{"id":123031,"date":"2008-09-01T12:00:00","date_gmt":"2008-09-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2008\/09\/harder-4\/"},"modified":"2023-08-23T23:40:27","modified_gmt":"2023-08-23T21:40:27","slug":"harder-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2008\/09\/harder-3\/","title":{"rendered":"Knappe Agrarrohstoffe: Kurzfristiges Ph\u00e4nomen oder langfristige Herausforderung?"},"content":{"rendered":"<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/200809_05_Harder_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"316\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn den letzten 30 Jahren sind Agrarrohstoffe real laufend billiger geworden. Zwar gab es vereinzelt auch Preisausschl\u00e4ge nach oben. Diese waren jedoch im Vergleich zu heute weniger ausgepr\u00e4gt und nur von kurzer Dauer.&#13;<\/p>\n<h2>Bis Mai 2008: Starker Preisanstieg auf breiter Front<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Preishausse bis Mai 2008 ist dadurch gekennzeichnet, dass die Preise wichtiger Grundnahrungsmittel in einem kurzen Zeitraum sehr stark und parallel zueinander angestiegen sind (siehe Grafik 1). Die Hausse auf den Weltm\u00e4rkten begann Ende 2006 bei den Milchprodukten. Deren Preise lagen 2007 (Jahresdurchschnitt) bei Butter um 67%, bei Magermilchpulver um 93%, bei Vollmilchpulver um 91% und bei Cheddar-K\u00e4se um 51% \u00fcber jenen von 2006 (Jahresdurchschnitt). Mit Ausnahme von Magermilchpulver (-18%) sind die entsprechenden Preise bis im April 2008 weiter angestiegen (Butter +33%, Vollmilchpulver +9%, Cheddar-K\u00e4se +25% gegen\u00fcber dem Jahresdurchschnitt von 2007). Beim Weizen begann die kr\u00e4ftige Hausse Mitte 2007. Amerikanischer Weizen kostete im April 2008 zwischen 76% und 85% mehr als im Vorjahresmonat. In der Zwischenzeit sind die Preise f\u00fcr Weizen wieder etwas gesunken; sie bleiben allerdings auf dem hohen Niveau von Ende 2007. Der Preisanstieg beim Mais setzte Ende 2007 ein und ist etwas weniger ausgepr\u00e4gt als beim Weizen. Der Preis von amerikanischem Mais lag im April 2008 um 65% h\u00f6her als im Vorjahresmonat. Im Unterschied zum Weizen sind die Maispreise danach weiter gestiegen und lagen im Juni 2008 auf Rekordh\u00f6he. Am sp\u00e4testen begann der Preisanstieg beim Reis, wobei der massivste Anstieg in der ersten Jahresh\u00e4lfte 2008 zu verzeichnen war. Im Mai 2008 hatte sich der Preis von thail\u00e4ndischem Reis gegen\u00fcber dem Vorjahresmonat knapp verdreifacht (+296%).&#13;<\/p>\n<h2>Auswirkungen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nH\u00f6here Preise f\u00fcr Agrarrohstoffe verteuern die Lebensmittel f\u00fcr die Konsumentinnen und Konsumenten. In den entwickelten L\u00e4ndern schl\u00e4gt die Erh\u00f6hung nicht eins zu eins auf die Konsumentenpreise durch, da der Anteil der Rohstoffe am Endprodukt im Laden im Durchschnitt nur ungef\u00e4hr 20% betr\u00e4gt. In der EU haben die zum Teil markant h\u00f6heren Rohstoffpreise im Zeitraum April 2007 bis April 2008 im Durchschnitt zu einer Zunahme der Konsumentenpreise um 6,9% gef\u00fchrt. In der Schweiz waren es demgegen\u00fcber nur 2,2%. Diese Differenz hat mit den unterschiedlichen Schutzniveaus f\u00fcr die Landwirtschaft in der EU und in der Schweiz zu tun. In der EU sind die Preise f\u00fcr Agrarrohstoffe fast ebenso stark gestiegen wie diejenigen auf dem Weltmarkt. In der Schweiz erm\u00f6glichen Massnahmen an der Grenze eine weitgehende Abkoppelung vom Weltmarkt und damit Preise f\u00fcr die Agrarrohstoffe, die wesentlich \u00fcber dem Weltmarktpreisniveau liegen. Grunds\u00e4tzlich hatte dies bisher zur Folge, dass sich die Erh\u00f6hung der Weltmarktpreise kaum auf die Schweizer Produzentenpreise auswirkte. \u00a0In den Entwicklungsl\u00e4ndern sind die Auswirkungen der Preissteigerungen bei den Agrarrohstoffen bedeutend gravierender als in den Industriel\u00e4ndern. Das betrifft insbesondere jene L\u00e4nder, die Nettoimporteure von Nahrungsmitteln sind. Vgl. dazu den Artikel von O. Burki und M. Mordasini auf S. 28ff in dieser Ausgabe.&#13;<\/p>\n<h2>Nachfrage nach Agrarrohstoffen: Beschleunigte Zunahme<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn den letzten 50 Jahren hat sich die Erdbev\u00f6lkerung mehr als verdoppelt. Zus\u00e4tzlich hat die Kaufkraft allein seit 1995 um 50% zugenommen. Damit einher ging eine kontinuierliche Steigerung der Nachfrage nach Agrarrohstoffen. In den letzten Jahren hat sich das Nachfragewachstum beschleunigt, weil vor allem bev\u00f6lkerungsreiche Staaten im s\u00fcdostasiatischen Raum wirtschaftlich stark zugelegt haben. So kann sich heute eine wachsende Zahl von Menschen besser ern\u00e4hren und insbesondere mehr Fleisch und Milchprodukte konsumieren. Dies wiederum hat zur Folge, dass mehr Futtermittel ben\u00f6tigt werden, da f\u00fcr eine tierische Kalorie zwei bis acht pflanzliche Kalorien eingesetzt werden m\u00fcssen. Heute werden rund 36% des gesamten Getreides den Tieren verf\u00fcttert. \u00a0Als zus\u00e4tzlicher Faktor ist in den letzten Jahren die Nachfrage nach Biomasse zur Energiegewinnung hinzugekommen. Im Jahr 2007 wurden auf ca. 20 Mio. Hektaren Pflanzen angebaut, die zu Ethanol oder Biodiesel verarbeitet wurden. Damit stehen die entsprechenden pflanzlichen Produkte (Weizen, Zucker, Speise\u00f6l oder Mais) f\u00fcr die direkte menschliche oder tierische Ern\u00e4hrung nicht mehr zur Verf\u00fcgung. Weil die Abfallprodukte (z.B. Rapskuchen oder die Schlempe aus der Maisdestillation) in der Tierf\u00fctterung eingesetzt werden, bleibt ein Teil der Kalorien aus dem Anbau von Pflanzen f\u00fcr die Produktion von Biotreibstoffen aber indirekt f\u00fcr die menschliche Ern\u00e4hrung erhalten.&#13;<\/p>\n<h2>Angebot blieb hinter Nachfrage zur\u00fcck<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Entwicklung von Angebot und Nachfrage beim Getreide in den letzten acht Jahren zeigt, dass die Produktion nur gerade 2004 \u00fcber der Nachfrage lag (siehe Grafik 2). Die Lagerbest\u00e4nde gingen in diesem Zeitraum fast auf die H\u00e4lfte zur\u00fcck und betrugen im Fr\u00fchjahr 2007 nur noch 15% des j\u00e4hrlichen Verbrauchs. Reserven in dieser H\u00f6he werden international als untere Schwelle erachtet, um eine problemlose Versorgung sicherstellen zu k\u00f6nnen. Entsprechend nerv\u00f6s reagieren die M\u00e4rkte, wenn in Hauptanbaugebieten Produktionsausf\u00e4lle zu verzeichnen sind. Dies war in der Ernteperiode 2007\/08 d\u00fcrrebedingt in Australien f\u00fcr Weizen der Fall. Da Australien bei Weizen einen Weltmarktanteil von rund 15% aufweist, reagierte der Preis sehr stark und verdoppelte sich innerhalb kurzer Zeit. Wieder einmal zeigte sich, wie unelastisch Angebot und Nachfrage im Agrarbereich sind. \u00a0Auch die Zunahme der Milchpreise ist auf ein Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage zur\u00fcckzuf\u00fchren. Seit 2004 wurde weniger produziert als nachgefragt. Bis ins Fr\u00fchjahr 2007 konnten die Lager bei Milchpulver und Butter diese Unterversorgung ausgleichen. Danach schlug das Ungleichgewicht voll auf den Preis durch.&#13;<\/p>\n<h2>Nachfrage nach Agrarrohstoffen wird weiter wachsen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nGem\u00e4ss Sch\u00e4tzungen der FAO soll die Nachfrage nach Agrarrohstoffen bis 2030 um 50% und bis 2050 um bis zu 100% zunehmen. Ein wesentlicher Faktor dieser Nachfragesteigerung ist weiterhin das Wachstum der Erdbev\u00f6lkerung von heute rund 6,6 Mrd. Menschen auf ungef\u00e4hr 9,1 Mrd. Menschen im Jahr 2050. Pro Jahr m\u00fcssen heute rund 75 Mio. Menschen mehr ern\u00e4hrt werden. Zus\u00e4tzlich ist damit zu rechnen, dass sich die Kaufkraft in bev\u00f6lkerungsreichen Schwellenl\u00e4ndern ebenfalls weiter erh\u00f6ht und damit die Nachfrage nach tierischen Produkten \u00fcberproportional zunimmt. \u00a0Die Nachfrage nach Agrarrohstoffen f\u00fcr die Energieproduktion und f\u00fcr industrielle Zwecke d\u00fcrfte ebenfalls weiter zunehmen. Beim Erd\u00f6l zeichnet sich ab, dass der H\u00f6hepunkt der F\u00f6rderung mehr oder weniger erreicht ist. Damit verknappt sich die Leitenergie der weltwirtschaftlichen Entwicklung. So ist der G\u00fcter- und Individualverkehr zu einem hohen Prozentsatz von Diesel und Benzin abh\u00e4ngig, und ein rascher und vollst\u00e4ndiger Ersatz der erd\u00f6labh\u00e4ngigen Transportinfrastruktur ist kurz- und mittelfristig nicht in Sicht. Treibstoffe aus agrarischen Rohstoffen sind eine rasch verf\u00fcgbare Alternative, ohne dass die ganze Infrastruktur umgebaut werden muss, wie dies z.B. bei einer auf Wasserstoff basierten Mobilit\u00e4t der Fall sein w\u00fcrde. Wie sich die Nachfrage effektiv entwickeln wird, ist schwierig vorauszusagen. Auf der einen Seite regt sich politischer Widerstand gegen einen un\u00fcberlegten Ausbau der Treibstoffproduktion aus Agrarrohstoffen. Auf der anderen Seite wirken die heutigen politischen Rahmenbedingungen der USA und der EU mit der aktiven F\u00f6rderung der Produktion von Ethanol und Biodiesel auf einen Ausbau hin. Auch die Marktkr\u00e4fte ziehen in diese Richtung. Erd\u00f6l d\u00fcrfte weiterhin knapp und somit teuer sein. Die Agrotreibstoffe bieten in diesem Umfeld eine attraktive Alternative.&#13;<\/p>\n<h2>Nat\u00fcrliche Ressourcen sind nur begrenzt verf\u00fcgbar<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nMit den hohen Preisen f\u00fcr Agrarrohstoffe stellt sich die Frage, ob auf Grund dieses Anreizes nicht einfach mehr produziert werden kann. Dabei gilt es zu beachten, dass das organische Pflanzenmaterial die Basis aller Nahrungsmittel ist und deren Produktion Boden (landwirtschaftliche Nutzfl\u00e4che), Wasser, N\u00e4hrstoffe und Licht ben\u00f6tigt. Im Jahreszyklus wandeln die Pflanzen mittels der Photosynthese die Ausgangsstoffe zu organischem Material (resp. den f\u00fcr menschliche Zwecke brauchbaren Rohstoffen, z.B. Getreidek\u00f6rner) um. \u00a0Ein wesentliches Merkmal der Agrarproduktion ist die Gebundenheit an die jahreszeitlichen Rhythmen. Ist die Ernte schlecht, kann nicht sofort, sondern erst mit der Aussaat der n\u00e4chsten Ernte darauf reagiert werden. Ein anderes entscheidendes Element ist die Gebundenheit an die nat\u00fcrlichen und nur begrenzt verf\u00fcgbaren Ressourcen Boden und Wasser. \u00a0Begrenzt sind auch die M\u00f6glichkeiten, Ackerbau zu betreiben. Gem\u00e4ss einer IIASA\/FAO-Studie aus dem Jahr 2001 eignen sich h\u00f6chstens rund 3,3 Mrd. Hektaren f\u00fcr den Ackerbau. Davon sind fast 800 Mio. Hektaren bewaldet, und 600 Mio. Hektaren sind nur bedingt f\u00fcr den Ackerbau nutzbar. F\u00fcr die Ausdehnung der Produktion von Agrarrohstoffen stehen also nur noch beschr\u00e4nkt Fl\u00e4chen zur Verf\u00fcgung. Die Konkurrenz um Fl\u00e4chen kann heute an verschiedenen Fronten bereits beobachtet werden. So wurde in den USA 2007 die Maisfl\u00e4che (+6 Mio. ha) zu Lasten der Sojafl\u00e4che (-5 Mio. ha) erh\u00f6ht. 2008 wurden dagegen die Weizenfl\u00e4che (+2 Mio. ha) und die Sojafl\u00e4che (+4 Mio. ha) ausgedehnt, daf\u00fcr die Maisfl\u00e4che (-3 Mio. ha) wieder reduziert. Diese Anbauentscheidungen wurden auf Grund der relativen Preisverh\u00e4ltnisse getroffen. 2006 war der Maispreis im Verh\u00e4ltnis zu Soja und Weizen sehr gut, 2007 war es umgekehrt. Daran zeigt sich, dass in den USA &#8211; mit Ausnahme von Wald und gesch\u00fctzten Gebieten &#8211; nur sehr begrenzt Fl\u00e4chenreserven f\u00fcr die Produktion von Agrarrohstoffen vorhanden sind. Die hohen Preise haben auch sofort auf die Bodenrente durchgeschlagen. So verzeichneten in den besten Gebieten der USA und Europas die Pachtpreise und die Preise f\u00fcr landwirtschaftlichen Boden einen starken Anstieg. Und schliesslich bem\u00fchen sich L\u00e4nder wie Japan, S\u00fcdkorea, China oder Staaten aus dem Nahen und Mittleren Osten darum, in Drittl\u00e4ndern Landwirtschaftsland zu kaufen oder zu pachten.\u00a0Neben dem Land ist Wasser f\u00fcr die Produktion von Agrarrohstoffen unverzichtbar. So ben\u00f6tigt die Produktion von 1 Kilogramm Weizen rund 1000 Liter Wasser und jene von 1 Kilogramm Rindfleisch bis 20\u00a0000 Liter. Eine fleischreiche Ern\u00e4hrung braucht deutlich mehr Wasser als eine vegetarische. Heute gehen rund 70% des weltweit genutzten Wassers in die Produktion von Agrarrohstoffen. Besonders kritisch ist Wasser in Gebieten mit wenig Niederschlag. Nach Sch\u00e4tzungen der UNO d\u00fcrften bis im Jahr 2025 rund 1,8 Mrd. Menschen in Gebieten mit akutem Wassermangel leben. Eine nachhaltige Produktion ist vor allem dort gef\u00e4hrdet, wo mit Grundwasser intensiv bew\u00e4ssert und zu diesem Zweck mehr Wasser entnommen wird, als w\u00e4hrend des Jahres wieder nachfliesst. Dies gilt heute z.B. f\u00fcr den Norden Chinas, die Punjab-Region Indiens oder f\u00fcr Gebiete im Nahen und Mittleren Osten. So hat Saudi-Arabien angek\u00fcndigt, die Weizenproduktion bis 2016 aufzugeben, weil es die Grundwasservorkommen f\u00fcr andere Zwecke verwenden will.&#13;<\/p>\n<h2>Nachhaltige Steigerung der Fl\u00e4chenertr\u00e4ge notwendig<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn den letzten 50 Jahren sind die Ertr\u00e4ge sowohl beim Pflanzenbau als auch in der Tierproduktion stark angestiegen. Beim Pflanzenbau haben sich die Ertragszunahmen aber mit der Zeit abgeflacht. In Regionen, in denen bereits seit langer Zeit mit intensiver Bewirtschaftung hohe Ertr\u00e4ge erwirtschaftet werden, kann teilweise gar ein R\u00fcckgang beobachtet werden. Insgesamt hat die Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion dazu gef\u00fchrt, dass die durchschnittliche Kalorienzahl pro Bewohner trotz steigender Weltbev\u00f6lkerung angestiegen ist und prozentual weniger Menschen ungen\u00fcgend ern\u00e4hrt sind als noch vor 30 Jahren. Die Steigerung der Fl\u00e4chenertr\u00e4ge kann aber auch negative Auswirkungen auf die nat\u00fcrlichen Ressourcen haben. So sinkt in vielen Anbaugebieten die Bodenfruchtbarkeit als Folge einseitiger Fruchtfolgen. Gleichzeitig werden Wasser und Luft durch den Einsatz moderner Produktionsmittel belastet. Das Millennium Ecosystem Assessment (MEA) stellt fest, dass in den letzten drei Jahrzehnten bei fast allen nat\u00fcrlichen Ressourcen R\u00fcckschritte zu verzeichnen waren (siehe&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 2<\/b>&#13;<br \/>\nDas Millenium Ecosystem Assessment (MEA) wurde im Jahr 2000 vom damaligen UN-Generalsekret\u00e4r Kofi Annan lanciert und hatte zum Ziel, die Auswirkungen der \u00d6kosystemver\u00e4nderungen auf die Wohlfahrt der Menschheit zu analysieren sowie die wissenschaftlichen Grundlagen f\u00fcr die nachhaltige Nutzung der \u00d6kosysteme zu schaffen. Der Schlussbericht wurde im Jahr 2005 publiziert. Das MEA kam u.a. zu folgenden Schl\u00fcssen: &#8211; Die Struktur und die Funktionsweise der \u00d6kosysteme der Welt haben sich durch menschlichen Einfluss in den letzten 50 Jahren st\u00e4rker ver\u00e4ndert als je zuvor in der Menschheitsgeschichte: So wurde beispielsweise zwischen 1950 und 1980 mehr Land in Ackerland umgewandelt als zwischen 1700 und 1850. Seit 1950 sind 20% der Korallenriffe und 35% der Mangrovenw\u00e4lder verloren gegangen. Die atmosph\u00e4rische Konzentration von Kohlendioxid hat seit 1750 um 32% zugenommen. Die Biodiversit\u00e4t sinkt; 10%-30% aller Tierarten sind heute vom Aussterben bedroht.- Die Ver\u00e4nderungen der \u00d6kosysteme haben wesentlich zu Wohlfahrtssteigerung und Wirtschaftswachstum beigetragen. Der Preis daf\u00fcr ist, dass die Natur ihre Funktionen (\u00d6kosystemdienstleistungen) immer weniger wahrnehmen kann. Heute sind ca. 60% der im MEA evaluierten \u00d6kosystemdienstleistungen degradiert oder werden unnachhaltig genutzt. Dazu geh\u00f6ren die Meerfischbest\u00e4nde und das Frischwasser, die beide \u00fcbernutzt werden. Abgenommen haben auch die Wasserqualit\u00e4t und die nat\u00fcrliche F\u00e4higkeit der Natur, auf Pflanzenkrankheiten zu reagieren. Gewisse Dienstleistungen &#8211; z.B. die Nahrungsmittelproduktion &#8211; haben zugenommen, allerdings auf Kosten anderer Funktionen.). Damit verbunden ist eine verminderte F\u00e4higkeit der \u00d6kosysteme, grundlegende Funktionen der Regulation von stofflichen Kreisl\u00e4ufen zu gew\u00e4hrleisten.\u00a0F\u00fcr die Zukunft besteht folglich die Herausforderung darin, hohe Ertr\u00e4ge mit nachhaltigen Methoden zu erzielen. Zu diesem Zweck sind Investitionen in Forschung, Bildung und Beratung unabdingbar, ebenso Investitionen in Infrastrukturen in den bisher vernachl\u00e4ssigten l\u00e4ndlichen Gebieten.&#13;<\/p>\n<h2>Klimawandel und knappe Lagerbest\u00e4nde sorgen f\u00fcr volatile Agrarm\u00e4rkte<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Prozess der Photosynthese setzt den Ertragszuw\u00e4chsen der einzelnen Pflanzen Grenzen. Die Fl\u00e4chenertr\u00e4ge h\u00e4ngen zudem von den nat\u00fcrlichen Voraussetzungen &#8211; wie Bodenfruchtbarkeit, Wasserverf\u00fcgbarkeit, Temperatur, H\u00f6henlage, Saisondauer, Sonneneinstrahlung usw. &#8211; ab. Innerhalb einer Produktionsperiode ist ausserdem das Wetter entscheidend f\u00fcr Erfolg und Misserfolg. Dies unterscheidet die landwirtschaftliche von der industriellen Produktion. \u00a0In den letzten Jahren hat die Klimavariabilit\u00e4t zugenommen und d\u00fcrfte sich in Zukunft noch versch\u00e4rfen. F\u00fcr die Produktion von Agrarrohstoffen ist das eine schlechte Nachricht, denn sowohl zu trockene als auch zu nasse Verh\u00e4ltnisse k\u00f6nnen die Produktion erheblich beeintr\u00e4chtigen. In einer Situation mit tiefen Lagerbest\u00e4nden, wie sie heute besteht, schlagen sich schlechte Nachrichten bereits vor der Ernte in Preissteigerungen nieder. So haben 2008 die \u00dcberschwemmungen in Iowa, der Kornkammer der USA, sofort zu h\u00f6heren Preisen f\u00fcr Weizen, Mais und Soja gef\u00fchrt. Die H\u00f6he der Preisausschl\u00e4ge ist abh\u00e4ngig vom vermuteten Produktionsausfall. Die Ausschl\u00e4ge k\u00f6nnen sich entweder verst\u00e4rken oder wieder in sich zusammenfallen, je nachdem, ob sich die bef\u00fcrchteten Ernteausf\u00e4lle best\u00e4tigen oder nicht.\u00a0Im Agricultural Outlook der OECD\/FAO f\u00fcr das Jahr 2017 wird auf der Basis von Modellrechnungen davon ausgegangen, dass die Lagerbest\u00e4nde f\u00fcr Getreide auf dem aktuell tiefen Niveau bleiben. Damit hat die Grundkonstellation wie vor der Preishausse 2007 Bestand &#8211; sie wird quasi zum Normalfall. Da die Nachfrage relativ unelastisch ist, ist davon auszugehen, dass Preisspr\u00fcnge, wie sie in letzter Zeit zu beobachten waren, jederzeit wieder eintreten k\u00f6nnen. Damit d\u00fcrfte auch die Spekulation attraktiv bleiben und Preisentwicklungen versch\u00e4rfen. Auch politische Eingriffe &#8211; wie z.B. die Exportrestriktionen bei Reis im Fr\u00fchjahr 2008 &#8211; d\u00fcrften die Volatilit\u00e4ten an den Agrarm\u00e4rkten hoch halten. Insgesamt sind Spekulation und politische Eingriffe aber nicht Ausl\u00f6ser der Preishausse, sondern verst\u00e4rken Entwicklungen, die auf Grund der Besonderheiten der Agrarm\u00e4rkte (unelastische Nachfrage, nat\u00fcrliche Begrenztheit des Angebots, Wettereinfl\u00fcsse) entstehen.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie seit 2007 beobachteten Preissteigerungen bei verschiedenen Pflanzenbauprodukten und bei der Milch haben ihre Ursache in einem strukturellen Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage. Dies hat zu einem kontinuierlichen R\u00fcckgang der Lagerbest\u00e4nde auf ein kritisches Niveau gef\u00fchrt. Da die Nachfrage relativ unelastisch ist, k\u00f6nnen in einer derartigen Situation erntebedingte Ausf\u00e4lle grosse Preisspr\u00fcnge verursachen. Verst\u00e4rkt werden diese durch spekulative Anlagen oder durch politische Entscheide.\u00a0F\u00fcr die n\u00e4chsten 10 Jahre d\u00fcrfte diese Grundkonstellation bestehen bleiben. Preisspr\u00fcnge sind jederzeit m\u00f6glich. \u00c4hnlich wie beim Erd\u00f6l muss davon ausgegangen werden, dass die Zeit der g\u00fcnstigen Bereitstellung von Agrarrohstoffen vorbei ist. Die besten und kosteng\u00fcnstig zu bewirtschaftenden B\u00f6den werden heute bereits &#8211; zum Teil sogar zu intensiv &#8211; genutzt. Zus\u00e4tzlich verteuern die steigenden Energie- und Rohstoffpreise die Vorleistungen der Landwirtschaft laufend. Die Preise d\u00fcrften also trendm\u00e4ssig weiter steigen. Wie stark dieser Trend sein wird, ist schwierig vorauszusagen. Die FAO geht davon aus, dass die H\u00f6chstst\u00e4nde im Fr\u00fchjahr 2008 erreicht wurden. Gem\u00e4ss ihren Prognosen werden sich die Preise f\u00fcr die n\u00e4chsten 10 Jahre auf etwas tieferem Niveau stabilisieren. Dieser Prognose liegt allerdings ein \u00d6lpreis von rund 100 US-Dollar im Jahr 2017 zu Grunde und blendet zudem die durch Klimavariabilit\u00e4ten verursachten Ernteschwankungen aus. Sie k\u00f6nnte damit eher zu optimistisch sein.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1 \u00abPreisentwicklung bei verschiedenen Produktegruppen, 2000-2008\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2 \u00abEntwicklung von Angebot und Nachfrage bei Getreide (ohne Reis),1998\/99-2007\/08\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 1 FAO-Preisindex f\u00fcr Nahrungsmittel<\/b>&#13;<br \/>\n<strong>FAO-Preisindex f\u00fcr Nahrungsmittel: Neueste Entwicklungen<\/strong>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Preise haben ihren H\u00f6chststand verlassen. Der Grund f\u00fcr die Preissenkungen ist, dass die Ernteertr\u00e4ge besser ausfielen als ursp\u00fcnglich erwartet. Aber der allgemeine Preisindex bewegt sich anfangs August immer noch 44% \u00fcber den Stand vom Juni 2007. Gem\u00e4ss FOA werden die Preise zwar weiter sinken, aber dennoch \u00fcber mehrere Jahre auf h\u00f6herem Niveau bleiben.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Zu einzelnen Preisen:<\/strong>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWeizen: Seit M\u00e4rz 2008 hat sich der Preis um 30% gesenkt. Mais: Der Preis sank vom Juni 2008 bis heute um 25%. Seither waren die Preise sehr volatil. Reis: Gegen\u00fcber dem H\u00f6chststand von 835 US-Dollar im Juli f\u00fcr thail\u00e4ndischen Reis, betr\u00e4gt dieser anfangs August 715 US-Dollar.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 2: Millennium Ecosystem Assessment<\/b>&#13;<br \/>\nDas Millenium Ecosystem Assessment (MEA) wurde im Jahr 2000 vom damaligen UN-Generalsekret\u00e4r Kofi Annan lanciert und hatte zum Ziel, die Auswirkungen der \u00d6kosystemver\u00e4nderungen auf die Wohlfahrt der Menschheit zu analysieren sowie die wissenschaftlichen Grundlagen f\u00fcr die nachhaltige Nutzung der \u00d6kosysteme zu schaffen. Der Schlussbericht wurde im Jahr 2005 publiziert. Das MEA kam u.a. zu folgenden Schl\u00fcssen: &#8211; Die Struktur und die Funktionsweise der \u00d6kosysteme der Welt haben sich durch menschlichen Einfluss in den letzten 50 Jahren st\u00e4rker ver\u00e4ndert als je zuvor in der Menschheitsgeschichte: So wurde beispielsweise zwischen 1950 und 1980 mehr Land in Ackerland umgewandelt als zwischen 1700 und 1850. Seit 1950 sind 20% der Korallenriffe und 35% der Mangrovenw\u00e4lder verloren gegangen. Die atmosph\u00e4rische Konzentration von Kohlendioxid hat seit 1750 um 32% zugenommen. Die Biodiversit\u00e4t sinkt; 10%-30% aller Tierarten sind heute vom Aussterben bedroht.- Die Ver\u00e4nderungen der \u00d6kosysteme haben wesentlich zu Wohlfahrtssteigerung und Wirtschaftswachstum beigetragen. Der Preis daf\u00fcr ist, dass die Natur ihre Funktionen (\u00d6kosystemdienstleistungen) immer weniger wahrnehmen kann. Heute sind ca. 60% der im MEA evaluierten \u00d6kosystemdienstleistungen degradiert oder werden unnachhaltig genutzt. Dazu geh\u00f6ren die Meerfischbest\u00e4nde und das Frischwasser, die beide \u00fcbernutzt werden. Abgenommen haben auch die Wasserqualit\u00e4t und die nat\u00fcrliche F\u00e4higkeit der Natur, auf Pflanzenkrankheiten zu reagieren. Gewisse Dienstleistungen &#8211; z.B. die Nahrungsmittelproduktion &#8211; haben zugenommen, allerdings auf Kosten anderer Funktionen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 3: Gr\u00fcne Gentechnologie<\/b>&#13;<br \/>\nSeit 12 Jahren werden gentechnisch ver\u00e4nderte Nutzpflanzen angebaut. 2007 gediehen in 23 L\u00e4ndern vor allem gentechnisch ver\u00e4nderte Soja- und Maissorten (vorwiegend f\u00fcr Futtermittelzwecke) sowie Baumwollsorten auf einer Fl\u00e4che von 114 Mio. Hektaren, was ca. 9% der weltweiten Ackerfl\u00e4che entspricht. Bez\u00fcglich Nutzen und Gefahren von Gentechpflanzen (Produktivit\u00e4t, Einkommenswirkung, Insektizid-, Herbizid- und Energieeinsatz, Resistenzbildung, Saatgutpreise und -sortenvielfalt etc.) gehen die Einsch\u00e4tzungen nach wie vor weit auseinander. Hauptanbaul\u00e4nder sind die USA, gefolgt von Argentinien, Brasilien und Kanada. Im Zusammenhang mit der Rohstoffknappheit interessiert vor allem die Frage, ob die Gentechnologie zu einer Steigerung der Ertr\u00e4ge resp. zu einer besseren Stresstoleranz (Wasser, Hitze etc.) beitragen kann. Bisher sind die Haupteigenschaften der angebauten Gentechsorten vor allem Insektenresistenz und Herbizidtoleranz. Sie tragen haupts\u00e4chlich dazu bei, Arbeit und Produktionsmittel einzusparen. Interessant waren sie damit vorwiegend f\u00fcr den grossfl\u00e4chigen Anbau in guten Agrarregionen. Entscheidend f\u00fcr die Weltern\u00e4hrung ist, ob auch die Entwicklungsl\u00e4nder &#8211; und dort insbesondere die kleinen Selbstversorger &#8211; in Zukunft mehr vom Fortschritt bei der Gentechnologie profitieren k\u00f6nnen. Bisher bauen im S\u00fcden Kleinbauern vor allem insektenresistente Baumwolle (Bt Baumwolle) und nur wenige gentechnisch ver\u00e4nderte Grundnahrungsmittel an. Zur Zeit gibt es Erfahrungen mit insektenresistentem Mais (zum menschlichen Verzehr) in S\u00fcdafrika. Zudem befinden sich verschiedene Sorten im Stadium der Entwicklung. Am meisten Hoffnung wird auf Gentechreissorten gesetzt, die krankheitsresistent sind oder eine Vitamin-A-Quelle darstellen (\u00abGolden Rice\u00bb). Die Weltbank nennt in ihrem World Development Report 2008 verschiedene Gr\u00fcnde, weshalb in den Entwicklungsl\u00e4ndern die Fortschritte im Bereich der gentechnisch ver\u00e4nderten Pflanzen kleiner sind als in den Industriel\u00e4ndern: An erster Stelle erw\u00e4hnt sie, dass die Forschung und Entwicklung vor allem auf die kommerziellen Bed\u00fcrfnisse in den Industriel\u00e4ndern und weniger auf jene der Kleinbauern im S\u00fcden ausgerichtet sei. Die Weltbank schl\u00e4gt aufgrund ihrer Analyse vor, die \u00f6ffentliche GVO-Forschung auf nationaler und internationaler Stufe zu st\u00e4rken und vermehrt auf die Bed\u00fcrfnisse der Kleinbauern des S\u00fcdens auszurichten (\u00abPro-Poor-Fokus\u00bb). Zudem verlangt sie, dass mehr Geld in die Institutionen zu investieren sei, die neue Produkte evaluieren und zulassen. Das International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development (IAASTD) fordert in seinen Schlussfolgerungen vom April 2008, dass die Forschungspriorit\u00e4ten im Bereich GVO und ganz allgemein vermehrt im Rahmen von partizipativen Prozessen auf lokaler Ebene definiert und damit auf die Bew\u00e4ltigung lokaler Herausforderungen ausgerichtet werden. Damit soll auch sichergestellt werden, dass in Zukunft die Gentechnologie vermehrt zur Bew\u00e4ltigung der Nahrungsmittelknappheit und des Klimawandels beitragen kann.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 4: Ausgew\u00e4hlte Literatur<\/b>&#13;<br \/>\n&#8211; FAO: Food Outlook, Rom, Juni 2008;- Millennium Ecosystem Assessment: Ecosystems and Human Well-being: Synthesis, Washington, 2005;- OECD-FAO Agricultural Outlook 2008\/2017, 2008;- Weltbank: World Development Report 2008: Agriculture for Development, Washington, 2007.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#13; &#13; In den letzten 30 Jahren sind Agrarrohstoffe real laufend billiger geworden. Zwar gab es vereinzelt auch Preisausschl\u00e4ge nach oben. 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