{"id":122276,"date":"2009-06-01T12:00:00","date_gmt":"2009-06-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2009\/06\/bernasconi-4\/"},"modified":"2023-08-23T23:37:47","modified_gmt":"2023-08-23T21:37:47","slug":"bernasconi-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2009\/06\/bernasconi-3\/","title":{"rendered":"Vom Seco unterst\u00fctzte L\u00e4nder in der aktuellen Krise"},"content":{"rendered":"<p>Die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise hat ein globales Ausmass erreicht. Trotzdem sind nicht alle L\u00e4nder gleich stark davon betroffen. Siehe den vorangehenden Artikel von Michael Klein. Dies gilt auch f\u00fcr die Partnerl\u00e4nder der wirtschaftlichen Entwicklungszusammenarbeit des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft (Seco). Von den Schwerpunktl\u00e4ndern der wirtschaftlichen Entwicklungszusammenarbeit des Seco geh\u00f6ren sieben zum \u00abS\u00fcden\u00bb (Kolumbien, Peru, \u00c4gypten, Ghana, S\u00fcdafrika, Indonesien und Vietnam) und neun zum \u00abOsten\u00bb (Serbien, Bosnien und Herzegowina, FYR Mazedonien, Albanien, Kosovo, Ukraine, Aserbaidschan, Kirgisische Republik und Tadschikistan). Das Ausmass der Schwierigkeiten der einzelnen L\u00e4nder h\u00e4ngt insbesondere davon ab, wie stark sie in die globalen Finanz- und Handelsstr\u00f6me eingebunden sind, wie abh\u00e4ngig sie von den Rohstoffkursen oder den R\u00fcck\u00fcberweisungen ausgewanderter Landsleute sind und in welcher wirtschaftlichen Verfassung sich das Land vor der Krise befand. Eine effiziente Wirtschaftspolitik sieht deshalb nicht in allen L\u00e4ndern gleich aus. Koordinierte Massnahmen sind aber sowohl auf multilateraler als auch auf bilateraler Ebene notwendig.&#13;<\/p>\n<h2>Gewisse L\u00e4nder sind st\u00e4rker betroffen&#8230;<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn fast allen Partnerl\u00e4ndern des Seco hat die Krise tiefe Spuren hinterlassen, selbst wenn Ursachen und Auswirkungen nicht \u00fcberall gleich sind. Gem\u00e4ss dem Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF) sind Osteuropa und Zentralasien besonders stark betroffen. In der Ukraine zum Beispiel geriet der bereits angeschlagene Bankensektor noch mehr aus dem Gleichgewicht. Die Folgen f\u00fcr den Staatshaushalt sind schwerwiegend: W\u00e4hrend urspr\u00fcnglich ein ausgeglichenes Budget angestrebt wurde, ist nun mit einem Defizit in H\u00f6he von 4% des BIP zu rechnen. Zur Deckung dieser L\u00fccke musste die Hilfe des IWF in Anspruch genommen werden.\u00a0Auf dem afrikanischen Kontinent stand das neue Jahrtausend im Zeichen einer vermeintlich dauerhaften R\u00fcckkehr auf den Wachstumspfad. Nach einem ersten R\u00fcckschlag im Zusammenhang infolge der Preiserh\u00f6hungen f\u00fcr fossile Energietr\u00e4ger und Lebensmittel im Jahr 2008 riss die Wirtschaftskrise den Kontinent jedoch in einen Abw\u00e4rtsstrudel. Gem\u00e4ss IWF befindet sich die H\u00e4lfte der L\u00e4nder in einer sehr prek\u00e4ren Lage. In S\u00fcdafrika \u00e4usserte sich dies in einem Einbruch sowohl bei den Exporten &#8211; namentlich den Rohstoffen &#8211; als auch bei der Binnennachfrage, die durch den schwierigeren Zugang zu Bankkrediten geschw\u00e4cht wurde. Diese Situation ist umso beunruhigender, als S\u00fcdafrika bisher als regionaler Wirtschaftsmotor wirkte. In Ghana sind die Folgen noch begrenzt; eine sinnvolle Reaktion wird indes dadurch erschwert, dass die Verh\u00e4ltnisse bereits vor der Krise ung\u00fcnstig waren.&#13;<\/p>\n<h2>&#8230;als andere<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nS\u00fcdostasien ist global gesehen die am wenigsten gef\u00e4hrdete Region. Dennoch sind die L\u00e4nder, mit denen das Seco am engsten zusammenarbeitet, ebenfalls betroffen. In Vietnam zum Beispiel trug das spektakul\u00e4re Wachstum in den vergangenen zehn Jahren zu einer wesentlichen Reduktion der Armut bei. Wegen der starken Ausrichtung der Wirtschaft auf den Weltmarkt macht die Krise dem Land aber schwer zu schaffen. Hinzu kommen bestehende wirtschaftliche Ungleichgewichte, insbesondere eine hohe Inflation, was den Handlungsspielraum der Beh\u00f6rden &#8211; speziell im Bereich der Geldpolitik &#8211; stark einengt. Zus\u00e4tzlich erschwert wird die Finanzierung der Produktionst\u00e4tigkeit durch Verz\u00f6gerungen bei der Reform des Finanzsektors. In Indonesien ist die Krise bisher noch etwas weniger sp\u00fcrbar, da die Inflationsproblematik zuvor in erster Linie den explodierenden Erd\u00f6lpreisen Anfang 2008 &#8211; und nicht wie in Vietnam einer grossz\u00fcgigen Kreditvergabe &#8211; zuzuschreiben war.\u00a0Latein- und Mittelamerika wird vom IWF als zweitverletzlichste Region eingesch\u00e4tzt. Die Perspektiven sind allerdings in den Schwerpunktl\u00e4ndern des Seco weniger d\u00fcster als auf dem \u00fcbrigen Kontinent. So hat Kolumbien in den zehn Jahren vor der Krise eine wirtschaftliche Stabilit\u00e4t erreicht, die das Land widerstandsf\u00e4higer macht (kr\u00e4ftiges Wachstum bei m\u00e4ssiger Inflation und Verschuldung). Dank einer relativ strengen Bankenaufsicht scheint die Finanzbranche in einer soliden Verfassung. Der globale Nachfrageeinbruch hat sich zwar auf die Exporte niedergeschlagen; ein Teil des Schocks wurde jedoch durch flexible Wechselkurse aufgefangen. In Peru sorgten die Reformen vor der Krise f\u00fcr eine noch spektakul\u00e4rere Entwicklung. Zu Beginn des neuen Jahrtausends geh\u00f6rte das Land beim Wirtschaftswachstum zur Spitzengruppe der Schwellenl\u00e4nder und beeindruckte auch bez\u00fcglich Inflationswerte und Budgetsaldo. Zu bef\u00fcrchten war, dass die Finanzbranche von der Krise st\u00e4rker in Mitleidenschaft gezogen w\u00fcrde als im benachbarten Kolumbien. Es gelang jedoch, den Zugang der Wirtschaft zu Krediten aufrecht zu erhalten. Die Bilanzen der Banken sehen solide aus. Angriffspunkte bieten hingegen die starke Dollarisierung der Wirtschaft und die Abh\u00e4ngigkeit von gewissen Rohstoffkursen. Die Beh\u00f6rden legen den Schwerpunkt auf die Weiterf\u00fchrung oder gar die Ausweitung von \u00f6ffentlichen Investitionsprogrammen zur Verringerung der sozialen und regionalen Ungleichheiten.&#13;<\/p>\n<h2>Unterschiedliche Handlungsspielr\u00e4ume<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nUnabh\u00e4ngig von der Herkunft der Finanzierungsmittel zur \u00dcberwindung der Krise &#8211; eigene Budgetressourcen, Aufnahme an den Kapitalm\u00e4rkten oder multilaterale Ressourcen &#8211; wird die Wirkung der Massnahmen vor allem davon abh\u00e4ngen, ob die Stabilisierungspolitik eines Landes greift und ob die dringendsten strukturellen Reformen fortgef\u00fchrt werden. Der Handlungsspielraum der Regierungen h\u00e4ngt dabei von der Situation vor der Krise ab. Kolumbien konnte nur deshalb einen expansiveren geldpolitischen Kurs einschlagen, weil es die makro\u00f6konomischen Gr\u00f6ssen unter Kontrolle hatte und die automatischen Budgetstabilisatoren spielen. Eine direktere Massnahme der Beh\u00f6rden war die St\u00fctzung der Kreditvergabe f\u00fcr den Aussenhandel, da es hier an Liquidit\u00e4t fehlte.\u00a0Umgekehrt ist der Handlungsspielraum in Ghana sehr klein. Weil parallel zum hohen Wachstum in den Jahren vor der Krise auch das Staats- und Aussendefizit stieg, reicht die inl\u00e4ndische Sparquote im aktuellen Umfeld f\u00fcr einen antizyklischen Kurs nicht aus. Die mittelfristigen Aussichten bleiben aber ansprechend, namentlich aufgrund der Erd\u00f6lvorkommen, die vermutlich ab 2012 ausgebeutet werden k\u00f6nnen. Zuerst d\u00fcrfte jedoch eine Budgetkonsolidierung bevorstehen, was die Wirtschaft weiter bremsen k\u00f6nnte.\u00a0Die Situation in der Ukraine ist \u00e4hnlich komplex. Hier haben die Beh\u00f6rden der Sanierung der Bankbilanzen Priorit\u00e4t einger\u00e4umt. Die l\u00e4ngerfristig ausgerichteten Strukturreformen &#8211; insbesondere im Fiskal- und Vorsorgebereich &#8211; d\u00fcrfen dadurch nicht vernachl\u00e4ssigt werden, da sie f\u00fcr eine nachhaltige finanzielle Unabh\u00e4ngigkeit zentral sind. Angesichts des komplexen politischen Kontexts, in dem die Vorbereitung allgemeiner Wahlen im Vordergrund steht, ist die Umsetzung solcher Reformen nicht garantiert.&#13;<\/p>\n<h2>Es braucht ein konzertiertes multilaterales Engagement<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie politischen M\u00f6glichkeiten h\u00e4ngen stark von den lokalen Bedingungen und den verf\u00fcgbaren Mitteln ab. Mit substanzieller Finanzhilfe &#8211; diese wird im Wesentlichen von internationalen Finanzinstitutionen wie dem IWF, der Weltbankgruppe und den regionalen Entwicklungsbanken gew\u00e4hrt &#8211; kann Spielraum f\u00fcr Konjunkturprogramme geschaffen werden, namentlich f\u00fcr L\u00e4nder in einer angespannten finanziellen Situation. Entsprechende umfangreiche Unterst\u00fctzungsprogramme wurden vom IWF mit der Ukraine (16,5 Mrd. US-Dollar) und Serbien vereinbart. Aber auch f\u00fcr L\u00e4nder in einer weniger schwierigen Lage kann eine multilaterale Unterst\u00fctzung in Form einer \u00abVersicherung\u00bb wertvoll sein. Kolumbien zum Beispiel profitiert von einer \u00abflexiblen Kreditlinie\u00bb, einer neuen Fazilit\u00e4t beim IWF, die L\u00e4ndern mit einer koh\u00e4renten Wirtschaftspolitik zus\u00e4tzliche Ressourcen zur Verf\u00fcgung stellt, falls sich die Krise verschlimmert.\u00a0Zu den neu geschaffenen Instrumenten geh\u00f6ren neuartige Fazilit\u00e4ten der International Finance Corporation (IFC) f\u00fcr Mikrofinanzinstitutionen zur Finanzierung des internationalen Handels, zur Sanierung von Finanzinstitutionen oder zur Finanzierung \u00f6ffentlich-privater Infrastrukturprojekte. Auch die \u00fcbrigen Bereiche der Weltbankgruppe engagieren sich: Geplant ist eine Verdreifachung des Volumens an nicht konzession\u00e4ren Darlehen f\u00fcr L\u00e4nder mit mittleren Einkommen sowie eine sofortige Konzentration der konzession\u00e4ren Ressourcen auf die \u00e4rmsten L\u00e4nder.\u00a0Die multilateralen Institutionen haben recht flexibel und schnell reagiert, indem sie ihre Instrumente anpassten und die verf\u00fcgbaren Ressourcen erh\u00f6hten. Dabei haben sie entweder ihren finanziellen Spielraum ausgen\u00fctzt oder Kapitalerh\u00f6hungen vorgenommen, wie etwa die Asiatische Entwicklungsbank, die k\u00fcrzlich ihre Kapitalbasis verdoppelt hat. Die antizyklische Rolle dieser Institutionen ist also nicht zu bestreiten. Eine Unterst\u00fctzung der Initiativen sollte sich jedoch an vier Grunds\u00e4tzen orientieren:\u00a0&#8211; Zusatzfinanzierungen sind an die Wahrung der langfristigen finanziellen Stabilit\u00e4t der Institutionen zu binden.\u00a0&#8211; Krisenpakete m\u00fcssen zeitlich begrenzt sein, damit das Kreditvolumen bei einem Aufschwung wieder angepasst wird.\u00a0&#8211; Die Grunds\u00e4tze, auf die sich die multilateralen Aktionen st\u00fctzen, d\u00fcrfen nicht relativiert werden (namentlich muss die Verschuldung f\u00fcr die Empf\u00e4ngerl\u00e4nder tragbar bleiben).\u00a0&#8211; Die strukturellen Bedingungen, die diese Unterst\u00fctzung begleiten, m\u00fcssen gewahrt bleiben, um die Nachhaltigkeit der Stabilisierungsbem\u00fchungen zu gew\u00e4hrleisten.&#13;<\/p>\n<h2>Gezielte bilaterale Beihilfe des Seco<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas multilaterale Engagement kann durch gezielte bilaterale Unterst\u00fctzung erg\u00e4nzt werden. Das Seco ist dabei mit seinen Instrumenten &#8211; makro\u00f6konomische Unterst\u00fctzung, Handelsf\u00f6rderung, Privatsektorf\u00f6rderung und Infrastrukturfinanzierung &#8211; f\u00fcr den Kontext einer Wirtschaftskrise grunds\u00e4tzlich gut positioniert. Die lancierten innovativen Programme zielen auf die St\u00e4rkung der Institutionen, eine Erh\u00f6hung ihrer Krisenresistenz, die Finanzierung nachhaltiger Handelst\u00e4tigkeiten sowie die Unterst\u00fctzung von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). Neue Strategien, die den Folgen der Krise Rechnung tragen, sind zudem f\u00fcr die sieben L\u00e4nder des \u00abS\u00fcdens\u00bb geplant.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise hat ein globales Ausmass erreicht. Trotzdem sind nicht alle L\u00e4nder gleich stark davon betroffen. Siehe den vorangehenden Artikel von Michael Klein. 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