{"id":122071,"date":"2009-09-01T12:00:00","date_gmt":"2009-09-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2009\/09\/aeppli-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:36:38","modified_gmt":"2023-08-23T21:36:38","slug":"aeppli","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2009\/09\/aeppli\/","title":{"rendered":"Schweizer Hochschulraum im Spannungsfeld zwischen politischer Koordination und Hochschulautonomie"},"content":{"rendered":"<p>Moderne Universit\u00e4ten haben vielf\u00e4ltige Aufgaben: Sie schaffen Wissen durch wissenschaftliche Forschung; sie vermitteln Wissen durch Bildung; und sie nutzen Wissen durch Innovation. Zus\u00e4tzlich entstehen neue Felder der inter- und transdisziplin\u00e4ren Forschung sowie des gegenseitigen Austausches mit der Gesellschaft &#8211; eine neue Art, Wissen zu generieren. F\u00fcr die erfolgreiche Bew\u00e4ltigung dieser Herausforderungen ist es essenziell, einerseits \u00fcber gen\u00fcgend Kontinuit\u00e4t zu verf\u00fcgen und anderseits ausreichend flexibel reagieren zu k\u00f6nnen. Deshalb muss ein neues Gesetz den Tr\u00e4gerschaften genug politischen Handlungsspielraum geben, damit sie sich f\u00fcr \u00abihre\u00bb Hochschule(n) verantwortlich f\u00fchlen &#8211; finanziell und politisch.<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/200909_10_Aeppli_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"248\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie g\u00e4ngigen Rankings von Universit\u00e4ten, welche in regelm\u00e4ssigen Abst\u00e4nden in den Medien herumgeboten und zitiert werden, haben den einen Punkt gemeinsam: Sie bauen prim\u00e4r auf den Resultaten von Forschungsaktivit\u00e4ten auf. Das mag ein sinnvoller Ausschnitt aus dem Aufgabenspektrum von Universit\u00e4ten sein, und jene Schweizer Universit\u00e4ten, die mit erfreulicher Regelm\u00e4ssigkeit Spitzenpl\u00e4tze belegen, haben allen Grund dazu, sich \u00fcber ihre Erfolge zu freuen. Aber es ist letztlich nur ein Ausschnitt. Was im Moment fehlt, sind gute Konzepte, wie sich Universit\u00e4ten profilieren k\u00f6nnen mit einem Begriff von \u00abExzellenz\u00bb, der \u00fcber das Gebiet der Grundlagenforschung hinausgeht. Noch wird keine Universit\u00e4t international daf\u00fcr gew\u00fcrdigt, wenn sie sich zum Beispiel besonders um ihre regionale Verankerung verdient macht. Noch fliesst in kein Ranking ein, wenn Studierende besonders fr\u00fch in die Forschung mit einbezogen werden. Und noch haben besonders innovative Ans\u00e4tze in der Lehre keine Auswirkung auf die wichtigsten Universit\u00e4tsranglisten.&#13;<\/p>\n<h2>In der Forschung vorne mit dabei<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn diesem Umfeld steht die schweizerische Hochschullandschaft jetzt auf dem Pr\u00fcfstand. Im Bereich der Forschung bietet die Schweiz weltweite Spitzenleistungen. Sowohl das Science, Technology and Innovation Scoreboard der OECD von 2007 wie auch der Science, Technology and Competitiveness Key Figures Report der Europ\u00e4ischen Kommission von 2008\/2009 zeigen, dass die Schweiz in der Zahl der wissenschaftlichen Publikationen &#8211; gemessen an der Gr\u00f6sse der Bev\u00f6lkerung &#8211; weltweit f\u00fchrend ist. Diese Spitzenposition bezeugt die hohe Qualit\u00e4t des Schweizer Forschungssystems, das haupts\u00e4chlich von den ETH und den Universit\u00e4ten getragen wird. Dass die grossen Hochschulen der Schweiz, die auf sehr publikationsintensive Forschungsgebiete &#8211; wie Life Sciences oder Physik &#8211; spezialisiert sind, dadurch in solchen Statistiken tendenziell besser abschneiden als solche, die st\u00e4rker den \u00abHumanities\u00bb &#8211; d.h. Geistes- und Sozialwissenschaften &#8211; verpflichtet sind, ist ein Aspekt des bemerkenswerten Erfolgs, der diesen aber nicht schm\u00e4lert. \u00a0Es gilt also, den erreichten hohen Stand wissenschaftlichen Schaffens in der Schweiz &#8211; allf\u00e4lligen Widrigkeiten wirtschaftlicher, politischer oder finanzieller Art zum Trotz &#8211; zu halten und die Voraussetzungen daf\u00fcr zu schaffen, dass wir den Vergleich mit den konkurrierenden Wissenschaftsnationen auch in Zukunft nicht zu scheuen brauchen. Die Schweiz muss sich bew\u00e4hren im Wechselspiel zwischen internationaler Kooperation und Wettbewerb; da hat sie als die vielzitierte Willensnation auch einige Erfahrung. Nur \u00fcber einen engen Austausch mit den weltweit f\u00fchrenden Personen und Institutionen kann sie ihr volles Potenzial entfalten. Und das Resultat sieht gut aus. Sie ist international hervorragend vernetzt &#8211; auf der wissenschaftlichen Ebene jedenfalls besser als auf der politischen. Auch im europ\u00e4ischen Verbund sind Schweizer Forschende jederzeit anerkannte und willkommene Partner in den Forschungsprojekten der EU. Auch die Kooperationen mit den USA und Asien sind stark und tragen Fr\u00fcchte in Form von Publikationen oder Innovationen.&#13;<\/p>\n<h2>Verbindlichkeit zwischen Tr\u00e4gerschaft und Hochschule<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEin wichtiger Aspekt zur Erhaltung und St\u00e4rkung der Wettbewerbsf\u00e4higkeit unserer Universit\u00e4ten ist deren Governance. Es gibt wohl kein Politikfeld, in dem die Widerspr\u00fcche zwischen institutionellen und globalen Zielsetzungen so deutlich werden wie in der Wissenschafts- und Hochschulpolitik. Die Wissenschaft geh\u00f6rt zu den ersten Global Players und ist seit Beginn der Neuzeit international ausgerichtet. Die Universit\u00e4ten als Institutionen sind hingegen \u00fcber ihre \u00f6ffentliche Tr\u00e4gerschaft stark mit der regionalen Politik verbunden. Regionale Verankerung und internationale Wirkung: Das war schon fr\u00fch die Losung!\u00a0Wie bei unseren europ\u00e4ischen Nachbarn ist die Governance der Hochschulen stark vom F\u00f6deralismus gepr\u00e4gt. Der Bund tr\u00e4gt den ETH-Bereich; die Universit\u00e4tskantone tragen ihre Universit\u00e4ten und zahlreiche Kantone allein oder gemeinsam die Fachhochschulen (FH). Die komplexen Strukturen, die durch diese Zust\u00e4ndigkeiten entstehen, m\u00fcssen einerseits pragmatisch vereinfacht werden. Andererseits darf die Vereinfachung nicht dazu f\u00fchren, dass die Bereitschaft, Hochschulen zu tragen und f\u00fcr deren Autonomie zu sorgen, zerst\u00f6rt wird. F\u00f6deralismus betont die regionale Zust\u00e4ndigkeit, unterst\u00fctzt die \u00dcbernahme von Verantwortung und Identifikation vor Ort und f\u00fchrt damit zur Forderung nach eigenst\u00e4ndiger Gestaltung sowohl der Tr\u00e4gerschaft als auch der Hochschulen. In der Wechselwirkung einer gewissen N\u00e4he zwischen der Tr\u00e4gerschaft der Hochschule und dem Wissenschaftsbetrieb kann die institutionelle Autonomie der Hochschule verantwortungsbewusst gelebt werden. \u00a0Dem F\u00f6deralismus als Governance-Prinzip der Kleinheit stehen Internationalit\u00e4t, internationaler Wettbewerb, teure Infrastrukturen und die Forderung nach Economies of Scale gegen\u00fcber. Es war der Bundesstaat, der das nationale Polytechnikum mit seiner schon in der Gr\u00fcnderzeit vergleichsweise teuren Infrastruktur geschaffen hat, nicht die Gruppe der Universit\u00e4tskantone. Der Grund daf\u00fcr war wohl, dass nationale Aufgaben &#8211; wie Eisenbahn- und Strassenbau sowie weitere technische Infrastrukturprojekte &#8211; diese Bereiche der nationalen Ebene zuwiesen. Hinzu kam, dass man die technikbegeisterte Jugend aus allen Landesteilen als Studierende dieser Schule im Blick hatte. \u00a0Heute ist der Aspekt der internationalen Konkurrenz f\u00fcr die universit\u00e4ren Hochschulen &#8211; aber immer mehr auch f\u00fcr die FH &#8211; der bestimmende Faktor der Entwicklung. Globale Orientierung in der Disziplin, internationaler Austausch auf h\u00f6chstem Niveau und Annahme der weltweiten Herausforderungen in allen Bereichen &#8211; von den technologischen und wirtschaftlichen F\u00e4chern bis zu den Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften &#8211; geh\u00f6ren zum Repertoire der modernen Wissenschaft.\u00a0F\u00fcr die erfolgreiche Bew\u00e4ltigung solcher Herausforderungen ist es essenziell, einerseits \u00fcber gen\u00fcgend Kontinuit\u00e4t zu verf\u00fcgen und anderseits ausreichend flexibel reagieren zu k\u00f6nnen. Dies gilt sowohl f\u00fcr Universit\u00e4ten als Institutionen wie auch f\u00fcr die Menschen, welche die Universit\u00e4ten ausmachen. Daf\u00fcr braucht die Institution viel Selbstst\u00e4ndigkeit und die Tr\u00e4gerschaft viel Vertrauen in die Institution. Und last but not least braucht es die n\u00f6tigen Ressourcen.&#13;<\/p>\n<h2>Auf dem Grat zwischen Steuerung und Profilierung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nInnerhalb der grossen hochschulpolitischen Vorgaben, die mit den Leitungs- und Tr\u00e4gergremien vereinbart werden, muss es einer Universit\u00e4t freistehen, ihre St\u00e4rken zu pflegen, an ihren Schw\u00e4chen zu arbeiten und ihre Ressourcen so einzusetzen, dass ihre Ziele erreicht werden. Die Bildungsverfassung, die das Schweizer Volk im Fr\u00fchling 2006 mit grossem Mehr angenommen hat, sieht dazu eine Koordination in besonders kostenintensiven Bereichen vor. Es ist hochschul- und finanzpolitisch sicher sinnvoll, dass sich nicht mehrere Institutionen parallel teure Infrastrukturen leisten, die dann doch nicht ausreichend ausgelastet werden. \u00a0F\u00fcr die Studierenden an den Schweizer Hochschulen ist es wichtig, eine Auswahl von Studienangeboten &#8211; auch innerhalb des gleichen Fachbereichs &#8211; zu haben. Mit ihren je eigenen Profilen entsprechen die Hochschulen diesen Anforderungen. Gleichzeitig erwarten die Studierenden mehr Durchl\u00e4ssigkeit sowohl zwischen den Hochschultypen als auch innerhalb der Studienbereiche. Durchl\u00e4ssigkeit hat aber einen Preis. Denn w\u00e4re ein Wechsel vom einen in das andere System ohne Mehraufwand m\u00f6glich, m\u00fcsste angenommen werden, dass die verschiedenen institutionellen Profile nicht ausreichend ausdifferenziert w\u00e4ren und dass tats\u00e4chlich so etwas wie der bef\u00fcrchtete \u00abEinheitsbrei\u00bb vorherrschte. Damit w\u00e4re weder den Studierenden noch den Institutionen gedient. Um die Orientierung zu erleichtern, hat die Schweizerische Universit\u00e4tskonferenz (SUK) im vergangenen Jahr die Bologna-Richtlinien mit einem Absatz zur Durchl\u00e4ssigkeit im Schweizer Hochschulsystem erweitert. Er beruht auf den inhaltlichen Absprachen der Rektorenkonferenzen der universit\u00e4ren und der p\u00e4dagogischen Hochschulen sowie der FH &#8211; ein konkreter und pragmatischer hochschulpolitischer Fortschritt.&#13;<\/p>\n<h2>Wissenschaftsplattformen schaffen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn Z\u00fcrich wird seit \u00fcber 20 Jahren mit Blick auf die internationale Herausforderung eine pragmatische Zusammenarbeit gelebt: Die Universit\u00e4t Z\u00fcrich und die ETH haben eine Rahmenvereinbarung, die enge Zusammenarbeit erm\u00f6glicht; zudem bestehen zahlreiche separate Abkommen zur gemeinsamen Erbringung wissenschaftlicher Leistungen. Die \u00fcber 20 gemeinsamen Lehrst\u00fchle und die Kooperationen im Bereich wissenschaftlicher Ger\u00e4te und R\u00e4ume erm\u00f6glichen das Konzept einer Wissenschaftsplattform Z\u00fcrich, die \u00fcber die politischen und institutionellen Grenzen hinweg engste Zusammenarbeit erm\u00f6glicht und f\u00f6rdert. Diese Konzeption findet vor allem im Bereich der medizinischen Forschung Anwendung, wo der Pas de deux mit den Universit\u00e4tskliniken zum Dreisprung wird. Zahlreiche Entdeckungen, Erfindungen, Publikationen, Patente und Lizenzen der letzten Jahre verdanken diesem Forschungs- und Wissenschaftspooling ihren Erfolg, so z.B. bei der Entwicklung von Bewegungsrobotern f\u00fcr die Paraplegiologie, bei den Forschungsprojekten im Bereich der Neurologie, bei der Proteinforschung oder bei den Anstrengungen, den BSE-Erregern auf die Spur zu kommen. Die enge Verzahnung der Forschungsakteure im Bereich des Medical Engineering in Z\u00fcrich hat &#8211; das zeigt die Bibliometrie deutlich &#8211; zu wissenschaftlicher Exzellenz gef\u00fchrt, die durch Verstetigung der Rahmenbedingungen, Optimierung der Prozesse und Motivation der Beteiligten noch gesteigert werden kann.\u00a0Die enge Zusammenarbeit von ETH und Universit\u00e4t Z\u00fcrich f\u00fchrt nicht selten zu Leadership in der globalen Wissenschaftsgemeinschaft. Als Beispiel sei hier die internationale Gletscherbeobachtung erw\u00e4hnt. Diese wurde 1984 nach dem Vorbild des Schweizer Gletschermessnetzes gegr\u00fcndet. Heute ist der World Glacier Monitoring Service (WGMS) unter dem Patronat der Unesco, dem UN-Umweltprogramm Unep, der Weltmeteorologischen Organisation (WMO) sowie internationalen Wissenschaftsgesellschaften f\u00fcr die Sammlung und Publikation von standardisierten Gletscherdaten aus der ganzen Welt verantwortlich. Der WGMS mit Sitz am Geografischen Institut der Universit\u00e4t Z\u00fcrich unterh\u00e4lt ein globales Kontaktnetz von lokalen Forschern und nationalen Korrespondenten. Das Langzeit-Monitoring von Gletschern liefert wichtige Kennzahlen f\u00fcr die globalen Klimabeobachtungsprogramme. \u00a0Es sind solche Beispiele von lokaler Zusammenarbeit mit globaler Ausstrahlung, die uns darin bekr\u00e4ftigen, bei der Umsetzung des neuen Verfassungsartikels von 2006 das richtige Steuerungsmass zu finden. Ein neues Gesetz muss den Tr\u00e4gerschaften genug politischen Handlungsspielraum geben, damit sie sich f\u00fcr \u00abihre\u00bb Hochschule(n) verantwortlich f\u00fchlen &#8211; finanziell und politisch. Und es muss den Hochschulen das Vertrauen geben, das sie f\u00fcr ihre Entwicklung im internationalen Wissenschaftsbetrieb brauchen und das ihre Forschenden und Lehrenden zu Kreativit\u00e4t und Bestleistungen anspornt.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Moderne Universit\u00e4ten haben vielf\u00e4ltige Aufgaben: Sie schaffen Wissen durch wissenschaftliche Forschung; sie vermitteln Wissen durch Bildung; und sie nutzen Wissen durch Innovation. Zus\u00e4tzlich entstehen neue Felder der inter- und transdisziplin\u00e4ren Forschung sowie des gegenseitigen Austausches mit der Gesellschaft &#8211; eine neue Art, Wissen zu generieren. 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