{"id":122391,"date":"2009-05-01T12:00:00","date_gmt":"2009-05-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2009\/05\/fibbi-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:38:05","modified_gmt":"2023-08-23T21:38:05","slug":"fibbi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2009\/05\/fibbi\/","title":{"rendered":"Transnationale Aktivit\u00e4ten von Migrantinnen und Migranten in Europa"},"content":{"rendered":"<p>Im vorliegenden Artikel werden die Ergebnisse einer Studie zum Transnationalismus \u00abvon unten\u00bb erl\u00e4utert. Ziel der Untersuchung war es, den Umfang der transnationalen Aktivit\u00e4ten \u00fcber die bereits bestehenden, nicht systematischen Beobachtungen hinaus abzukl\u00e4ren und diese grenz\u00fcberschreitenden Vorg\u00e4nge bei verschiedenen Gruppen von Migranten in diversen kontinentaleurop\u00e4ischen L\u00e4ndern zu vergleichen. Die Besonderheit dieser Untersuchung besteht in ihrer multikomparativen Methode. Angesichts der grossen Bedeutung der Herkunftsl\u00e4nder f\u00fcr die Migranten \u00fcberrascht es, dass die grenz\u00fcberschreitenden Aktivit\u00e4ten gerade bei jenen Gruppen verh\u00e4ltnism\u00e4ssig schwach ausgepr\u00e4gt sind, die erst k\u00fcrzlich und in grosser Zahl eingewandert sind.<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/200905_19_Fibbi_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"248\" \/>&#13;<\/p>\n<h2>Globalisierung und Migrationsstr\u00f6me<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nUnter Globalisierung versteht man den Prozess der globalen Ausdehnung der sozialen Beziehungen zwischen den Menschen, die den Raum des gesamten Planeten umspannen. Giddens (1990) definiert die Globalisierung als Intensivierung der weltweiten sozialen Beziehungen, die weit voneinander entfernte Orte miteinander verbinden, sodass lokale Ereignisse durch Begebenheiten mitbestimmt werden, die Tausende von Kilometern entfernt passieren, und umgekehrt. Als eines der Merkmale der Globalisierung bezeichnet er die r\u00e4umliche Aufspaltung des Orts, der physischen Umgebung von der geografisch situierten sozialen Aktivit\u00e4t, da Beziehungen zwischen \u00ababwesenden\u00bb Personen bestehen, die in r\u00e4umlicher Hinsicht unter Umst\u00e4nden weit von der Situation einer direkten Interaktion entfernt sind. Vor diesem Hintergrund bezeichnet er die Migrationsbewegungen als einen der pr\u00e4genden Aspekte der Globalisierung. \u00a0Die Globalisierung verursacht nicht nur eine Beschleunigung der Migrationsbewegungen und die Entwicklung der zirkul\u00e4ren Migration, sondern wirkt sich auch auf die Bindungen aus, welche die Migrantinnen und Migranten zwischen ihrem Herkunftsland und der Gesellschaft des Aufnahmelandes pflegen. In den l\u00e4nder\u00fcbergreifenden R\u00e4umen, die durch diese verschiedenen Formen der Migrationsbewegungen entstehen, entwickeln die Migrantinnen und Migranten soziale und wirtschaftliche Beziehungen sowie politische Aktivit\u00e4ten und Identit\u00e4ten, die \u00fcber die klassischen Landesgrenzen hinausgehen und die innerhalb einer in Nationalstaaten unterteilten Welt globale wirtschaftliche Prozesse nutzen (Castles, 2007).&#13;<\/p>\n<h2>Studie zu transnationalen Aktivit\u00e4ten von Migranten in Europa<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nW\u00e4hrend die theoretische Literatur zum Transnationalismus gut entwickelt ist (siehe&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 1<\/b>&#13;<br \/>\nTransnationalismus ist die Verkn\u00fcpfung von staatsb\u00fcrgerlicher und politischer Zugeh\u00f6rigkeit, von wirtschaftlichem Engagement, von sozialen Netzen und von kulturellen Identit\u00e4ten, mit der Verbindungen zwischen Personen und Institutionen in mehreren Nationalstaaten geschaffen werden (Glick-Schiller et al., 1992). Die Migrationsbewegungen werden nicht als blosses Ergebnis von makro\u00f6konomischen, politischen und sozialen Kr\u00e4ften, sondern vielmehr als Strategien betrachtet, die von Migrantinnen und Migranten angewandt werden, welche innerhalb eines Systems von Sachzw\u00e4ngen agieren und die globalen wirtschaftlichen Chancen und Prozesse nutzen, die sich in einer in Nationalstaaten unterteilten Welt bieten (Portes, 1997). Das Konzept des Transnationalismus scheint jenem der Diaspora sehr \u00e4hnlich zu sein, das in die Alltagssprache Eingang gefunden hat. Der Transnationalismus unterscheidet sich jedoch von der Diaspora, da er den Bezug zu einer durch die Geschichte entstandenen und vorbestimmten Gemeinschaft zur Diskussion stellt und die Bildung von Gruppen im Zusammenhang mit ihren grenz\u00fcberschreitenden Aktivit\u00e4ten verzeichnet.), sind die empirischen Grundlagen begrenzt: Es gibt nur wenige systematische Beschreibungen der transnationalen Aktivit\u00e4ten, insbesondere in Kontinentaleuropa. Weist Europa mit seiner grossen Zahl von Nationalstaaten und seinen bedeutenden Migrationsstr\u00f6men Formen von Transnationalismus auf, die mit jenen im angloamerikanischen Raum vergleichbar sind? \u00a0Die hier vorgestellte Studie F\u00fcr die Durchf\u00fchrung dieser Untersuchung wurde ein Netzwerk gebildet, dem europ\u00e4ische Wissenschaftler angeh\u00f6ren, die sich mit den Migrationsbewegungen, der zirkul\u00e4ren Migration und der Integrationspolitik befassen. Diese haben sich im Rahmen des Network of Excellence Imiscoe des sechsten Europ\u00e4ischen Rahmenprogramms zusammengeschlossen ( <a href=\"http:\/\/www.imiscoe.org\">www.imiscoe.org<\/a> ). Die Ergebnisse des gesamten Projekts und der Fallstudien werden in einer Spezialausgabe der Revue europ\u00e9enne des migrations internationales pr\u00e4sentiert (Fibbi und D&#8217;Amato, 2008). \u00fcber den Transnationalismus \u00abvon unten\u00bb hatte zum Ziel, den Umfang der transnationalen Aktivit\u00e4ten \u00fcber die bereits bestehenden, nicht systematischen Beobachtungen hinaus abzukl\u00e4ren und eine komparative Evaluation der transnationalen Aktivit\u00e4ten verschiedene Gruppen von Migranten in diversen kontinentaleurop\u00e4ischen L\u00e4ndern vorzunehmen. Demzufolge stehen nicht die Gemeinschaften (wie im Fall der Diaspora), sondern die transnationalen Aktivit\u00e4ten der Migranten im Zentrum der Untersuchung, d.h. die kollektive Dimension der grenz\u00fcberschreitenden Beziehungen, deren \u00d6ffentlichkeit und die institutionellen Konsolidierungsformen der individuellen Aktivit\u00e4ten \u00abvon unten\u00bb. Gegenstand der Analyse sind drei gesellschaftliche Bereiche, n\u00e4mlich der wirtschaftliche, der soziokulturelle und der politische Bereich. Trotz der Schwierigkeit einer solchen Aufteilung der Realit\u00e4t und der Durchl\u00e4ssigkeit dieser drei Bereiche sollten m\u00f6glichst alle Aktivit\u00e4ten aufgezeigt werden und nicht nur die politischen Aktivit\u00e4ten, die bislang &#8211; insbesondere in Europa &#8211; die empirischen Untersuchungen zum Transnationalismus dominiert haben. \u00a0Die Besonderheit dieser Untersuchung besteht in ihrer multikomparativen Methode. Einige Fallstudien beruhen auf einem unterschiedlichen Ansatz: Die T\u00fcrken werden in drei verschiedenen Aufnahmel\u00e4ndern &#8211; Niederlande, Deutschland und Schweiz &#8211; analysiert. Die Einwanderer aus Marokko in Belgien, Frankreich und Italien werden parallel zu einer anderen Gruppe von Migranten im jeweiligen Land beurteilt. Andere Fallstudien sind &#8211; entsprechend einem in Migrationsstudien \u00fcblicheren Ansatz &#8211; als konvergente Vergleiche zwischen zwei verschiedenen Gruppen konzipiert, die sich im gleichen Immigrationsland niedergelassen haben. So werden die Marokkaner in Belgien mit den Chinesen, in Frankreich mit den Senegalesen und in Italien mit den Rum\u00e4nen verglichen. In den F\u00e4llen der Portugiesen und der Rum\u00e4nen wurden die transnationalen Aktivit\u00e4ten sowohl aus der Perspektive des Herkunftslandes als auch aus der Perspektive des Gastlandes &#8211; d.h. der Schweiz und Italiens &#8211; untersucht.&#13;<\/p>\n<h2>Ergebnisse<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAngesichts der grossen Bedeutung der Herkunftsl\u00e4nder f\u00fcr die Migranten w\u00e4re zu erwarten, dass die gr\u00f6ssten Migrationsstr\u00f6me der j\u00fcngsten Vergangenheit durch eine grosse Vielfalt l\u00e4nder\u00fcbergreifender Beziehungen gekennzeichnet sind. Deshalb \u00fcberrascht es, dass die grenz\u00fcberschreitenden Aktivit\u00e4ten jener Gruppen, bei denen in letzter Zeit eine permanente Immigration erfolgte, nur verh\u00e4ltnism\u00e4ssig schwach ausgepr\u00e4gt sind. Besonders auff\u00e4llig sind die F\u00e4lle der Ersteinwanderer aus Portugal in der Schweiz sowie derjenigen aus Rum\u00e4nien und Marokko in Italien, weil sie auf den ersten Blick kontraintuitiv sind. Selbstverst\u00e4ndlich gibt es in jeder Gruppe viele Einzelpersonen, die ihren Familien regelm\u00e4ssig eine finanzielle Unterst\u00fctzung zukommen lassen, ihre Ersparnisse f\u00fcr die Vorbereitung ihrer R\u00fcckkehr investieren, \u00fcber telefonische Kontakte oder den Austausch von Briefen die Beziehungen mit ihren Verwandten und Freunden ihres ersten Sozialisierungsortes pflegen oder mit der Lekt\u00fcre von Zeitungen oder am Fernsehen das politische Geschehen und\/oder Sportveranstaltungen verfolgen. Da diese Aktivit\u00e4ten ausserhalb des privaten Umfelds, der Familie oder der Verwandtschaft ohne Bedeutung sind, werden sie in dieser Studie nicht ber\u00fccksichtigt. Dies ist umso erstaunlicher, als die Akteure dieser Migrationsstr\u00f6me mehrheitlich die Absicht haben, zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt in ihr Herkunftsland zur\u00fcckzukehren. \u00a0Dieses Merkmal trifft jedoch kaum auf alle Gruppen dieser Herkunftsl\u00e4nder zu. So entfalten die Marokkaner in Frankreich und in Belgien intensive transnationale Aktivit\u00e4ten auf wirtschaftlicher, kultureller und politischer Ebene. Damit gleichen sie den T\u00fcrken, der zahlenm\u00e4ssig gr\u00f6ssten Migrantengruppe in Europa, die sich in einer Vielzahl von L\u00e4ndern niedergelassen haben. Die auf verschiedenen Ebenen aktiven T\u00fcrken bilden das paradigmatische Beispiel von Transmigranten in Europa, die mehr wegen ihrer politischen als wirtschaftlichen Aktivit\u00e4ten intensiv untersucht wurden. \u00a0Die anderen im Rahmen dieses Projekts untersuchten Gruppen liegen hinsichtlich der Intensit\u00e4t ihrer transnationalen Aktivit\u00e4ten und insbesondere des Spektrums der entfalteten Aktivit\u00e4ten in einer Zwischenposition: Die Kapverder in Portugal, die Chinesen in Belgien und die Senegalesen in Frankreich unterscheiden sich durch die Tatsache, dass sie sich in erster Linie im wirtschaftlichen und soziokulturellen Bereich engagieren, w\u00e4hrend ihre politischen Aktivit\u00e4ten nur von marginaler Bedeutung sind.&#13;<\/p>\n<h2>Ein Schwelleneffekt<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie geringf\u00fcgigen grenz\u00fcberschreitenden Aktivit\u00e4ten der portugiesischen Ersteinwanderer in der Schweiz wie auch der Rum\u00e4nen und Marokkaner in Italien sind ein Paradox, wenn man davon ausgeht, dass die Bildung von grenz\u00fcberschreitenden Netzwerken gewissermassen eine automatische Konsequenz der Migration ist. Wenn Eine starke Identifikation mit dem Herkunftsland oder der Herkunftsregion kommt bei Erstmigranten in der Praxis nur in grenz\u00fcberschreitenden Aktivit\u00e4ten zum Ausdruck, wenn bestimmte Voraussetzungen erf\u00fcllt sind.\u00a0Der rechtliche Status der Marokkaner und Rum\u00e4nen in Italien ist relativ unsicher; auch ihre wirtschaftliche Lage ist oft prek\u00e4r. Die Gefahr von Ausgrenzung und Verarmung scheint die Entwicklung transnationaler Aktivit\u00e4ten zu behindern. Mit dem unsicheren Status l\u00e4sst sich der Unterschied zwischen den Marokkanern in Italien und jenen in Frankreich und Belgien erkl\u00e4ren: W\u00e4hrend die Ersteren Teil einer verh\u00e4ltnism\u00e4ssig neuen Migrationsbewegung sind, haben sich die Marokkaner in den beiden franz\u00f6sischsprachigen L\u00e4ndern \u00fcber mehrere Jahrzehnte etabliert. Durch grosse Unsicherheit werden transnationale Aktivit\u00e4ten besonders dann behindert, wenn die Mitglieder der betreffenden Gruppe nur \u00fcber geringe pers\u00f6nliche und soziale Ressourcen verf\u00fcgen. \u00a0Ein zweiter Faktor scheint ebenfalls entscheidend zu sein: die Heterogenit\u00e4t innerhalb der Immigrantengruppen hinsichtlich der Migrationsart und des soziokulturellen Kapitals. Die marokkanischen Immigranten in Frankreich und Belgien bestehen zwar haupts\u00e4chlich aus Arbeitern und ihren Familien, weisen aber trotzdem eine politische Komponente auf, die bei den Marokkanern in Italien weitgehend fehlt. \u00a0Bez\u00fcglich der schwachen transnationalen Aktivit\u00e4ten der grossen Zahl von Portugiesen in der Schweiz \u00fcberzeugt jedoch das Argument der Unsicherheit des rechtlichen Status und der sozialen Bedingungen nicht. Die verh\u00e4ltnism\u00e4ssig bescheidenen Aktivit\u00e4ten, die eine kollektive Dimension aufweisen, sind wohl eher auf die wenig ausgepr\u00e4gte Diversifizierung innerhalb der betreffenden Migrantengruppe zur\u00fcckzuf\u00fchren.&#13;<\/p>\n<h2>Politische Aktivit\u00e4ten<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie t\u00fcrkischen, marokkanischen und senegalesischen Migranten entfalten in ihren jeweiligen Aufenthaltsl\u00e4ndern &#8211; Niederlande, Deutschland, Schweiz, Belgien und Frankreich &#8211; auch transnationale Aktivit\u00e4ten politischer Art. Die transnationale politische Mobilisierung stellt f\u00fcr die traditionelle Konzeption der Nationalstaaten, die einen abgeschlossenen Rechtsraum bilden, sicherlich die gr\u00f6sste Herausforderung dar. Deshalb \u00fcberrascht es nicht, dass diese Frage seit Beginn der entsprechenden Untersuchungen oft im Zentrum der Aufmerksamkeit der Forschung stand. \u00a0Koopmans und Statham (2001) erkl\u00e4ren das Bestehen von transnationalen politischen Aktivit\u00e4ten mit einem ungen\u00fcgenden Einbezug der Migrantengruppen im Aufnahmeland, was dazu f\u00fchre, dass diese ihre Forderungen an das Herkunftsland richteten. Im Gegensatz dazu ortet Faist (2000) die Gr\u00fcnde f\u00fcr die politische Aktivierung in den M\u00f6glichkeiten, die den Migranten durch den demokratischen Rahmen der Immigrationsl\u00e4nder einger\u00e4umt werden. Aus unseren Fallstudien geht hervor, dass f\u00fcr die politische Mobilisierung der Migranten nicht die vom Immigrationsland gebotenen M\u00f6glichkeiten entscheidend sind, sondern vielmehr der Unterschied zwischen den &#8211; in der Regel weiter gehenden &#8211; M\u00f6glichkeiten im Immigrationsland und den &#8211; eher eingeschr\u00e4nkten &#8211; M\u00f6glichkeiten im Herkunftsland. Nur wenn dieser Unterschied verh\u00e4ltnism\u00e4ssig markant ist, sind die Voraussetzungen f\u00fcr eine Mobilisierung erf\u00fcllt. \u00a0Bez\u00fcglich der chinesischen Immigranten in Belgien scheint indes der unbestreitbare Unterschied zwischen den politischen Rechten im Immigrationsland und den entsprechenden Rechten im Herkunftsland kaum eine politische Mobilisierung zu bewirken, obschon diese in vielen F\u00e4llen eingeb\u00fcrgert werden und sowohl wirtschaftlich als auch sozial gut gestellt sind. Die chinesischen Einwanderer setzen ihre kulturellen und symbolischen Ressourcen haupts\u00e4chlich f\u00fcr wirtschaftliche und kulturelle Aktivit\u00e4ten ein.&#13;<\/p>\n<h2>Wirtschaftliche und kulturelle Aktivit\u00e4ten<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Fallstudien zeigen schliesslich auch Zwischenformen, in denen sich die Immigrantengruppen nicht durch politische Forderungen, sondern \u00fcber wirtschaftliche und kulturelle Aktivit\u00e4ten auf transnationaler Ebene als gesellschaftliche Akteure profilieren. Bei dieser Art von Aktivit\u00e4t besteht kaum ein Zusammenhang zwischen Migration und Nationalstaat (Baub\u00f6ck, 2003).\u00a0So ist es kein Zufall, dass sich die Migranten der zweiten Generation &#8211; speziell die T\u00fcrken in der Schweiz und die Marokkaner in Belgien &#8211; in diesen Bereichen besonders engagieren und dort eine M\u00f6glichkeit finden, ihre Loyalit\u00e4t gegen\u00fcber dem Herkunftsland zum Ausdruck zu bringen, durch die ihr Status als Daueraufenthalter im Immigrationsland nicht in Frage gestellt wird. Der Einbezug der Zweitgenerationen in diese Aktivit\u00e4ten gleicht damit mehr den Mobilisierungsformen der Zivilgesellschaft, die auf eine Unterst\u00fctzung von spezifischen lokalen Besonderheiten im Herkunftsland ausgerichtet sind. Die jungen Menschen der zweiten Generation engagieren sich f\u00fcr die Schaffung neuer finanzieller Kan\u00e4le, beispielsweise in Form von Stiftungen, f\u00fcr die Verbesserung der Lebensbedingungen im Heimatdorf. Sie l\u00f6sen sich von eher politischen Formen der Beteiligung, wie sie bei der ersten Generation vorherrschen, oder von der Pflege der Br\u00e4uche und Sitten, die f\u00fcr die Beziehung ihrer Vorfahren zum Heimatdorf typisch sind.\u00a0Einer der Faktoren, welche das Unternehmertum der Migranten erkl\u00e4ren und von dem die transnationale wirtschaftliche Aktivierung ausgeht, ist die Feindseligkeit gegen\u00fcber Migrantengruppen in der Gesellschaft. Die Hypothese der ethnischen Benachteiligung wird durch die empirischen Belege in den Beitr\u00e4gen zu den T\u00fcrken in der Schweiz und in Deutschland sowie zu den Marokkanern in Belgien best\u00e4tigt. Einige der in den erw\u00e4hnten Studien erfassten Aktivit\u00e4ten gehen jedoch weit \u00fcber eine blosse Reaktion auf die Feindseligkeit des Umfelds hinaus. Beispiele daf\u00fcr sind die Gesch\u00e4ftst\u00e4tigkeit der Senegalesen oder die Investitionen der Chinesen. Die Erkl\u00e4rungstheorien zu den transnationalen wirtschaftlichen Aktivit\u00e4ten erfassen die grosse Vielfalt der Situationen nur ungen\u00fcgend.\u00a0Die zahlreichen kulturellen Aktivit\u00e4ten f\u00f6rdern die Identifikation der Migranten mit der Kultur ihres Herkunftslandes und sind gleichzeitig auf die Erarbeitung einer positiven kollektiven Identit\u00e4t im Einwanderungsland ausgerichtet. Indem die Musik &#8211; und in einem etwas geringeren Ausmass auch die Sprache &#8211; Wechselwirkungen zwischen der Kultur des Herkunftslandes der Immigranten und der Kultur des Aufnahmelandes erm\u00f6glicht, leistet sie einen Beitrag zum Verst\u00e4ndnis der Logik des Transnationalismus als einzigartigen Raum der sozialen T\u00e4tigkeiten, in dem die Migranten nicht mehr entwurzelt sind, sondern sich im Gegenteil in unterschiedlichen Kulturen und gesellschaftlichen Systemen frei bewegen.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEuropa kennt mit seinen zahlreichen Nationalstaaten und seinen umfangreichen Migrationsstr\u00f6men Formen von Transnationalismus, die mit jenen im angloamerikanischen Raum vergleichbar sind. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Beobachtungen \u00fcber die politischen Aktivit\u00e4ten hinaus auf den Transnationalismus \u00abvon unten\u00bb erweitert werden. Allerdings sorgt auf beiden Seiten des Atlantiks lediglich eine Minderheit innerhalb der Migrantengruppen f\u00fcr grenz\u00fcberschreitende Aktivit\u00e4ten.\u00a0In der europ\u00e4ischen Literatur zum Ph\u00e4nomen des Transnationalismus st\u00f6sst man immer wieder auf die Frage, ob ein Widerspruch zwischen den transnationalen Aktivit\u00e4ten und der gesellschaftlichen Integration der Migranten bestehe. Alle Fallstudien deuten darauf hin, dass diesbez\u00fcglich kein Antagonismus besteht, da Integration nicht mit dem Verlust der eigenen kulturellen Identit\u00e4t einhergeht, sondern einen st\u00e4rkeren Einbezug in ein anderes kulturelles und soziales Umfeld bedeutet. Wie die F\u00e4lle der Portugiesen in der Schweiz sowie der Marokkaner und Rum\u00e4nen in Italien zeigen, scheinen fehlende Bindungen kaum ein Indikator f\u00fcr eine st\u00e4rkere Integration zu sein. Die transnationalen Aktivit\u00e4ten sind sowohl eine Reaktion auf eine schwierige Ausgangslage als auch eine M\u00f6glichkeit, soziales und kulturelles Prestige oder wirtschaftlichen Einfluss zu erlangen. Dies wiederum verbessert die Integrationsbedingungen f\u00fcr die Einzelpersonen wie auch f\u00fcr jene Minderheiten, denen sie angeh\u00f6ren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 1: Transnationalismus<\/b>&#13;<br \/>\nTransnationalismus ist die Verkn\u00fcpfung von staatsb\u00fcrgerlicher und politischer Zugeh\u00f6rigkeit, von wirtschaftlichem Engagement, von sozialen Netzen und von kulturellen Identit\u00e4ten, mit der Verbindungen zwischen Personen und Institutionen in mehreren Nationalstaaten geschaffen werden (Glick-Schiller et al., 1992). Die Migrationsbewegungen werden nicht als blosses Ergebnis von makro\u00f6konomischen, politischen und sozialen Kr\u00e4ften, sondern vielmehr als Strategien betrachtet, die von Migrantinnen und Migranten angewandt werden, welche innerhalb eines Systems von Sachzw\u00e4ngen agieren und die globalen wirtschaftlichen Chancen und Prozesse nutzen, die sich in einer in Nationalstaaten unterteilten Welt bieten (Portes, 1997). Das Konzept des Transnationalismus scheint jenem der Diaspora sehr \u00e4hnlich zu sein, das in die Alltagssprache Eingang gefunden hat. Der Transnationalismus unterscheidet sich jedoch von der Diaspora, da er den Bezug zu einer durch die Geschichte entstandenen und vorbestimmten Gemeinschaft zur Diskussion stellt und die Bildung von Gruppen im Zusammenhang mit ihren grenz\u00fcberschreitenden Aktivit\u00e4ten verzeichnet.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 2: Bibliografie<\/b>&#13;<br \/>\n&#8211; Baub\u00f6ck Rainer (2003): Towards a Political Theory of Migrant Transnationalism. International Migration Review, 37(3): 700-723.- Castles Stephen (2007): N\u00e9cessaires Migrations. Courrier de la Plan\u00e8te 81-82 (12-17).- Faist Thomas (2000): Transnationalization in International Migration: Implications for the Study of Citizenship and Culture. Ethnic And Racial Studies, 23(2): 189-222.- Fibbi Rosita und Gianni D&#8217;Amato (2008): \u00abTransnationalisme des migrants en Europe: une preuve par les faits. Revue Europ\u00e9enne des Migrations Internationales, 24(2): 7-22.- Giddens Anthony (1990): The Consequences Of Modernity. Cambridge: Polity Press.- Glickschiller Nina, Basch Linda und Szanton Blanc Cristina (1992): Transnationalism: A New Analytic Framework For Understanding Migration. Annals Of The New York Academy Of Science, 645(1-24).- Koopmans Ruud und Statham Paul (2001): How National Citizenship Shapes Transnationalism. A Comparative Analysis of Migrant Claims-Making in Germany, Great Britain and the Netherlands. Revue Europ\u00e9enne des migrations internationales, 17(2): 63-100.- Portes Alejandro (1997): Globalization From Below: The Rise of Transnational Communities: Princeton, Princeton University.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im vorliegenden Artikel werden die Ergebnisse einer Studie zum Transnationalismus \u00abvon unten\u00bb erl\u00e4utert. 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