{"id":122461,"date":"2009-04-01T12:00:00","date_gmt":"2009-04-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2009\/04\/etter-6\/"},"modified":"2023-08-23T23:37:58","modified_gmt":"2023-08-23T21:37:58","slug":"etter-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2009\/04\/etter-5\/","title":{"rendered":"Die Kapazit\u00e4tsauslastung &#8211; Gradmesser der Konjunkturlage"},"content":{"rendered":"<p>Die Kapazit\u00e4tsauslastung ist ein wichtiger Indikator f\u00fcr die Bestimmung der Konjunkturlage einer Volkswirtschaft. Die Konjunkturforschungsstelle der ETH Z\u00fcrich (KOF) f\u00fchrt seit den 1950er Jahren Konjunkturumfragen bei Unternehmen in der Schweiz durch. Schon ab 1967 geh\u00f6rte die Frage nach dem Auslastungsgrad der technischen Kapazit\u00e4ten zum viertelj\u00e4hrlichen Standard-Frageprogramm der Industrieumfrage. Dieser Indikator wird seit 1994 auch im Baugewerbe erhoben. Die Fragestellung hat sich \u00fcber die Jahre praktisch nicht ver\u00e4ndert. Dies erm\u00f6glicht konjunkturzyklus\u00fcbergreifende Vergleiche und hilft damit bei der Interpretation der gegenw\u00e4rtigen Konjunkturlage.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDas rechtzeitige Erkennen von Boom- und Rezessionsphasen ist eine Voraussetzung f\u00fcr eine erfolgversprechende Wirtschaftspolitik. Die Konjunkturlage pr\u00e4gt das Produktions-, Investitions-, Besch\u00e4ftigungs- und Ertragsniveau der Unternehmen. Gleichzeitig gehen davon Wirkungen auf L\u00f6hne und Preise aus. Einer der wichtigsten Indikatoren hinsichtlich der konjunkturellen Lage einer Volkswirtschaft ist der Auslastungsgrad der technischen Kapazit\u00e4ten. Die Kapazit\u00e4tsauslastung ist definiert als das Verh\u00e4ltnis von effektiver Produktion und potenzieller Produktion. Ein hoher und allenfalls noch steigender Auslastungsgrad signalisiert beispielsweise Angebotsengp\u00e4sse und Lieferprobleme, welche preis- und lohntreibend wirken k\u00f6nnen.\u00a0Der Auslastungsgrad der technischen Kapazit\u00e4ten ist in der Industrie und im Baugewerbe messbar. Diese beiden Sektoren z\u00e4hlen zugleich zu den volatilsten einer Volkswirtschaft und geben somit ein gutes Bild auch der allgemeinen Konjunkturentwicklungen.&#13;<\/p>\n<h2>Konstruktion des Indikators Kapazit\u00e4tsauslastung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie KOF erhebt im Rahmen der Konjunkturumfragen KOF-Konjunkturumfragen: Durchschnittliche Anzahl von Antworten pro Quartal f\u00fcr die geografische Auswertungseinheit Schweiz im Jahr 2008: Industrie 882, Baugewerbe 550. werden zu Branchenergebnissen und zum Resultat von Industrie resp. Baugewerbe insgesamt aggregiert. Der Aggregationsprozess erfolgt in drei Schritten: \u00a0&#8211; Die Antworten werden mit der vollzeit\u00e4quivalenten Zahl von Besch\u00e4ftigten der antwortenden Unternehmung gewichtet.\u00a0&#8211; F\u00fcr die Branchenergebnisse werden die gewichteten Antworten in drei Gr\u00f6ssenklassen (klein, mittel, gross) untergliedert und f\u00fcr jede Gr\u00f6ssenklasse separat ermittelt. Die Ergebnisse der Gr\u00f6ssenklassen werden in einem zweiten Schritt mit ihrer Bedeutung in der Grundgesamtheit (Betriebsz\u00e4hlung) gewichtet und die drei Gr\u00f6ssenklassen zum Branchenergebnis zusammengefasst. \u00a0&#8211; Zuletzt werden die Branchenresultate mit ihrem Wertsch\u00f6pfungsanteil gewichtet und zum Gesamtergebnis aggregiert.&#13;<\/p>\n<h2>Anwendungsm\u00f6glichkeiten der Kapazit\u00e4tsauslastung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Indikator \u00abAuslastung der technischen Kapazit\u00e4ten\u00bb findet vor allem in drei Bereichen eine grosse Beachtung: den teilnehmenden Firmen, der \u00f6ffentlichen Hand und der empirischen Wirtschaftsforschung.&#13;<\/p>\n<h3>Teilnehmende Firmen<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nAnhand des Umfrageberichts k\u00f6nnen die teilnehmenden Firmen ihre eigene Performance mit jener ihres Absatzmarktes vergleichen. Darin finden sich auch Hinweise \u00fcber die Konjunkturlage in den vorgelagerten Branchen, was Informationen \u00fcber die Entwicklung der Lieferfristen und der Einkaufspreise erm\u00f6glicht. Zudem kann die Kapazit\u00e4tsauslastung der Abnehmerbranchen Anhaltspunkte f\u00fcr die eigene Verkaufspreisgestaltung liefern.&#13;<\/p>\n<h3>\u00d6ffentliche Hand<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDie \u00f6ffentliche Hand erkennt immer mehr den Nutzen der Konjunkturumfragen f\u00fcr ihre Zwecke. Im Vordergrund steht dabei die Ermittlung von Entscheidungsgrundlagen f\u00fcr die Fiskal- und die Geldpolitik. Der Auslastungsgrad der technischen Kapazit\u00e4ten ist mittlerweile sowohl f\u00fcr die Schweizerische Nationalbank (SNB) als auch f\u00fcr den Bund und die Kantone\/Regionen ein wichtiges konjunkturelles Signal.&#13;<\/p>\n<h3>Empirische Wirtschaftsforschung<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nIn der empirischen Wirtschaftsforschung spielt die Kapazit\u00e4tsauslastung eine wichtige Rolle sowohl in Partialals auch in Gesamtmodellen. Der Indikator kann als Bestimmung des \u00f6konomischen \u00abRegimes\u00bb dienen und so signalisieren, ob zu einem bestimmten Zeitpunkt ein Nachfrageoder ein Angebots\u00fcberschuss besteht. Zusammen mit anderen relevanten Indikatoren dient er zudem der Sch\u00e4tzung der Wertsch\u00f6pfungsentwicklung.&#13;<\/p>\n<h2>Interpretation<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nBei der Theorie von Konjunkturzyklen werden drei Definitionen unterschieden: klassischer Zyklus, Wachstumszyklus und Wachstumsratenzyklus. Um die Aussagekraft des Indikators richtig zu beurteilen, ist entscheidend, auf welcher Konjunkturzyklustheorie der Indikator basiert. Der klassische Zyklus orientiert sich ausschliesslich am Vorzeichen der Wachstumsraten; der Wachstumsratenzyklus betrachtet Beschleunigungs- und Verlangsamungsphasen. Der Wachstumszyklus hingegen geht von einer trendbereinigten Niveaubetrachtung aus, was dem Konzept der Kapazit\u00e4tsauslastung entspricht. \u00a0Bei der Interpretation des Auslastungsgrades sind zudem die strukturellen Unterschiede zwischen Branchen und Regionen zu beachten. In der Industrie weist die Nahrungs- und Genussmittelindustrie eine wesentlich niedrigere durchschnittliche Auslastung auf als z.B. die Maschinenindustrie (siehe Tabelle 1). Dasselbe gilt nicht nur auf Branchen-, sondern auch auf Produktgruppenoder sogar auf Firmenebene. Auch im Baugewerbe bestehen merkliche Unterschiede zwischen Bauhaupt- und Ausbaugewerbe.\u00a0Die regionalen Unterschiede in der Industrie sind weniger markant als jene zwischen den Branchen (siehe Tabelle 2). Zudem stammen diese Differenzen teilweise vom unterschiedlichen Branchenmix der Regionen. Etwas anders pr\u00e4sentiert sich die Lage im Baugewerbe. Weil dieser Wirtschaftszweig stark von der lokalen und regionalen Nachfrage abh\u00e4ngig ist, bestehen erhebliche regionale Differenzen bei der durchschnittlichen Kapazit\u00e4tsauslastung.\u00a0Die konjunkturelle Einsch\u00e4tzung, ob ein Engpass vorliegt oder \u00dcberkapazit\u00e4ten vorhanden sind, ist eng damit verbunden, was als Normalauslastung angesehen wird. Die Kapazit\u00e4tsauslastung ist zwar konstruktionsbedingt ein trendbereinigter Indikator. Trotzdem ist es m\u00f6glich, dass sich der von den Firmen als Normalauslastung empfundene Wert \u00fcber die Zeit ver\u00e4ndert. Gr\u00fcnde daf\u00fcr k\u00f6nnen Just-in-Time-Produktion, flexibleres Produktionskapital, ver\u00e4nderte Kapitalausstattung und Branchenstrukturwandel sein. Untersuchungen mit Schweizer Daten haben gezeigt, dass die Normalauslastung in den letzten 25 Jahren eher r\u00fcckl\u00e4ufig ist.\u00a0Der Zusammenhang zwischen Industrieproduktion und Auslastungsgrad der technischen Kapazit\u00e4ten wird nicht nur vom Produktionsvolumen, sondern auch von Investitionen respektive Schliessungen von Produktionseinheiten beeinflusst. W\u00e4hrend Investitionen bei unver\u00e4nderter Produktion den Auslastungsgrad senken, erh\u00f6ht sich dieser bei Schliessungen von Produktionseinheiten. Entsprechend reagiert die Kapazit\u00e4tsauslastung im Konjunkturverlauf nicht immer parallel zur Produktion.\u00a0Empirische Untersuchungen zeigen einen st\u00e4rkeren Zusammenhang zwischen dem Auslastungsgrad und dem Vorjahresquartalswachstum der Industrieproduktion (VJQ) als der Trendabweichung der Industrieproduktion. \u00dcber einen Beobachtungszeitraum von 1991 bis 2007 ergibt sich eine maximale Korrelation von 0,75, wobei der Auslastungsgrad gegen\u00fcber der Industrieproduktion um ein Quartal verz\u00f6gert reagiert (siehe Grafik 1). Dank dem Publikationsvorsprung von einem Quartal eignet sich der Auslastungsgrad somit sehr gut als mitlaufender Indikator.&#13;<\/p>\n<h2>Kapazit\u00e4tsauslastung als Teil eines Indikatorenb\u00fcndels<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nZur Erleichterung der Interpretation des Indikators wird in den KOF-Konjunkturumfragen auch nach der Beurteilung (zu gross, ausreichend, zu klein) der technischen Kapazit\u00e4ten gefragt. Damit wird die Erfassung der Konjunkturlage &#8211; Engp\u00e4sse oder freie technische Kapazit\u00e4ten &#8211; verbessert. Zudem liefert eine Frage nach der Ver\u00e4nderung der technischen Kapazit\u00e4ten (erh\u00f6ht, nicht ver\u00e4ndert, reduziert) Hinweise auf das Investitionsverhalten als eine weitere Determinante der Kapazit\u00e4tsauslastung. \u00a0Werden Auslastungsgrad, Ver\u00e4nderung und Beurteilung der technischen Kapazit\u00e4ten in einer Hauptkomponenten-Analyse zusammengefasst, so verbessert sich der Zusammenhang dieses Indikators mit der Industrieproduktion merklich. Die Korrelation betr\u00e4gt dann beachtliche 0,80.\u00a0Dar\u00fcber hinaus kann der Auslastungsgrad in verschiedene Partialmodelle integriert werden oder &#8211; wie im Gesamtmodell der KOF &#8211; eine wichtige Kontrollvariable bilden.&#13;<\/p>\n<h2>Internationale Harmonisierung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn Zeiten einer verst\u00e4rkten Globalisie-rung wird ein Vergleich mit den f\u00fcr die Schweiz wichtigsten Volkswirtschaften immer wichtiger. Damit dies m\u00f6glich ist, hat die Europ\u00e4ische Union hinsichtlich der Unternehmensbefragungen ein Harmonisierungsprogramm beschlossen, dem sich die KOF angeschlossen hat. Dabei werden nicht nur die Fragen, sondern auch die Aggregationstechnik und die Branchengliederung vereinheitlicht.\u00a0Vergleicht man die Kapazit\u00e4tsauslastung der Schweiz mit jener der Nachbarl\u00e4nder, so stellt man fest, dass die Schweiz ab 2004 eine \u00fcberdurchschnittliche Steigerung der Kapazit\u00e4tsauslastung verzeichnen konnte (siehe Grafik 2). Bei allen L\u00e4ndern zeichnet sich jedoch momentan eine massive Verschlechterung der Auslastung der technischen Kapazit\u00e4ten ab.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1 \u00abIndustrieproduktion und Kapazit\u00e4tsauslastung, 1991-2008\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2 \u00abKapazit\u00e4tsauslastung Industrie, 1999-2008\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 1 \u00abDurchschnittliche Kapazit\u00e4tsauslastung nach Branchen, Konjunkturzyklus 2001-2007\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 2 \u00abBaugewerbe insgesamt 73.3\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 1: Literatur<\/b>&#13;<br \/>\n&#8211; Etter R., Graff M. und J. M\u00fcller (2008): Is \u00abNormal\u00bb Capacity Utilisation Constant over Time? Analyses with Macro and Micro Data from Business Tendency Surveys, Paper presented at the Ciret-Conference, Santiago de Chile, 8.-10. Oktober.- European Commission, Economic and Financial Affairs (2007): The Joint Harmonised EU Programme of Business and Consumer Surveys, Br\u00fcssel.- Harding D. und A. Pagan (2005): A Suggested Framework for Classifying the Modes of Cycle Research, in: Journal of Applies Econometrics, 20, S. 151-159.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kapazit\u00e4tsauslastung ist ein wichtiger Indikator f\u00fcr die Bestimmung der Konjunkturlage einer Volkswirtschaft. Die Konjunkturforschungsstelle der ETH Z\u00fcrich (KOF) f\u00fchrt seit den 1950er Jahren Konjunkturumfragen bei Unternehmen in der Schweiz durch. Schon ab 1967 geh\u00f6rte die Frage nach dem Auslastungsgrad der technischen Kapazit\u00e4ten zum viertelj\u00e4hrlichen Standard-Frageprogramm der Industrieumfrage. 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