{"id":122186,"date":"2009-07-01T12:00:00","date_gmt":"2009-07-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2009\/07\/bodenmann-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:37:13","modified_gmt":"2023-08-23T21:37:13","slug":"bodenmann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2009\/07\/bodenmann\/","title":{"rendered":"Alleingang der Schweiz und harter Franken schaden der Schweizer Hotellerie &#8211; in der Krise mehr denn je"},"content":{"rendered":"<p>Die Banken akkumulierten auf Kosten der realen Wirtschaft zu lange zu hohe Gewinne. Die Einkommen und Verm\u00f6gen wurden und werden immer ungleicher verteilt. Auch der \u00f6kologische Umbau kam und kommt nicht vom Fleck. Im letzten Herbst sah Bundesbern noch keine Wolken am Konjunkturhimmel. Dabei war die Krise, deren Ende wir nicht absehen, l\u00e4ngst unterwegs. Die wesentlichen Ursachen dieser Krise: Zu viele Waren finden zu wenig K\u00e4ufer; zu viel Kapital findet zu wenige Anlagem\u00f6glichkeiten. \u00dcberproduktion und \u00dcberakkumulation pr\u00e4gen nicht nur die Automobilbranche. In der Krise k\u00f6nnen und m\u00fcssen Staaten handeln. Und zwei Dinge kombinieren: erstens antizyklisch sinnvolle Investitionen ausl\u00f6sen und zweitens den Strukturwandel beschleunigt voranbringen. Die Schweiz verzichtet &#8211; wie das Beispiel Hotellerie lehrt &#8211; auf jede notwendige Bewegung.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIm Folgenden werden die schwierigen Rahmenbedingungen der Schweizer Hotellerie kurz skizziert und pointiert kommentiert.&#13;<\/p>\n<h2>Harter Franken<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Schweizer Hotellerie war, ist und bleibt &#8211; wie Studien beklagen &#8211; im Wettbewerb der Standorte zu teuer. Sie konnte zwar in den Jahren 2000 bis 2007 ihre Position leicht verbessern. Doch dieser Vorteil ist weg: Der Franken ist heute &#8211; im Verh\u00e4ltnis zum Euro &#8211; um 8% h\u00e4rter als vor einem Jahr. Die Schweizerische Nationalbank hat ihre Zinsen zu lange nicht gesenkt &#8211; und l\u00e4sst sich f\u00fcr dieses offensichtliche Versagen gar noch \u00fcber allen Klee loben. Die Kosten tr\u00e4gt die reale Wirtschaft, d.h. die Lohnabh\u00e4ngigen und die Unternehmen der Exportwirtschaft.\u00a0Davon betroffen ist auch die Hotellerie, die nichts anderes ist als eine Exportindustrie mit Standort Schweiz. Wenig w\u00fcrde der Schweizer Hotellerie mehr helfen als die Einf\u00fchrung des Euro oder eines Systems international geregelter fester Wechselkurse, damit W\u00e4hrungen &#8211; wie dies der \u00d6konom Heiner Flassbeck fordert &#8211; nicht l\u00e4nger Spielb\u00e4lle im internationalen Finanz-Casino bleiben.&#13;<\/p>\n<h2>Hohe Zinsen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie reale Zinslast &#8211; und nur auf diese kommt es an &#8211; pro Hotelbett ist in \u00d6sterreich tiefer als in der Schweiz. Diese hohe Zinslast hat zwei Gr\u00fcnde: Die Zinsmarge der Schweizer Banken ist im internationalen Vergleich zu hoch. Zu hoch sind auch die Investitionskosten pro vergleichbarem Hotelbett, weil wir stark \u00fcberh\u00f6hte Bodenpreise und leicht \u00fcberh\u00f6hte Baukosten haben. Die realen Zinsen d\u00fcrften nicht h\u00f6her sein als das reale Wachstum pro Jahr. Sie liegen jedoch heute &#8211; angesichts sinkender Preise &#8211; weit dar\u00fcber.&#13;<\/p>\n<h2>Sonderzonen f\u00fcr wen?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Hotellerie ist in den St\u00e4dten auf zentrale und in den Alpen auf einmalige Standorte angewiesen. Nirgends sind die Bodenpreise in der Schweiz h\u00f6her als in Z\u00fcrich, Genf, Verbier, Zermatt und St.Moritz. Die hohen Bodenpreise verteuern den Neubau von Hotels und f\u00f6rdern die Umwandlung von Hotels in Luxus-Zweitwohnungen. Aus warmen Betten in besten Lagen werden kalte Betten in besten Lagen.\u00a0In Ferienorten wie Zermatt will die Bev\u00f6lkerung den Zubau von Zweitwohnungen drastisch beschr\u00e4nken. Trotzdem waren noch nie so viele Bagger und Lastwagen im Einsatz wie im Fr\u00fchling 2009. Die Umgehungsb\u00fcrokratie hat ein neues Ventil ge\u00f6ffnet: Ausl\u00e4ndische Steuerfl\u00fcchtige nehmen Wohnsitz in den alpinen Adlerhorsten und lassen sich diese steuerlich mit Pauschalabkommen vergolden. Noch einen Schritt weiter geht Obwalden: Es will Sonderzonen f\u00fcr Reiche schaffen statt Sonderzonen f\u00fcr seine Hotellerie.&#13;<\/p>\n<h2>Strafz\u00f6lle f\u00fcr den Tourismus<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn den eidgen\u00f6ssischen R\u00e4ten haben die Hotellerie und der Tourismus &#8211; ganz im Gegensatz zu den Bauern &#8211; kaum Vertreter. Dieses strukturelle Ungleichgewicht hat Folgen: Z\u00f6lle auf Lebensmittel sind nichts anderes als unsoziale Steuern, weil Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen proportional einen gr\u00f6sseren Anteil ihres Einkommens f\u00fcr Lebensmittel aufwenden. \u00a0Eigentlich m\u00f6chte der Bundesrat f\u00fcr landwirtschaftliche Produkte ein Freihandelsabkommen mit der EU abschliessen. Doch dieses Dossier kommt nicht voran, weil die Angst vor den Ruralen in der Schweiz den notwendigen Strukturwandel verhindert. Unter dem Strich bedeutet dies f\u00fcr den Tourismus und seine Besch\u00e4ftigten mehr als 1 Mrd. Franken Mehrkosten im Wettbewerb der Standorte.&#13;<\/p>\n<h2>Steigende Strompreise<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn der Schweiz sind Produktion und Verteilung von Strom in staatlichen H\u00e4nden, vorab in den H\u00e4nden jener Kantone, die bisher die \u00dcberlandwerke kontrollierten. Die Elektrizit\u00e4tsunternehmen konnten in den letzten Jahren ihre Kosten senken und gleichzeitig mit dem Handel von Strom \u00fcber die Grenzen hinweg ihre Gewinne vervielfachen. Investiert wurde wenig bis nichts, schon gar nicht in den \u00f6kologischen Umbau.\u00a0Noch ist die Hotellerie energieintensiv. Die Politik versprach der Wirtschaft &#8211; und somit der Hotellerie &#8211; g\u00fcnstigere Strompreise dank Strommarkt\u00f6ffnung. Das Resultat unter dem Strich sind massiv h\u00f6here Strompreise dank mehr staatlichen und parastaatlichen B\u00fcrokratien. Politisch verantwortlich ist niemand und etwas ver\u00e4ndern wollen ebenso wenige.&#13;<\/p>\n<h2>Marktabschottung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Schweiz importiert f\u00fcr mehr als 100 Mrd. Franken pro Jahr Waren. Diese Importe sind im Durchschnitt 30% zu teuer. Der Grund daf\u00fcr ist, dass der Schweizer Markt abgeschottet ist, und zwar wegen des Verbots von Parallelimporten, dem fehlenden Cassis-de-Dijon-Prinzip, zahnlosen Kartellbeh\u00f6rden und intakten vertikalen Kartellen.\u00a0Die Hotellerie ist investitionsintensiv. Praktisch jede Maschine ist in der Schweiz 30% bis 40% teurer als im nahen Ausland. Dank dem Internet f\u00e4llt der mehrwertsteuerkorrigierte Preisvergleich heute leicht. Schwieriger ist &#8211; wegen der teuren Zollb\u00fcrokratie &#8211; der Direktimport von Maschinen. Wer es trotzdem wagt, muss mit Nachteilen rechnen. Die Importeure drohen &#8211; diskret und rechtswidrig zugleich &#8211; beim Service und bei Reparaturen direktimportierter Maschinen mit Verz\u00f6gerungen.&#13;<\/p>\n<h2>Die L\u00f6hne<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nMit ihrem Lohn m\u00fcssen die Besch\u00e4ftigten zwecks Reproduktion der Arbeitskraft ihre Kosten decken. Jede und jeder braucht eine Wohnung, eine Krankenversicherung, Essen auf dem Tisch sowie Geld f\u00fcr die Ausbildung der Kinder, die Ferien und das Auto. Die Mieten sind zu hoch, weil die Bodenpreise zu hoch sind. Die Pr\u00e4mien der Krankenversicherungen explodieren, weil die Politik notwendigen Strukturwandel nicht angeht. Die hohen Lebensmittelpreise belasten die weniger Kaufkr\u00e4ftigen \u00fcberproportional. Selbst die Autos sind im internationalen Vergleich zu teuer. Kinder werden nicht billiger. Und ob es f\u00fcr anst\u00e4ndige Ferien reicht, ist offen.\u00a0Die nominalen L\u00f6hne im Gastgewerbe sind in den letzten zehn Jahren um durchschnittlich fast 20% gestiegen und werden absehbar weiter steigen. Die Lohnkosten sind in der Schweizer Hotellerie denn auch doppelt so hoch wie in \u00d6sterreich. Trotzdem bleibt in der Schweiz real unter dem Strich zu wenig Lohn, weil fehlende Strukturreformen nicht nur den Unternehmen des Tourismus schaden, sondern auch den Lohnabh\u00e4ngigen dieser Branche.&#13;<\/p>\n<h2>Keine Innovation<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Summe dieser strukturellen Nachteile wird nur durch die unbeweglichen Tourismus-B\u00fcrokratien \u00fcbertroffen. Dazu ein Beispiel: Immer mehr Hotelbetten werden \u00fcber Internet vermarktet. Eine zunehmend wichtigere Rolle spielen dabei internationale Buchungssysteme, \u00fcber welche die Zimmer gebucht und die Hotels durch ihre G\u00e4ste bewertet werden k\u00f6nnen. Der Nachteil: Alle diese Reservierungssysteme kassieren bei den Hoteliers massiv ab. Bund und Kantone investieren jedes Jahr Dutzende von Millionen in den Tourismus. Sie haben es bisher verpasst, einen Teil dieser Mittel zu verwenden, um die Zimmer der 5000 Schweizer Hotels \u00fcber eine eigene Plattform, die nicht mehr als 3% Marge verlangt, mit anzubieten.&#13;<\/p>\n<h2>Beschleunigter Strukturwandel<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas Mass ist offenbar noch nicht voll: Die Exportindustrie zahlt keine Mehrwertsteuer. Die Hotellerie ist eine standortgebundene Exportindustrie. Trotzdem soll der Sondersatz f\u00fcr die Hotellerie 2013 fallen. Dies alles wird Arbeitspl\u00e4tze zerst\u00f6ren und den Strukturwandel in der Branche massiv beschleunigen. Eine Wende wird es nur unter zwei Bedingungen geben: \u00a0&#8211; Erstens braucht die Hotellerie EU-kompatible Rahmenbedingungen &#8211; je schneller, desto besser.\u00a0&#8211; Zweitens m\u00fcssen jene Regionen der Schweiz, die von und mit dem Tourismus leben, auf die Hotellerie und nicht auf den Zweitwohnungsbau setzen, so wie dies Zermatt versucht.\u00a0\u00a0Kurzfristig am heilsamsten w\u00e4re die Annahme der Volksinitiative von Franz Weber, der die Zahl der Ferienwohnungen pro Gemeinde auf 20% begrenzen will.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Banken akkumulierten auf Kosten der realen Wirtschaft zu lange zu hohe Gewinne. Die Einkommen und Verm\u00f6gen wurden und werden immer ungleicher verteilt. Auch der \u00f6kologische Umbau kam und kommt nicht vom Fleck. Im letzten Herbst sah Bundesbern noch keine Wolken am Konjunkturhimmel. Dabei war die Krise, deren Ende wir nicht absehen, l\u00e4ngst unterwegs. Die [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":3305,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"om_disable_all_campaigns":false,"ep_exclude_from_search":false,"footnotes":""},"post__type":[66],"post_opinion":[],"post_serie":[],"post_content_category":[154],"post_content_subject":[],"acf":{"seco_author":3305,"seco_co_author":null,"author_override":"","seco_author_post_ocupation_year":"","seco_author_post_occupation_de":"Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Hotel Good Night Inn (Schweiz) AG, Brig","seco_author_post_occupation_fr":"Directeur de l'h\u00f4tel Good Night Inn (Suisse) SA, Brigue","seco_co_authors_post_ocupation":null,"short_title":"","post_lead":"","post_hero_image_description":"","post_hero_image_description_copyright_de":"","post_hero_image_description_copyright_fr":"","post_references_literature":"","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":122189,"main_focus":null,"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"8021","post_abstract":"","magazine_issue":null,"seco_author_reccomended_post":null,"redaktoren":null,"korrektor":null,"planned_publication_date":null,"original_files":null,"external_release_for_author":"19700101","external_release_for_author_time":"00:00:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/55a76f785494d"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/122186"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3305"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=122186"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/122186\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":127898,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/122186\/revisions\/127898"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3305"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=122186"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=122186"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=122186"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=122186"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=122186"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=122186"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}