{"id":122911,"date":"2008-11-01T12:00:00","date_gmt":"2008-11-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2008\/11\/stalder-4\/"},"modified":"2023-08-23T23:40:00","modified_gmt":"2023-08-23T21:40:00","slug":"stalder-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2008\/11\/stalder-3\/","title":{"rendered":"Personenfreiz\u00fcgigkeit: Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und das Wirtschaftswachstum"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;&#13;<\/p>\n<h2>Fragestellung und Untersuchungsansatz<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDieser Beitrag geht der Frage nach, wie sich das Abkommen mit der EU \u00fcber die Personenfreiz\u00fcgigkeit auf die Schweizer Volkswirtschaft auswirkt. Dabei stehen die folgenden Punkte im Zentrum des Interesses:\u00a0&#8211; In konjunktureller Hinsicht ist abzukl\u00e4ren, ob die Wirtschaft in Aufschwungsphasen dank dem freien Personenverkehr weniger rasch an Kapazit\u00e4tsgrenzen st\u00f6sst und deshalb l\u00e4nger inflationsfrei wachsen kann. Weiter stellt sich die Frage nach der Reaktion des Arbeitsangebots in rezessiven Phasen.\u00a0&#8211; Mit Blick auf den Arbeitsmarkt ist insbesondere die Wirkung auf die Arbeitslosigkeit von Interesse. Ausschlaggebend daf\u00fcr ist, ob die Einwanderung prim\u00e4r in jene Segmente des Arbeitsmarktes geht, wo offene Stellen sonst nicht besetzt werden k\u00f6nnen, oder ob die Neuzuz\u00fcger die Anstellungschancen von Arbeitssuchenden in der Schweiz schm\u00e4lern.\u00a0&#8211; Hinsichtlich des langfristigen Wachstumspotenzials stellt sich die Frage, ob der freie Personenverkehr bloss zu einem verst\u00e4rkten Breitenwachstum f\u00fchrt, oder ob die Einwanderung qualifizierter Personen \u00fcber Wissensdiffusion auch Produktivit\u00e4tsgewinne generiert.\u00a0\u00a0Nach Inkrafttreten des Freiz\u00fcgigkeitsabkommens im Juni 2002 unterlag die Einwanderung noch verschiedenen Einschr\u00e4nkungen. Erst nach Aufhebung des Inl\u00e4ndervorrangs bei Neuanstellungen im Juni 2004 konnte das Abkommen seine volle Wirkung entfalten. Die Erfahrungen mit der neuen Ausl\u00e4nderpolitik beschr\u00e4nken sich somit auf einen kurzen und von einem g\u00fcnstigen konjunkturellen Klima gepr\u00e4gten Zeitabschnitt. Von den vorstehend erw\u00e4hnten drei Punkten lassen sich deshalb nur die ersten beiden ansatzweise untersuchen. F\u00fcr eine Analyse langfristiger Produktivit\u00e4tswirkungen w\u00e4re das verwendete Modell ohnehin kaum geeignet, weil es Ver\u00e4nderungen in der qualifikatorischen Zusammensetzung der Zuwanderung nicht explizit ber\u00fccksichtigt. Wirkungsanalysen wirtschaftspolitischer \u00c4nderungen sind zudem methodisch heikel, ist doch stets nur die Entwicklung unter dem tats\u00e4chlich herrschenden Regime bekannt, w\u00e4hrend die kontrafaktische Alternative konstruiert werden muss. \u00a0Im vorliegenden Kontext ist zu \u00fcberlegen, wie die Entwicklung ohne freien Personenverkehr verlaufen w\u00e4re. Dies wiederum setzt ein gesamtwirtschaftliches Modell voraus, denn die Effekte der Personenfreiz\u00fcgigkeit bleiben nicht auf den Arbeitsmarkt beschr\u00e4nkt. Das f\u00fcr die folgenden Simulationen verwendete Modell vermag zwar die Entwicklung der Schweizer Wirtschaft gut nachzuzeichnen; es stellt aber &#8211; wie jedes andere Modell &#8211; ein vereinfachtes Abbild der Wirklichkeit dar. Die Untersuchungsergebnisse sind deshalb mit Vorsicht zu interpretieren.&#13;<\/p>\n<h2>Szenario Status quo ante<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn der Wirtschaftsentwicklung der letzten Jahre wurden die Effekte der Personenfreiz\u00fcgigkeit von wechselnden Konjunktureinfl\u00fcssen \u00fcberlagert. Um diese Vermischung auszuschalten, soll der \u00dcbergang zur Personenfreiz\u00fcgigkeit zun\u00e4chst in Relation zu einer konjunkturellen Normalsituation simuliert werden. Die wichtigsten Kennzahlen dieser Basissimulation sind in Tabelle 1 ausgewiesen. Mit der Bezeichnung \u00abStatus quo ante\u00bb wird zum Ausdruck gebracht, dass das mit historischen Daten gesch\u00e4tzte Modell die Verh\u00e4ltnisse vor Einf\u00fchrung des freien Personenverkehrs repr\u00e4sentiert. Das reale Bruttoinlandprodukt (BIP) w\u00e4chst mit einer Rate von 1,93%, die Konsumteuerung betr\u00e4gt 1,41%. Die Arbeitslosenquote liegt bei 2,50%. Ihr steht eine Quote der offenen Stellen von 0,89% gegen\u00fcber. Die Quote der offenen Stellen ist modellbestimmt. Die offizielle Statistik zeigt bei parallelem Verlauf tiefere Werte. In Grafik 1 ist diese Gleichgewichtsposition als Punkt auf der blauen Beveridge-Kurve (vgl. Kasten 2 Modellansatz und Beveridge-Kurve: Diese Studie basiert auf einem \u00f6konometrischen Modell mit 32 Verhaltensgleichungen, die sich einem Nachfrageblock, einem Angebotsblock und einem monet\u00e4ren Block zuordnen lassen. Hilfreich f\u00fcr die Analyse der Personenfreiz\u00fcgigkeit ist die Vorstellung, dass sich der Arbeitsmarkt aus einer Vielzahl von Mikrom\u00e4rkten mit variierenden Nachfrage- und Angebotsverh\u00e4ltnissen zusammensetzt. Je gr\u00f6sser die Streuung dieser Verh\u00e4ltnisse im Querschnitt der Mikrom\u00e4rkte, desto schlechter passen die Strukturen von Arbeitsnachfrage und Arbeitsangebot aufeinander (Mismatch). In jeder Periode gibt es somit Mikrom\u00e4rkte mit Nachfrage- und solche mit Angebots\u00fcberschuss. Im ersten Fall bestimmt das Angebot die tats\u00e4chliche Besch\u00e4ftigung; die Nachfrage ist rationiert und offene Stellen lassen sich nicht besetzen. Im zweiten Fall bestimmt die Nachfrage die tats\u00e4chliche Besch\u00e4ftigung; das Angebot ist rationiert und es herrscht Arbeitslosigkeit. Die Anteile angebots- und nachfragerestringierter M\u00e4rkte sind konjunkturabh\u00e4ngig. Daraus resultiert im Konjunkturzyklus eine gegenl\u00e4ufige Bewegung von Arbeitslosigkeit und offenen Stellen, wie sie in der Literatur als Beveridge-Kurve bekannt ist. Grafik 1 zeigt den aus der Modellsch\u00e4tzung abgeleiteten Kurvenverlauf (blau). Vermindert sich der strukturelle Mismatch, so verschiebt sich die Kurve zum Ursprung (rot).) eingetragen. In Relation zu dieser Basissimulation (BASE) l\u00e4sst sich der \u00dcbergang zur Personenfreiz\u00fcgigkeit in Form von zwei Szenarien (ALT1, ALT2) darstellen.&#13;<\/p>\n<h2>Szenario ALT1: Selektive Einwanderung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn diesem Szenario greifen Unternehmen, die ihre Arbeitsnachfrage nicht voll befriedigen k\u00f6nnen, auf Ausl\u00e4nder zur\u00fcck. Die Arbeitslosigkeit ist davon nicht direkt betroffen, denn sie ist definitionsgem\u00e4ss auf das Segment der nachfragelimitierten Teilm\u00e4rkte beschr\u00e4nkt. Die neu zuziehenden Ausl\u00e4nder konkurrenzieren also nicht Arbeit suchende Inl\u00e4nder, sondern beseitigen Personalengp\u00e4sse. In einer ersten Phase der Simulation vermindert sich folglich die Zahl der offenen Stellen bei praktisch unver\u00e4nderter Arbeitslosigkeit. In Grafik 1 kommt dies in einer Bewegung entlang dem schwarzen Pfeil nach unten zum Ausdruck. Zeitlich verz\u00f6gert stellen sich dann stimulierende Sekund\u00e4reffekte ein. Die zuvor durch Personalmangel restringierten Unternehmen k\u00f6nnen ihre Produktion ausweiten. Dadurch erh\u00f6ht sich die Auslastung der technischen Kapazit\u00e4ten, was die Investitionst\u00e4tigkeit antreibt. Zudem erzielen die neu zugezogenen Ausl\u00e4nder ein Einkommen, das sie f\u00fcr Konsumzwecke und Nachfrage nach Wohnraum verwenden. Schliesslich l\u00e4sst die Teuerung dank verminderter Personalknappheit nach, was sich \u00fcber eine verbesserte Wettbewerbsposition positiv auf die Exporte auswirkt. Aufgrund dieser Sekund\u00e4reffekte kommt es in einer zweiten Phase zu einem R\u00fcckgang der Arbeitslosigkeit und einem leichten Wiederanstieg der offenen Stellen. Der schwarze Pfeil folgt der zum Ursprung hin verschobenen roten Beveridge-Kurve nach links oben. Im neuen Gleichgewicht betr\u00e4gt die Arbeitslosigkeit noch 1,82% (Status quo ante: 2,50%) und die Quote der offenen Stellen 0,59% (0,89%). Die gleichzeitige Abnahme von Arbeitslosigkeit und offenen Stellen ist Ausdruck des verminderten strukturellen Mismatch.\u00a0Weitere Kennzahlen des Szenarios ALT1 sind in Tabelle 1 ausgewiesen. An der langfristigen Wachstumsrate der Wirtschaft \u00e4ndert sich nichts. Vor\u00fcbergehend expandieren BIP und Besch\u00e4ftigung jedoch st\u00e4rker als in BASE, sodass die beiden Variablen im Niveau um 3,7% bzw. 3,6% angehoben werden. Tempor\u00e4r tiefere Inflationsraten lassen die Konsumentenpreise leicht zur\u00fcckfallen. Die Nominall\u00f6hne reagieren kurzfristig st\u00e4rker und langfristig schw\u00e4cher als die Konsumentenpreise. Entsprechend resultiert kurzfristig im Vergleich zu BASE ein Reallohnr\u00fcckgang, langfristig aber ein kleiner Reallohngewinn.\u00a0Bemerkenswert an diesem Idealszenario ist der Umstand, dass der Besch\u00e4ftigungszuwachs viel gr\u00f6sser ist als die zus\u00e4tzliche Ausl\u00e4nderbesch\u00e4ftigung. Etwas plakativ gesagt entstehen mit der Einstellung eines dringend ben\u00f6tigten ausl\u00e4ndischen \u00abSpezialisten\u00bb vier weitere Arbeitspl\u00e4tze, die dann von arbeitslosen Einheimischen besetzt werden.&#13;<\/p>\n<h2>Szenario ALT2: Generelle Ausweitung des Arbeitsangebots<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie dem Szenario ALT1 zugrunde liegende Annahme, Personen aus dem Ausland w\u00fcrden nur Stellen besetzen, f\u00fcr die keine Arbeitskr\u00e4fte im Inland zu finden sind, ist vermutlich zu restriktiv. Im Szenario ALT2 wird deshalb zugelassen, dass Immigranten auf nachfragerestingierten M\u00e4rkten als Konkurrenten zu den inl\u00e4ndischen Stellensuchenden hinzutreten. Modelltechnisch wird dieses Szenario implementiert, indem der \u00abselektive\u00bb Ausl\u00e4nderzustrom des Szenarios ALT1 auf das gesamte Arbeitsangebot umgelegt wird. Dadurch kommt es zu einer Angebotszunahme auch in Bereichen, die durch Arbeitslosigkeit gekennzeichnet sind. Entsprechend stehen f\u00fcr die Beseitigung produktionshemmender Personalengp\u00e4sse weniger Personen zur Verf\u00fcgung. In diesem Szenario konvergiert die Wirtschaft zwar ebenfalls zu einem h\u00f6heren Aktivit\u00e4tsniveau; BIP und Besch\u00e4ftigung werden aber nur um 0,6% angehoben. Zudem f\u00e4llt der Reallohn auch langfristig zur\u00fcck. Im Gegensatz zum Szenario ALT1 \u00e4ndert sich am strukturellen Mismatch nichts: Die Arbeitslosigkeit und Quote der offenen Stellen stimmen langfristig mit den Status-quo-ante-Werten \u00fcberein. Vor\u00fcbergehend l\u00e4sst die verst\u00e4rke Einwanderung die Arbeitslosigkeit ansteigen. Dieser Effekt ist gem\u00e4ss Modell aber tempor\u00e4r, denn langfristig lohnt es sich f\u00fcr die Unternehmen aufgrund des Reallohnr\u00fcckgangs und der steigenden Nachfrage am G\u00fctermarkt, in zus\u00e4tzliche Arbeitspl\u00e4tze zu investieren. In Grafik 1 generiert dieses Szenario eine Bewegung entlang der blauen Beveridge-Kurve nach rechts unten und dann wieder zur\u00fcck zum alten Gleichgewichtspunkt.&#13;<\/p>\n<h2>F\u00fcr welches Szenario sprechen die Daten?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIm KOF-Industrietest werden die Firmen seit dem 2. Quartal 1999 gefragt, ob sie in ihrer Produktionst\u00e4tigkeit durch die Verf\u00fcgbarkeit von Arbeitskr\u00e4ften behindert waren. Der entsprechende Antwortanteil stieg in den letzten Jahren deutlich weniger stark an als 1999-2000, obwohl der j\u00fcngste Aufschwung gemessen am Produktionszuwachs st\u00e4rker war. Das Bundesamt f\u00fcr Statistik (BFS) f\u00fchrt eine \u00e4hnliche Erhebung f\u00fcr die Gesamtwirtschaft durch. Leider wurde die Umfrage 2004 leicht ver\u00e4ndert, indem in einer feineren Gliederung nach Qualifikationen neu nach Rekrutierungsschwierigkeiten und nicht mehr nach Personalmangel gefragt wird. Vorsichtig interpretiert deutet aber auch die BFS-Erhebung darauf hin, dass der j\u00fcngste Aufschwung wegen des erleichterten Zugriffs auf ausl\u00e4ndische Arbeitskr\u00e4fte in relativ geringem Mass durch Personalengp\u00e4sse behindert wurde.\u00a0Die Kehrseite der Medaille besteht darin, dass die Arbeitslosenquote in den letzten zwei Jahren trotz sehr starkem Besch\u00e4ftigungszuwachs nur um je rund 0,5 Prozentpunkte zur\u00fcckging. Von 1998 bis 2000 fiel die Arbeitslosigkeit wesentlich st\u00e4rker, obwohl der Besch\u00e4ftigungszuwachs schw\u00e4cher war. Der Hauptgrund f\u00fcr den nun vergleichsweise bescheidenen R\u00fcckgang der Arbeitslosigkeit liegt im verst\u00e4rkten Ausl\u00e4nderzustrom. Im fr\u00fcheren Aufschwung begann die Ausl\u00e4nderbesch\u00e4ftigung erst 2002 anzuziehen, als der Arbeitslosen-Pool mit einer Quote von unter 2% praktisch ausgetrocknet war. Demgegen\u00fcber wuchs die Ausl\u00e4nderbesch\u00e4ftigung im j\u00fcngsten Aufschwung bereits ab Ende 2005 mit Raten von nahezu 10%, obwohl die Arbeitslosenquote noch \u00fcber 3,5% lag.\u00a0Dieses Datenbild stellt Evidenz zugunsten von Szenario ALT2 dar. Typischerweise \u00e4ussert sich ein Konjunkturaufschwung in einer Zunahme der offenen Stellen und einer Abnahme der Arbeitslosigkeit, d.h. einer Bewegung auf der Beveridge-Kurve nach links oben. Im j\u00fcngsten Aufschwung war diese Bewegung nur schwach. Die Personenfreiz\u00fcgigkeit hat dem Entstehen von Personalengp\u00e4ssen entgegengewirkt, gleichzeitig aber auch den R\u00fcckgang der Arbeitslosigkeit gebremst. Auf eine Verschiebung der Beveridge-Kurve zum Ursprung gem\u00e4ss Idealszenario ALT1 deuten die Daten nicht hin.&#13;<\/p>\n<h2>Wirkungen der Personenfreiz\u00fcgigkeit im j\u00fcngsten Konjunkturaufschwung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAbschliessend soll mit einer weiteren Modellsimulation demonstriert werden, wie sich die Schweizer Wirtschaft in den letzten Jahren ohne das Freiz\u00fcgigkeitsabkommen entwickelt h\u00e4tte. Die Simulation startet Mitte 2004. Zu diesem Zeitpunkt setzte der j\u00fcngste Konjunkturaufschwung ein und gleichzeitig wurde der Inl\u00e4ndervorrang aufgehoben. \u00dcberj\u00e4hrige Bewilligungen f\u00fcr EU-Ausl\u00e4nder waren bis Mitte 2007 weiterhin kontingentiert. Die Kontingentierung konnte aber in der Praxis umschifft werden, indem Neuanstellungen vorerst \u00fcber Kurzarbeitsbewilligungen vorgenommen wurden.\u00a0Ausgangspunkt des Simulationsexperiments ist die Feststellung, dass die st\u00e4ndige Wohnbev\u00f6lkerung seit Mitte 2004 st\u00e4rker gewachsen ist, als dies aufgrund der historisch gesch\u00e4tzten Abh\u00e4ngigkeit der Immigration von der Arbeitsmarktlage zu erwarten war. Weiter hat auch das gesamte Arbeitsangebot, das die nichtst\u00e4ndigen Erwerbspersonen (Kurzaufenthalter, Grenzg\u00e4nger) einschliesst, \u00fcber Erwarten stark zugenommen. Dies ist teilweise einem im Modell nicht erkl\u00e4rten Anstieg der Erwerbsquote und teilweise der Personenfreiz\u00fcgigkeit zuzuschreiben. Insgesamt standen der Wirtschaft dank dem freien Personenverkehr Ende 2007 sch\u00e4tzungsweise 2,7% mehr Arbeitskr\u00e4fte zur Verf\u00fcgung. Eine Simulation, die diese Ausweitung des Arbeitsangebots unterdr\u00fcckt, zeigt folglich, wie sich die Wirtschaft unter Status-quo-ante-Bedingungen vermutlich entwickelt h\u00e4tte. Im Vergleich mit der tats\u00e4chlichen Entwicklung widerspiegeln sich die Effekte der Personenfreiz\u00fcgigkeit.\u00a0Die Simulationsergebnisse sind in Grafik 2 und Tabelle 2 dargestellt. Ohne freien Personenverkehr h\u00e4tte sich die Anspannung auf dem Arbeitsmarkt in letzter Zeit deutlich versch\u00e4rft. Die Arbeitslosenquote w\u00e4re auf 1,7% (anstatt 2,6%) gefallen und die Quote der offenen Stellen auf 1,4% (anstatt 0,9%) gestiegen. Die Inflation h\u00e4tte von durchschnittlich 1,2% auf 1,4% zugenommen. Das BIP-Wachstum, das im betrachteten Zeitraum annualisiert 3,2% betrug, h\u00e4tte sich wegen der Personalknappheit auf 2,9% beschr\u00e4nkt, was im Niveau bis Ende 2007 einen Verlust von 0,9% ergibt. Praktisch gleich stark w\u00e4re das Besch\u00e4ftigungswachstum gehemmt worden, sodass sich die Entwicklung der Arbeitsproduktivit\u00e4t nahezu unver\u00e4ndert pr\u00e4sentiert. Die Verwendungskomponenten des BIP h\u00e4tten sich mit Ausnahme des privaten Konsums weniger dynamisch entwickelt. Gegen\u00fcber der Situation mit Personenfreiz\u00fcgigkeit w\u00e4ren insbesondere die Ausr\u00fcstungs- und Bauinvestitionen zur\u00fcckgeblieben, weil Personalengp\u00e4sse die Investitionst\u00e4tigkeit hemmen und bei den Bauinvestitionen der nachfrageseitige Effekt des geringeren Bev\u00f6lkerungswachstums hinzukommt. Der private Konsum h\u00e4tte &#8211; trotz vermindertem Bev\u00f6lkerungswachstum &#8211; etwas kr\u00e4ftiger expandiert. Dies ist darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass die Arbeitslosigkeit st\u00e4rker zur\u00fcckgegangen w\u00e4re und die Reall\u00f6hne st\u00e4rker gestiegen w\u00e4ren. Der Reallohn h\u00e4tte am Ende der Simulationsperiode das effektive Niveau um 0,8% \u00fcbertroffen.\u00a0Umgekehrt formuliert l\u00e4sst sich festhalten, dass die Personenfreiz\u00fcgigkeit dem Entstehen von Personalengp\u00e4ssen entgegengewirkt und so das Wirtschaftswachstum gef\u00f6rdert hat. Die Milderung des Personalmangels ging indessen mit einem vergleichsweise schwachen R\u00fcckgang der Arbeitslosigkeit und einem ged\u00e4mpften Reallohnwachs-tum einher. Diese aus Sicht der inl\u00e4ndischen Arbeitnehmenden negativen Folgen der Personenfreiz\u00fcgigkeit sind vermutlich tempor\u00e4rer Natur. Daf\u00fcr spricht jedenfalls das vorstehend pr\u00e4sentierte Szenario ALT2, gem\u00e4ss dem eine Ausweitung des Arbeitsangebots ein verst\u00e4rktes Breitenwachstum in Gang setzt und somit langfristig keine Zunahme der Arbeitslosigkeit zur Folge hat.\u00a0Grafik 2 und Tabelle 2 zeigen weiter die Ergebnisse einer Simulation, in der die Ausweitung des Arbeitsangebots selektiv in jene Arbeitsmarktsegmente geht, wo Personalengp\u00e4sse die Produktion behindern. Unter dieser idealen Annahme generiert das Modell eine sehr schwache Zunahme der offenen Stellen und zugleich einen R\u00fcckgang der Arbeitslosigkeit, der noch st\u00e4rker ist als in der Simulation ohne Freiz\u00fcgigkeit. Dies entspricht einer Verschiebung der Beveridge-Kurve zum Ursprung im Sinne eines verminderten strukturellen Mismatch. Die Wachs-tumsraten von BIP und Besch\u00e4ftigung kommen leicht \u00fcber die tats\u00e4chlichen Werte zu liegen, und der Reallohn w\u00e4chst praktisch gleich stark wie in der Simulation ohne Freiz\u00fcgigkeit. Die effektive Entwicklung von Arbeitslosigkeit und offenen Stellen falsifiziert jedoch dieses Idealszenario. Die effektive Entwicklung folgt aber auch nicht genau dem Verlauf der Beveridge-Kurve, wie er aus der Simulation ohne Freiz\u00fcgigkeit hervorgeht, sondern tendiert gegen das Idealszenario mit selektiver Einwanderung. Dies ist so zu interpretieren, dass der freie Personenverkehr im j\u00fcngsten Aufschwung zwar den Abbau der Arbeitslosigkeit hemmte, in noch st\u00e4rkerem Masse aber dem Entstehen von Personalengp\u00e4ssen entgegenwirkte.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDank der Personalfreiz\u00fcgigkeit waren die Unternehmen im Konjunkturaufschwung der letzten Jahre in vergleichsweise geringem Mass mit Personalengp\u00e4ssen konfrontiert. Ende 2007 lag das BIP um 0,9% h\u00f6her, als dies unter den Bedingungen des Status quo ante der Fall gewesen w\u00e4re. Anderseits hat sich die Arbeitslosigkeit im Vergleich zu fr\u00fcheren Aufschwungsphasen nur wenig zur\u00fcckgebildet, und das Reallohnwachstum wurde ged\u00e4mpft.\u00a0Idealerweise w\u00fcrde die Personenfreiz\u00fcgigkeit zu einer Angebotsausweitung ausschliesslich in jenen Arbeitsmarktbereichen f\u00fchren, wo sich offene Stellen sonst nicht besetzen lassen. Diese Vorstellung l\u00e4sst sich empirisch nicht st\u00fctzen. Die Daten deuten vielmehr darauf hin, dass der freie Personenverkehr neben der Beseitigung von Personalengp\u00e4ssen auch eine Konkurrenzierung einheimischer Arbeitssuchender in anderen Arbeitsmarktbereichen zur Folge hat. Dem mag unter Effizienzgesichtspunkten der Vorteil gegen\u00fcberstehen, dass die freien Stellen so mit besser qualifizierten Leuten besetzt werden k\u00f6nnen. Bei einfachen T\u00e4tigkeiten f\u00e4llt dieser Vorteil vermutlich weniger ins Gewicht. Hier w\u00e4re zu \u00fcberlegen, wie man nach Aufhebung des Inl\u00e4ndervorrangs die Anstellungschancen einheimischer Arbeitssuchender intakt halten kann.\u00a0In methodischer Hinsicht ist nochmals zu betonen, dass sich die Ergebnisse dieser Studie, soweit sie empirisch gest\u00fctzt sind, auf eine Aufschwungsphase beziehen. \u00dcber die langfristigen Folgen der Arbeitsmarkt\u00f6ffnung, die auch das Verhalten in konjunkturellen Schw\u00e4chephasen sowie m\u00f6gliche Produktivit\u00e4tseffekte einer ver\u00e4nderten qualifikatorischen Zusammensetzung der Zuwanderung einschliessen, kann derzeit nur spekuliert werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<a class=\"graphic-link\" title=\"Effektive und simulierte Entwicklung der Arbeitslosenquote und der Quote der offenen Stellen, 3. Quartal 2004 - 4. Quartal 2007\">Grafik 1 \u00abEffektive und simulierte Entwicklung der Arbeitslosenquote und der Quote der offenen Stellen, 3. Quartal 2004 &#8211; 4. Quartal 2007\u00bb<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<a class=\"graphic-link\" title=\"Beveridge-Kurve und Gleichgewichts-Arbeitslosigkeit im \u00abStatus quo ante\u00bb (BASE) und bei Personenfreiz\u00fcgigkeit (ALT1, ALT2)\">Grafik 2 \u00abBeveridge-Kurve und Gleichgewichts-Arbeitslosigkeit im \u00abStatus quo ante\u00bb (BASE) und bei Personenfreiz\u00fcgigkeit (ALT1, ALT2)\u00bb<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 1 \u00abGleichgewichtssituation im \u00abStatus quo ante\u00bb und bei Personenfreiz\u00fcgigkeit\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 2 \u00abEffektive und simulierte Wirtschaftsentwicklung, 3. Quartal 2004 &#8211; 4. Quartal 2007 Wachstum annualisiert (1) und Niveaudifferenz vs. Effektiv (2), in&nbsp;%\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Prospektive Studien zu den Wirkungen eines EU- oder EWR-Beitritts Mit Blick auf den Integrationsbericht 1999 hatte das Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft (Seco) 1998 prospektive Studien zu den Auswirkungen dreier Integrationsszenarien veranlasst: \u00abStatus quo\u00bb, \u00abEWR-Beitritt\u00bb, \u00abEU-Beitritt\u00bb. Der Autor des nachstehenden Artikels war Co-Autor einer dieser Studien.a Er untersuchte damals die Anpassung an den neuen Rechtsrahmen, insbesondere die Personenfreiz\u00fcgigkeit, in prospektiver Weise. Mit einem vergleichbaren Modell zieht er nachstehend ein erstes Zwischenergebnis zur tats\u00e4chlich eingetretenen Entwicklung nach Einf\u00fchrung der Personenfreiz\u00fcgigkeit.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\na J\u00fcrg B\u00e4rlocher, Bernd Schips, Peter Stalder, KOF\/ETH Z\u00fcrich: Makro\u00f6konomische Auswirkungen eines EU-Beitritts der Schweiz, Bundesamt f\u00fcr Wirtschaft und Arbeit, Bern, 1999.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 2: Modellansatz und Beveridge-Kurve Diese Studie basiert auf einem \u00f6konometrischen Modell mit 32 Verhaltensgleichungen, die sich einem Nachfrageblock, einem Angebotsblock und einem monet\u00e4ren Block zuordnen lassen. Hilfreich f\u00fcr die Analyse der Personenfreiz\u00fcgigkeit ist die Vorstellung, dass sich der Arbeitsmarkt aus einer Vielzahl von Mikrom\u00e4rkten mit variierenden Nachfrage- und Angebotsverh\u00e4ltnissen zusammensetzt. Je gr\u00f6sser die Streuung dieser Verh\u00e4ltnisse im Querschnitt der Mikrom\u00e4rkte, desto schlechter passen die Strukturen von Arbeitsnachfrage und Arbeitsangebot aufeinander (Mismatch). In jeder Periode gibt es somit Mikrom\u00e4rkte mit Nachfrage- und solche mit Angebots\u00fcberschuss. Im ersten Fall bestimmt das Angebot die tats\u00e4chliche Besch\u00e4ftigung; die Nachfrage ist rationiert und offene Stellen lassen sich nicht besetzen. Im zweiten Fall bestimmt die Nachfrage die tats\u00e4chliche Besch\u00e4ftigung; das Angebot ist rationiert und es herrscht Arbeitslosigkeit. Die Anteile angebots- und nachfragerestringierter M\u00e4rkte sind konjunkturabh\u00e4ngig. Daraus resultiert im Konjunkturzyklus eine gegenl\u00e4ufige Bewegung von Arbeitslosigkeit und offenen Stellen, wie sie in der Literatur als Beveridge-Kurve bekannt ist. Grafik 1 zeigt den aus der Modellsch\u00e4tzung abgeleiteten Kurvenverlauf (blau). 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