{"id":122906,"date":"2008-11-01T12:00:00","date_gmt":"2008-11-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2008\/11\/sheldon-6\/"},"modified":"2023-08-23T23:39:53","modified_gmt":"2023-08-23T21:39:53","slug":"sheldon-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2008\/11\/sheldon-5\/","title":{"rendered":"Performance der \u00f6ffentlichen Arbeitsvermittlung der Schweiz im Zeitraum 1998-2007"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer Messansatz, auf dem die Untersuchung beruht, ist produktionstheoretisch konzipiert. Demnach misst sich die Effizienz eines RAV am Verh\u00e4ltnis seiner Inputs zu seinen Outputs bzw. an seiner Produktivit\u00e4t:\u00a0 Effizienz = Outputs\/Inputs\u00a0Die Outputs beziehen sich auf die zwei Hauptziele der \u00f6ffentlichen Arbeitsvermittlung: die schnelle und dauerhafte Wiedereingliederung der Arbeitslosen. Die Inputs hingegen bestehen aus erschwerenden Bedingungen, die ausserhalb der Kontrolle eines RAV liegen und die Wiedereingliederung erschweren. Sie beschreiben die aktuelle Arbeitsmarktlage und die unterschiedlichen Zusammensetzungen der Arbeitslosenbest\u00e4nde der RAV.\u00a0Um das Messkonzept in der Praxis umzusetzen, bedarf es Verfahren, mit welchen sich die Vielzahl der unterschiedlich dimensionierten Inputs und Outputs zusammen addieren l\u00e4sst. Die Studie hat die speziell f\u00fcr diesen Zweck entwickelte Data Envelopment Analyse (DEA) verwendet, die in der Effizienzmessung weit verbreitet ist. Vgl. etwa \u00abDie Volkswirtschaft\u00bb 6-2008, S. 4-30. Demnach ist ein RAV dann vollkommen effizient, wenn kein anderes RAV unter sonst gleichen Bedingungen die Stellensuchenden schneller und dauerhafter wiedereingliedern kann.&#13;<\/p>\n<h2>Effizienzmessung auf neuer Datenbasis<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nBislang beruhte die Effizienzmessung auf den Daten des \u00f6konometrischen Modells der Wirkungsvereinbarung zwischen dem Bund und den Kantonen zur Verbesserung der \u00f6ffentlichen Arbeitsvermittlung. Diese Zahlen beziehen sich ausschliesslich auf die versicherte Arbeitslosigkeit, so unter anderem auf die Dauer des Taggeldbezugs als Mass f\u00fcr die L\u00e4nge des Eingliederungsprozesses (Output). Seitdem aber im Juni 2003 die Regeltaggeldfrist von rund zwei auf anderthalb Jahre verk\u00fcrzt sowie nach Alter und teilweise Region differenziert wurde, ist dieser Weg aufgrund der Datenbr\u00fcche nicht mehr gangbar. Die Daten des \u00f6konometrischen Modells hatten ohnehin gegen eine Reihe von Schw\u00e4chen anzuk\u00e4mpfen, die ihre Eignung f\u00fcr unsere Zwecke in Frage stellten:4\u00a0&#8211; Die als Output verwendete Taggeldbezugsdauer bezog sich aufgrund ihrer L\u00e4nge auch auf Perioden ausserhalb des eigentlichen Untersuchungszeitraums, in welchem die erschwerenden Bedingungen (Inputs) ihre G\u00fcltigkeit hatten und die RAV auf die Dauer grunds\u00e4tzlich einwirken konnten.\u00a0&#8211; Die erschwerenden Bedingungen (Inputs) waren von den RAV zum Teil selbst verschuldet oder bildeten eher die k\u00fcnftige als die laufende Vermittlungssituation ab.\u00a0\u00a0Vor diesem Hintergrund haben wir uns entschieden, die Effizienzmessung auf eine neue Datenbasis zu stellen, welche die bisherigen Schw\u00e4chen eliminiert. Die neuen Angaben entstammen der amtlichen Arbeitslosenstatistik, die auch die nichtversicherte Stellenlosigkeit erfasst. Als Mass f\u00fcr die Dauer der Wiedereingliederung dient nun der Anteil aller Arbeitslosen am Jahresanfang, die w\u00e4hrend des gleichen Kalenderjahres eine Stelle fanden (Stellenantrittsquote). Gem\u00e4ss den Grunds\u00e4tzen der Bestandserneuerungstheorie verh\u00e4lt sich die Dauer der Stellensuche umgekehrt proportional zu dieser Quote. Je k\u00fcrzer die Stellensuchdauer, desto h\u00f6her f\u00e4llt der Anteil der Wiedereingegliederten aus. Die Dauerhaftigkeit der Wiedereingliederung hingegen wird am Anteil der gleichen Vermittelten gemessen, die ihre neue Stelle mindestens ein Quartal hielten. \u00a0Die Inputs erfuhren ebenfalls eine \u00c4nderung. Diese beschreiben nunmehr die Zusammensetzung der von einem RAV zu betreuenden Stellensuchenden am jeweiligen Jahresanfang sowie die in diesem Zeitpunkt vorherrschende Arbeitmarktslage. Sie sollen die Schwere der Bedingungen erfassen, unter denen ein RAV im jeweiligen Kalenderjahr zu operieren hat. Zudem wurde die Anzahl der ber\u00fccksichtigten Einflussfaktoren deutlich erh\u00f6ht. Eine Anhebung der Zahl der Inputs kann aber das gemessene Ausmass der Effizienz k\u00fcnstlich erh\u00f6hen: Je mehr Faktoren Ber\u00fccksichtigung finden, desto einmaliger bzw. unvergleichbarer erscheint das Einzel-RAV, so dass es schwerer wird, ein RAV zu finden, das unter den gleichen Bedingungen seine Stellensuchenden schneller und dauerhafter wiedereingliedert. Um diesen verzerrenden Effekt auszuschalten, wurde die Vielzahl der Kontrollvariablen zu sogenannten Propensity-Scores verdichtet. Diese geben die Wahrscheinlichkeit eines Stellensuchenden an, aufgrund seines Inputprofils eine Stelle innerhalb eines Jahres zu finden (Output 1) bzw. im anschliessenden Quartal nicht wieder arbeitslos zu werden (Output 2). Auf diese Weise reduziert sich die Zahl der Inputs auf zwei. Zudem wird das Input-Output-Verh\u00e4ltnis der Effizienzmessung bzw. der obigen Gleichung in einen Soll-Ist-Vergleich umgewandelt, bei dem die zwei Propensity-Scores das Soll und die tats\u00e4chlich eingetretenen Anteile das Ist bilden. \u00a0Die Ergebnisse der Datenverdichtung erscheinen in Grafik 1 und Grafik 2. Sie pr\u00e4sentieren die zwei Propensity-Scores (Soll) zusammen mit ihrem jeweils zugeh\u00f6rigen Ouput (Ist). Die dort gezeigten Propensity-Scores beruhen auf der \u00f6konometrischen Auswertung der Arbeitslosigkeitsbiografien von \u00fcber 1,2 Mio. Personen, die Anfang der Jahre 1998-2007 stellenlos waren. Die personenbezogenen Propensity-Scores wurden nach Jahr und RAV gemittelt. Jeder Punkt in den Grafiken stellt ein RAV in einem gegebenen Jahr dar. Entlang eines Fahrstrahls ist das Verh\u00e4ltnis zwischen Output und Input bzw. die Vermittlungseffizienz konstant. \u00a0Anhand der Grafiken ist zu erkennen, dass ein Grossteil der RAV mehr leisten (das heisst schneller und dauerhafter wiedereingliedern) als das, was man aufgrund der unterschiedlichen Zusammensetzung ihrer Arbeitslosenbest\u00e4nde und der Marktlage von ihnen erwarten w\u00fcrde. Dies trifft auf alle RAV zu, die oberhalb der Hauptdiagonale liegen, wo Soll gleich Ist gilt. Daraus ist allerdings nicht zu schliessen, dass deshalb die Mehrzahl der RAV effizient ist. Die Effizienz wird in der DEA am Input-Output-Verh\u00e4ltnis der leistungsst\u00e4rksten RAV gemessen, die als Messlatte bzw. Benchmark dienen. In Grafik 1, die sich auf die H\u00e4ufigkeit bzw. Schnelligkeit der Wiedereingliederung bezieht, bildete sich diese Benchmark im Jahre 2007 aus dem Fahrstrahl durch das RAV SZA2, dessen Ist-Leistung (Output) seine Soll-Leistung (Input) um 50% \u00fcbertraf. In Bezug auf die Dauerhaftigkeit der Wiedereingliederung (Grafik 2) bestand die Messlatte im Jahre 2002 aus dem Fahrstrahl durch das RAV BLA6, dessen Ist-Leistung seine Soll-Leistung um 8% \u00fcberstieg. Die Benchmark, auf welche sich die DEA st\u00fctzt, besteht hingegen aus einer Kombination der beiden Messlatten.\u00a0Die beiden Grafiken zeigen auch, inwiefern sich die gezeigten Leistungen der RAV (vertikale Achsen) durch ihre unterschiedlichen Voraussetzungen (horizontalen Achsen) erkl\u00e4ren lassen. Wenn die Leistungsunterschiede vollst\u00e4ndig auf unterschiedliche Bedingungen zur\u00fcckzuf\u00fchren w\u00e4ren, m\u00fcssten alle Punkte in der Grafik auf der Hauptdiagonalen liegen. Bis zu welchem Grad dies zutrifft, wird durch die Werte von R Vgl. Sheldon (2008). in den Grafiken wiedergegeben. Auf der Basis dieser Messzahl ist zu erkennen, dass die Schnelligkeit der Wiedereingliederung wesentlich st\u00e4rker (54%) von den unterschiedlichen Voraussetzungen der RAV abh\u00e4ngt als die Dauerhaftigkeit (8%). Der unerkl\u00e4rte Rest deutet auf Ineffizienz hin, die demnach hinsichtlich der Dauerhaftigkeit der Wiedereingliederung gr\u00f6sser sein m\u00fcsste.&#13;<\/p>\n<h2>Relative Vermittlungseffizienz der RAV<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie relative Vermittlungseffizienz vergleicht die Performance der einzelnen RAV in einem gegebenen Jahr. Das Effizienzmass gibt an, bis zu welchem Grad ein RAV &#8211; angesichts der Performance der leistungsst\u00e4rksten RAV (Messlatte) &#8211; sein Leistungspotenzial ausgesch\u00f6pft hat. Demnach bedeutet ein Wert von 0,90, dass das RAV sein Leistungspotenzial bis zu 90% erreichte.\u00a0Grafik 3 zeigt die Entwicklung der mittleren relativen Vermittlungseffizienz der RAV im Zeitraum 1998-2007. Es handelt sich um das gewichtete geometrische Mittel der relativen Effizienz der einzelnen RAV. Als Gewicht dient die Gr\u00f6sse eines RAV gemessen an der Zahl der Arbeitslosen. Da die relative Vermittlungseffizienz nach oben begrenzt ist, bzw. h\u00f6chstens 100% betragen kann, gibt der abgebildete Durchschnitt zugleich das Effizienzgef\u00e4lle zwischen den RAV wieder. Ein niedriger Wert bedeutet, dass die Performance der RAV stark streut. Wenn alle RAV gleichermassen effizient w\u00e4ren bzw. kein Leistungsgef\u00e4lle best\u00fcnde, w\u00fcrde der Durchschnitt 100% betragen. Wie die Grafik zeigt, ist das Leistungsgef\u00e4lle zwischen den RAV &#8211; \u00fcber den ganzen Untersuchungszeitraum hinweg betrachtet &#8211; gem\u00e4ss den neuen, zuverl\u00e4ssigeren Daten kleiner als nach den alten Zahlen.&#13;<\/p>\n<h2>Absolute Vermittlungseffizienz der RAV<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Umstand, dass die relative Vermittlungseffizienz der RAV seit 1998 zugenommen hat, bedeutet allerdings nicht, dass die absolute Effizienz der \u00f6ffentlichen Stellenvermittlung gestiegen ist. Die relative Vermittlungseffizienz bezieht sich lediglich auf die Benchmark des jeweiligen Jahres. Wenn die Messlatte zur Bestimmung der relativen Effizienz im Zeitablauf aber fiel, kann die Vermittlungseffizienz der RAV absolut gesunken sein, obwohl ihre relative Effizienz gestiegen ist. Gem\u00e4ss Grafik 4 scheint dies jedoch nicht der Fall zu sein. Im Gegenteil: Auf der Grundlage der verbesserten Datenbasis ist die Effizienz der \u00f6ffentlichen Arbeitsvermittlung als Ganzes seit 1998 um rund 20% gestiegen. Demnach werden Arbeitslose heute unter sonst gleichen Bedingungen um etwa ein F\u00fcnftel schneller und dauerhafter wiedereingestellt als 1998. Bezogen auf die 3,3 Mrd. Franken, die 2007 f\u00fcr Taggeld ausgezahlt wurden, bedeutet dies eine Kostenersparnis von rund 800 Mio. Franken. Das Effizienzniveau der \u00f6ffentlichen Arbeitsvermittlung hat dabei nicht nur allgemein, sondern in s\u00e4mtlichen Kantonen &#8211; ausser in Nidwalden und Obwalden, die ein RAV teilen &#8211; zugenommen.&#13;<\/p>\n<h2>Ausblick<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nInsgesamt weisen die Ergebnisse beruhend auf der verbesserten Datengrundlage auf eine erfreuliche Entwicklung hin. Unbekannt bleiben allerdings die genauen Ursachen dieser Bewegungen. Diese Frage wird es in Zukunft zu beantworten gelten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1 \u00abAnteil der innerhalb eines Jahres Wiedereingegliederten, 1998-2007\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2 \u00abAnteil der dauerhaften Wiedereingliederungen, 1998-2007\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 3 \u00abGrad der relativen Vermittlungseffizienz, 1998-2007\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 4 \u00abIndex der absoluten Vermittlungseffizienz, 1998-2007\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 1: Literatur<\/b>&#13;<br \/>\n&#8211; Sheldon, G. (2000), Die Auswirkung der Errichtung von Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) auf die Effizienz der \u00f6ffentlichen Arbeitsvermittlung, in: Die Volkswirtschaft, April, S. 25-29.- Sheldon, G. (2003), Die Effizienz der \u00f6ffentlichen Arbeitsvermittlung der Schweiz im Zeitraum 1998-2001, in: Die Volkswirtschaft, April, S. 31-34.- Sheldon, G. (2005), Performance der \u00f6ffentlichen Arbeitsvermittlung der Schweiz im Zeitraum 1998-2003, in: Die Volkswirtschaft, Oktober, S. 35-37.- Sheldon, G. (2008), Entwicklung der Performance der \u00f6ffentlichen Stellenvermittlung der Schweiz im Zeitraum 1998-2007, Studie erstellt im Auftrag des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft (Seco), Forschungsstelle f\u00fcr Arbeitsmarkt- und Industrie\u00f6konomik, Universit\u00e4t Basel.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp;&#13; &#13; Der Messansatz, auf dem die Untersuchung beruht, ist produktionstheoretisch konzipiert. Demnach misst sich die Effizienz eines RAV am Verh\u00e4ltnis seiner Inputs zu seinen Outputs bzw. an seiner Produktivit\u00e4t:\u00a0 Effizienz = Outputs\/Inputs\u00a0Die Outputs beziehen sich auf die zwei Hauptziele der \u00f6ffentlichen Arbeitsvermittlung: die schnelle und dauerhafte Wiedereingliederung der Arbeitslosen. 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Sheldon (2000, 2003, 2005). die zeitliche Entwicklung der Effizienz der \u00f6ffentlichen Arbeitsvermittlung, verstanden als die F\u00e4higkeit der Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV), Stellensuchende trotz widriger Bedingungen schnell und dauerhaft in den Arbeitsmarkt einzugliedern. Die letzte Studie aus dieser Reihe datiert aus dem Jahr 2005 und bezieht sich auf den Zeitraum 1998-2003. Beim vorliegenden Beitrag handelt es sich um eine Aktualisierung der bisherigen Resultate. Vgl. Sheldon (2008). Die Performance der \u00f6ffentlichen Arbeitsvermittlung ist im Zeitraum 1998-2007 um rund 20% gestiegen. Dank dieser Verbesserung fielen die Kosten der Arbeitslosenentsch\u00e4digung im Jahre 2007 sch\u00e4tzungsweise um etwa 800 Mio. 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