{"id":122781,"date":"2008-12-01T12:00:00","date_gmt":"2008-12-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2008\/12\/rohner-8\/"},"modified":"2023-08-23T23:39:32","modified_gmt":"2023-08-23T21:39:32","slug":"rohner-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2008\/12\/rohner-7\/","title":{"rendered":"Finanzkrise und der Faktor Zeit"},"content":{"rendered":"<p>Die von der Subprime-Krise in den USA ausgel\u00f6sten Verwerfungen auf den Kredit- und Kapitalm\u00e4rkten haben sich zu einer Finanzkrise mit dramatischen und tief greifenden Auswirkungen entwickelt. Die Ursachen sind weit gehend bekannt, die Folgen jedoch komplex und noch nicht abschliessend \u00fcberschaubar. Alle Beteiligten sind um eine ganze Reihe von nachdenklich stimmenden Erfahrungen reicher geworden. Obwohl noch mitten in der Krisenbew\u00e4ltigung, soll hier der Blick auf verschiedene Aspekte dieser historischen Entwicklung geworfen werden. Verbindendes Element der \u00dcberlegungen bildet der Faktor Zeit. <img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/200812_08_Rohner_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"247\" \/>&#13;<\/p>\n<h2>Das Pendel schl\u00e4gt zur\u00fcck<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEs wurde einmal mehr best\u00e4tigt: Was sich lange Zeit nur in eine Richtung (nach oben) entwickelt, kommt fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zum Stillstand, und das Pendel schl\u00e4gt wieder zur\u00fcck. Nach dem B\u00f6rsencrash von 2000\/2002 war die Erwartung einer l\u00e4ngeren Seitw\u00e4rtsbewegung weit verbreitet. Doch die Erholung an den Aktienm\u00e4rkten kam fr\u00fcher und war st\u00e4rker als erwartet. Sie wurde durch eine Politik des billigen Geldes der Zentralbanken wesentlich stimuliert. Die aus Grafik 1 ersichtliche lange Phase tiefer Zinsen hat dazu verleitet, grossz\u00fcgig Kredite aufzunehmen beziehungsweise diese zu gew\u00e4hren. Auf der Suche nach h\u00f6heren Renditen wurden zudem h\u00f6here Risiken eingegangen, zumal die Volatilit\u00e4t an den M\u00e4rkten historisch tief war. Warnsignale gab es durchaus &#8211; gerade auch von Seiten einzelner Notenbanken. Sie verhallten aber in der guten Stimmung. Doch auch die Warner wurden von der Vielfalt und Heftigkeit der Auswirkungen \u00fcberrascht. Selbst wem es gelang, k\u00fchlen Kopf zu wahren, wurde von den teils panikartigen Vorkommnissen meist mitgerissen.\u00a0Vor dem Hintergrund des Endes eines 15-j\u00e4hrigen Booms des US-Immobilienmarktes und der gestiegenen Risiken bei den damit verbundenen Subprime-Finanzgesch\u00e4ften hat die Credit Suisse (CS) im November 2006 begonnen, entsprechende Positionen abzubauen. Verletzbar blieb sie allerdings, als die Krise weitere Kreise zog und sich nicht zuletzt die amerikanische Wirtschaft sp\u00fcrbar abk\u00fchlte. Dadurch wurden auch Gesch\u00e4fte mit kommerziellen Immobilien in Mitleidenschaft gezogen. Dasselbe gilt f\u00fcr die sich in der Pipeline befindenden Leveraged-Finance-Transaktionen im Zusammenhang mit grossen Firmen\u00fcbernahmen.&#13;<\/p>\n<h2>Zeit haben und warten k\u00f6nnen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nBei der Probleml\u00f6sung stellt sich eine zentrale Frage: Wer verf\u00fcgt \u00fcber gen\u00fcgend Zeit, um die im Preis stark gesunkenen und sogar illiquid gewordenen Aktiven aus dem Markt zu nehmen und auf bessere Zeiten zu warten? In Grafik 2 ist die Kursentwicklung am Beispiel von AAA- und BBB-Subprime-Papieren dargestellt. Die Finanzinstitute k\u00f6nnen nicht warten. Die im Laufe der Jahre schrittweise verfeinerte Rechnungslegung verlangt, dass die Positionen marktnah bewertet werden &#8211; was umgehend entsprechende R\u00fcckstellungen bzw. Verluste zur Folge hat. Eine R\u00fcckkehr zum historischen Regime der \u00abstillen Reserven\u00bb ist nicht denkbar und auch nicht n\u00f6tig. Das an und f\u00fcr sich sinnvolle Fair-Value-Prinzip gilt es jedoch f\u00fcr Situationen sehr volatiler oder illiquider M\u00e4rkte kritisch zu \u00fcberdenken. Im Rahmen der jetzigen Notmassnahmen ist man denn auch da und dort bereits davon abger\u00fcckt.\u00a0Die n\u00f6tige Zeit hat eigentlich nur der Staat (Zentralbanken eingeschlossen). Die Erfahrung zeigt, dass die eingesetzten Mittel nicht einfach verloren sind bzw. zulasten der Steuerzahler gehen. Bei g\u00fcnstiger Entwicklung kann am Ende sogar ein Gewinn f\u00fcr den Staat resultieren. Allerdings besteht hier die grosse Gefahr des \u00abMoral Hazard\u00bb, d.h. des Risikos, dass man sich allzu leichtfertig auf das Eingreifen des Staates verl\u00e4sst und h\u00f6here Risiken eingeht. Im Notfall ist der richtige Zeitpunkt f\u00fcr das Aktivwerden des Staates entscheidend. Wirft er den Rettungsring zu fr\u00fch, werden falsche Signale ausgesendet. Kommt die Intervention zu sp\u00e4t, droht ein Fl\u00e4chenbrand. Die zun\u00e4chst einzelnen und dann weltweit koordinierten Aktionen kamen aus heutiger Sicht gerade rechtzeitig. Das Krisenmanagement der Regierungen und Zentralbanken konnte noch Schlimmeres verhindern. Es ist allerdings schlimm genug, dass diese \u00fcberhaupt intervenieren mussten, weil Kredit- und Kapitalm\u00e4rkte versagten.&#13;<\/p>\n<h2>Massnahmen mit der n\u00f6tigen Distanz<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Zeit heilt bekanntlich Wunden &#8211; dem ist sicher so. Doch die aktuelle Finanzkrise wird tiefere und l\u00e4ngere Spuren hinterlassen als fr\u00fchere Einbr\u00fcche. Das gilt in vielerlei Hinsicht, nicht zuletzt aber f\u00fcr die Regulierung und Beaufsichtigung des Finanzsektors. Auch hier ist es wichtig, zum einen die notwendigen Massnahmen mit der n\u00f6tigen Distanz zu treffen und zum andern stets die Wirksamkeit der Regulierung in den Vordergrund zu stellen. In diesem Sinne ist es notwendig, die gesetzlichen Rahmenbedingungen &#8211; z\u00fcgig, aber nicht \u00fcberhastet &#8211; zu \u00fcberpr\u00fcfen und gezielt anzupassen. Dabei sind Massnahmen im Rahmen des Krisenmanagements und eine \u00abangemessene\u00bb Neugestaltung von Spielregeln klar auseinanderzuhalten. F\u00fcr das Krisenmanagement braucht es Regulierungen, die den Schaden eind\u00e4mmen und beheben. Bei der Neugestaltung von Spielregeln geht es darum, wie im Voraus die Wahrscheinlichkeit und das Ausmass einer Krisensituation einzugrenzen sind. Hier sind also vorbeugende Massnahmen gefragt.\u00a0Insgesamt soll die Regulierung dazu beitragen, die Risiken besser in den Griff zu bekommen. Doch soll sie die Innovationskraft und Wettbewerbsf\u00e4higkeit der Banken und somit auch des Finanzplatzes nicht behindern. Zudem gilt noch st\u00e4rker als bisher, dass es keinen Ansatz im Sinne von \u00abone fits all\u00bb gibt: Gleiches ist gleich und Unterschiedliches unterschiedlich zu regulieren. Ausserdem ist vermehrt auf eine internationale Harmonisierung der Leitplanken zu achten &#8211; ein zentrales Anliegen der CS. Trotz allem muss die Selbstregulierung auch k\u00fcnftig einen wichtigen Platz haben. Die Banken selbst sind gefordert, ihr Risikomanagement zu verbessern. So sind beispielsweise die Risiken der eingegangenen Gesch\u00e4fte mit Nachdruck ad\u00e4quat zu bewerten und Risikomodelle mittels Stressszenarien noch intensiver auf ihre Tauglichkeit hin zu \u00fcberpr\u00fcfen. Die Banken m\u00fcssen zudem ihre Anreizsysteme &#8211; auch im Umgang mit Finanzinnovationen &#8211; \u00fcberdenken und wo angezeigt anpassen.&#13;<\/p>\n<h2>Zeit f\u00fcr Strategie\u00e4nderungen?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nBei vielen Finanzinstituten ist die Zeit f\u00fcr Strategie\u00e4nderungen gekommen. Gefordert sind prim\u00e4r die international oder gar global t\u00e4tigen Banken. Nach dem Wandel von Goldman Sachs und Morgan Stanley, die den Status einer Universalbank erhalten haben, existiert das Modell der klassischen Investmentbank nicht mehr. Die Renaissance der Universalbank fusst zum einen auf der st\u00e4rkeren Kapitalkraft und zum andern auf der breiter abgest\u00fctzten Refinanzierungsbasis: Der solide Pool an Kundengeldern ist gegen\u00fcber der Abh\u00e4ngigkeit vom Interbankenmarkt ein wesentlicher Pluspunkt. Das bedeutet jedoch nicht, dass es kein Investment Banking mehr braucht. Unter dem Eindruck der gegenw\u00e4rtigen Finanzkrise droht eine eigentliche &#8211; und verfehlte &#8211; Stigmatisierung dieses gesamten Gesch\u00e4ftsbereichs. Dabei kann bei einer sorgf\u00e4ltigen Analyse der Brandherd ziemlich genau lokalisiert werden. Er liegt in einigen spezifischen Segmenten des Investment Banking, das insgesamt ein vielf\u00e4ltiges Gebilde ist und einen wichtigen Beitrag zum Funktionieren der Kapitalm\u00e4rkte und der Volkswirtschaften weltweit &#8211; auch in der Schweiz &#8211; leistet.\u00a0Die vielf\u00e4ltigen Dienstleistungen des Investment Banking gilt es in einem gr\u00f6sseren Verbund gezielt zu nutzen. Die CS hat den Schritt zu einer integrierten Bank schon vor drei Jahren vollzogen. Die bereits realisierten Synergien sind bedeutend. Die Meinung ist allerdings nicht, das volatilere Gesch\u00e4ft des Investment Banking einfach durch die anderen Einheiten \u00ababzufedern\u00bb. Ziel muss sein, das Investment Banking selbst weniger volatil zu machen. Das wird dann gelingen, wenn es weniger auf Basis des Eigenhandels, sondern prim\u00e4r im Dienste der wachsenden Kundenbed\u00fcrfnisse der Gesamtbank betrieben wird. Dabei kommt dem Segment der Ultra High Net Worth Individuals in den neuen Wirtschaftsr\u00e4umen eine besondere Bedeutung zu. Auch nach den R\u00fcckschl\u00e4gen an den Finanzm\u00e4rkten bleiben die Bed\u00fcrfnisse dieser sehr wohlhabenden Privatpersonen &#8211; meist selbstst\u00e4ndige Unternehmer oder Firmenteilhaber &#8211; \u00e4usserst spezifisch, komplex und global. Eine umfassende Beratung, die nebst der eigentlichen Verm\u00f6gensverwaltung auch Erbschafts-, Immobilien- und Steuerfragen umfasst, wird mehr und mehr zum Standard. Unter Einbezug des Investment Banking k\u00f6nnen wir ihnen wirklich umfassende L\u00f6sungen anbieten.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie n\u00e4chsten Monate und Jahre werden zeigen, ob die aktuelle Finanzkrise tats\u00e4chlich ein neues Zeitalter eingel\u00e4utet hat. Davon ist meiner Meinung nach auszugehen. Das d\u00fcrfte selbst f\u00fcr die vorwiegend auf das Inlandgesch\u00e4ft konzentrierten Banken gelten. Denn das erfolgreiche Besetzen der \u00abKundenschnittstelle\u00bb ist zwar entscheidend, gen\u00fcgt jedoch auf l\u00e4ngere Sicht nicht. Zunehmend wichtig wird es sein, die gesamte Wertsch\u00f6pfungskette &#8211; einschliesslich Informationstechnologie und gleichsam im Hintergrund &#8211; kosteng\u00fcnstig und im Verbund mit Partnern abzuwickeln.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1 \u00abGrosse Versuchung: Tiefe Zinsen und niedrige Volatilit\u00e4t\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2 \u00abPreiszerfall auf Subprime-Papieren (MBS)\u00bb<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die von der Subprime-Krise in den USA ausgel\u00f6sten Verwerfungen auf den Kredit- und Kapitalm\u00e4rkten haben sich zu einer Finanzkrise mit dramatischen und tief greifenden Auswirkungen entwickelt. Die Ursachen sind weit gehend bekannt, die Folgen jedoch komplex und noch nicht abschliessend \u00fcberschaubar. Alle Beteiligten sind um eine ganze Reihe von nachdenklich stimmenden Erfahrungen reicher geworden. Obwohl [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":3243,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"om_disable_all_campaigns":false,"ep_exclude_from_search":false,"footnotes":""},"post__type":[66],"post_opinion":[],"post_serie":[],"post_content_category":[96],"post_content_subject":[],"acf":{"seco_author":3243,"seco_co_author":null,"author_override":"","seco_author_post_ocupation_year":"","seco_author_post_occupation_de":"Chief Operating Officer und General Counsel, Credit Suisse, Z\u00fcrich","seco_author_post_occupation_fr":"Chief Operating Officer et General Counsel du Credit Suisse, Zurich","seco_co_authors_post_ocupation":null,"short_title":"","post_lead":"","post_hero_image_description":"","post_hero_image_description_copyright_de":"","post_hero_image_description_copyright_fr":"","post_references_literature":"","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":122784,"main_focus":null,"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"8981","post_abstract":"","magazine_issue":null,"seco_author_reccomended_post":null,"redaktoren":null,"korrektor":null,"planned_publication_date":null,"original_files":null,"external_release_for_author":"19700101","external_release_for_author_time":"00:00:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/55b08b087ef97"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/122781"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3243"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=122781"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/122781\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":128017,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/122781\/revisions\/128017"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3243"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=122781"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=122781"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=122781"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=122781"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=122781"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=122781"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}