{"id":122796,"date":"2008-12-01T12:00:00","date_gmt":"2008-12-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2008\/12\/sigrist-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:39:27","modified_gmt":"2023-08-23T21:39:27","slug":"sigrist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2008\/12\/sigrist\/","title":{"rendered":"Hat Basel II versagt?"},"content":{"rendered":"<p>Hat Basel II &#8211; als regulatorisches Abbild des modernen Risikomanagements &#8211; mit seinen drei S\u00e4ulen und seinen differenzierten Ans\u00e4tzen versagt? Gleichsam Schiffbruch erlitten wie die Vasa, das schwedische Kriegsschiff, das 1628 im Hafen von Stockholm beim Stapellauf nach kurzer Fahrt gekentert und untergegangen ist: barock geschm\u00fcckt und mit Gesch\u00fctzen \u00fcberladen? Der vorliegende Artikel zeigt, dass Basel II eindeutig nicht gekentert ist. Damit das Regelwerk f\u00fcr den n\u00e4chsten Sturm ger\u00fcstet ist, bedarf es aber einiger Retuschen. <img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/200812_07_Sigrist_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"250\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer Basler Ausschuss f\u00fcr Bankenaufsicht verabschiedete Anfang Juli 2006 die revidierte Eigenkapitalvereinbarung, welche gemeinhin unter dem Namen \u00abBasel II\u00bb bekannt ist. Diese neue Regulierung wurde n\u00f6tig, weil der bestehende Eigenmittelstandard \u00abBasel I\u00bb aus dem Jahre 1988 vorab von international t\u00e4tigen Grossbanken &#8211; unter Ausnutzung von L\u00fccken und ungenauen Risikogewichten &#8211; zusehends ausgehebelt wurde. Diese f\u00fcr alle Banken einheitlichen und relativ einfach anzuwendenden Mindestanforderungen hatten zwar einst die Regulierung der Kreditrisiken auf internationaler Ebene harmonisiert. Seinem urspr\u00fcnglichen Anspruch, die Stabilit\u00e4t des Finanzsystems zu st\u00e4rken, vermochte Basel I jedoch aufgrund der \u00abregulatorischen Arbitrage\u00bb der Vorschriften durch die Banken nicht mehr zu gen\u00fcgen. Daher entschied der Basler Ausschuss 1998, die Bankenregulierung wieder n\u00e4her an die aktuelle Praxis des (internationalen) Bankengesch\u00e4fts heranzuf\u00fchren und dabei insbesondere die Eigenmittelanforderungen wieder besser auf die Risiken abzustimmen. Die \u00dcberarbeitung des Regelwerks sollte acht Jahre dauern und sowohl bei den Aufsichtsbeh\u00f6rden als auch bei den Banken enorme Ressourcen binden.&#13;<\/p>\n<h2>Drei S\u00e4ulen von Basel II<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nMindestkapitalanforderungen f\u00fcr Markt-, Kredit und operationelle Risiken bilden die erste S\u00e4ule von Basel II. F\u00fcr alle drei Risikoarten gibt es unterschiedlich anspruchsvolle Ans\u00e4tze zur Berechnung der entsprechenden Eigenmittelanforderungen. Es wird unterschieden zwischen Standardans\u00e4tzen und bankinternen Ans\u00e4tzen. Dabei sind die Standardans\u00e4tze in ihrer Anwendung relativ einfach, bedingen aber ihrer Grobschl\u00e4chtigkeit wegen bzw. aufgrund fehlender Messgenauigkeit h\u00f6here Eigenmittelanforderungen als die bewilligungspflichtigen bankinternen Ans\u00e4tze. Das so genannte Gap Year. Quantitative Wirkungsanalysen zu den neuen Regeln ergaben n\u00e4mlich bei den verschiedenen Instituten &#8211; mit zum Teil vergleichbaren Positionen &#8211; nicht nur enorme Unterschiede, sondern auch eine generelle, systemweite Absenkung der resultierenden Eigenmittelanforderungen.&#13;<\/p>\n<h2>Die Finanzmarktkrise f\u00fchrte zu gravierenden Ver\u00e4nderungen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie ersten urspr\u00fcnglich noch euphemistisch &#8211; wohl in der Hoffnung auf baldige Besserung &#8211; als Finanzmarktturbulenzen bezeichneten Probleme einzelner Bankinstitute im Sommer 2007 weiteten sich seither zu einer Finanzmarktkrise gewaltiger Dimensionen aus. Als Konsequenz davon ist das Vertrauen der Banken untereinander verschwunden. Weltweit m\u00fcssen Zentralbanken daher durch Liquidit\u00e4tshilfe die Angebotsl\u00fccke im Interbankenmarkt ausf\u00fcllen, der praktisch zum Erliegen gekommen ist. Mit zum Teil unlimitierten Garantien f\u00fcr Bankeinlagen oder in der Rolle als Mehrheitseigner an systemisch relevanten Instituten &#8211; nach entsprechendem Kapitaleinschuss &#8211; versuchen einzelne Staaten, ihr nationales Finanzsystem zu stabilisieren. Reine, global t\u00e4tige Investmentbanken gibt es mittlerweile keine mehr. Roy C. Smith und Ingo Walter \u00e4ussern sich dar\u00fcber in der Sonntagszeitung vom 9. November 2008 auf S. 65: \u00abKein Ende des aggressiven Banking\u00bb. \u00a0Der volkswirtschaftliche Schaden dieser Krise ist noch nicht absehbar. Die Krise hat mittlerweile auf die Realwirtschaft \u00fcbergegriffen und f\u00fchrt weltweit synchron zu Rezession bzw. zumindest zu einer deutlichen Verlangsamung des wirtschaftlichen Wachstums.&#13;<\/p>\n<h2>Ursachen der Krise<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\n\u00dcber die Ursachen, die zur Krise gef\u00fchrt haben, wurde bereits viel geschrieben. Die nachfolgende Liste nennt einige zentrale Elemente, erhebt aber keinerlei Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit oder korrekte Gewichtung:\u00a0&#8211; Billiges, durch die Zentralbanken refinanziertes Geld, das Rendite suchte;\u00a0&#8211; Mangelhafte bzw. fehlende Underwriting Standards Dieser Begriff aus der Theorie der Regulierung geht auf Richard Posner zur\u00fcck. Er argumentierte, dass Regulierung nicht dem \u00f6ffentlichen Interesse diene, sondern Interessengruppen damit ihre privaten Interessen durchsetzen. \u00dcber kurz oder lang werde die Regulierungsbeh\u00f6rde von der zu regulierenden bzw. zu beaufsichtigenden Branche beherrscht. der Bankaufseher.\u00a0\u00a0Es wurden zahlreiche Untersuchungen zur Frage vorgenommen, was bei den einzelnen Instituten zu den Verlusten gef\u00fchrt hat, aber auch was sich in den schwierigen Zeiten bew\u00e4hrt hat. Verschiedene Institute und Institutionen haben daraus Schl\u00fcsse gezogen und zum Teil Analysen, Korrekturmassnahmen und Empfehlungen ver\u00f6ffentlicht (siehe&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 1<\/b>&#13;<br \/>\n&#8211; Beobachtungen der Senior Supervisors Group (SSG) vom 6. M\u00e4rz 2008: Observations on Risk Management Practices during the Recent Market Turbulence;- Bericht des Financial Stability Forum (FSF) vom 7. April 2008: Report of the FSF on Enhancing Market and Institutional Resilience;- Analyse der UBS zu den Abschreibungen vom 18. April 2008: Shareholder report on UBS&#8217;s write-downs;- Empfehlungen des Institute of International Finance (IIF) vom 17. Juli 2008 Comprehensive Proposals to Strengthen the Financial Industry and Financial Markets;- Massnahmenplan der UBS vom 12. August 2008: Summary of the Remediation Plan in Response to Issues Outlined in the Shareholder Report;- Empfehlungen der Counterparty Risk Management Policy Group (CRMPG) vom 6. August 2008: Containing Systemic Risk: The Road to Reform. ).&#13;<\/p>\n<h2>Die Schweizer Hypothekenkrise und die Subprime-Krise<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie letzte grosse Bankenkrise in der Schweiz ereignete sich in den 1990er-Jahren, als zahlreiche Institute im inl\u00e4ndischen Hypothekargesch\u00e4ft hohe Abschreibungen vornehmen mussten. \u00c4hnlich wie beim Debakel mit den Subprime-Hypotheken in den USA waren es mangelhafte oder fehlende Underwriting Standards, gepaart mit der Annahme, dass Immobilienpreise unbeirrt steigen w\u00fcrden, die in den Kreditb\u00fcchern der Banken sp\u00e4ter erheblichen Schaden anrichteten. Ein relativ einfach anzustellender Stresstest h\u00e4tte damals wie anfangs 2007 auf die entsprechenden Konzentrationsrisiken hingewiesen und die Institute vor erheblichen finanziellen Ausf\u00e4llen gesch\u00fctzt. Im Gegensatz zu den Subprime-Hypotheken hielten die Banken in der Schweiz ihre Hypotheken auf den eigenen B\u00fcchern (Buy and Hold). In den USA wurden die Hypotheken dagegen weiterverkauft, von Banken geb\u00fcndelt und mit Hilfe so genannter Verbriefungen in Tranchen relativ rasch weiterverkauft (Originate to Distribute). Tranchen aus unterschiedlichen Verbriefungen, aber mit vergleichbarem Rating lassen sich wiederum in \u00abPools\u00bb zusammenfassen, erneut verbriefen und tranchenweise weiterverkaufen usw. Der Preis f\u00fcr diese Tranchen ergab sich aufgrund der zugeh\u00f6rigen Ratings, des Angebots und der Nachfrage. Solange sich im Markt also jemand findet, der diese Tranchen abkauft, l\u00e4sst sich ein Preis bestimmen. Mit aufkommenden Zweifeln an der Qualit\u00e4t der den Verbriefungen zugrunde liegenden Hypothekarschuldnern bzw. Grundpf\u00e4nder kamen die Nachfrage und damit der Preisbildungsprozess &#8211; sprich: die Liquidit\u00e4t dieser M\u00e4rkte &#8211; zum Erliegen. Die Banken mussten diese Positionen auf ihre eigenen B\u00fccher nehmen und sie mit komplexen, auf zahlreiche Annahmen gest\u00fctzten Modellen bewerten. Beim Paradigmenwechsel weg von Buy and Hold hin zu Originate to Distribute wurden die Kreditrisiken vom Bankenbuch ins Handelsbuch verschoben. Es wurde jedoch ausser acht gelassen, dass Liquidit\u00e4t nicht naturgegeben ist, sondern vom gegenseitigen Vertrauen der Akteure in einem Markt abh\u00e4ngt. Ungl\u00fccklicherweise basieren auch zentrale Risikomodelle von Basel II auf ebendieser Marktliquidit\u00e4t (siehe&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 2<\/b>&#13;<br \/>\nMathematische Modelle k\u00f6nnen relativ genaue Angaben \u00fcber den weiteren Kurvenverlauf f\u00fcr einen vern\u00fcnftig langen Zeitraum in der Zukunft machen, wenn die Eigenschaften der Kurve \u00fcber den Beobachtungszeitraum hinweg gleich geblieben sind. Mitte 2007 verschwand die Liquidit\u00e4t in den Subprime-M\u00e4rkten. Dies dr\u00fcckte sich als h\u00f6here Volatilit\u00e4t, d.h. Schwankung der Kurve, aus (vgl. Grafik 1). Kein Modell, das auf Daten vor diesem Zeitpunkt eingestellt ist, wird in der Lage sein, die massive Erh\u00f6hung der Volatilit\u00e4t ab Mitte 2007 auch nur ann\u00e4hernd zu prognostizieren. Von hier an war das Risikomanagement &#8211; zumindest f\u00fcr eine bestimmte Zeit lang, bis sich das Modell auf die neue Situation hat einstellen k\u00f6nnen &#8211; \u00abblind\u00bb.Zusammenh\u00e4nge, die unter bestimmten Bedingungen gelten, verlieren ihre G\u00fcltigkeit, wenn sich die Rahmenbedingungen grundlegend ver\u00e4ndern. Ein auf historische Daten aufgebautes und auf aktuelle Zust\u00e4nde ausgerichtetes Modell, kann in einer ver\u00e4nderten Umwelt keine zuverl\u00e4ssigen Prognosen mehr liefern. Mit ausbleibender Marktliquidit\u00e4t musste jedes Modell, das mit Vergangenheitsdaten geeicht worden war, versagen. und Grafik 1).&#13;<\/p>\n<h2>Die Rolle der Aufsichtsbeh\u00f6rden<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nSowohl Banken als auch Aufsichtsbeh\u00f6rden wird vorgeworfen, fr\u00fche Warnungen zu Problemen im US-amerikanischen Immobilienmarkt nicht ernst genommen haben (siehe In der Geld- und Konjunkturtheorie, wie sie beispielsweise von Friedrich August von Hayek vertreten wird, f\u00fchrt eine Entwicklung der verst\u00e4rkten Kreditnachfrage bei gleichzeitiger expansiver, den Aufschwung st\u00fctzende Geldpolitik zu einer konjunkturellen \u00dcberhitzung. oder von fiskalpolitischen Besonderheiten ausgel\u00f6st werden, nicht verhindern. Sie k\u00f6nnen daher lediglich versuchen, dass sich die Folgen einer Krise nicht auf das Bankensystem \u00fcbertragen. Hierf\u00fcr m\u00fcssen sie besorgt sein, dass die beaufsichtigten Institute und das Finanzsystem darauf vorbereitet und m\u00f6glichst widerstandsf\u00e4hig sind.\u00a0Um die Insolvenz einer Bank und den daraus resultierenden Schaden f\u00fcr die Gl\u00e4ubiger bzw. f\u00fcr das Finanzsystem zu verhindern, muss die Bankenaufsicht:\u00a0&#8211; die wesentlichen Risiken der Gesch\u00e4ftst\u00e4tigkeit einer Bank erkennen, was einen zeitnahen und ausreichenden Informationsstand bedingt;\u00a0&#8211; die Gesch\u00e4ftsstrategie einer Bank hinterfragen und einer kritischen Begutachtung unterwerfen, obgleich der Strategie-Entscheid in die Verantwortung der Bank f\u00e4llt;\u00a0&#8211; die Voraussetzungen f\u00fcr optimale Reaktionen und Reaktionszeiten geschaffen werden;\u00a0&#8211; der \u00abPreis\u00bb f\u00fcr riskante Strategien erh\u00f6ht werden;\u00a0&#8211; die wichtigsten Probleme rechtzeitig innerhalb der Beh\u00f6rde eskaliert werden.\u00a0\u00a0Ein grunds\u00e4tzliches Problem der Aufsicht \u00fcber Banken besteht in der mangelnden Information \u00fcber einzelne Banken, wenn diese selbst gewisse Informationsdefizite haben. Mit zunehmender Gr\u00f6sse bzw. Komplexit\u00e4t der Gesch\u00e4ftst\u00e4tigkeit versch\u00e4rft sich dieses Problem.\u00a0Bankenregulierung muss \u00e4hnlich dynamisch sein wie das Bankengesch\u00e4ft selber und die damit verbundenen Risiken richtig gewichten. Nur so k\u00f6nnen Fehlanreize bzw. ineffiziente und nicht nachhaltige Risikoallokationen innerhalb einzelner Banken sowie im Finanzsystem als Ganzes verhindert werden. Bankenregulierung, die nicht korrekt an \u00f6konomische Realit\u00e4ten angepasst ist, verzerrt den Markt mehr, als sie Probleme verhindert.\u00a0Die differenzierten Regeln von Basel II stellen mit ihren viel granulareren Risikogewichten gegen\u00fcber der Eigenkapitalvereinbarung von 1988 und dem Vorantreiben von guten Risikomanagement-Standards einen klaren Fortschritt dar. Die Krise hat jedoch die Grenzen und Anf\u00e4lligkeiten von Basel II aufgezeigt. Diese m\u00fcssen nun ausgebessert werden.\u00a0Eine radikale Abkehr von einem risikobasierten Eigenmittelstandard &#8211; zur\u00fcck in eine Zeit vor Basel I und Basel II &#8211; stellt jedoch keine Alternative dar, um die aufgedeckten M\u00e4ngel zu beheben. Risikotransformation ist eine der zentralen volkswirtschaftlichen Funktionen des Bankengesch\u00e4fts. W\u00e4ren die Steuerung, Kontrolle und Begrenzung ausschliesslich einem Mass unterworfen, das nichts oder nur sehr wenig mit ebendiesen Risiken zu tun h\u00e4tte, w\u00fcrde das die Effizienz der Risikotransformation erheblich beeintr\u00e4chtigen. Die optimale Allokation von Kapital innerhalb der Volkswirtschaft w\u00e4re dadurch gest\u00f6rt.&#13;<\/p>\n<h2>Kapital UND Liquidit\u00e4t<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Reform von Basel I war unter anderem sehr stark auf die risikogerechte Eigenmittelunterlegung von Kreditrisiken ausgerichtet. Aufgrund dieses starken Kapital-Fokus von Basel II r\u00fcckte die Behandlung des ebenso wichtigen Elements Liquidit\u00e4t etwas in den Hintergrund. Mit dem Paradigmenwechsel beim Gesch\u00e4ftsmodell hin zu einem Originate-to-Distribute-Ansatz und dem damit verbundenen Transfer von Kreditrisiken vom Bankenins Handelsbuch wurde die Marktliquidit\u00e4t zur zentralen Erfolgsdeterminante &#8211; sowohl f\u00fcr die Refinanzierung als auch f\u00fcr die Bewertung der entsprechenden Risiken. Der Basler Ausschuss war sich dieses Problems bewusst. Noch vor Ausbruch der Krise beauftragte er deshalb eine Arbeitsgruppe mit dem Thema des Liquidit\u00e4ts(risiko)managements. In der Schweiz nahm eine gemeinsame Arbeitsgruppe von EBK und SNB die Arbeit eines Szenario gest\u00fctzten Liquidit\u00e4tsregimes f\u00fcr die beiden Grossbanken im M\u00e4rz 2007 auf. Eine andere Gruppe erarbeitete Vorschl\u00e4ge f\u00fcr eine h\u00f6here Eigenmittelunterlegung von Marktrisiken, die so genannte Incremental Risk Charge. Sie wird 2010 eingef\u00fchrt werden. Wie wir wissen, kamen diese Initiativen leider zu sp\u00e4t. Die Stress-Szenarien, die der Basler Ausschuss in Zusammenarbeit mit der Finanzbranche diskutieren wollte, lesen sich im Nachhinein wie ein Drehbuch zur aktuellen Finanzmarktkrise. Noch bevor Vorkehrungen zur Eind\u00e4mmung von Liquidit\u00e4ts- und zur Verteuerung von Marktrisiken ergriffen werden konnte, wurden die Phantasie im Rahmen der Bedrohungsanalyse von der Realit\u00e4t \u00fcberholt.&#13;<\/p>\n<h2>Nachbesserungen an Basel II<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nBasel II bedarf keiner grunds\u00e4tzlichen \u00dcberarbeitung. Disziplin bei der Umsetzung der Vorgaben seitens der Banken und der Aufsichtsbeh\u00f6rden d\u00fcrften bereits viel zur Widerstandsf\u00e4higkeit der Banken und somit des Finanzsystems gegen\u00fcber zuk\u00fcnftigen adversen Ereignissen beitragen. Gleichwohl offenbarte die Finanzkrise gewisse Schw\u00e4chen der existierenden Regeln. Nout Wellink, Pr\u00e4sident der holl\u00e4ndischen Zentralbank und Vorsitzender des Basler Ausschusses, hat am 17.11.2008 in seiner programmatischen Rede \u00abThe Importance of Banking Supervision in Financial Stability\u00bb dargelegt, wie der Basler Ausschuss seine unmittelbaren Schwerpunkte setzt. Diese Anforderung stellt die Risikogewichte bzw. die bankinternen Ans\u00e4tze von Basel II nicht grunds\u00e4tzlich in Frage, sondern ber\u00fccksichtigt vielmehr, dass es sich bei den Modellen des Risikomanagements nicht um exakte Wissenschaft handelt. Gerade weil die Bestimmung von Risikogewichten auch mit einem gewissen Fehlerpotenzial verbunden ist, braucht es aus Sicht der EBK zus\u00e4tzlich eine nominelle Begrenzung von Risikopositionen. Eine H\u00f6chstgrenze des fremdkapitalfinanzierten Bilanzteils, die so genannte Leverage Ratio, \u00fcbernimmt diese Funktion. Ein ansprechend hoher Eigenmittelpuffer wirkt \u00fcber den Konjunkturverlauf antizyklisch: In guten Zeiten wird der Puffer aufgebaut, w\u00e4hrend in rezessiven Phasen der Puffer teilweise aufgebraucht werden kann. Bei der Frage nach der Qualit\u00e4t des gehaltenen Eigenkapitals ist seine F\u00e4higkeit, m\u00f6gliche Verluste zu absorbieren, von zentraler Bedeutung. Nachrangige Darlehen, welche Anspr\u00fcche der Gl\u00e4ubiger gegen\u00fcber der Bank lediglich im Konkursfall vermindern, erf\u00fcllen dieses Kriterium f\u00fcr systemisch relevante Banken, die nicht in Konkurs gehen d\u00fcrfen, nicht. Im Gegensatz dazu weisen zur\u00fcckbehaltene Gewinne die gew\u00fcnschte Eigenschaft in perfekter Weise auf. \u00a0Unter der zweiten S\u00e4ule stehen insbesondere zwei Fragen prominent auf der Traktandenliste des Basler Ausschusses: Wie k\u00f6nnen Banken gegen\u00fcber Liquidit\u00e4tsstress, wie er aktuell beobachtet werden kann, widerstandsf\u00e4higer gemacht werden? Und: Wie k\u00f6nnen robustere und weltweit konsistentere Ans\u00e4tze bei der \u00dcberwachung von Liquidi\u00e4tsrisiken erreicht werden?\u00a0Themen mit Bezug zur dritten S\u00e4ule betreffen insbesondere die weitere Verst\u00e4rkung der Transparenzvorschriften f\u00fcr Banken und Fragen zu internationalen Rechnungslegungsstandards. Ein Beispiel hierf\u00fcr ist die Frage, ob es f\u00fcr Banken im Zeitverlauf dynamische R\u00fcckstellungen braucht, oder ob die prudentiellen Filter &#8211; d.h. die Nicht-Ber\u00fccksichtigung von gewissen Rechnungslegungsm\u00f6glichkeiten bei der Anrechnung von Kapital &#8211; ausgebaut werden sollen.\u00a0Die aktuelle Finanzmarktkrise hat auch die grosse Bedeutung einer stabilen Finanzmarktinfrastruktur, die wichtige Rolle von Stresstesting bei der \u00dcberwachung und die Notwendigkeit der intensiven internationalen Zusammenarbeit von Aufsichtsbeh\u00f6rden deutlich gezeigt. Dass falsch angelegte Entsch\u00e4digungssysteme zu Fehlanreizen und dadurch zu erh\u00f6hten Risiken innerhalb einer Firma f\u00fchren k\u00f6nnen, wurde einmal mehr bewiesen. Hier tut eine international harmonisierte Regulierung wohl ebenfalls not.&#13;<\/p>\n<h2>Der Untergang der Vasa<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEs braucht somit keine grundlegende \u00dcberarbeitung von Basel II, um das Regelwerk \u00abseet\u00fcchtig\u00bb &#8211; will sagen: die Banken und das Finanzsystem gegen\u00fcber zuk\u00fcnftigen Stress-Ereignissen widerstandsf\u00e4higer &#8211; zu machen. \u00dcbereilte Regulierung kann langfristig grossen Schaden anrichten. Es gilt zu bedenken, dass Staatsgarantien und Einlegerschutzversicherungen Moral Hazard und Wettbewerbsverzerrungen als unerw\u00fcnschte Nebeneffekte aufweisen und dadurch bereits den Keim f\u00fcr die n\u00e4chste Krise bilden k\u00f6nnen. \u00a0Blicken wir zur\u00fcck: Wegen Geheimdienstmeldungen \u00fcber den angeblichen Bau anderer Kriegsschiffe in D\u00e4nemark verlangte der schwedische K\u00f6nig von seinem Schiffsbaumeister nach der Kiellegung der Vasa die Aufstockung der Decks und der Bewaffnung. Das ganze Projekt stand unter enormem Zeitdruck. Deshalb wurde auf die Abkl\u00e4rung der Konsequenzen der nachtr\u00e4glich angeordneten erheblichen \u00c4nderungen verzichtet.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1 \u00abAAA Home Equity Subprime Index:10-Tages-Spread-Returns, 2003 &#8211; Sept. 2008\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2 \u00abEntwicklung der H\u00e4userpreise in den USA, 1988-2008 S+P Case-Shiller Home Price Index (Composite CSXR)\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 1: Auswahl der ver\u00f6ffentlichten Berichte zur Subprime-Krise<\/b>&#13;<br \/>\n&#8211; Beobachtungen der Senior Supervisors Group (SSG) vom 6. M\u00e4rz 2008: Observations on Risk Management Practices during the Recent Market Turbulence;- Bericht des Financial Stability Forum (FSF) vom 7. April 2008: Report of the FSF on Enhancing Market and Institutional Resilience;- Analyse der UBS zu den Abschreibungen vom 18. April 2008: Shareholder report on UBS&#8217;s write-downs;- Empfehlungen des Institute of International Finance (IIF) vom 17. Juli 2008 Comprehensive Proposals to Strengthen the Financial Industry and Financial Markets;- Massnahmenplan der UBS vom 12. August 2008: Summary of the Remediation Plan in Response to Issues Outlined in the Shareholder Report;- Empfehlungen der Counterparty Risk Management Policy Group (CRMPG) vom 6. August 2008: Containing Systemic Risk: The Road to Reform.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 2: Prognose-Qualit\u00e4t eines Risiko-modells am Beispiel AAA Home Equity Subprime Index<\/b>&#13;<br \/>\nMathematische Modelle k\u00f6nnen relativ genaue Angaben \u00fcber den weiteren Kurvenverlauf f\u00fcr einen vern\u00fcnftig langen Zeitraum in der Zukunft machen, wenn die Eigenschaften der Kurve \u00fcber den Beobachtungszeitraum hinweg gleich geblieben sind. Mitte 2007 verschwand die Liquidit\u00e4t in den Subprime-M\u00e4rkten. Dies dr\u00fcckte sich als h\u00f6here Volatilit\u00e4t, d.h. Schwankung der Kurve, aus (vgl. Grafik 1). Kein Modell, das auf Daten vor diesem Zeitpunkt eingestellt ist, wird in der Lage sein, die massive Erh\u00f6hung der Volatilit\u00e4t ab Mitte 2007 auch nur ann\u00e4hernd zu prognostizieren. Von hier an war das Risikomanagement &#8211; zumindest f\u00fcr eine bestimmte Zeit lang, bis sich das Modell auf die neue Situation hat einstellen k\u00f6nnen &#8211; \u00abblind\u00bb.Zusammenh\u00e4nge, die unter bestimmten Bedingungen gelten, verlieren ihre G\u00fcltigkeit, wenn sich die Rahmenbedingungen grundlegend ver\u00e4ndern. Ein auf historische Daten aufgebautes und auf aktuelle Zust\u00e4nde ausgerichtetes Modell, kann in einer ver\u00e4nderten Umwelt keine zuverl\u00e4ssigen Prognosen mehr liefern. Mit ausbleibender Marktliquidit\u00e4t musste jedes Modell, das mit Vergangenheitsdaten geeicht worden war, versagen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 3: The Economist hat gewarnt<\/b>&#13;<br \/>\nDie britische Zeitschrift The Economist hat bereits im M\u00e4rz 2002 vor einer Immobilienblase gewarnt, als sich im US-amerikanischen Immobiliensektor eine Blase abzuzeichnen begann (vgl. Grafik 2). W\u00e4re eine Bank damals gezwungen worden, aus diesem Gesch\u00e4ft auszusteigen, w\u00e4ren ihr drei \u00fcberaus profitable Jahre entgangen. Der richtige Zeitpunkt zum Ausstieg aus einer Blase ist nicht offensichtlich. Diesbez\u00fcglich hat eine Aufsichtsbeh\u00f6rde den Banken gegen\u00fcber keinerlei Informationsvorsprung, sondern kann lediglich verlangen, dass eine Bank die negativen Effekte beim Platzen einer Blase absorbieren kann.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hat Basel II &#8211; als regulatorisches Abbild des modernen Risikomanagements &#8211; mit seinen drei S\u00e4ulen und seinen differenzierten Ans\u00e4tzen versagt? Gleichsam Schiffbruch erlitten wie die Vasa, das schwedische Kriegsschiff, das 1628 im Hafen von Stockholm beim Stapellauf nach kurzer Fahrt gekentert und untergegangen ist: barock geschm\u00fcckt und mit Gesch\u00fctzen \u00fcberladen? 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