entfernt ist, die man mit einem FHA zwischen der Schweiz und den USA erhalten h\u00e4tte. Das Forum wird auch in Zukunft diese Erwartungen nicht erf\u00fcllen k\u00f6nnen.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Wenn Schweizer Unternehmen einen verbesserten Marktzutritt f\u00fcr den Absatz ihrer Produkte und besonders ihrer Dienstleistungen erhalten sollen, lassen sich diese &#8211; ob bioder multilateral &#8211; wohl nur \u00fcber substanzielle Agrarkonzessionen seitens der Schweiz erreichen. Wie wollen Sie die Schweizer Bauern von einer \u00d6ffnung \u00fcberzeugen?\u00a0Gerber: Die Schweizer Landwirte geh\u00f6ren zu den besten in Europa bez\u00fcglich Know-how und Qualit\u00e4t der landwirtschaftlichen Produkte. Was die Einstellung gegen\u00fcber der internationalen \u00d6ffnung betrifft, hoffe ich auf einen Wandel, vor allem bei den j\u00fcngeren Bauern. Die Welt ver\u00e4ndert sich. Entwicklungsl\u00e4nder streben mit ihren Produkten auf den Markt und fordern handelsliberalisierende Massnahmen im Landwirtschaftssektor. Schweizer Landwirte sind mit einigen ihrer ausgezeichneten Produkte durchaus wettbewerbsf\u00e4hig. Ich denke hier etwa an den ausserordentlich guten K\u00e4se, an die enorme Qualit\u00e4tssteigerung der Schweizer Weine und an Bioprodukte. Ich sehe nicht ein, wieso \u00d6sterreich, Bayern, der franz\u00f6sische Jura und das Burgund dem Wettbewerb ausgesetzt und erfolgreich sind und wir uns weiterhin verschliessen. \u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Wie beurteilen Sie den Weg, den die schweizerische Landwirtschaft auf dem Wege zu einer \u00d6ffnung bereits zur\u00fcckgelegt hat?\u00a0Gerber: Obschon sich die schweizerische Landwirtschaft in den letzten 20-30 Jahren bereits erheblich ge\u00f6ffnet hat, ist unser Selbstversorgungsgrad nicht gesunken. Er entspricht ungef\u00e4hr dem Stand des Selbstversorgungsgrades nach der Anbauschlacht im Zweiten Weltkrieg, obwohl die Bev\u00f6lkerung von 4 auf 7 Millionen zugenommen hat. Das zeigt, dass die Produktivit\u00e4t enorm gestiegen ist. Und ich sehe keinen Grund, weshalb dies in Zukunft nicht auch der Fall sein sollte. Nat\u00fcrlich sollen die Importschleusen nicht auf einen Schlag ge\u00f6ffnet werden. Aber man muss ehrlich sein und offen sagen, dass die Strukturbereinigung fortschreiten und sich beschleunigen wird. Heute verschwinden j\u00e4hrlich etwa 2% aller Landwirtschaftsbetriebe. Gemessen an den Anpassungen im Industrie- und Dienstleistungsbereich ist dieser Strukturwandel nicht besonders hoch. Das heisst aber nicht, dass die landwirtschaftliche Produktion im gleichen Ausmass zur\u00fcckgeht. Denn die Landwirtschaftsfl\u00e4che wird von anderen Betrieben \u00fcbernommen, die sie dann produktiver bewirtschaften k\u00f6nnen, weil sie mehr Fl\u00e4che zur Verf\u00fcgung haben. \u00a0Die Volkswirtschaft: Wie sieht es denn mit den Bergbauern aus, die vermutlich nie wirklich konkurrenzf\u00e4hig sein werden?\u00a0Gerber: Die Bergbauern werden wir auch in Zukunft stark subventionieren m\u00fcssen, sofern wir im Berggebiet eine Landwirtschaft wollen, und davon gehe ich aus. Aber sie sind auch nicht das grosse Problem, zumal sie nur einen geringen Anteil an der gesamten Landwirtschaft ausmachen.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Ein grosser Nachteil der FHA &#8211; im Vergleich zu WTO-Regeln &#8211; sind die Ursprungsregeln, die den Handel gar beeintr\u00e4chtigen k\u00f6nnen. Diese Regeln sind oft &#8211; und besonders f\u00fcr kleine und mittlere Unternehmen (KMU) &#8211; komplex und nicht transparent, was dazu f\u00fchren kann, dass das FHA gar nicht umgesetzt wird bzw. nicht zu mehr Handel f\u00fchrt, weil die Kosten f\u00fcr Informationsbeschaffung, Verwaltung und Verzollung zu hoch sind. Welche Unterst\u00fctzung d\u00fcrfen Unternehmen in der Schweiz erwarten?\u00a0Gerber: Die zuk\u00fcnftige L\u00f6sung liegt im elektronischen Service, bei dem man anklicken kann, welches Produkt man in welches Land exportieren will, und dann der zu entrichtende Zoll angezeigt wird und man den Ursprungsnachweis dazu auch noch gleich ausdrucken kann. Hier m\u00fcssen wir noch Fortschritte erzielen, damit die administrative Belastung vor allem der KMU reduziert wird. Ob die administrative Belastung aber so gross ist, dass es sich gar nicht lohnt, die Zollbefreiung zu verlangen, wage ich zu bezweifeln. Die Studie, die im Monatsthema (siehe Artikel Seite 4f.) vorgestellt wird, zeigt, dass die Vorteile der FHA von den Unternehmern trotz der administrativen Belastung gen\u00fctzt werden.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Die FHA der zweiten Generation schliessen auch die Dienstleistungen ein, was wiederum in innerstaatliche Kompetenzen eingreifen kann. Wie gross ist der faktische Handlungsspielraum?\u00a0Gerber: Wir gehen im Dienstleistungsbereich und im Bereich der \u00f6ffentlichen Beschaffungen nicht \u00fcber das hinaus, was unsere nationale Gesetzgebung erlaubt. Das ist aber in der Regel mehr, als die Gesetzgebung in unseren Partnerl\u00e4ndern gestattet. Die Konzessionen werden also meistens von den anderen gemacht; wir sind hier in einer offensiven Position &#8211; im Gegensatz etwa zur Landwirtschaft. Deshalb haben wir im Dienstleistungsbereich keine grossen Probleme. Beim \u00f6ffentlichen Beschaffungswesen gelten ja meist die WTO-Richtlinien, die auch mit der gesetzlichen Grenze der Schweiz \u00fcbereinstimmen. \u00a0Wo wir aber nebst der Landwirtschaft die gr\u00f6ssten Hindernisse haben, ist bei der Frage der Migration. Dort sind wir sehr restriktiv. Eine Anzahl L\u00e4nder w\u00fcnscht, dass sie bez\u00fcglich der M\u00f6glichkeit der Arbeitsaufnahme in der Schweiz mehr Zugang erhalten, damit sie ihre Mitarbeitenden entsenden k\u00f6nnen, um get\u00e4tigte Investitionen begleiten oder Dienstleistungen anbieten zu k\u00f6nnen.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Kommen wir zur\u00fcck zum Thema Bilateralismus und Multilateralismus: Was ist hier Ihre Vision? \u00a0Gerber: Vermutlich w\u00fcrden bedeutend weniger FHA abgeschlossen, wenn die Doha-Runde besser vorankommen w\u00fcrde. Die FHA sind in diesem Sinn \u00abSecond Best\u00bb-Abkommen. Die Schweiz ist ja bei Weitem nicht das einzige Land, das FHA abschliesst; Chile, Indien, China und viele andere L\u00e4nder tun dies. Gegenw\u00e4rtig wird die Lage auch als \u00abSpaghetti-Bowl\u00bb beschrieben. Man muss sich schon die Frage stellen, ob man bei der n\u00e4chsten WTO-Runde nicht einmal schauen sollte, wo der gemeinsame Nenner all dieser FHA liegt. Vermutlich w\u00fcrde man feststellen, dass durch die FHA ein erheblicher Anteil des Welthandels abgedeckt ist. Wenn dem so ist: Weshalb dann nicht das, was bereits bilateral existiert, einfach multilateral regeln? Dann h\u00e4tten wir statt einer Schale mit zahlreichen Spaghetti-Enden eine einheitlich mundende schmackhafte Schokoladenmousse. Das ist meine Zukunftsvision &#8211; nicht f\u00fcr heute und morgen, aber f\u00fcr \u00fcbermorgen.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Wie zuversichtlich sind Sie, dass die Schweizer Wirtschaft auch in Zukunft eine Erfolgsgeschichte bleibt?\u00a0Gerber: In den 1990er-Jahren haben wir wenig Fortschritte gemacht und waren am Schluss der OECD-Rangliste bez\u00fcglich Wirtschaftswachstum. Ab 2004 kam die Wende: Wir hatten pl\u00f6tzlich h\u00f6here Wachstumsraten und einen Abbau der \u00f6ffentlichen Haushaltsdefizite. All dies kam nicht von allein, sondern wegen der Reformen, die an die Hand genommen worden waren. Dazu geh\u00f6ren die Bilateralen mit der EU und die Intensivierung des Binnenwettbewerbs. Wenn wir die Reformen weiterziehen, dann werden wir auch in Zukunft wettbewerbsf\u00e4hig bleiben. Wenn wir uns zur\u00fcckziehen, statt weiter zu reformieren, dann werden wir zur\u00fcckfallen in die Stagnation der 1990er-Jahre. Deshalb mein Aufruf, die Reformen nicht wegen der schlechten Wirtschaftslage auf die lange Bank schieben.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Was halten Sie von der These von Prof. Reiner Eichenberger, wonach der Aufschwung 2004-2008 ein reines Migrationsph\u00e4nomen war, d.h. einzig von der Zuwanderung verursacht worden ist?\u00a0Gerber: Das stelle ich nicht grunds\u00e4tzlich in Abrede, aber es war ein wichtiges Element unter anderen. Vergessen wir nicht das grosse demografische Defizit, das die Schweiz aufweist. Entweder kompensieren wir diesen Ausfall durch Produktivit\u00e4tsfortschritte oder durch Einwanderung qualifizierter Arbeitskr\u00e4fte. Wir werden beides brauchen. \u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Herr Gerber, ich danke Ihnen f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.Gespr\u00e4chsleitung und Redaktion:Geli Spescha, Chefredaktor \u00abDie Volkswirtschaft\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAbschrift: Simon D\u00e4llenbach, Redaktor \u00abDie Volkswirtschaft\u00bb<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp;&#13; &#13; Die Redaktion des Magazins \u00abDie Volkswirtschaft\u00bb hat die Gelegenheit wahrgenommen, Jean-Daniel Gerber, Direktor des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft (Seco), zu Stand und Aussichten der schweizerischen Aussenwirtschaftspolitik zu befragen &#8211; auf der bilateralen wie auf der multilateralen Ebene. 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