{"id":122211,"date":"2009-07-01T12:00:00","date_gmt":"2009-07-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2009\/07\/gaillard-6\/"},"modified":"2023-08-23T23:37:21","modified_gmt":"2023-08-23T21:37:21","slug":"gaillard-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2009\/07\/gaillard-5\/","title":{"rendered":"Mit zus\u00e4tzlichen Massnahmen den Arbeitsmarkt gezielt st\u00fctzen"},"content":{"rendered":"<p>Die Schweizer Wirtschaft befindet sich gegenw\u00e4rtig in einer schweren Rezession. Die Arbeitsmarktlage verschlechtert sich rasch, und eine deutliche Erholung der Besch\u00e4ftigung ist wohl erst 2011 zu erwarten. Unter dieser Perspektive r\u00fccken zunehmend Massnahmen zur St\u00fctzung des Arbeitsmarktes in den Fokus der Stabilisierungspolitik. Diese k\u00f6nnen den rezessionsbedingten Mangel an Arbeitspl\u00e4tzen nicht verhindern. Sie sollen aber helfen, die Dauer der Arbeitslosigkeit m\u00f6glichst kurz zu halten und die R\u00fcckkehr zu einer tiefen Arbeitslosenzahl im kommenden Aufschwung rasch zu erreichen. In diesem Artikel wird dargestellt, welchen Beitrag die Arbeitslosenversicherung (ALV) leisten kann und welche Massnahmen dar\u00fcber hinaus zur Unterst\u00fctzung der Erwerbslosen in Betracht gezogen werden k\u00f6nnen. <img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/200907_07_Gaillard_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"247\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGem\u00e4ss aktueller Konjunkturprognose d\u00fcrfte sich die Wirtschaftsentwicklung nach einer tiefen Rezession 2009 mit einem R\u00fcckgang des realen Bruttoinlandprodukts (BIP) um 2,7% nur langsam erholen. Diese d\u00fcstere Konjunkturprognose l\u00e4sst eine weitere deutliche Verschlechterung der Arbeitsmarktentwicklung f\u00fcr 2009 und 2010 erwarten. Erst ein robuster, \u00fcber einige Quartale anhaltender Aufschwung wird auf dem Arbeitsmarkt wieder eine Wende zum Besseren bringen. \u00a0Gem\u00e4ss Expertengruppe Konjunkturprognosen des Bundes k\u00f6nnte die Arbeitslosenquote 2010 bei durchschnittlich 5,5% zu liegen kommen, was einem Bestand von 217000 arbeitslosen Personen entspr\u00e4che. Damit w\u00fcrde der bisherige H\u00f6chststand aus dem Jahr 1997 noch \u00fcbertroffen.&#13;<\/p>\n<h2>Arbeitsmarkt- und konjunkturpolitische Herausforderung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn arbeitsmarkt- und konjunkturpolitischer Hinsicht stellen sich zwei grosse Herausforderungen: Einerseits geht es darum, mit den einer kleinen Volkswirtschaft zur Verf\u00fcgung stehenden Instrumenten die Konjunktur soweit m\u00f6glich zu stabilisieren und damit den Anstieg der Arbeitslosigkeit zu bremsen. Zweitens gilt es, eine Verfestigung der Arbeitslosigkeit zu verhindern und die Voraussetzungen zu schaffen, dass die Arbeitslosenquote im n\u00e4chsten Aufschwung wieder rasch deutlich unter 3% gesenkt werden kann.&#13;<\/p>\n<h3>Rascher Anstieg der Arbeitslosenzahlen<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nZwischen Januar und Juni 2009 nahm die Arbeitslosenzahl saisonbereinigt um monatlich durchschnittlich 6500 zu. Dieser rapide Anstieg der Arbeitslosigkeit fordert die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) heraus und bedingt eine rasche Aufstockung ihrer Kapazit\u00e4ten. \u00a0Mit der Zunahme der Arbeitslosigkeit ergibt sich eine qualitative Ver\u00e4nderung des Bestands von Stellensuchenden. W\u00e4hrend der Fokus in Zeiten der Hochkonjunktur auf relativ schwer vermittelbare Stellensuchende &#8211; allenfalls solche mit gewissen Handicaps &#8211; gerichtet war, gelangen heute vermehrt auch viele gut qualifizierte Arbeitskr\u00e4fte zu den RAV. Daneben wird erfahrungsgem\u00e4ss die Zahl jugendlicher Arbeitsloser \u00fcberproportional anwachsen. Sie sind konjunkturellen Schwankungen auf dem Arbeitsmarkt in besonderem Masse ausgesetzt (vgl.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 1<\/b>&#13;<br \/>\nKonjunkturelle Schwankungen auf dem Arbeitsmarkt wirken sich in besonderem Masse auf Jugendliche aus. Die Hauptursache daf\u00fcr liegt darin, dass sich junge Leute h\u00e4ufig in \u00dcbergangssituationen zwischen dem Bildungssystem und dem Arbeitsmarkt befinden und daher von Einstellungsstopps besonders h\u00e4ufig betroffen sind. Zweitens haben sich nicht alle Jugendlichen im Arbeitsmarkt fest etablieren k\u00f6nnen; so ist z.B. ihr Anteil bei den Tempor\u00e4rarbeitskr\u00e4ften \u00fcberproportional hoch. Entsprechend h\u00f6her liegt auch das Risiko, in der Krise freigestellt zu werden. Drittens ist das Qualifikationsniveau von Jugendlichen unter 25 Jahren, die sich bereits auf dem Arbeitsmarkt befinden, unterdurchschnittlich. Dies hat damit zu tun, dass Personen, welche eine terti\u00e4re Ausbildung verfolgen, oft erst mit mehr als 25 Jahren auf den Arbeitsmarkt treten. Die genannten Faktoren implizieren, dass der Anteil von Jugendlichen im Bestand der Stellensuchenden in diesem und im n\u00e4chsten Jahr deutlich anwachsen wird. Spezifische Massnahmen f\u00fcr diese Gruppe \u2013 wie Motivationssemester f\u00fcr Lehrstellensuchende oder Berufspraktika f\u00fcr Absolventen von Berufsausbildungen \u2013 werden deutlich ausgebaut werden m\u00fcssen. Ein Schl\u00fcssel zu einer erfolgreichen Bew\u00e4ltigung der Problematik wird zudem erfahrungsgem\u00e4ss in einer engen Zusammenarbeit zwischen Bildungs-, Berufsberatungs- und Arbeitsmarktinstitutionen liegen. Zwischen Juni 2008 und Juni 2009 stieg die Zahl der 15- bis 24-j\u00e4hrigen Arbeitslosen um 71%, w\u00e4hrend der Anstieg der Gesamtarbeitslosigkeit 53% betrug. Damit best\u00e4tigte sich die hohe Konjunktursensitivit\u00e4t der Jugendarbeitslosigkeit bereits. F\u00fcr eine bessere Beurteilung der Situation sind allerdings die Sommermonate abzuwarten, in welchen die Schulabg\u00e4nger auf den Arbeitsmarkt treten und mit der aktuellen Krisensituation konfrontiert werden. Bez\u00fcglich der Lehrstellensituation gibt es bislang noch keine Anzeichen f\u00fcr eine Anspannung der Lage. Dies ist erfreulich und zeigt, dass das duale Bildungssystem einen wichtigen Erfolgsfaktor der Arbeitsmarktpolitik darstellt. Das Verh\u00e4ltnis zwischen dem Lehrstellenangebot (78 500) und der Anzahl Jugendlicher mit Interesse an einer Lehrstelle (79 000) war wie im Vorjahr in etwa ausgeglichen. Allerdings verhinderte die Wirtschaftskrise auch eine weitere Entspannung der Situation. Leider ist zu bef\u00fcrchten, dass die Lage im n\u00e4chsten Jahr kritischer sein wird. ). Insgesamt bedeuten die Ver\u00e4nderungen, dass sich auch die Bed\u00fcrfnisse zur Unterst\u00fctzung bei der Stellensuche in ihrer Art ver\u00e4ndern. Die dezentrale Vollzugsorganisation hilft den RAV, auf Ver\u00e4nderungen rasch zu reagieren und allenfalls auf regionale Gegebenheiten Bezug zu nehmen. \u00a0Durch das Instrument der Kurzarbeitsentsch\u00e4digung soll der Verlust von Arbeitsstellen &#8211; in F\u00e4llen eines tempor\u00e4ren Nachfrageeinbruchs &#8211; m\u00f6glichst abgewendet werden. Erfolgversprechend ist dieses Instrument dann, wenn der Nachfrageeinbruch nicht zu lange anh\u00e4lt und die Hortung von Arbeitskr\u00e4ften f\u00fcr die Unternehmen finanziell tragbar bleibt. Im April 2009 erhielten bereits 69\u00a0000 Arbeitnehmende Kurzarbeitsentsch\u00e4digung, so viele wie seit den fr\u00fchen 1990er-Jahren nicht mehr. Das ausgefallene Arbeitsvolumen belief sich auf ein \u00c4quivalent von rund 16\u00a0000 Vollzeitarbeitskr\u00e4ften. Um die Unternehmen, die auf die Kurzarbeit zur\u00fcckgreifen, zu unterst\u00fctzen, hat der Bundesrat bereits im Februar die Zahl der Karenztage (Selbstbehalt) reduziert und die Bezugsdauer von zuvor 12 auf heute 18 Monate erh\u00f6ht.&#13;<\/p>\n<h3>Anstieg von Langzeitarbeitslosigkeit und Aussteuerungen ab 2010<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nAb Mitte 2010 ist damit zu rechnen, dass die Zahl der Personen, welche ihren Anspruch auf Arbeitslosenentsch\u00e4digung verlieren (sog. Aussteuerungen), ansteigen wird. Dies ergibt sich daraus, dass die Frist f\u00fcr den Bezug von Arbeitslosenentsch\u00e4digung eineinhalb bis zwei Jahre betr\u00e4gt. Angesichts der Sch\u00e4rfe und der voraussichtlich relativ langen Dauer der Krise d\u00fcrfte die Zahl der Personen, welche innerhalb dieser Frist keine neue Stelle finden, anwachsen. Mit der Zunahme der Aussteuerungen werden vermehrt Kosten auf die Sozialhilfe &#8211; und damit auf Gemeinden und Kantone &#8211; zukommen. Auch in arbeitsmarktpolitischer Hinsicht wird die wachsende Zahl von Langzeitarbeitslosen ein Problem darstellen, weil viele davon betroffene Personen ihr Selbstvertrauen verlieren oder von Unternehmen nur zaghaft wieder eingestellt werden. Damit droht die Zahl von Ausgrenzungen aus dem Arbeitsmarkt zuzunehmen.&#13;<\/p>\n<h3>Fiskalischer Impuls der ALV&#8230;<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nUm Beitragserh\u00f6hungen in Rezessionszeiten zu vermeiden, wird der Beitragssatz f\u00fcr die ALV aufgrund einer Sch\u00e4tzung der durchschnittlichen Arbeitslosenzahl f\u00fcr einen Konjunkturzyklus festgelegt. Die ALV nimmt in Krisenzeiten hohe Defizite und Schulden in Kauf, die in der Hochkonjunktur wieder zur\u00fcckbezahlt werden m\u00fcssen. Dadurch geht von der ALV eine hohe konjunkturstabilisierende Wirkung aus. Gem\u00e4ss gegenw\u00e4rtigen Prognosen bel\u00e4uft sich der fiskalische Impuls der ALV in diesem Jahr auf 2,7 und im n\u00e4chsten Jahr auf 2,9 Mrd. Franken, was je gut einem halben Prozentpunkt des BIP entspricht. Diese Wirkungsweise setzt aber voraus, dass die Beitr\u00e4ge und Leistungen periodisch an neue Sch\u00e4tzungen f\u00fcr die durchschnittliche Arbeitslosigkeit angepasst werden und das Gesetz bei Bedarf entsprechend rasch revidiert wird.&#13;<\/p>\n<h3>&#8230;aber auch steigende Schuldenlast<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Schuldenstand der ALV w\u00e4chst momentan an, liegt doch die Arbeitslosenzahl bereits deutlich \u00fcber der Grenze von 100000, welche eine ausgeglichene Rechnung erlauben w\u00fcrde. Da die ALV zu Beginn der Krise bereits einen Schuldenstand von rund 4 Mrd. Franken aufwies, wird die Obergrenze, welche gem\u00e4ss heutigem Gesetz eine Erh\u00f6hung der ALV-Beitr\u00e4ge sowie die Einf\u00fchrung des Solidarit\u00e4tsprozents erfordert, im Jahr 2010 mit Sicherheit erreicht werden. Somit sind die Beitr\u00e4ge auf Anfang 2011 zu erh\u00f6hen. Gleiches ist dann vorgesehen, wenn die Revision des Arbeitslosenversicherungsgesetzes (AVIG) wie geplant per Anfang 2011 in Kraft gesetzt werden k\u00f6nnte, wobei gleichzeitig Einsparungen auf Leistungsseite vorgenommen w\u00fcrden. Beide Effekte wirken fiskalpolitisch als negative Impulse. Sie sind dann konjunkturpolitisch vertretbar, wenn die Wirtschaftsentwicklung 2011 wieder deutlich an Fahrt aufgenommen hat.&#13;<\/p>\n<h2>Erw\u00fcnschte Stabilisierungswirkung der Arbeitslosenversicherung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie bevorstehende Arbeitsmarktkrise wird die Schweizer Arbeitsmarktpolitik also in vielerlei Hinsicht fordern. Unsere Aufgabe besteht heute darin, die bew\u00e4hrten Elemente dieses Systems gezielt zu st\u00e4rken und &#8211; wo sinnvoll &#8211; punktuell zu erg\u00e4nzen.&#13;<\/p>\n<h3>Gute Absicherung des Einkommensausfalls<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Absicherung des Einkommensausfalls der ALV bel\u00e4uft sich auf max. 70% resp. 80% des versicherten Verdienstes. Der maximal versicherte Jahreslohn ist in der Schweiz mit 126000 Franken vergleichsweise hoch angesetzt. F\u00fcr die Mehrzahl der Versicherten ist die Bezugsdauer auf rund eineinhalb Jahre innerhalb einer Rahmenfrist von zwei Jahren begrenzt (400 Taggelder). Mit Zwischenverdiensten, w\u00e4hrend denen die ALV den Verdienstausfall kompensiert, kann die Bezugsdauer bis auf zwei Jahre verl\u00e4ngert werden. Beitragsbefreite Versicherte erhalten ein Jahr lang, Stellensuchende ab 55 Jahren mit einer Beitragszeit von 18 Monaten zwei Jahre lang Arbeitslosenentsch\u00e4digung. Die RAV m\u00fcssen daf\u00fcr sorgen, dass die Stellensuchenden sich bewerben und zumutbare Stellen annehmen.&#13;<\/p>\n<h3>Prinzip der gegenseitigen Verpflichtung und der Aktivierung<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nWer Leistungen von der ALV bezieht, muss sich an die \u00abSpielregeln\u00bb des AVIG halten. So m\u00fcssen Stellen, welche gem\u00e4ss AVIG als zumutbar gelten, angenommen werden. Bem\u00fchungen zur Stellensuche sind nachzuweisen. Massnahmen wie Weiterbildungskurse oder Besch\u00e4ftigungsprogramme, die vom RAV f\u00fcr geeignet erachtet werden, die Reintegration zu beg\u00fcnstigen, m\u00fcssen von den Versicherten absolviert werden. Nur wer diese Regeln befolgt, hat einen Anspruch auf Arbeitslosenentsch\u00e4digung. Das Prinzip der gegenseitigen Verpflichtung soll gew\u00e4hrleisten, dass die Stellensuchenden alles unternehmen, um den \u00abSchaden\u00bb f\u00fcr die ALV gering zu halten.&#13;<\/p>\n<h3>Rasche und dauerhafte Wiedereingliederung<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDas AVIG verlangt eine m\u00f6glichst rasche und dauerhafte Wiedereingliederung Stellensuchender in den Arbeitsmarkt. An dieser Zielsetzung orientiert sich der gesamte Vollzug des AVIG, welcher durch ein Benchmarking zwischen den RAV evaluiert und gesteuert wird. Zwar variiert die durchschnittliche Stellensuchdauer mit dem Konjunkturzyklus; die Vermittlungen sollen jedoch zu jedem Zeitpunkt m\u00f6glichst rasch und dauerhaft sein. Dahinter steht das \u00fcbergeordnete Ziel, eine Verh\u00e4rtung der Arbeitslosigkeit zu verhindern. Mit einer raschen Wiedereingliederung soll der Kontakt mit dem Arbeitsmarkt aufrechterhalten und Langzeitarbeitslosigkeit mit ihren negativen Folgen &#8211; etwa in Form einer Entwertung der vorhandenen Kompetenzen und einer Stigmatisierung der Stellensuchenden &#8211; verhindert werden. \u00a0Die ALV versteht ihren Beitrag zur Stellenvermittlung als subsidi\u00e4r. Sie erwartet von den Erwerbslosen, dass sie sich aktiv um eine neue Stelle bem\u00fchen. Dieser Ansatz funktioniert &#8211; das hat die Erfahrung gezeigt &#8211; auch in der Krise. Trotz der in Krisenzeiten wachsenden Konkurrenz um offene Stellen auf dem Arbeitsmarkt werden nach wie vor laufend Arbeitskr\u00e4fte eingestellt. Wie in Grafik 1 dargestellt, melden sich in einem Jahr mehr Personen von der Arbeitslosigkeit ab, als sich durchschnittlich im Bestand befinden. Dies verdeutlicht, dass die Fluktuation innerhalb des Arbeitslosenbestandes erheblich ist und der Kampf gegen Langzeitarbeitslosigkeit auch in Krisenzeiten seine Bedeutung beh\u00e4lt.&#13;<\/p>\n<h3>Hilfe zur Integration<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDie ALV kann nicht verhindern, dass es in Rezessionszeiten zu wenige Stellen gibt, weil die gesamtwirtschaftliche Nachfrage abnimmt. Massnahmen im Bereich der Arbeitsmarktpolitik k\u00f6nnen dieses Ungleichgewicht nicht aufheben. Allerdings muss die Arbeitsmarktpolitik alles daran setzen, Stellensuchende m\u00f6glichst nahe am Arbeitsmarkt zu halten. Zum einen gelingt dies &#8211; wie oben beschrieben &#8211; durch gezielte Unterst\u00fctzung bei der Vermittlung. Eine zweite Option besteht darin, finanzielle Anreize zur Einstellung von Stellensuchenden oder zur Schaffung k\u00fcnstlicher Arbeitsstellen zu schaffen. Beide Massnahmen bergen jedoch die Gefahr, dass regul\u00e4re, nicht subventionierte T\u00e4tigkeiten konkurrenziert werden (Substitutionseffekte) oder dass die Subventionen f\u00fcr Stellen ausgerichtet werden, welche auch ohne diese geschaffen oder erhalten worden w\u00e4ren (Mitnahmeeffekte). Grunds\u00e4tzlich empfehlt es sich deshalb, mit Lohnzusch\u00fcssen oder k\u00fcnstlichen Arbeitsstellen sehr zur\u00fcckhaltend zu sein. \u00a0Greift man dennoch zu diesen Instrumenten, gilt es, Missbrauchspotenziale und unerw\u00fcnschte Verhaltensanreize m\u00f6glichst gering zu halten. Finanzielle Zusch\u00fcsse sind gerechfertigt, wenn die Unternehmen eine Integrationsleistung zu Gunsten des Stellensuchenden erbringen. Zu diesem Zweck sind die Massnahmen auf spezifische Zielgruppen ausgerichtet und zeitlich befristet auszugestalten. \u00a0Um Mitnahme- und Substitutionseffekte zu vermeiden, wird bei Zwischenverdiensten verlangt, dass den Erwerbslosen vom Unternehmen die orts- und berufs\u00fcblichen L\u00f6hne bezahlt werden. Die ALV bezahlt den Verdienstausfall nur f\u00fcr die Differenz zwischen dem versicherten Lohn und dem orts- und berufs\u00fcblichen Lohn. Einarbeitungszusch\u00fcsse werden Personen gew\u00e4hrt, f\u00fcr welche die Besch\u00e4ftigungsaufnahme erschwert und bei denen vom Unternehmen eine Integrationsleistung zu erbringen ist. Im Rahmen des vom Bundesrat vorgeschlagenen dritten Stabilisierungspakets ist vorgesehen, Unternehmen einen Beitrag an die Lohnkosten zu bezahlen, wenn sie Jugendliche ohne Berufserfahrung erstmals einstellen. Diese Zusch\u00fcsse sollen f\u00fcr Jugendliche gew\u00e4hrt werden, bei denen die Integration erschwert ist und die schon un\u00fcblich lange ohne Arbeit waren.&#13;<\/p>\n<h3>Abgrenzung vom Bildungssystem<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nStellensuchende weisen h\u00e4ufig Defizite in ihren Qualifikationen auf, die einer nachhaltigen Reintegration im Wege stehen k\u00f6nnen. Die ALV kann mit ihren arbeitsmarktlichen Massnahmen helfen, solche Defizite zu beheben. Auf Grund der institutionellen Voraussetzungen, welche der ALV eine befristete Aufgabe zuteilen, ist die ALV aber nicht als eigentliche Bildungsinstitution aufzufassen. Bildung und Weiterbildung werden im Rahmen der ALV immer instrumental verstanden und nur zur Beg\u00fcnstigung einer raschen und\/oder dauerhaften Eingliederung in den Arbeitsmarkt eingesetzt. Auf dieser Grundlage werden die Massnahmen auch evaluiert.&#13;<\/p>\n<h2>Zus\u00e4tzliche Massnahmen im Rahmen der Stabilisierungspolitik<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nMit der gut ausgebauten ALV stehen eine Vielzahl von Instrumenten zur Verf\u00fcgung, welche in der Krise deutlich intensiver eingesetzt werden. Dazu werden die RAV mit den n\u00f6tigen Mitteln ausgestattet und die Budgets der Kantone f\u00fcr arbeitsmarktliche Massnahmen ausgeweitet (vgl. Tabelle 1).\u00a0Die Ausgaben f\u00fcr arbeitsmarktliche Massnahmen steigen voraussichtlich von 500 Mio. im Jahr 2008 auf 875 Mio. Franken im Jahr 2010. Die Ausgaben f\u00fcr Kurzarbeitsentsch\u00e4digung d\u00fcrften bereits in diesem Jahr auf 650 Mio. Franken hochschnellen. Die gesamten Ausgaben der ALV steigen in diesem und im n\u00e4chsten Jahr um je rund 3 Mrd. Franken an. \u00a0Angesichts der ausserordentlichen H\u00f6he der erwarteten Arbeitslosigkeit sollen im dritten Stabilisierungspaket zus\u00e4tzlich Massnahmen bereit gestellt werden (vgl.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 2<\/b>&#13;<br \/>\nAngesichts des steilen Anstiegs der Arbeitslosigkeit und der voraussichtlich ausserordentlichen Dauer der Krise auf dem Arbeitsmarkt wird das Instrumentarium der Arbeitslosenversicherung im Rahmen eines 3. Pakets von Stabilisierungsmassnahmen mit gezielten, zeitlich befristeten Massnahmen f\u00fcr besonders verletzliche Zielgruppen erg\u00e4nzt. In erster Linie soll der Anstieg der Langzeitarbeitslosigkeit bek\u00e4mpft und damit Aussteuerungen verhindert werden. Zudem werden Anreize gesetzt, damit die Zeit der Rezession f\u00fcr Weiterbildung verwendet werden kann.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nBek\u00e4mpfung der Langzeitarbeitslosigkeit&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2013 Befristete Anstellung in Stellennetzen f\u00fcr Eins\u00e4tze in nicht profitorientierten Organisationen;&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2013 befristete Anstellung f\u00fcr Sonderaufgaben, z.B. in den Bereichen Natur, Pflege, Tourismus und Jugendarbeit.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nBek\u00e4mpfung der Jugendarbeitslosigkeit&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2013 Finanzielle Beteiligung an Bildungsmassnahmen f\u00fcr arbeitslose Lehrabg\u00e4nger;&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2013 F\u00f6rderung des ersten Einstiegs bei jungen Stellensuchenden mit mangelnder Berufserfahrung (Lohnzusch\u00fcsse an Arbeitgeber);&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2013 Weiterbesch\u00e4ftigung von Lehrabg\u00e4ngern und Erh\u00f6hung des Angebots von Praktikumsstellen;&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2013 Angebote f\u00fcr Durchdiener in der Armee.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nQualifizierungsmassnahmen&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2013 Unterst\u00fctzung von Weiterbildungen w\u00e4hrend der Kurzarbeit;&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2013 Aus- und Weiterbildungsoffensive im Energiebereich. ). Diese verfolgen in erster Linie das Ziel, die Langzeitarbeitslosigkeit zu bek\u00e4mpfen und punktuell die Rezessionszeit f\u00fcr gezielte Weiterbildungen zu nutzen. Aus zwei Gr\u00fcnden sollen diese Massnahmen ausserhalb des AVIG beschlossen und finanziert werden: Zum einen lassen die hohen (strukturellen) Schulden der ALV zus\u00e4tzliche Ausgaben nicht zu. Zum anderen sieht das dritte Stabilisierungspaket auch Massnahmen vor, die sich nur vor\u00fcbergehend in Rezessionszeiten rechtfertigen lassen. So werden staatlich finanzierte Stellen geschaffen, mit denen die Langzeitarbeitslosigkeit bek\u00e4mpft werden soll. Diese werden von Personen besetzt, die in normalen Konjunkturverh\u00e4ltnissen auf dem normalen Arbeitsmarkt ohne gr\u00f6ssere Probleme Stellen finden w\u00fcrden. Gleichzeitig werden damit T\u00e4tigkeiten subventioniert, die auf dem freien Markt nicht bestehen w\u00fcrden und f\u00fcr die unter normalen Umst\u00e4nden auch keine Ressourcen verf\u00fcgbar gemacht w\u00fcrden. Gleichzeitig sollen auch Weiterbildungen durch die \u00f6ffentliche Hand mitfinanziert werden, die normalerweise durch die Beg\u00fcnstigten oder die Unternehmen finanziert w\u00fcrden. Eine Weiterf\u00fchrung dieser Massnahmen in Hochkonjunkturzeiten h\u00e4tte zur Folge, dass Mitnahmeeffekte nicht zu verhindern w\u00e4ren.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAusgehend vom unterlegten Szenario zur Arbeitsmarktentwicklung lassen sich zwei Problembereiche identifizieren, wo die ALV mit ihren heutigen Instrumenten an Grenzen stossen wird. Erstens wird aufgrund der Sch\u00e4rfe und der voraussichtlichen Dauer der Krise auf dem Arbeitsmarkt die Zahl der Aussteuerungen im Verlauf des Jahres 2010 stark zunehmen. Zweitens ist erfahrungsgem\u00e4ss mit einem starken Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit zu rechnen. Eine Verst\u00e4rkung der Massnahmen in diesem Bereich ist notwendig, um negative Langfristfolgen f\u00fcr die betroffenen Jugendlichen zu vermeiden. \u00a0Beide Probleme sind auf das aussergew\u00f6hnliche Ausmass der bevorstehenden Krise zur\u00fcckzuf\u00fchren. Die zus\u00e4tzlichen Massnahmen unterst\u00fctzen die Wirkungsweise der Arbeitsmarktpolitik und passen gut in den Rahmen eines Stabilisierungspakets, da sie einerseits rasch, gezielt und befristet wirken und weil sie andererseits ein Potenzial haben, die sozialen H\u00e4rten der Krise zu mindern.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1 \u00abDurchschnittliche Arbeitslosenzahlen und j\u00e4hrliche Anzahl Abmeldungen von der Arbeitslosigkeit, 1990-2008\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 1 \u00abEntwicklung der Ausgaben der ALV nach Kategorien gem\u00e4ss Rechnung 2008, Budget 2009 und Finanzplan 2010\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 1: Zur Jugendarbeitslosigkeit<\/b>&#13;<br \/>\nKonjunkturelle Schwankungen auf dem Arbeitsmarkt wirken sich in besonderem Masse auf Jugendliche aus. Die Hauptursache daf\u00fcr liegt darin, dass sich junge Leute h\u00e4ufig in \u00dcbergangssituationen zwischen dem Bildungssystem und dem Arbeitsmarkt befinden und daher von Einstellungsstopps besonders h\u00e4ufig betroffen sind. Zweitens haben sich nicht alle Jugendlichen im Arbeitsmarkt fest etablieren k\u00f6nnen; so ist z.B. ihr Anteil bei den Tempor\u00e4rarbeitskr\u00e4ften \u00fcberproportional hoch. Entsprechend h\u00f6her liegt auch das Risiko, in der Krise freigestellt zu werden. Drittens ist das Qualifikationsniveau von Jugendlichen unter 25 Jahren, die sich bereits auf dem Arbeitsmarkt befinden, unterdurchschnittlich. Dies hat damit zu tun, dass Personen, welche eine terti\u00e4re Ausbildung verfolgen, oft erst mit mehr als 25 Jahren auf den Arbeitsmarkt treten. Die genannten Faktoren implizieren, dass der Anteil von Jugendlichen im Bestand der Stellensuchenden in diesem und im n\u00e4chsten Jahr deutlich anwachsen wird. Spezifische Massnahmen f\u00fcr diese Gruppe \u2013 wie Motivationssemester f\u00fcr Lehrstellensuchende oder Berufspraktika f\u00fcr Absolventen von Berufsausbildungen \u2013 werden deutlich ausgebaut werden m\u00fcssen. Ein Schl\u00fcssel zu einer erfolgreichen Bew\u00e4ltigung der Problematik wird zudem erfahrungsgem\u00e4ss in einer engen Zusammenarbeit zwischen Bildungs-, Berufsberatungs- und Arbeitsmarktinstitutionen liegen. Zwischen Juni 2008 und Juni 2009 stieg die Zahl der 15- bis 24-j\u00e4hrigen Arbeitslosen um 71%, w\u00e4hrend der Anstieg der Gesamtarbeitslosigkeit 53% betrug. Damit best\u00e4tigte sich die hohe Konjunktursensitivit\u00e4t der Jugendarbeitslosigkeit bereits. F\u00fcr eine bessere Beurteilung der Situation sind allerdings die Sommermonate abzuwarten, in welchen die Schulabg\u00e4nger auf den Arbeitsmarkt treten und mit der aktuellen Krisensituation konfrontiert werden. Bez\u00fcglich der Lehrstellensituation gibt es bislang noch keine Anzeichen f\u00fcr eine Anspannung der Lage. Dies ist erfreulich und zeigt, dass das duale Bildungssystem einen wichtigen Erfolgsfaktor der Arbeitsmarktpolitik darstellt. Das Verh\u00e4ltnis zwischen dem Lehrstellenangebot (78 500) und der Anzahl Jugendlicher mit Interesse an einer Lehrstelle (79 000) war wie im Vorjahr in etwa ausgeglichen. Allerdings verhinderte die Wirtschaftskrise auch eine weitere Entspannung der Situation. Leider ist zu bef\u00fcrchten, dass die Lage im n\u00e4chsten Jahr kritischer sein wird.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 2: Massnahmen im Bereich Arbeitsmarkt im 3. Stabilisierungspaket<\/b>&#13;<br \/>\nAngesichts des steilen Anstiegs der Arbeitslosigkeit und der voraussichtlich ausserordentlichen Dauer der Krise auf dem Arbeitsmarkt wird das Instrumentarium der Arbeitslosenversicherung im Rahmen eines 3. Pakets von Stabilisierungsmassnahmen mit gezielten, zeitlich befristeten Massnahmen f\u00fcr besonders verletzliche Zielgruppen erg\u00e4nzt. In erster Linie soll der Anstieg der Langzeitarbeitslosigkeit bek\u00e4mpft und damit Aussteuerungen verhindert werden. Zudem werden Anreize gesetzt, damit die Zeit der Rezession f\u00fcr Weiterbildung verwendet werden kann.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nBek\u00e4mpfung der Langzeitarbeitslosigkeit&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2013 Befristete Anstellung in Stellennetzen f\u00fcr Eins\u00e4tze in nicht profitorientierten Organisationen;&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2013 befristete Anstellung f\u00fcr Sonderaufgaben, z.B. in den Bereichen Natur, Pflege, Tourismus und Jugendarbeit.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nBek\u00e4mpfung der Jugendarbeitslosigkeit&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2013 Finanzielle Beteiligung an Bildungsmassnahmen f\u00fcr arbeitslose Lehrabg\u00e4nger;&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2013 F\u00f6rderung des ersten Einstiegs bei jungen Stellensuchenden mit mangelnder Berufserfahrung (Lohnzusch\u00fcsse an Arbeitgeber);&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2013 Weiterbesch\u00e4ftigung von Lehrabg\u00e4ngern und Erh\u00f6hung des Angebots von Praktikumsstellen;&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2013 Angebote f\u00fcr Durchdiener in der Armee.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nQualifizierungsmassnahmen&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2013 Unterst\u00fctzung von Weiterbildungen w\u00e4hrend der Kurzarbeit;&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2013 Aus- und Weiterbildungsoffensive im Energiebereich.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schweizer Wirtschaft befindet sich gegenw\u00e4rtig in einer schweren Rezession. Die Arbeitsmarktlage verschlechtert sich rasch, und eine deutliche Erholung der Besch\u00e4ftigung ist wohl erst 2011 zu erwarten. Unter dieser Perspektive r\u00fccken zunehmend Massnahmen zur St\u00fctzung des Arbeitsmarktes in den Fokus der Stabilisierungspolitik. Diese k\u00f6nnen den rezessionsbedingten Mangel an Arbeitspl\u00e4tzen nicht verhindern. 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