{"id":122996,"date":"2008-10-01T12:00:00","date_gmt":"2008-10-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2008\/10\/strahm-4\/"},"modified":"2023-08-23T23:39:58","modified_gmt":"2023-08-23T21:39:58","slug":"strahm-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2008\/10\/strahm-3\/","title":{"rendered":"Berufsbildung im Fokus: Ein Gespr\u00e4ch zwischen Rudolf Strahm und Stefan Wolter"},"content":{"rendered":"<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/200810_15_Strahm_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"246\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Volkswirtschaft: Sie haben, Herr Strahm, in diesem Jahr ein Buch publiziert, das den Titel tr\u00e4gt: \u00abWarum wir so reich sind\u00bb. Quintessenz: Das duale Berufsbildungssystem ist der Schl\u00fcsselfaktor. Was bewegt Sie zu dieser doch sehr pointierten Aussage?\u00a0Strahm: Meine Analyse zeigt, dass alle Eckgr\u00f6ssen, die zum Reichtum unseres Landes beitragen, in direktem Zusammenhang mit der Berufsbildung stehen, etwa die hohe Produktivit\u00e4t, die relativ g\u00fcnstigen Lohnst\u00fcckkosten und die hohe Arbeitsqualit\u00e4t. Ginge es nur nach der Lehrbuch\u00f6konomie, w\u00e4re die Schweiz &#8211; gerade mit den hohen L\u00f6hnen &#8211; international kaum konkurrenzf\u00e4hig. Weil wir aber dank der Berufsbildung massgeschneiderte L\u00f6sungen, hochstehende Qualit\u00e4t und Nischenprodukte anbieten, k\u00f6nnen wir f\u00fcr unsere Produkte h\u00f6here Preise erzielen und mit Erfolg exportieren. Die Wettbewerbsf\u00e4higkeit unserer Wirtschaft wird weit mehr von der Berufsbildung als von der akademischen Bildung gepr\u00e4gt, so auch die Swissness in der Arbeitsqualit\u00e4t, die f\u00fcr die Exportf\u00e4higkeit entscheidend ist. Zudem tr\u00e4gt die duale Berufsbildung stark zur hohen Arbeitsmarktf\u00e4higkeit und zur tiefen Arbeitslosigkeit in der Schweiz bei. Sie vermag schulisch Schw\u00e4chere bereits fr\u00fch in ein berufspraktisches Umfeld zu integrieren, was sozialpolitisch sehr erw\u00fcnscht ist. \u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Gibt es aus bildungs\u00f6konomischer Sicht, Herr Wolter, wissenschaftlich erh\u00e4rtete Resultate, welche die vorgebrachten St\u00e4rken der Berufsbildung belegen oder auch in Frage stellen?\u00a0Wolter: Jedes Land hat ein anderes System der dualen Berufsbildung oder ein anderes System der vollschulischen Ausbildung. Die Systeme sind also kaum oder nicht miteinander vergleichbar. Entsprechend gibt es auch praktisch keine wissenschaftlich erh\u00e4rteten Resultate \u00fcber die \u00f6konomischen Vorteile eines Systems.\u00a0Neuerdings gibt es allerdings eine sehr interessante Studie \u00fcber die Wirkungen der beiden Systeme in Rum\u00e4nien, die wissenschaftlich aussagekr\u00e4ftig ist. Das Land hat nach dem Ende des Kommunismus &#8211; Anfang der Neunzigerjahre &#8211; einen radikalen Wechsel vollzogen und die duale Berufsbildung durch ein System der vollschulischen Ausbildung ersetzt. Zwei US-amerikanische Forscher haben die Wirkungen der beiden Systeme untersucht und kamen dabei zu den folgenden Ergebnissen: In denjenigen Berufen, die \u00fcblicherweise von der Berufsbildung best\u00fcckt wurden, sind weniger Absolventen des vollschulischen Systems anzutreffen. Bez\u00fcglich Employability und Lohn weisen die vollschulisch Ausgebildeten keinerlei Vorteile auf. Generell wissen wir hingegen, dass sich im System der Berufsbildung die Integration in den Arbeitsmarkt f\u00fcr Jugendliche einfacher gestaltet, mit dem Vorteil tiefer Jugendarbeitslosigkeit. Allerdings hat die Berufsbildung den Nachteil, dass deutlich weniger Personen Weiterbildungen besuchen als im vollschulischen System. \u00a0In der Schweiz zeigt sich, dass, sobald eine Person eine Fachhochschule (FH) besucht oder eine H\u00f6here Fachausbildung (HF) gemacht hat, das Weiterbildungsverhalten \u00e4hnlich ist wie bei Personen mit vollschulischer Ausbildung. \u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: 90% der Jugendlichen in der Schweiz haben heute eine nachobligatorische Bildung. Die Politik will, dass sogar 95% der Jugendlichen bis 2015 eine nachobligatorische Ausbildung erhalten. Wie realistisch ist dieses Ziel? Und wie kann es Ihrer Auffassung nach erreicht werden?\u00a0Wolter: Die 10%-15% der fr\u00fcher potenziell schulisch besten Lehrlinge absolvieren heute ein Gymnasium; sie wurden durch Lehrlinge ersetzt, die vor 25 Jahren keine nachobligatorische Ausbildung gemacht h\u00e4tten. Das ist eine grosse Integrationsleistung, welche die Berufsbildung hier leistet. Irgendwann wird aber die Integrationsf\u00e4higkeit der Berufsbildung ersch\u00f6pft sein. \u00a0Entscheidend wird also sein, aus welchen Gr\u00fcnden diejenigen 5%, die zus\u00e4tzlich integriert werden sollen, heute keine nachobligatorische Ausbildung besuchen. Wir wissen ja, dass h\u00e4ufig andere Probleme als schulische dahinter stehen. Das Beheben sozialer Auff\u00e4lligkeiten kann nicht die Aufgabe der Berufsbildung sein. Die Berufsbildung kann und darf ihre Standards nicht anpassen, nur damit die Schw\u00e4cheren nachkommen. Vielmehr sind die Standards von der Wirtschaft vorgegeben, weil schliesslich die Berufsbildung f\u00fcr den Arbeitsmarkt bef\u00e4higen soll. \u00a0Um das Ziel von 95% zu erreichen, braucht es auf jeden Fall einen Ausbau der Attestausbildungen, die in einigen Berufen bereits eingef\u00fchrt wurden, und eine Ausweitung auf weitere Sparten.\u00a0Strahm: Sehr oft verf\u00fcgen schulisch Schw\u00e4chere \u00fcber technische und manuelle F\u00e4higkeiten, die mit dem Selektionssystem der vollschulischen Ausbildung durch alle Maschen fallen. Ich habe in meinem Leben Leute kennen gelernt, die eine hohe Pr\u00e4zision und ein gutes Gesp\u00fcr f\u00fcr praktische Fragen aufwiesen, die aber keinen korrekten Satz auf die Linie bringen konnten. Das Berufsbildungssystem hilft dabei. Auch die Attestausbildung macht hier Sinn. Es braucht aber das Case Management mit dem individuellen Coaching. Dies tr\u00e4gt wesentlich dazu bei, dass schulisch schw\u00e4chere Jugendliche auch in den richtigen Beruf gef\u00fchrt werden. Noch eine Bemerkung: Berufsbildung lohnt sich! Jugendliche mit einer Berufslehre verdienen gut 1000 Franken und mit einer Attestlehre etwa 500 Franken mehr im Monat als ungelernte Personen. Und das Risiko, im Leben arbeitslos zu werden, ist dreimal kleiner als bei Ungelernten.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Jugendliche, die nach der obligatorischen Schulzeit keinen Ausbildungsplatz finden, haben verschiedene M\u00f6glichkeiten, die Zeit bis zum Antritt einer beruflichen Ausbildung zu \u00fcberbr\u00fccken. Welche \u00dcbergangsangebote haben sich aus Ihrer Sicht bew\u00e4hrt und welche nicht?\u00a0Strahm: Gerade bei ausl\u00e4ndischen Jugendlichen sind die Berufserwartungen oft ziemlich unrealistisch. Vielfach kommen die Eltern dieser Jugendlichen mit Migrationshintergrund aus L\u00e4ndern, in denen es keine Berufsbildung gibt. Um W\u00fcnsche und Wirklichkeit von Eltern und Jugendlichen besser in \u00dcbereinstimmung zu bringen, eignet sich &#8211; laut Befragung der Berufsberater in Ausbildung, die ich unterrichte &#8211; das Case Management mit individuellem Coaching am besten. Das schliesst aber nicht aus, dass auch ein Berufspraktikum, ein Motivationssemester oder ein 10. Schuljahr sinnvoll ist.\u00a0Wolter: Zur Wirkung der einzelnen \u00dcbergangsl\u00f6sungen gibt es zurzeit noch kaum wissenschaftlich erh\u00e4rtete Resultate. Die bestehenden Untersuchungen verm\u00f6gen bisher qualitativ nicht zu \u00fcberzeugen, da Eigeninteressen der Personen, die evaluieren, mitspielen. Dem Case Management kommt schon deshalb eine grosse Bedeutung zu, weil die Parallelit\u00e4t der Angebote und involvierten Stellen &#8211; Arbeitsamt, Schulamt, BBT, die IV-Stelle und neu auch die Sozialhilfestelle &#8211; dazu f\u00fchrt, dass die Jugendlichen quasi von einer Stelle zur anderen weitergegeben werden, ohne dass ihnen wirklich geholfen wird. \u00a0Ich bin mit Herrn Strahm einverstanden, dass das Coaching das absolut wichtigste Instrument ist. Leider wird es aber meist zu sp\u00e4t eingesetzt. Mit dem Coaching sollte bereits in der 7. Klasse begonnen werden.\u00a0Strahm: Dem stimme ich zu. Ein weiterer Mangel ist, dass es vielfach an der interinstitutionellen Zusammenarbeit mangelt. Ich m\u00f6chte aber auch ein positives Beispiel erw\u00e4hnen, den Kanton Solothurn, wo die verschiedenen Stellen r\u00e4umlich zusammengelegt wurden und die Zusammenarbeit gut klappt. Beim Bund ist interinstitutionelle Zusammenarbeit hingegen erst ein sch\u00f6nes Wort, dem Taten folgen m\u00fcssen.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Eine Studie hat gezeigt, dass fast ein Viertel der Abg\u00e4nger einer dreij\u00e4hrigen Lehre ein Jahr nach dem Abschluss inad\u00e4quat besch\u00e4ftigt sind. Wo sehen Sie Verbesserungsbedarf?\u00a0Wolter: In dieser Studie ist die Definition von \u00abinad\u00e4quat\u00bb entweder \u00abnicht besch\u00e4ftigt\u00bb oder \u00abnicht im angestammten Beruf besch\u00e4ftigt\u00bb. Das ist in diesem Zusammenhang wichtig. Es gibt immer noch Berufe, in denen ein nicht Ausgebildeter mehr verdient als in einem anderen Beruf ein Ausgebildeter. Ein typisches Beispiel sind die ausgebildete Floristin und die Schneiderin, die mehr verdienen, wenn sie als unqualifizierte Verk\u00e4uferinnen arbeiteten. Bei M\u00e4nnern ist es zum Teil noch extremer; in gewissen Branchen, wie dem Bau, werden f\u00fcr unqualifizierte T\u00e4tigkeiten relativ gute L\u00f6hne bezahlt. Dadurch sind verschiedene Lehren nicht mehr konkurrenzf\u00e4hig. \u00a0Viele Jugendliche lassen sich leider relativ kurzfristig leiten und w\u00e4hlen eine Stelle, bei der sie im Moment 200 Franken mehr verdienen. Sie sehen nicht, welche Konsequenzen das f\u00fcr ihr weiteres Leben haben kann. W\u00e4ren sie auf dem angestammten Beruf geblieben und h\u00e4tten Weiterbildung betrieben, h\u00e4tten sie Aussichten auf eine ganz andere Erwerbskarriere.\u00a0Auch Jugendliche orientieren sich an Bildungsertr\u00e4gen. Mit anderen Worten: Wenn die Bildung nicht honoriert wird, muss sich die Wirtschaft nicht wundern, wenn bei gewissen Fachkr\u00e4ften Mangel herrscht. \u00a0Strahm: Herr Wolter hat jetzt sehr stark die Nachfrageseite betont. Ich m\u00f6chte auf das Lehrstellenangebot eingehen. Bei aller Verteidigung der dualen Berufsbildung m\u00f6chte ich auf eine Schwachstelle des Systems hinweisen: Die Verteilung der Lehrstellen nach Branchen ist heute etwa gleich wie vor 20 Jahren. Sie hinkt dem Strukturwandel hinten nach. Die Folge: Der Sekund\u00e4rsektor bildet mehr aus, als er selber absorbieren kann (ich sage bewusst nicht \u00abzu viel\u00bb). Und der Terti\u00e4rsektor bildet in vielen Bereichen weniger aus, als er braucht. Mehr Ausbildung braucht es konkret in Berufen wie Informatik, Telematik, Pflege auf der Sekund\u00e4rstufe, aber auch in den neuen Freizeitberufen wie Fitness, Wellness usw. Hier dr\u00e4ngen sich branchenspezifische F\u00f6rdermassnahmen f\u00fcr Lehrstellen auf.\u00a0Wolter: Das Argument der \u00abfalschen\u00bb Ausbildung wiegt dann schwer, wenn die Berufsmobilit\u00e4t bei der dualen Berufsbildung wirklich gering ist, das ist aber nicht belegt. \u00a0Alles, was wir wissen, ist, dass die Mobilit\u00e4t von Personen aus der Berufsbildung in der Schweiz &#8211; und zwar sowohl gegen unten wie auch gegen oben &#8211; genau gleich gross ist wie die Mobilit\u00e4t von vollschulisch ausgebildeten Personen oder die Arbeitsmarktmobilit\u00e4t in anderen L\u00e4ndern. Scheinbar ist unser Berufsbildungssystem &#8211; bis auf den Gegenbeweis &#8211; in der Lage, den Leuten die berufliche Mobilit\u00e4t, die sie im Erwerbsleben brauchen, zu erm\u00f6glichen.\u00a0Strahm: Das w\u00fcrde jeder, der aus der Praxis kommt, intuitiv best\u00e4tigen. Wenn jemand als Mechaniker pr\u00e4zis arbeitet, wird er auch als Spezialist in der Medizinaltechnik pr\u00e4zis arbeiten. Der Formalismus der schulischen Wissenstests ist eben nicht automatisch f\u00fcr die Arbeitsqualit\u00e4t f\u00f6rderlich.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: In der bildungspolitischen Diskussion &#8211; gerade im Kontext mit der Hochschullandschaft &#8211; geistert das Schlagwort der \u00abAkademisierung der Bildung\u00bb herum? Was halten Sie davon?\u00a0Strahm: Es gibt nichts arbeitsmarktferneres als die Universit\u00e4t. Ich erlaube mir dieses Urteil, weil ich mit einem Bein auch in der Universit\u00e4t stehe. Ausbildung von Berufsberatern an der FABB (Universit\u00e4ten Bern, Freiburg, Z\u00fcrich) und Weiterbildung von Berufsfachschullehrpersonen am Eidg. Hochschulinstitut f\u00fcr Berufsbildung (EHB). Diese Schw\u00e4che ist mit dem Bologna-Formalismus zus\u00e4tzlich verst\u00e4rkt worden. Bereits die Professorenselektion mit dem Publikationszwang ist arbeitsmarktfremd geworden. Und mit Ausnahmen der ETH und St.Gallen entsch\u00e4digt heute der Arbeitsmarkt die Absolventen der Fachhochschulen besser als jene der Universit\u00e4ten. \u00a0Ich bef\u00fcrchte nun, dass mit dem Gesetzesprojekt \u00abHochschullandschaft Schweiz\u00bb die Fachhochschulen, die nach dem Gesetzgeber als \u00abgleichwertig, aber andersartig\u00bb gelten, auf das arbeitsmarktferne Universit\u00e4tsniveau eingeebnet werden. Deshalb pl\u00e4diere ich entschieden daf\u00fcr, dass die Andersartigkeit der FH &#8211; mit ihrem nicht akademischen Vorlauf &#8211; nicht preisgegeben wird. Der Zugang zur FH sollte nur \u00fcber eine Lehre oder mindestens ein einj\u00e4hriges strukturiertes Praktikum im Beruf gestattet werden. Andernfalls werden wir eine Abwertung der schweizerischen FH erleben.\u00a0Wolter: Wenn unter \u00abAkademisierung der Bildung\u00bb die Erh\u00f6hung des Anteils der Bev\u00f6lkerung mit terti\u00e4rer Bildung verstanden wird und dies den Bed\u00fcrfnissen des Arbeitsmarktes entspricht, dann sehe ich kein Problem. Wenn aber sozialer Status oder Vorteile der Interessenvertreter in den Bildungsinstitutionen die Motive sind, die dahinterstecken, dann ist sie zu bek\u00e4mpfen.\u00a0Dahinter verbirgt sich h\u00e4ufig auch die Klage, dass in der Berufsschule das Gewicht zunehmend auf allgemeinbildende Elemente oder Fremdsprachen gelegt wird &#8211; und zwar zulasten der Berufskunde. Da aber die kognitiven F\u00e4higkeiten in der Arbeitswelt immer wichtiger werden, kann diese Tendenz nicht einfach mit dem Schlagwort der \u00abAkademisierung\u00bb gebrandmarkt und bek\u00e4mpft werden.\u00a0Auch die Bologna-Reform und die Neupositionierung von Fachhochschulen wird mit \u00abAkademisierung\u00bb in Verbindung gebracht. Und da frage ich mich, weshalb die FH jetzt alle Mini-Universit\u00e4ten werden wollen. Das FH-Erfolgsmodell wird &#8211; wie von Herrn Strahm erw\u00e4hnt &#8211; vom Arbeitsmarkt in Form h\u00f6herer L\u00f6hne honoriert. Deshalb verstehe ich nicht, weshalb das bew\u00e4hrte FH-Modell geopfert werden soll, nur um das Prestige der akademischen Ausbildung zu erringen. Wenn sich die FH auf einen akademischen Wettstreit mit den Universit\u00e4ten einlassen, k\u00f6nnen sie nicht gewinnen. Der Status wird dadurch nicht besser, und die FH-Absolventen profitieren in keiner Weise. Diese Art der Akademisierung lehne ich entschieden ab.\u00a0Strahm: Wenn die FH ihre Andersartigkeit durch die Vorgabe der Berufsbildung als Zulassungskriterium nicht besonders valorisieren, dann gehen sie unter. Die Universit\u00e4ten betrachteten n\u00e4mlich die FH als ihr \u00dcberlaufgef\u00e4ss, und das ist eine Abwertung. Wenn ich jetzt sehe, dass in der Hochschullandschaft Schweiz das soeben erst revidierte Fachhochschulgesetz (FHG) faktisch aufgehoben und ins Hochschulf\u00f6rderungs- und -koordinationsgesetz eingebaut wird, halte ich das f\u00fcr einen R\u00fcckschritt, weil diese Eingliederung Unterordnung unter das Universit\u00e4tssystem bedeutet. Das FHG ist ein Erfolgsmodell, weil der Bund gewisse F\u00fchrungskompetenzen hat. So hat er sieben FH-Regionen definiert, was mit dem F\u00f6deralismus nie m\u00f6glich gewesen w\u00e4re. In der neuen Hochschullandschaft Schweiz ist ein Hochschulrat vorgesehen, in dem ein Bundesvertreter 14 Vertretern der Kantone gegen\u00fcbersitzt. Das ist geradezu die Restauration. Wenigstens hat die ETH auf ihrem eigenen Gesetz bestanden. Ich m\u00f6chte einen Appell an das Parlament richten: Hebt um Gottes willen das FHG nicht auf! \u00a0Wolter: Das Gleiche gilt eigentlich auch f\u00fcr die Universit\u00e4ten, obschon es dort weniger wahrgenommen wird. Ebenso falsch ist die Meinung, der Bachelor sei eine Arbeitsmarktschiene, und nur mit dem Master werde Wissenschaft betrieben. Die Universit\u00e4t soll weiterhin ihren akademischen Auftrag wahrnehmen und nicht zu einem Teil FH spielen. Die Vermischung von Universit\u00e4ten und FH wird beide Erfolgsmodelle zunichte machen.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Die Fragen, die wir hier diskutieren, sind, Herr Wolter, auch Thema der Wissenschaft. Wie steht die Schweiz hier im internationalen Vergleich? \u00a0Wolter: Generell muss man bemerken, dass wir nicht nur in der Schweiz, sondern in allen L\u00e4ndern erst am Anfang der Erforschung der Berufsbildung stehen. Das Bundesamt f\u00fcr Bildung und Technologie (BBT) hat aber schon unter dem ersten Direktor Sieber richtig erkannt, dass ein Forschungsunterbau notwendig ist, um das Berufsbildungssystem zu steuern und sich auch international vergleichen zu k\u00f6nnen. Das BBT hat dann unter der aktuellen Direktorin, Frau Renold, das Forschungskonzept der \u00abLeading Houses\u00bb aufgebaut und kann jetzt erste Erfolge vermelden. Die Schweizer Forschung wird nun auch im Ausland zunehmend wahrgenommen. Es hilft, das Schweizer System der Berufsbildung bekannt zu machen. Die OECD hat beispielsweise entschieden, \u00abVocational Education and Training\u00bb nach fast zwanzig Jahren wieder in ihr Arbeitsprogramm aufzunehmen und der Berufsbildung gleiche Aufmerksamkeit zukommen zu lassen wie der allgemeinen Bildung. Es gibt also eine Renaissance punkto Interesse am Berufsbildungssystem. Von diesem profitiert einerseits die Wissenschaft, so wie andererseits das Berufsbildungssystem davon profitieren sollte, dass die Wissenschaft sich wieder f\u00fcr die Berufsbildung interessiert &#8211; folglich eine \u00abWin-Win\u00bb-Situation. \u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Nach der Zeit als Preis\u00fcberwacher wenden Sie sich nun, Herr Strahm, mit grossem Engagement der Berufsbildung zu. Was erhoffen Sie sich von diesem Engagement?\u00a0Strahm: Ich bin froh, dass Herr Wolter jetzt einen wissenschaftlichen Flankenschutz, so m\u00f6chte ich es nennen, f\u00fcr die Berufsbildung aufbaut. Dieser Schutz ist notwendig, wenn wir die Eliten im In- und Ausland vom Berufsbildungssystem \u00fcberzeugen wollen. Aufgrund meiner \u00fcber 30-j\u00e4hrigen Erfahrung in der Wirtschaftspolitik geht es mir darum, aus volkswirtschaftlicher Sicht zu zeigen, wie zentral die Berufsbildung f\u00fcr den Wohlstand unseres Landes ist. Ich betrachte es als eine lohnende Aufgabe, diese Aspekte, die jahrelang in der Bildungsdebatte zu kurz gekommen sind, der Politik und der akademischen Welt wieder vermehrt ins Bewusstsein zu rufen.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Meine Herren, ich danke Ihnen f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nInterview und Redaktion:Geli Spescha, Chefredaktor \u00abDie Volkswirtschaft\u00bb\u00a0\u00a0Abschrift:Simon D\u00e4llenbach, Redaktor \u00abDie Volkswirtschaft\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Finanzielle Anreize f\u00fcr Lehrstellen? Die Volkswirtschaft: In den letzten Jahren wurde immer wieder beklagt, dass Unternehmen zu wenig Lehrstellen anbieten. In diesem Kontext werden Forderungen laut, die Betriebe mit finanziellen Anreizen dazu zu bewegen, Lehrstellen anzubieten. Ist das sinnvoll? Wolter: Dazu haben wir Simulationen durchgef\u00fchrt und festgestellt, dass das der falsche Weg ist: Mit finanziellen Anreizen landet zu viel Geld bei den falschen Firmen. Bei denjenigen Firmen, die nur des Geldes wegen in die Lehrlingsausbildung einsteigen, w\u00e4re auch nicht gew\u00e4hrleistet, dass die Qualit\u00e4t der Lehre gut genug ist. Warum? Wenn ein Betrieb finanzielle Beihilfen bekommt, besteht kein Anreiz, die Auszubildenden produktiv einzusetzen. Strahm: Das erste Lehrjahr ist das teuerste; deshalb ist die Unterst\u00fctzung des Basislehrjahres sinnvoll. Von Seiten der Ausbildenden erweist sich das erste Lehrjahr als das schwierigste. Wenn das Basislehrjahr mit Vermittlung von Grundkenntnissen z.B. in Informatik oder Englisch verbracht werden k\u00f6nnte, h\u00e4tten wir viel gewonnen. Vermutlich m\u00fcssen wir uns darauf einstellen, dass in gewissen Berufen des terti\u00e4ren Sektors finanzielle Anreize einfach n\u00f6tig sind. Wolter: Wir haben das Basislehrjahr und seine Wirkungen untersucht. Die Resultate sind, wenn wir innerhalb der gleichen Berufsausbildungen vergleichen, ern\u00fcchternd: Betriebe mit einem Basislehrjahr unterscheiden sich in nichts von jenen ohne Basislehrjahr. Kosten und Nutzen sind die gleichen. Die Betriebe ohne Basislehrjahr haben auch nicht das Gef\u00fchl, damit schlechter zu fahren. Meine Schlussfolgerung: Betriebe m\u00fcssen die Wahl haben, ob sie ihre Lehrlinge in ein Basislehrjahr schicken wollen oder nicht. Eine staatliche Vorgabe oder F\u00f6rderung des einen oder anderen Systems halte ich f\u00fcr falsch. Strahm: Selbstverst\u00e4ndlich n\u00fctzen solche Anreize. Nur braucht es ein pragmatisches Wahlmodell mit verschiedenen F\u00f6rdermassnahmen, gerade weil die Unterschiede zwischen den Betrieben sehr gross sind. Betriebe, die stark auf Spezialisten setzen, sind weniger in der Lage, auszubilden. Andere Betriebe hingegen k\u00f6nnen durchaus Lehrstellen anbieten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 2: Literatur &#8211; Rudolf H. Strahm: Warum wir so reich sind. hep-Bildungsverlag, Bern 2008.- Samuel M\u00fchlemann, Stefan C. Wolter, Marc Fuhrer, Adrian W\u00fcest: Lehrlingsausbildung &#8211; \u00f6konomisch betrachtet. R\u00fcegger Verlag, Z\u00fcrich\/Chur, 2007.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#13; &#13; Die Volkswirtschaft: Sie haben, Herr Strahm, in diesem Jahr ein Buch publiziert, das den Titel tr\u00e4gt: \u00abWarum wir so reich sind\u00bb. Quintessenz: Das duale Berufsbildungssystem ist der Schl\u00fcsselfaktor. 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Wolter, ist gepr\u00e4gt vom Engagement f\u00fcr die Sache der Berufsbildung und vom Einsatz f\u00fcr ein \u00abgleichwertiges, aber andersartiges System\u00bb der Fachhochschulen und der Universit\u00e4ten.","post_hero_image_description":"","post_hero_image_description_copyright_de":"","post_hero_image_description_copyright_fr":"","post_references_literature":"","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":122999,"main_focus":null,"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"8919","post_abstract":"","magazine_issue":null,"seco_author_reccomended_post":null,"redaktoren":null,"korrektor":null,"planned_publication_date":null,"original_files":null,"external_release_for_author":"19700101","external_release_for_author_time":"00:00:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/55b1e85bf0552"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/122996"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3394"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=122996"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/122996\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":183187,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/122996\/revisions\/183187"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3394"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=122996"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=122996"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=122996"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=122996"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=122996"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=122996"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}