{"id":122746,"date":"2008-12-01T12:00:00","date_gmt":"2008-12-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2008\/12\/graff-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:39:07","modified_gmt":"2023-08-23T21:39:07","slug":"graff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2008\/12\/graff\/","title":{"rendered":"Das KOF-Konjunkturbarometer &#8211; wie entwickelt sich das Schweizer BIP?"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;&#13;<\/p>\n<h2>Vom alten zum neuen Barometer<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Vorg\u00e4nger des heutigen KOF-Konjunkturbarometers wurde 1976 entwickelt und 1998 letztmals revidiert. Er war als Indikator f\u00fcr die Entwicklung des BIP im Vorjahresvergleich mit einem Vorlauf von sechs bis neun Monaten konzipiert. Die Konstruktion beruhte auf einer Auswahl von vorlaufenden Indikatoren, die mittels Hauptkomponentenextraktion zusammengefasst wurden. \u00a0Indikatormodelle, die auf der Fortschreibung von in der Vergangenheit beobachteten Zusammenh\u00e4ngen basieren, haben eine begrenzte Lebensdauer. Das KOF-Konjunkturbarometer bildete keine Ausnahme und zeigte bei einer \u00dcberpr\u00fcfung im Jahr 2005 erheblichen Revisionsbedarf. So war ein Vorlauf praktisch nicht mehr zu erkennen. Hinzu kam eine zunehmende Informationsineffizienz, da zwischenzeitlich mehrere neue KOF-Umfragen (Baugewerbe, Projektierungssektor, Banken und Versicherungen) lanciert worden waren. Dar\u00fcber hinaus hatten Verbesserungen der EU-Statistik dazu gef\u00fchrt, dass wir uns 2005 ein besseres Bild von der Konjunktur in den wichtigsten Schweizer Exportdestinationen machen konnten als zuvor. Zudem kam es durch den zum Gl\u00e4tten verwendeten symmetrischen Filter zu erheblichen Revisionen. Daher entschloss sich die KOF, das traditionelle Barometer durch einen umfassend neu konzipierten Fr\u00fchindikator zu ersetzen. Im Jahr 2005 wurde ein Prototyp entwickelt und getestet. Das auf dieser Basis konstruierte heutige KOF-Konjunkturbarometer l\u00f6ste seinen Vorg\u00e4nger im Mai 2006 ab.&#13;<\/p>\n<h2>Ein multisektoraler Vorlaufindikator<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas multisektoriale KOF-Konjunkturbarometer beruht auf der Identifikation und Zusammenfassung von vorlaufenden Indikatoren. Da mit dem vorigen Barometer das selbst gesetzte Ziel eines Vorlaufs von sechs bis neun Monaten verfehlt wurde, ist der nunmehr avisierte Vorlauf mit rund einem Quartal weniger ambitioniert, daf\u00fcr aber verl\u00e4sslicher. Die wesentliche Neuerung besteht darin, dass der Konjunkturverlauf nicht als eindimensionaler Vorgang modelliert wird, sondern als mehrdimensionales Ph\u00e4nomen. Wir unterscheiden also sektorale Konjunkturen, die separat abgebildet und anschliessend zur Gesamtkonjunktur aggregiert werden. Die Wahl der drei Module beruht darauf, dass die separate Erfassung des Konjunkturverlaufes solcher Sektoren, die von der Gesamtkonjunktur abweichen, besonders wichtig ist. Dies ist damit zu erkl\u00e4ren, dass die konjunkturelle Entwicklung in dem Masse von einem eindimensionalen Modell schlechter erfasst wird, in dem sich die Teilbereiche vom Gesamtbild unterscheiden. Mit Blick auf die Schweiz f\u00e4llt dabei die erste Wahl auf das Kreditgewerbe. Auch der Bausektor ist durch ausgepr\u00e4gte Sonderkonjunkturen gekennzeichnet.\u00a0Die aus diesen Erw\u00e4gungen resultierende multisektorale Struktur des Sammelindikators ist in Grafik 1 dargestellt. Die Gesamtkonjunktur ergibt sich demnach aus den drei Modulen Kreditgewerbe, Baugewerbe und Kern-BIP. Das Kern-BIP, das den Grossteil der gesamten Wirtschaftsaktivit\u00e4t umfasst, wird dabei als ein eindimensionaler Vorgang verstanden. Zur robusten Messung wird es aber anhand dreier Aspekte erfasst:\u00a0&#8211; durch die Schweizer Industriekonjunktur;\u00a0&#8211; durch die Schweizer Konsumnachfrage;\u00a0&#8211; durch die Konjunktur in den wichtigsten Schweizer Exportdestinationen.\u00a0\u00a0Unseres Wissens wird ein \u00e4hnlicher Ansatz sonst nur beim konjunkturellen Fr\u00fchindikator des Deutschen Instituts f\u00fcr Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin verfolgt. In der Modellierung der Einzelmodule verf\u00e4hrt das DIW jedoch anders, und f\u00fcr Randsch\u00e4tzungen einzelner Module greift es auf univariate Zeitreihenverfahren zur\u00fcck, w\u00e4hrend wir uns ausschliesslich auf Indikatorensch\u00e4tzungen st\u00fctzen.&#13;<\/p>\n<h2>Berechnung und Aggregation der Module<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Vorgehensweise ist f\u00fcr alle Module gleich. Zuerst wird die Modul-Referenzreihe in Vorjahreswachstumsraten berechnet. Dann werden die ausgew\u00e4hlten Einzelindikatoren Zu den Kriterien f\u00fcr die Auswahl der Indikatoren vgl. Graff (2006). nach ihrem Vorlauf vor der Referenzreihe synchronisiert. Anschliessend wird die Varianz der Vorlaufindikatoren in Form der ersten Hauptkomponente zu einem sektoralen Sammelindikator zusammengefasst. F\u00fcr das Modul Kern-BIP werden drei den Messmodellen entsprechende erste Hauptkomponenten berechnet und diese wiederum mit einer Hauptkomponentenextraktion zusammengefasst. In den zwei n\u00e4chsten Schritten werden die verf\u00fcgbaren Werte der sektoralen Referenzreihen auf die sektoralen Hauptkomponenten regressiert (womit die Sch\u00e4tzwerte dieser Regressionen den aus der Hauptkomponente folgenden prognostizierten Wachstumsraten entsprechen) sowie die Wachstumsraten der drei Sektoren mit den vom Bundesamt f\u00fcr Statistik (BFS) ausgewiesenen Sektoranteilen gewichtet und zum multisektoralen Sammelindikator aufaddiert. Zuletzt wird die resultierende Reihe mit einem eigens hierf\u00fcr entwickelten randwertstabilen Filter von saisonalen Schwankungen und Zufallseinfl\u00fcssen bereinigt. Zum dabei verwendeten direkten Filteransatz vgl. Wildi und Schips (2004).&#13;<\/p>\n<h2>Wie zuverl\u00e4ssig ist das neue Barometer?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nSeit der Einf\u00fchrung des aktuellen KOF-Konjunkturbarometers im Mai 2006 sind rund zweieinhalb Jahre vergangen. Zur Beurteilung der Verl\u00e4sslichkeit des Barometers k\u00f6nnen wir somit zum jetzigen Zeitpunkt auf maximal elf BIP-Quartalswerte zur\u00fcckgreifen. Diese sind allerdings alle noch provisorisch, Der Vergleichszeitraum reicht vom zweiten Quartal 2006 bis zum vierten Quartal 2008. F\u00fcr 2006 und 2007 liegen provisorische BIP-Quartalswerte des BFS vor; f\u00fcr die ersten Quartale des Jahres 2008 sind provisorische Sch\u00e4tzungen des Seco vorhanden. F\u00fcr die letzten beiden Quartalswerte des Jahres 2008 greifen wir auf die KOF-Prognose vom September 2008 zur\u00fcck. sodass bei der Interpretation eine gewisse Zur\u00fcckhaltung geboten ist. \u00a0Grafik 2 zeigt die Vorjahreswachstumsrate des BIP (gegl\u00e4ttet und in monatliche Frequenz transformiert) sowie die monatlichen Barometerwerte, wobei zum Vergleich sowohl das heutige Barometer als auch der seit 2006 nicht mehr publizierte Vorg\u00e4nger dargestellt sind. Es ist ersichtlich, dass das heutige KOF-Konjunkturbarometer recht verl\u00e4ssliche Signale \u00fcber die Entwicklung des Schweizer BIP vermittelt und dabei dem Vorg\u00e4nger sowohl bez\u00fcglich der Amplitude (H\u00f6he der Wachstumsrate) als auch der Phase (Vorlauf) deutlich \u00fcberlegen ist.\u00a0Grafik 3 illustriert die Randwertproblematik beim Vorg\u00e4nger. Es zeigt sich, dass in Echtzeit &#8211; insbesondere an den Wendepunkten &#8211; teilweise erheblich andere Signale \u00fcbermittelt wurden als in der R\u00fcckschau. Dieses Problem wurde bei der Entwicklung des heutigen Barometers deutlich entsch\u00e4rft (siehe Grafik 4). Das neue Barometer weist nicht nur eine bessere \u00dcbereinstimmung mit der BIP-Wachstumsrate auf als sein Vorg\u00e4nger, sondern auch erheblich weniger Revisionen der zuerst publizierten Werte. \u00a0F\u00fcr eine vertiefende Analyse der Barometereigenschaften ist die Geschichte seit der Einf\u00fchrung des aktuellen Instruments zu kurz. Wichtige Hinweise gibt aber bereits jetzt die Untersuchung des 2005 entwickelten und auf dem Datenstand von 2002 beruhenden Prototypen. Vgl. Graff (2006) und (2008). Dabei zeigt sich, dass die Verbesserungen sowohl auf die gr\u00f6ssere Anzahl von Indikatoren als auch auf die multisektorale Struktur zur\u00fcckzuf\u00fchren sind. Die Erfassung der sektoralen Konjunktur des Kreditgewerbes in Abgrenzung von der Gesamtkonjunktur hat sich bislang gut bew\u00e4hrt. Weniger erfolgreich waren die Bem\u00fchungen beim Bausektor.&#13;<\/p>\n<h2>Ausblick<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWenige Jahre nach der Einf\u00fchrung des multisektoralen Barometers arbeitet die KOF bereits an einer erneuten Revision. Dies ist darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass das BFS 2006 die Berechnung des BIP deutlich revidiert hat. Zudem wird im Schweizer Produktionskonto die Wertsch\u00f6pfung des Kreditgewerbes nur noch unter Einschluss der sogenannten Fisim Financial Services Indirectly Measured. publiziert. Die Modul-Referenzreihe des Barometers ist aber die zuvor publizierte Wertsch\u00f6pfung ohne Fisim, wodurch eine Anpassung des Kreditgewerbemoduls erforderlich wurde. Es ist beabsichtigt, bei dieser Gelegenheit angesichts einer weiter verbesserten Datenlage das Gastgewerbe als vierten Sektor separat zu modellieren. Kleinere technische Verbesserungen sind zudem bei der Filtertechnik sowie im Umgang mit den in das Barometer eingehenden Quartalsdaten vorgesehen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1 \u00abStruktur des multisektoralen KOF-Konjunkturbarometers\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2 \u00abBIP-Wachstumsrate und KOF-Konjunkturbarometer (alt und neu), 1991-2008\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 3 \u00abAltes KOF-Konjunkturbarometer, Echtzeit und ex post, 1998-2008\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 4 \u00abBIP-Wachstumsrate, altes und neues KOF-Konjunkturbarometer, Echtzeit und ex post, 2005\/06-2008\/09\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Internet <a href=\"http:\/\/www.kof.ethz.ch\">www.kof.ethz.ch<\/a> , \u00abProdukte\/Publikationen\u00bb, \u00abIndikatoren\u00bb.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 2: Literaturangaben &#8211; Graff, Michael (2004), Estimates of the output gap in real time: How well have we been doing? Reserve Bank of New Zealand Discussion Paper DP2004\/04, Wellington, Mai 2004.- Graff, M. (2006), Ein multisektoraler Sammelindikator f\u00fcr die Schweizer Konjunktur, in: Schweizerische Zeitschrift f\u00fcr Volkswirtschaft und Statistik, 142, S. 529-577.- Graff, M. (2008), Does a multi-sectoral design improve indicator-based forecasts of the GDP growth rate? Evidence from Switzerland, erscheint in: Applied Economics.- Orphanides, A. and van Norden, S. (2002), The unreliability of output-gap estimates in real time, Review of Economics and Statistics, 84, S. 569-583.- Stulz, J. (2005), The KOF Economic Barometer &#8211; What does it tell us and when? Swiss National Bank, Juli.- Wildi, M. and B. Schips (2004), Signal extraction: How (in)efficient are model-based approaches? An empirical study based on TRAMO\/SEATS and Census X-12-ARIMA. KOF Working Paper Nr. 96, ETH Z\u00fcrich, Dezember 2004.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp;&#13; Vom alten zum neuen Barometer &#13; Der Vorg\u00e4nger des heutigen KOF-Konjunkturbarometers wurde 1976 entwickelt und 1998 letztmals revidiert. Er war als Indikator f\u00fcr die Entwicklung des BIP im Vorjahresvergleich mit einem Vorlauf von sechs bis neun Monaten konzipiert. 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