{"id":122061,"date":"2009-10-01T12:00:00","date_gmt":"2009-10-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2009\/10\/schmid-6\/"},"modified":"2023-08-23T23:36:41","modified_gmt":"2023-08-23T21:36:41","slug":"schmid-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2009\/10\/schmid-5\/","title":{"rendered":"Ist Erwerbsarbeit f\u00fcr Sozialhilfebez\u00fcger ein Privileg? Ein Gespr\u00e4ch"},"content":{"rendered":"<p>Sozialhilfe ist in den letzten Jahren zu einem Dauerthema geworden. Vermuteter oder wirklicher Missbrauch sowie schwache oder gar g\u00e4nzlich fehlende Anreize f\u00fcr die Aufnahme oder Ausweitung der Erwerbst\u00e4tigkeit haben das Thema zu einem politischen und medialen Dauerbrenner gemacht. Dass die verschiedenen, zum Teil unabh\u00e4ngig fliessenden Quellen des Sozialstaates die Leistungsbez\u00fcger aus rationalen Motiven in der Sozialstaatsabh\u00e4ngigkeit gefangen halten, wurde besonders von \u00d6konomen kritisiert. Zur Steigerung der Wirksamkeit wurde in der Folge das Modell der aktivierenden Sozialhilfe entwickelt. Umso erstaunlicher, dass im sehr sachlich gef\u00fchrten Gespr\u00e4ch zwischen dem Vertreter der Arbeitergeber und der Sozialdienste \u00fcber Sozialhilfe nur wenig Differenzen auszumachen sind.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Volkswirtschaft: Die Seco-Studie, die in dieser Ausgabe zum Thema pr\u00e4sentiert wird, zeigt, dass rund ein Drittel der Neubez\u00fcger von Sozialhilfe im Arbeitsmarkt dauerhaft wieder eingegliedert werden konnte und ein weiterer Drittel zwischen zeitweisen Anstellungen und erneuter Sozialhilfe (\u00abDreht\u00fcreffekt\u00bb) pendelt. \u00dcberrascht Sie dieses Resultat?&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSchmid: Die Realit\u00e4t der Sozialdienste zeigt, dass eine Reintegration l\u00e4ngst nicht in allen F\u00e4llen m\u00f6glich ist. Die Sozialdienste wissen aus Erfahrung auch, dass der Anteil jener, die nur zeitweise eine Besch\u00e4ftigung finden, recht hoch ist. So gesehen \u00fcberraschen mich die Zahlen nicht.\u00a0Daum: Auch mich \u00fcberrascht das Resultat nicht. Erfreulich ist, dass immerhin ein Drittel wieder den Weg in den Arbeitsmarkt findet. Ein gewisser Wechsel zwischen Anstellung und Sozialhilfe ist wohl unvermeidlich. Das Ergebnis werte ich insgesamt als Aufforderung, noch besser zu werden. Dazu gibt es Hoffnung. Auch in der IV sind die Anstrengungen zur Aktivierung respektive zur Wiedereingliederung erst neueren Datums. Zu lange wurde Sozialhilfe nur als Finanzhilfe verstanden.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Kaum \u00fcberraschend ist wohl auch das Resultat, dass \u00e4ltere Menschen, Personen ohne Ausbildung und solche mit Sprachschwierigkeiten die gr\u00f6ssten Probleme bei der Reintegration haben? \u00a0Schmid: Es handelt sich in der Tat genau um jene Personengruppen, die in der Sozialhilfe stark vertreten sind: Personen ohne Ausbildung und mit Sprachschwierigkeiten. Es sind jene, die besondere Schwierigkeiten haben, eine neue Stelle zu finden. Dort ist auch der Ansatzpunkt. Deshalb engagiert sich die Sozialhilfe f\u00fcr Bildungsm\u00f6glichkeiten und -chancen der sozial Benachteiligten sowie f\u00fcr bessere Integration der Personen mit Migrationshintergrund.\u00a0Daum: Dieser Befund best\u00e4tigt eigentlich alles, was wir bisher wussten, n\u00e4mlich dass Sprache und Ausbildung entscheidend sind. Durch die Sprache wird berufliche Qualifikation erst erm\u00f6glicht. Die Sprache hat einen grossen Einfluss auf die Integration in soziale Netzwerke und transportiert Kultur sowie Normen des Sozialverhaltens. Viele Sozialhilfebez\u00fcger &#8211; insbesondere jene mit Migrationshintergrund &#8211; weisen hier ein gr\u00f6sseres Defizit auf. Die Resultate zeigen somit, wo der Hebel anzusetzen ist. Sie sind auch ein Hinweis darauf, dass bei der Migrations- und Integrationspolitik der Fokus noch st\u00e4rker auf diese Aspekte zu legen ist.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Welche gesellschaftlichen Faktoren haben Ihrer Meinung nach in erster Linie dazu beigetragen, dass die Sozialhilfequote gestiegen ist?\u00a0Daum: Mit dem Arbeitsmarkt haben sich in den letzten zwanzig Jahren auch die Anforderungen an die Arbeitnehmenden stark ver\u00e4ndert. Viele Menschen haben die entstandenen L\u00fccken zu ihrer beruflichen Qualifikation nicht f\u00fcllen k\u00f6nnen. Hinzu kommen gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen wie der deutliche Anstieg der Scheidungsquote und die steigende Zahl allein erziehender M\u00fctter. Diese Kombination von verschiedenen Ursachen, die untereinander in einer Wechselwirkung stehen, macht die Aufgabe der Sozialhilfe komplex. Es gibt noch einen Faktor, der Leute in die Sozialhilfe bringt: Viele Menschen haben M\u00fche mit der Kultur und den Anreizen des \u00abAnything goes\u00bb und des \u00abSubito-Konsums\u00bb. Manche Jugendliche wollen m\u00f6glichst schnell etwas verdienen, statt eine Ausbildung zu machen, und denken nicht daran, was die Konsequenzen ihres Handelns sind.\u00a0Schmid: Dazu geh\u00f6rt auch die Verschuldung bzw. die M\u00f6glichkeit, sich rasch Kredite zu verschaffen. Viele Sozialhilfeempf\u00e4nger kommen mit einem Schuldenberg daher. Aus unserer Sicht w\u00e4re ein griffiger Schutz vor solchen Kleinkrediten ein sinnvolles Instrument, um Leute davon abzuhalten, in eine Schuldenfalle zu tappen. Noch zur Sozialhilfequote: Sie ist eine Zahl, die f\u00fcr sich allein wenig aussagt, weil es in den Kantonen und Gemeinden unterschiedliche bedarfsabh\u00e4ngige Leistungen gibt, die vor der Sozialhilfe zum Tragen kommen. Wo Erg\u00e4nzungsleistungen oder Wohnzusch\u00fcsse existieren, kommt die Sozialhilfe erst sp\u00e4ter zum Zuge. So ist denn auch die Sozialhilfequote dort, wo diese zus\u00e4tzlichen Instrumente existieren, tiefer. Die Quote wird \u00fcbrigens auch ganz banal durch die M\u00f6glichkeit des Umzugs typischerweise vom Land in die Stadt beeinflusst.\u00a0Die Volkswirtschaft: Inwiefern hat die aktuelle Konjunkturkrise aus Ihrer Sicht die Reintegration von Sozialhilfebez\u00fcgern in den Arbeitsmarkt bereits sp\u00fcrbar erschwert?\u00a0Daum: Die Sozialhilfe wird wohl in den n\u00e4chsten zwei Jahren die Arbeitsmarktentwicklung in erheblichem Ausmass zu sp\u00fcren bekommen. Aber im Moment ist dies noch nicht der Fall.\u00a0Schmid: Dieser Einsch\u00e4tzung stimme ich grunds\u00e4tzlich zu. Nur eine Pr\u00e4zisierung: Bereits heute gehen vermehrt Leute direkt zur Sozialhilfe, ohne vorher durch die RAV gegangen zu sein. Es sind in der Regel Leute, die einen Job in prek\u00e4ren Arbeitsverh\u00e4ltnissen &#8211; wie befristete Arbeitsvertr\u00e4ge, Arbeit auf Abruf etc. &#8211; hatten, der nicht zur Er\u00f6ffnung einer neuen Rahmenfrist gef\u00fchrt hat. \u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Was sind f\u00fcr Sie realistische Zielsetzungen in der Sozialhilfe?\u00a0Schmid: Da die Gruppe der Sozialhilfeempf\u00e4nger heterogen ist, k\u00f6nnen auch nur gruppenspezifische Zielsetzungen formuliert werden. Wo Kinder allein erzogen werden m\u00fcssen, gen\u00fcgt etwa als Zielsetzung die gute Erziehung der Kinder. Bei einem anderen Bez\u00fcger kann das Ziel lauten, dass die Person &#8211; trotz psychischem Handicap &#8211; eine Stelle findet. Bei einem Suchtkranken kann ein realistisches Ziel lauten, dass sich seine Lage nicht weiter verschlechtert. Einem Jugendlichen k\u00f6nnen Sie als Ziel setzen, dass er von der Strasse wegkommt und eine Ausbildung in Angriff nimmt.\u00a0Daum: Ich sehe trotzdem f\u00fcr die Sozialhilfe \u00fcbergeordnete Ziele: eine m\u00f6glichst grosse Selbstst\u00e4ndigkeit der Betroffenen sowie eine m\u00f6glichst gute Integration in die Gesellschaft und &#8211; damit verbunden &#8211; in den Arbeitsmarkt. Meines Erachtens m\u00fcssen wir aber lernen, realistische Ziele zu setzen. Die Vorstellung, die Sozialhilfe m\u00fcsse jeden definitiv in den Arbeitsmarkt integrieren, ist in manchen F\u00e4llen nicht realistisch. \u00a0Schmid: Die Sozialhilfe ist subsidi\u00e4r. Wer zu den Sozialdiensten kommt, hat viel-fach schon mehrere andere Stellen &#8211; u.a. die RAV &#8211; durchlaufen, und vieles h\u00e4ngt davon ab, wie die vorgelagerten Sicherungssysteme funktionieren. Wenn Sie die IV versch\u00e4rfen, haben Sie psychisch Kranke, die keine Rente bekommen, die aber trotzdem \u00fcberleben m\u00fcssen und auf dem Arbeitsmarkt nicht willkommen sind. Es stellt sich ja kein Arbeitgeber hin, um diese Leute einzustel-len. In der Sozialhilfe landen Menschen, die weder ins System einer Sozialversicherung passen noch sich im Arbeitsmarkt eine Chance ausrechnen k\u00f6nnen.\u00a0Daum: Man kann diesen Bogen noch weiter spannen: Es gibt tats\u00e4chlich viele unterschiedliche Gruppen, und das Zusammenspiel der Sozialhilfe mit standardisierten Sozialnetzen (ALV, IV) ist eng. Aber die Ursachen reichen bis in die Bildungspolitik hinein, zumal mangelnde Qualifikation ein grosser Risikofaktor ist. Deshalb muss in der Ausbildung alles getan werden, das individuell vorhandene Potenzial zu nutzen und die Menschen bestm\u00f6glich zu bef\u00e4higen &#8211; immer mit dem Ziel, eine m\u00f6glichst grosse Selbstst\u00e4ndigkeit der Bez\u00fcger zu erreichen.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Wie beurteilen Sie den Wert von vor\u00fcbergehenden Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen? Haben diese \u00fcberhaupt eine Sprungbrettwirkung?\u00a0Daum: Auch wenn Besch\u00e4ftigungsprogramme keine Sprungbrettwirkung haben: Ich bin zutiefst \u00fcberzeugt, dass gute Besch\u00e4ftigungsprogramme verhindern k\u00f6nnen, dass sich Menschen immer mehr von der Arbeitswelt entfernen und ihre Einordnung in Arbeitsverh\u00e4ltnisse vollends verlieren. Selbstverst\u00e4ndlich gibt es keine Garantie f\u00fcr einen Ausweg aus der Besch\u00e4ftigungslosigkeit und der Sozialhilfe. Aber hier d\u00fcrfen die Bem\u00fchungen nicht nachlassen.\u00a0Schmid: Es geht nicht nur um die Sprungbrettwirkung, sondern auch um die soziale Integration. Die Politik ist immer bereit gewesen, Programme mit dem Ziel der beruflichen Integration zu f\u00f6rdern. Selten hat sie sich leider bereit erkl\u00e4rt, Programme zu finanzieren, die der sozialen Integration dienen, mit der Begr\u00fcndung, im einen Fall rentiere es und im anderen nicht.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Die Studie zeigt sich entt\u00e4uscht \u00fcber den Erfolg der Reintegrationsmassnahmen. Machen die Sozialhilfestellen aus Ihrer Sicht etwas falsch? Oder anders gefragt: Arbeiten Sozial\u00e4mter Ihrer Meinung nach mit gen\u00fcgend klaren Zielsetzungen?\u00a0Daum: Wenn ich mit Personen aus der Politik diskutiere, die nicht unmittelbar mit der Sozialhilfe vertraut sind, kommt fast reflexartig die Meinung: \u00abSozialhilfe gleich Geld.\u00bb Sozialhilfe ist aber weit mehr als bloss eine Geldleistung. Mindestens ebenso wichtig ist das Element der pers\u00f6nlichen Hilfe. Die Politik m\u00fcsste die Bedeutung dieses Elements st\u00e4rker gewichten, womit wir wieder bei der Differenzierung der Gruppen sind. Das heisst nicht, dass man in eine Art \u00abKuschelsozialhilfe\u00bb verfallen soll, sondern es geht um eine Fokussierung auf die jeweilige Fallkonstellation. Die einen brauchen in der Tat prim\u00e4r Geldleistungen, vielleicht erg\u00e4nzt mit Coaching und \u00c4hnlichem. Andere wiederum brauchen zur Hauptsache die nicht monet\u00e4ren Leistungen. Die Politik sollte sich mit dieser Mischung und dem Einsatz der verschiedenen Instrumente vertiefter auseinandersetzen. Das g\u00e4be auch den Sozialdiensten die richtigen Zielsetzungen.\u00a0Schmid: Ich bin sehr froh um diese Ausf\u00fchrungen. Die ber\u00fchmten SKOS-Richtlinien, die einen ganzen Ordner umfassen, zeigen es ganz deutlich: Nur eine einzige Seite der umfangreichen Empfehlungen, wie Sozialhilfe zu leisten ist, enth\u00e4lt die Tarife mit den Grundleistungen der Personen. Ein grosser Teil befasst sich mit Fragen der Integration. Es w\u00e4re sehr hilfreich, wenn die Politik eine etwas breitere Sicht dieser Thematik bek\u00e4me. Das heisst nicht, dass die Sozialdienste alles richtig machen. Aber die Sozialhilfe geh\u00f6rt wegen des \u00f6ffentlichen Drucks vermutlich zu den Systemen, die am schnellsten lernen. Die Bereitschaft, etwas Neues, etwas Erfolgreiches kennenzulernen und zu \u00fcbernehmen, wird auch durch den intensiven Wissens- und Erfahrungsaustausch in der SKOS zwischen den Sozialdiensten stark gef\u00f6rdert.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Dann w\u00fcrden Sie also die Aussage nicht unterst\u00fctzen, dass im Bereich der Sozial\u00e4mter ein Ausbildungsbedarf oder ein Bedarf des Austausches von guten Praktiken bestehe?\u00a0Daum: Die Betreuung ist um ein Vielfaches professioneller geworden &#8211; im Vergleich zur Situation in den Achtzigerjahren. Ich kann das beurteilen, weil ich damals auf kommunalpolitischer Ebene mit der Sozialhilfe zu tun hatte. Ungel\u00f6st scheint mir immer noch die Organisation der Sozialhilfe in den kleinen Gemeinden, die nach wie vor nicht \u00fcber professionelle Mitarbeitende verf\u00fcgen. Zu beachten ist aber auch die andere Seite, n\u00e4mlich die Transmission in die Politik, welche die Aufsichtsoder F\u00fchrungst\u00e4tigkeit wahrnimmt. Ich finde es ganz wichtig, dass die oberste F\u00fchrung der Sozialhilfe milizm\u00e4ssig organisiert ist. Von den Milizbeh\u00f6rden w\u00fcnschte ich mir allerdings noch gr\u00f6ssere Anstrengungen, um den Dialog zwischen den professionellen Sozialdiensten und der \u00d6ffentlichkeit zu intensivieren. Das ist wichtig, denn schliesslich geht es um den Einsatz erheblicher Steuergelder. \u00a0Schmid: Was der Sozialhilfe oft am meisten fehlt, ist ausreichendes Personal. Das Teuerste in der Sozialhilfe ist n\u00e4mlich, wenn ihr das Personal verweigert wird und mit einem Unterbestand schludrige Arbeit geleistet wird, mit den entsprechenden Konsequenzen. Lange Zeit haben viele Politiker diesen Zusammenhang nicht gesehen. In der aktuellen Krise habe ich den Eindruck, dass es den Sozialvorst\u00e4nden weniger schwerf\u00e4llt, ihren Argumenten f\u00fcr eine Aufstockung des Personals Geh\u00f6r zu verschaffen. Der Umstand, dass die Sozialhilfe vielerorts Aufgabe der Gemeinden ist, f\u00fchrt zudem zu einer starken Politisierung der Sozialhilfe, und das ist ein Problem. Das zeigt sich im Vergleich mit der Westschweiz, wo sie kantonal geregelt ist. Dort wird viel weniger aufgeregt debattiert, weil das Thema nicht bis in die kleinsten Ver\u00e4stelungen des f\u00f6deralistischen Staates hochgekocht wird. Wenn aber die Sozialhilfe gut organisiert ist, professionell gef\u00fchrt wird und etwa in regionalen Diensten zusammenarbeitet, spricht nichts dagegen, dass sie weiterhin in Gemeindezust\u00e4ndigkeit bleibt.\u00a0Daum: Ich bin ein Anh\u00e4nger der Sozialhilfe in Gemeindekompetenz. Auf Gemeindeebene lassen sich die Entwicklungen in der Sozialhilfe am besten nachvollziehen und mitgestalten. Bei einem Transfer auf Kantonsebene oder noch schlimmer auf Bundesebene best\u00fcnde die Gefahr, dass sie aufgrund der Entfernung lange kein Diskussionsthema w\u00e4re, dass aber nach zwei oder drei medial kritisierten F\u00e4llen pl\u00f6tzlich der Teufel los w\u00e4re. Selbstverst\u00e4ndlich gibt es in den Gemeinden auch unangenehme Diskussionen und teilweise v\u00f6llig unqualifizierte Angriffe. Aber sie sind Anlass, um sich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen. Nach meiner Erfahrung macht die Bev\u00f6lkerung in aller Regel mit, wenn die Diskussion gr\u00fcndlich gef\u00fchrt und richtig kommuniziert wird. Es gilt aufzuzeigen, was die Leistung der Sozialhilfe f\u00fcr die Gesellschaft ist, denn der richtige Umgang mit den verschiedenen Problemgruppen entlastet ja die Bev\u00f6lkerung. In meinen vierzehn Jahren als Kommunalpolitiker hatte ich nie ein Problem, die n\u00f6tigen Kredite zu bekommen.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Die Arbeitslosenversicherung weist bei der Integration von Arbeitslosen gute Erfolge auf. Grundprinzip ist die \u00abgegenseitige Verpflichtung\u00bb. K\u00f6nnte die Sozialhilfe von der ALV etwas lernen? \u00a0Daum: Was die Sozialhilfe von der ALV lernen kann, ist der Umgang mit den Arbeitgebern. Seit der Krise 2001-2003 wird den RAV eine gute Leistung attestiert. Die Sozialhilfe ist da noch etwas im zeitlichen Verzug, aber auf dem richtigen Weg. Allerdings gibt es zwischen den beiden Systemen erhebliche Unterschiede in der Aufgabenstellung: Die ALV befasst sich prim\u00e4r mit dem Bruch zwischen dem Individuum und dem Arbeitsmarkt. Die Sozialhilfe hat hingegen noch viele andere Br\u00fcche zu bew\u00e4ltigen, die zuerst aufzuarbeiten sind, damit dann der Arbeitsmarkt wieder ins Spiel kommen kann.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Wie funktioniert Ihrer Meinung nach die Zusammenarbeit zwischen der Sozialhilfe und der ALV?\u00a0Schmid: Der Kontakt zu den Arbeitgebern ist tats\u00e4chlich ein Problem. Wir von der SKOS fragen uns schon, weshalb eigentlich f\u00fcr die Eingliederung in den Arbeitsmarkt drei verschiedene Stellen zust\u00e4ndig sein sollen &#8211; n\u00e4mlich die ALV, die IV und die Sozialhilfe. Wir w\u00fcrden es gerne sehen, wenn die ganze Vermittlung zu den Arbeitgebern oder auch die Logistik der Besch\u00e4ftigungsprogramme an einer einzigen Stelle wahrgenommen w\u00fcrden &#8211; unabh\u00e4ngig davon, wer eigentlich f\u00fcr die Sicherung des Lebensunterhalts zust\u00e4ndig ist.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Warum nicht den grossen \u00abBefreiungsschlag\u00bb wagen und ALV, IV und Sozialhilfe in ein Sozialwerk integrieren?\u00a0Schmid: Ich glaube nicht an den Befreiungsschlag, der mit dem Zusammenlegen von ALV, IV und Sozialhilfe erfolgen k\u00f6nnte. Trotzdem sollten wir uns die gedankliche Freiheit zugestehen, das heute Bestehende zu hinterfragen. Wir stellen fest, dass die ALV f\u00fcr die ersten zw\u00f6lf Monate Arbeitslosigkeit hervorragend funktioniert. Gegen Ende der Rahmenfristen, wenn es auf die Aussteuerung zugeht, passiert nicht mehr viel, weil die Leute dann immer mehr \u00e4hnliche Probleme haben, die nachher in der Sozialhilfe auftauchen oder von der IV abgekl\u00e4rt werden. Wenn es jemand im ersten Jahr nicht schafft, eine Stelle zu finden, m\u00fcsste man mit anderen Methoden und anderen Instrumenten an ihn herangehen.\u00a0Daum: Wir sind immer f\u00fcr eine angemessene Befristung der ALV-Leistungen eingetreten. Diese Diskussion wurde in den 1990er-Jahren vor allem im Hinblick auf die Systemgrenzen gef\u00fchrt. Aber die Argumentation von Herrn Schmid f\u00fchrt letzten Endes zum gleichen Punkt: Je l\u00e4nger die Arbeitslosigkeit dauert, desto weniger liegt ihr ein reines Arbeitsmarktoder Arbeitsmarktf\u00e4higkeitsproblem zugrunde, und desto mehr sind andere Ursachen im Spiel, die unter Umst\u00e4nden zur Sozialhilfe oder in die IV f\u00fchren. Es w\u00e4re sinnvoll, die Arbeitslosen vor Ende der Taggeldbezugsdauer nach bestimmten Kriterien &#8211; seien es zeitliche oder andere &#8211; f\u00fcr ursachengerechte Massnahmen abzuholen. Auch mit der 5. IV-Revision ist man dazu \u00fcbergegangen, die potenziellen IV-F\u00e4lle m\u00f6glichst fr\u00fchzeitig zu erfassen.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Wo gibt es eine gemeinsame Interessenlage aller Sozialwerke?\u00a0Schmid: In dem Moment, wo es nicht mehr einfach darum geht, Bewerbungen zu schreiben, um den Tritt wieder zu finden, kommen ALV, IV und Sozialhilfe in eine \u00e4hnliche Interessenlage. Die Verfassung erm\u00f6glicht f\u00fcr solche Situationen eine spezielle Arbeitslosenf\u00fcrsorge. Davon hat der Gesetzgeber bis heute keinen Gebrauch gemacht.\u00a0Daum: Der \u00dcbergang von der ALV in die anderen Systeme kann sicherlich verbessert werden. Auch Joint Ventures sind m\u00f6glich. Es darf aber daraus nicht der Schluss gezogen werden, das Ende der Taggeldbezugsdauer bzw. die Aussteuerung seien noch weiter hinauszuschieben. Man k\u00f6nnte ebenso gut daf\u00fcr pl\u00e4dieren, die Zust\u00e4ndigkeitsgrenze der ALV fr\u00fcher anzusetzen. Wo genau diese Grenze liegt, ist aber f\u00fcr die grunds\u00e4tzliche Problematik nur von sekund\u00e4rer Bedeutung. Offenbar bestehen \u00dcbergangsprobleme, die unabh\u00e4ngig davon angegangen werden m\u00fcssen.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Meine Herren, ich danke Ihnen f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGespr\u00e4chsleitung und Redaktion:\u00a0Geli Spescha, Chefredaktor \u00abDie Volkswirtschaft\u00bb\u00a0Abschrift: Simon D\u00e4llenbach, Redaktor \u00abDie Volkswirtschaft\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Aktivierende Sozialhilfe Die Volkswirtschaft: Was halten Sie von der aktivierenden Sozialhilfe? Schmid: Das Thema wurden an den Solothurner SKOS-Tagen vom 3.\/4. September 2009 unter dem Titel \u00abPr\u00e4vention, Aktivierung und Integration in Zeiten wirtschaftlicher Krise\u00bb ausf\u00fchrlich und differenziert behandelt. Rund 200 Fachleute waren dort anwesend.a Das Resultat in aller K\u00fcrze: Das Setzen von Anreizen ist nicht so einfach, wie es sich manche \u00d6konomen und Politiker vorstellen. Es gibt F\u00e4lle, bei denen Druck die Leute erst recht bockig macht und nichts mehr geht. Die SKOS ist mitten in der Debatte, wie sie wirksame Sozialhilfe weiter ausgestalten kann.Daum: Wie in der Erziehung geht es in der Sozialhilfe darum, den richtigen Mix von Fordern und F\u00f6rdern zu finden. Je nach Person und Gruppe ist mehr oder weniger Druck angebracht. Das wird wohl auch keiner, der professionell Sozialhilfe betreibt, bestreiten. Bei Druck gilt es immer auch die famili\u00e4re Dimension zu beachten: Was passiert, vor allem mit den Kindern, wenn ein Familienverantwortlicher zu etwas gezwungen wird. Wir haben als Nicht-Profis zu oft nur Einzelf\u00e4lle vor Augen und sehen zu wenig all die Implikationen, die eine gute von einer weniger guten Behandlung eines Sozialfalles unterscheiden.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sozialhilfe ist in den letzten Jahren zu einem Dauerthema geworden. Vermuteter oder wirklicher Missbrauch sowie schwache oder gar g\u00e4nzlich fehlende Anreize f\u00fcr die Aufnahme oder Ausweitung der Erwerbst\u00e4tigkeit haben das Thema zu einem politischen und medialen Dauerbrenner gemacht. Dass die verschiedenen, zum Teil unabh\u00e4ngig fliessenden Quellen des Sozialstaates die Leistungsbez\u00fcger aus rationalen Motiven in der [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":3394,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"om_disable_all_campaigns":false,"ep_exclude_from_search":false,"footnotes":""},"post__type":[66],"post_opinion":[],"post_serie":[],"post_content_category":[76,98],"post_content_subject":[],"acf":{"seco_author":3394,"seco_co_author":null,"author_override":"","seco_author_post_ocupation_year":"","seco_author_post_occupation_de":"Chefredaktor Die Volkswirtschaft 2000 - 2013","seco_author_post_occupation_fr":"R\u00e9dacteur en chef de La Vie \u00e9conomique 2000 - 2013","seco_co_authors_post_ocupation":null,"short_title":"","post_lead":"","post_hero_image_description":"","post_hero_image_description_copyright_de":"","post_hero_image_description_copyright_fr":"","post_references_literature":"","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":122064,"main_focus":null,"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"8131","post_abstract":"","magazine_issue":null,"seco_author_reccomended_post":null,"redaktoren":null,"korrektor":null,"planned_publication_date":null,"original_files":null,"external_release_for_author":"19700101","external_release_for_author_time":"00:00:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/55a62135e0557"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/122061"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3394"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=122061"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/122061\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":127873,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/122061\/revisions\/127873"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3394"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=122061"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=122061"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=122061"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=122061"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=122061"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=122061"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}