{"id":122806,"date":"2008-12-01T12:00:00","date_gmt":"2008-12-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2008\/12\/staub-4\/"},"modified":"2023-08-23T23:39:23","modified_gmt":"2023-08-23T21:39:23","slug":"staub-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2008\/12\/staub-3\/","title":{"rendered":"Lehren aus Risiken oder Risiken aus Lehren?"},"content":{"rendered":"<p>Das Bed\u00fcrfnis, aus den Finanzmarkt-Turbulenzen der letzten Monate Lehren f\u00fcr die Regulierung abzuleiten, ist legitim. Selbstverst\u00e4ndlich wird auch der Banken- und Finanzsektor selbst Lehren ziehen m\u00fcssen. Allerdings braucht es dazu eine sorgf\u00e4ltige Analyse und Beurteilung der Lage. Insofern ist ausdr\u00fccklich davor zu warnen, aus der aktuellen Situation voreilige Lehren und regulatorische Verfeinerungen ableiten zu wollen. Wie in der Medizin kann eine wirkungsvolle Therapie erst auf der Basis einer seri\u00f6sen Diagnose erfolgen. Dabei ist den Aspekten der Wettbewerbsf\u00e4higkeit von Finanzpl\u00e4tzen und der internationalen Koordination regulatorischer Eingriffe die n\u00f6tige Beachtung zu schenken.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nW\u00e4hrend und nach den Ereignissen an den Finanzm\u00e4rkten der letzten Zeit herrschte Konsens dar\u00fcber, dass der Ableitung von Implikationen f\u00fcr die Regulierung und Aufsicht eine sorgf\u00e4ltige und systematische Standortbestimmung und Problemdiagnose vorangehen m\u00fcsse. Mittlerweile melden sich Zentralbanken, Aufsichtsbeh\u00f6rden und Organisatio-nen des Finanzmarkts mit einer Vielzahl ganz unterschiedlicher Vorschl\u00e4ge zur Versch\u00e4rfung der Banken- und Finanzmarktregulierung und mit Rezepten zur Pr\u00e4vention und Verhinderung zuk\u00fcnftiger Krisen zur\u00fcck. Es besteht die ernst zu nehmende Gefahr, dass die urspr\u00fcnglich beabsichtigte Auslegeordnung und Variantenpr\u00fcfung nun doch dem Wunsch nach schnellen und griffigen Reaktionen zum Opfer f\u00e4llt. Die wichtige Lehre aus vergangenen Krisen, dass ereignisgetriebene Regulierung in der Regel wenig zielf\u00fchrend ist, droht dabei vergessen zu werden.&#13;<\/p>\n<h2>Eine Lehre kommt selten allein<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Vorschl\u00e4ge f\u00fcr Konsequenzen aus der Subprime-Krise betreffen unterschiedliche Bereiche wie beispielsweise die Anforderungen an Eigenkapital und Liquidit\u00e4t, Aspekte von Anreizsystemen, Risikomanagement und Risikokontrolle oder die Rolle von Ratingagenturen. An dieser Stelle k\u00f6nnen exemplarisch nur einzelne grunds\u00e4tzliche Lehren erw\u00e4hnt werden:\u00a0&#8211; Systemrisiken im Sinne von mikro\u00f6konomischen Kettenreaktionen und makro\u00f6konomischen Korrelationen sind kein Phantom, sondern k\u00f6nnen ein wichtiges Motiv f\u00fcr die Regulierung von Banken darstellen. \u00a0&#8211; Solche systemischen Risiken weisen typischerweise eine internationale Dimension auf. Deshalb kommt der Verbesserung der institutionellen Rahmenbedingungen f\u00fcr die Koordination und Zusammenarbeit nationaler Regulierungsinstanzen bei der Abwehr und Bew\u00e4ltigung von Krisen entscheidende Bedeutung zu.\u00a0&#8211; Auch der in hohem Masse regelbasierte Regulierungsansatz der USA hat die Finanzkrise nicht verhindern k\u00f6nnen. Diese Erkenntnis ist f\u00fcr die Beurteilung der f\u00fcr die Schweiz typischen prinzipienbasierten Ausrichtung der Regulierung von Interesse.&#13;<\/p>\n<h2>Warnung vor voreiligen Regulierungen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAls illustratives Beispiel sei hier der Bereich der Eigenkapitalregulierung aufgef\u00fchrt. Bekanntlich bestehen in der Schweiz Vorhaben zur massiven Versch\u00e4rfung der bestehenden Bestimmungen sowie zur Einf\u00fchrung einer sogenannten \u00abLeverage Ratio\u00bb: F\u00fcr das Verh\u00e4ltnis zwischen Eigenkapital und Bilanzsumme einer Bank soll eine verbindliche Untergrenze definiert werden. Dieser Ansatz verfolgt eine ganz andere Stossrichtung als die erst k\u00fcrzlich umgesetzten Anforderungen von Basel II. W\u00e4hrend dort die Risikogewichtung und das Bem\u00fchen um Risikosensitivit\u00e4t im Zentrum stehen, verzichtet die Leverage Ratio g\u00e4nzlich darauf. Der Ansatz besticht durch Einfachheit und Transparenz, birgt aber die Gefahr einer \u00abAsset Substitution\u00bb mit unerw\u00fcnschten Risikowirkungen. Die Abw\u00e4gung von Vor- und Nachteilen einer Eigenkapitalregulierung ohne Risikogewichtung ist somit aus konzeptioneller Sicht nicht eindeutig.&#13;<\/p>\n<h2>Riskante Korrekturen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAus der aktuellen Finanzkrise direkte Schlussfolgerungen f\u00fcr punktuelle und rasche Regulierungsmassnahmen ableiten zu wollen, ist heikel. Zwischen der Dynamik moderner Finanzm\u00e4rkte und ihrer regulatorischen Behandlung herrscht ein permanenter Wettlauf mit geringen Chancen f\u00fcr die vollst\u00e4ndige Elimination von Restrisiken. Auch besteht die Gefahr, dass sich Marktteilnehmer und Publikum durch regulatorische Perfektionierung in m\u00f6glicherweise falscher Sicherheit vor insk\u00fcnftigen Krisensituationen wiegen k\u00f6nnten. Vor allem aber stellt das Verhalten von Banken, welches mit regulatorischen Interventionen zu steuern versucht wird, ein bewegliches Ziel dar, das sensitiv auf Ver\u00e4nderungen reagiert. Die Wahrscheinlichkeit w\u00e4re hoch, dass \u00fcbereilte Korrekturmassnahmen gerade die Samen f\u00fcr eine n\u00e4chste Finanzkrise beinhalten k\u00f6nnten. Allf\u00e4lligen Versch\u00e4rfungen der Bankenregulierung muss deshalb eine systematische Abw\u00e4gung von Nutzen und Kosten vorangehen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Bed\u00fcrfnis, aus den Finanzmarkt-Turbulenzen der letzten Monate Lehren f\u00fcr die Regulierung abzuleiten, ist legitim. Selbstverst\u00e4ndlich wird auch der Banken- und Finanzsektor selbst Lehren ziehen m\u00fcssen. Allerdings braucht es dazu eine sorgf\u00e4ltige Analyse und Beurteilung der Lage. Insofern ist ausdr\u00fccklich davor zu warnen, aus der aktuellen Situation voreilige Lehren und regulatorische Verfeinerungen ableiten zu wollen. 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