{"id":122236,"date":"2009-07-01T12:00:00","date_gmt":"2009-07-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2009\/07\/kaempf-4\/"},"modified":"2023-08-23T23:37:17","modified_gmt":"2023-08-23T21:37:17","slug":"kaempf-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2009\/07\/kaempf-3\/","title":{"rendered":"Die Bedeutung der Preise im touristischen Wettbewerb"},"content":{"rendered":"<p>Aus internationalen Vergleichen geht regelm\u00e4ssig hervor, dass die Preise f\u00fcr touristische Leistungen in der Schweiz h\u00f6her sind als im Ausland. Dennoch ist keine Abwanderung von Betrieben festzustellen; und ausl\u00e4ndische Investoren zeigen grosses Interesse am Tourismusland Schweiz. Dass dem so ist, h\u00e4ngt damit zusammen, dass die Schweiz bez\u00fcglich touristischem Potenzial &#8211; gem\u00e4ss Competitiveness-Report des WEF &#8211; weltweit zu den Spitzenreitern geh\u00f6rt. Die Preise und Kosten der Tourismuswirtschaft werden hier im gr\u00f6sseren Kontext der relevanten M\u00e4rkte analysiert. Dabei wird die Methodik der Industrie\u00f6konomik verwendet, die &#8211; wie das Wettbewerbs- und Kartellrecht &#8211; vom Structure-Conduct-Performance-Paradigma ausgeht. Bei der Frage, ob die Struktur das Verhalten bestimmt oder umgekehrt, wird hier davon ausgegangen, dass beide Faktoren den Preis\/Gewinn beeinflussen.<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/200907_20_Kaempf_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"246\" \/>&#13;<\/p>\n<h2>Marktstruktur und Marktverhalten<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Schweizer Hotellerie z\u00e4hlt etwa 5600 Betriebe, die pro Jahr von gut 20 Mio. G\u00e4sten aufgesucht werden. Die Gastst\u00e4tten \u00fcbertreffen diese Zahlen noch erheblich. Eine solche Marktstruktur deutet auf vollst\u00e4ndige Konkurrenz hin, in welcher der Unternehmer den Preis nicht entscheidend beeinflussen kann. Man bezeichnet diesen Unternehmer in der Theorie als sog. Preisnehmer, da ihm aufgrund gegebener Kosten der Spielraum fehlt. Diese rigorose Interpretation des touristischen Wettbewerbs wird allerdings in der Theorie und Praxis kaum geteilt. Viele sind der Ansicht, dass Preisspielr\u00e4ume bestehen, und handeln auch entsprechend.&#13;<\/p>\n<h2>Monopolistischer Wettbewerb<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nNach unserer Beurteilung haben die meisten Tourismusunternehmen einen Preisspielraum, auch wenn dieser nicht immer gross ist. Ein t\u00fcchtiger Manager schafft sich Ellbogenfreiheit auf dem Markt, indem er sich von den \u00fcbrigen Konkurrenten abhebt. Die Beherbergungswirtschaft ist ein Markt mit vielen Anbietern \u00e4hnlicher, aber nicht gleicher Dienstleistungen. Hotels unterscheiden sich bez\u00fcglich Lage, Community, Geschichte (historische Hotels), \u00d6ffnungszeiten, Service, Gr\u00f6sse und vielem mehr. Es gibt tausend M\u00f6glichkeiten, sich von der Konkurrenz abzuheben. Diese Art von Wettbewerb &#8211; die sog. monopolistische Konkurrenz &#8211; ist im Tourismus die Regel. Eine Ausnahme bilden die touristischen Transportbahnen. Die Seilbahnkonzession garantiert ihnen ein \u00f6rtliches Monopol, das aber nicht \u00fcbersch\u00e4tzt werden darf, weil der Wettbewerb auch zwischen den Skigebieten und Destinationen spielt. \u00a0Die monopolistische Konkurrenz gibt dem Unternehmer innerhalb eines beschr\u00e4nkten Preisbandes die gleichen Freiheiten, wie sie der Monopolist geniesst. Ein Monopolist beschr\u00e4nkt die Menge und erh\u00f6ht den Preis im Vergleich zu einem Wettbewerbsmarkt. Die Begrenzung der Menge mag irritieren: Welcher Hotelier verzichtet schon aus freien St\u00fccken auf G\u00e4ste? Es ist aber zu bedenken, dass er zum \u00abMonopolisten\u00bb wird, indem er sich von seinen Konkurrenten abgrenzt. Dazu muss er den Markt segmentieren. Wenn er sich entscheidet, das Haus als sog. \u00abBoutique-Hotel\u00bb zu f\u00fchren (Paare ohne Kinder, die Ruhe suchen), wird er auf das grosse Segment der Familien verzichten m\u00fcssen. Die Spezialisierung f\u00fchrt zu einer Reduktion des Marktpotenzials. Die Segmentierung des Marktes ist aus der Sicht der G\u00e4ste etwas sehr Gutes. Die Kunden haben dadurch eine gr\u00f6ssere Auswahl. Diese Vielfalt ist ein Trumpf f\u00fcr jeden Markt. Eine h\u00f6here Vielfalt steigert die Nachfrage. \u00a0Die Tourismusunternehmen operieren bei monopolistischer Konkurrenz im Bereich der fallenden Durchschnittskostenkurve. Mehr \u00dcbernachtungen f\u00fchren deshalb zu tieferen Durchschnittskosten, d.h. zu tieferen Preisen oder h\u00f6heren Margen. Bei monopolistischer Konkurrenz sind also Kosten, Preise und Mengen in Bewegung. Sie h\u00e4ngen vom richtigen Gesp\u00fcr des Unternehmers, von der Qualit\u00e4t des Gesch\u00e4ftsmodells (Conduct) und von der Marktstruktur (Structure) ab.&#13;<\/p>\n<h2>Der Competitiveness-Report des WEF<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas World Economic Forum (WEF) vergleicht jedes Jahr \u00fcber 100 Tourismusl\u00e4nder. Das WEF hat im Jahr 2009 die Schweiz zum dritten Mal in Folge auf Platz 1 gesetzt. Die Rangliste des WEF ist keine Liste der Wettbewerbsf\u00e4higkeit der Tourismuswirtschaft und seiner Betriebe, sondern eine Rangliste des touristischen Potenzials eines Landes. In Tabelle 1 sind drei ausgew\u00e4hlte Gruppen von Indikatoren aufgelistet: die immobilen Produktionsfaktoren, Clustereffekte und die Distanzkosten. In allen drei Bereichen erreicht die Schweiz Spitzenr\u00e4nge. Unsere Tourismuswirtschaft profitiert von tiefen Distanzkosten, vom hohen Wert der immobilen Produktionsfaktoren und vom allgemeinen Niveau des Wissens und K\u00f6nnens. Messbare Indikatoren f\u00fcr Clustereffekte gibt es wenige. Die aufgelisteten Indikatoren sind vor allem Anhaltspunkte f\u00fcr das Innovationspotenzial. Sie sagen aber auch etwas \u00fcber die Qualit\u00e4t des Humankapitals aus.&#13;<\/p>\n<h2>Marktgleichgewicht zwischen Tourismusl\u00e4ndern f\u00fchrt zu Preisunterschieden<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Kritik an den \u00abhohen\u00bb Tourismuspreisen wird in erster Linie aus internationalen Vergleichen abgeleitet. Sie weisen regelm\u00e4ssig nach, dass die Schweizer Preise h\u00f6her sind als diejenigen im Ausland. Nach BAK Basel Economics sind die Tourismuspreise in unseren Nachbarl\u00e4ndern um durchschnittlich 12% tiefer als in der Schweiz. Vgl. den Artikel von Natalia Held und Christian Hunziker auf S. 49ff dieser Ausgabe. Der internationale Vergleich von BHP legt offen, dass die Hotelpreise in \u00d6sterreich und S\u00fcdtirol 20% bis 30% tiefer liegen, jedoch in Frankreich 20% h\u00f6her als in der Schweiz. Vgl. den Artikel von Maria Hug-Sutter, J\u00fcrg Kuster, Peder Plaz und Michael R\u00fctimann auf S. 54ff dieser Ausgabe.\u00a0Ist der Schweizer Tourismusmarkt gegen\u00fcber dem Ausland ungeb\u00fchrlich abgeschottet? Daf\u00fcr gibt es keine Anzeichen. Ein zweiter Grund f\u00fcr h\u00f6here Preise ist das Kostenniveau auf dem Binnenmarkt. Die Branchenvertreter beanstanden zu Recht, dass sie die Landwirtschaftsprodukte nicht zu Weltmarktpreisen beschaffen k\u00f6nnen. Die Studien von BAK und BHP belegen weitere Kostennachteile.\u00a0Hohe Kosten f\u00fchren l\u00e4ngerfristig zur Abwanderung von Betrieben, ein Szenario, das wir aus den 1970er- und 1980er-Jahren von der Textilwirtschaft und Uhrenindustrie kennen. Bisher haben im Tourismus keine Abwanderungen eingesetzt. Wir stellen im Gegenteil fest, dass ausl\u00e4ndische Investoren am Tourismusland Schweiz Interesse zeigen. Wie ist dies zu erkl\u00e4ren? Wenn sich Touristen oder Unternehmen f\u00fcr ein Land entscheiden, beurteilen sie nicht nur die Dienstleistungen der Tourismusunternehmen, sondern die Gesamtattraktivit\u00e4t eines Tourismuslandes. Sie sch\u00e4tzen eine intakte Natur und Landschaft, sie suchen lebhafte St\u00e4dte mit Charakter, sie wollen eine gute Verkehrsinfrastruktur, Sicherheit und die Gew\u00e4hrleistung von Gesundheit. \u00a0Auf dem touristischen Weltmarkt pendelt sich &#8211; von ausserordentlichen Lagen abgesehen &#8211; ein Marktgleichgewicht ein. Es ist erreicht, wenn der Nutzen von Ferien \u00fcberall gleich ist. Die (Tourismus-)Preise haben in einer Volkswirtschaft die Funktion, die Unterschiede zwischen den Tourismusl\u00e4ndern auszugleichen. Sind die \u00f6ffentlichen G\u00fcter der Schweiz attraktiver als andernorts, m\u00fcssen die Schweizer Preise f\u00fcr touristische Leistungen ansteigen, um das Marktgleichgewicht herzustellen.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Wettbewerbsvorteile des Tourismuslandes Schweiz schlagen sich in Form von Preiszuschl\u00e4gen f\u00fcr Unternehmensleistungen nieder. Die Preise enthalten \u00f6konomische Renten (einen Preisaufschlag), welche die Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr das Land widerspiegeln. Die Schweizerische Zeitschrift f\u00fcr Volkswirtschaft und Statistik hat die Ausgabe vom Dezember 2008 diesem Preisbildungsmechanismus gewidmet. Im WEF-Report finden wir die Best\u00e4tigung f\u00fcr diesen Zusammenhang. Die Schweiz liegt bei den \u00f6ffentlichen G\u00fctern auf den vordersten Pl\u00e4tzen, bei den Hotelpreisen hingegen auf Platz 100, was vergleichsweise hohe Preise bedeutet. Dass sich die Schweizer Hotellerie mit ihren kostenbedingt hohen Preisen am Markt behaupten kann, ist somit Ausdruck der hohen Gesamtattraktivit\u00e4t des Tourismuslandes Schweiz.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 1 \u00abDas touristische Potenzial der Schweiz\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 1: Tourismusnachfrage im Sinkflug<\/b>&#13;<br \/>\nDie r\u00fcckl\u00e4ufige Tourismusnachfrage aus dem In- und Ausland und der starke Franken lassen die Schweizer Tourismusbranche derzeit vermehrt unter der weltweiten Wirtschaftskrise leiden. Kumuliert betr\u00e4gt der R\u00fcckgang der Logiern\u00e4chte seit Anfang 2009 7,9%, was dem schlechtesten Jahresstart seit 1979 entspricht. Weil aufgrund der Verschlechterung am Arbeitsmarkt viele Schweizer ihre Ferien in diesem Jahr im Inland verbringen, geht die Nachfrage der ausl\u00e4ndischen G\u00e4ste (-9,8% kumuliert Januar-Mai) deutlich schneller zur\u00fcck als bei den Inl\u00e4ndern. Dadurch kann der Einbruch der Hotel\u00fcbernachtungen jedoch nicht verhindert, sondern nur abged\u00e4mpft werden, zumal auch die Logiern\u00e4chte von Inl\u00e4ndern in den ersten f\u00fcnf Monaten kumuliert mit -5,3% deutlich abnahmen.F\u00fcr die n\u00e4chsten Monate muss weiterhin mit einer negativen Entwicklung gerechnet werden. Die Rezession d\u00fcrfte sich n\u00e4mlich vermehrt auch auf den Schweizer Binnenmarkt ausbreiten und damit auch den privaten Konsum verst\u00e4rkt erfassen. Bei den Auslandg\u00e4sten muss angesichts des starken Frankens und der schlechten Wirtschaftslage in den entsprechenden L\u00e4ndern ebenfalls eine r\u00fcckl\u00e4ufige Nachfrage erwartet werden. Bakbasel rechnet in ihrer aktuellen Tourismusprognose mit einer schwierigen Sommersaison. Die Zahl der \u00dcbernachtungen werde um 7,2% zur\u00fcckgehen, was dem st\u00e4rksten Einbruch seit 1982 entsprechen w\u00fcrde. Der Bundesrat hat mit zwei Impulsprogrammen im Tourismusmarketing Gegensteuer gegeben. Es ist noch zu fr\u00fch, um absch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen, inwieweit diese Massnahmen die negativen Prognosen etwas nach oben korrigieren k\u00f6nnen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus internationalen Vergleichen geht regelm\u00e4ssig hervor, dass die Preise f\u00fcr touristische Leistungen in der Schweiz h\u00f6her sind als im Ausland. Dennoch ist keine Abwanderung von Betrieben festzustellen; und ausl\u00e4ndische Investoren zeigen grosses Interesse am Tourismusland Schweiz. 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