{"id":123036,"date":"2008-09-01T12:00:00","date_gmt":"2008-09-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2008\/09\/hoefert-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:40:43","modified_gmt":"2023-08-23T21:40:43","slug":"hoefert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2008\/09\/hoefert\/","title":{"rendered":"Rosig oder rostig? Die Zukunft von Industriemetallen am Beispiel von Kupfer"},"content":{"rendered":"<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/200809_07_Hoefert_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"247\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAlchemisten braucht es l\u00e4ngst nicht mehr, um Blei in Gold zu wandeln. Finanzm\u00e4rkte reichen hierzu vollkommen. Altmeister des \u00abGrossen Werkes\u00bb, wie Nicholas Flamel, John Dee oder Heinrich Khunrath, w\u00fcrden sicherlich staunend zu Kenntnis nehmen, dass die Wertsteigerung des Schwermetalls j\u00fcngst bei weitem diejenige des Edelmetalls \u00fcbertroffen hat. Zwischen dem 1.Januar 2000 und dem 31.Dezember 2007 hat sich der Bleipreis &#8211; ausgedr\u00fcckt in US-Dollar &#8211; verf\u00fcnffacht; der Goldpreis hat sich im gleichen Zeitraum \u00abnur\u00bb verdreifacht. \u00c4hnliche Entwicklungen lassen sich auch bei anderen Industriemetallen feststellen: Im gleichen Zeitraum nahm der Preis von Kupfer um 253%, von Nickel um 210%, von Zink um +92% und von Aluminium um +66% zu.\u00a0Die Industriemetallpreise haben nun zwar in den vergangenen zw\u00f6lf Monaten etwas nachgegeben, sind jedoch in vielen F\u00e4llen immer noch deutlich h\u00f6her als im Durchschnitt der vergangenen 25 Jahre. Zurzeit herrscht auch bei diesen Rohstoffen Knappheit. Entsprechend stellen sich die Fragen nach den Ursachen und den langfristigen Perspektiven. Um diese zu beantworten, m\u00fcssen wir die derzeitigen Treiber der Nachfrage und des Angebots genauer unter die Lupe nehmen. Wir illustrieren dies am Beispiel von Kupfer, f\u00fcr welches es die l\u00e4ngsten und qualitativ besten Datenreihen gibt.&#13;<\/p>\n<h2>Treiber und Nachfrage<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Grafik 1 zeigt den zugrunde liegenden Trend im Verh\u00e4ltnis zwischen der Nachfrage nach Kupfer und dem realen Bruttoinlandprodukt (BIP) seit 1900 f\u00fcr die USA sowie seit 1950 bzw. 1960 und 1970 f\u00fcr asiatische L\u00e4nder. Grafik 2 zeigt den zugrunde liegenden Trend im Verh\u00e4ltnis zwischen der Kupfernachfrage und der Bev\u00f6lkerung. \u00c4hnliche Muster (umgekehrtes U im Verh\u00e4ltnis zum BIP und S bis umgekehrtes U im Verh\u00e4ltnis zur Bev\u00f6lkerung) lassen sich auch f\u00fcr andere Metalle herleiten.\u00a0Diese Muster sind einfach zu erkl\u00e4ren: Der ansteigende Teil der umgekehrten U-Form (im Verh\u00e4ltnis zum BIP) reflektiert die Industrialisierung der Volkswirtschaften, d.h. die Verlagerung des \u00f6konomischen Hauptgewichts vom prim\u00e4ren (Landwirtschaft) zum sekund\u00e4ren Sektor (Industrie). Der Aufbau einer industriellen Volkswirtschaft ist sehr rohstoffintensiv. Industriemetalle wie Nickel und Zink zur Erzeugung von Stahl, Eisen, Kupfer oder Aluminium sind stark gefragt. \u00a0Urbanisierung geht einher mit dem Schrumpfen der relativen Wichtigkeit der Landwirtschaft. Die ph\u00e4nomenalen Wachstumsraten asiatischer Metropolen k\u00f6nnen hier als Beispiel dienen. Die Bev\u00f6lkerung Tokios wuchs von 8,7 Mio. Menschen 1950 auf 18,9 Mio. 1970 und 24,4 Mio. 1990; die Bev\u00f6lkerung Seouls von ca. 1 Mio. Menschen 1953 auf 5,4 Mio. 1970 und \u00fcber 10 Mio. 1990. Heute leben 20% aller Japaner in Tokio. In Seoul leben sogar fast die H\u00e4lfte aller S\u00fcdkoreaner, wenn man den Grossraum Seoul, der 23 Mio. Einwohner ausmacht, zusammenrechnet.\u00a0Reift eine Volkswirtschaft, so verlagert sich ihr Schwerpunkt allm\u00e4hlich vom sekund\u00e4ren Sektor hin zum terti\u00e4ren Sektor (Dienstleistungen). Sowohl f\u00fcr die USA ab den F\u00fcnfzigerjahren als auch f\u00fcr Japan ab Mitte der Siebzigerjahre begann die relative Bedeutung des sekund\u00e4ren Sektors gemessen an der Besch\u00e4ftigung &#8211; und folglich am BIP &#8211; nachzulassen. Da es sich dabei um den rohstoffintensivsten Sektor handelt, ging auch die relative Bedeutung der Rohstoffe innerhalb der Volkswirtschaft zur\u00fcck. Dies heisst nicht zwingend, dass die Rohstoffnachfrage zu sinken beginnt. Es bedeutet nur, dass in einer Volkswirtschaft, in welcher der Dienstleistungssektor den Hauptanteil der Wertsch\u00f6pfung darstellt, die Produktion einer BIP-Einheit weniger Rohstoffe ben\u00f6tigt als in einer Volkswirtschaft, deren Hauptpfeiler das verarbeitende Gewerbe ist.\u00a0Generell kann gesagt werden, dass die Einkommenselastizit\u00e4t der Nachfrage nach Industriemetallen in einer Anfangsphase mit steigendem Einkommen zunimmt, bei einem gewissen Einkommen ihr Maximum erreicht und dar\u00fcber hinaus wieder zur\u00fcckgeht. F\u00fcr Kupfer sch\u00e4tzen wir auf der Basis von historischen Daten f\u00fcr zw\u00f6lf der gr\u00f6ssten Volkswirtschaften, dass das die Einkommenselastizit\u00e4t maximierende BIP pro Kopf um die 5000 US-Dollar zu Kaufkraftparit\u00e4t und Preisen von 2008 liegt. Verwendet man solche Elastizit\u00e4tsfunktionen im Zusammenhang mit m\u00f6glichen Projektionen f\u00fcr die Entwicklungen von BIP und Bev\u00f6lkerung im kommenden Jahrzehnt Vgl. hierzu UBS WMR (2006)., so kann man einige Erkenntnisse \u00fcber die zuk\u00fcnftige Nachfrage nach Metallen gewinnen. F\u00fcr Kupfer rechnen wir mit einem Anstieg des Konsums von derzeit gesch\u00e4tzten 18,7 Mio. Tonnen pro Jahr weltweit auf 28 Mio. Tonnen im Jahr 2020 (durchschnittliche j\u00e4hrliche Wachstumsrate von ca. 3,4%).&#13;<\/p>\n<h2>Treiber des Angebots<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer steile Anstieg von Metallverbrauch und -preisen hat Bedenken hinsichtlich der langfristigen Verf\u00fcgbarkeit aufgeworfen. Zwar wurde die F\u00f6rderrate in den letzten 30 Jahren bei vielen Metallen j\u00e4hrlich um mehr als 3% angehoben. Wie \u00d6l sind jedoch auch die in der Erdkruste eingeschlossenen Metalle ersch\u00f6pflich, sodass sich die berechtigte Frage stellt, ob die aktuellen F\u00f6rderraten nachhaltig sind oder nicht. Hinsichtlich Gewinnung, Produktion und Verbrauch besteht zwischen Metallen und fossilen Brennstoffen ein grundlegender Unterschied: Metalle k\u00f6nnen aufbereitet und rezykliert werden. Bei Kupfer betr\u00e4gt der Rezyklierungsanteil an der weltweiten Produktion derzeit ca. 15%.\u00a0Die langfristige Verf\u00fcgbarkeit eines Metalls wird herk\u00f6mmlicherweise als Kombination aus den Reserven (Anteil der Rohstoffvorr\u00e4te, welche erfasst und quantifiziert sind) und der Ressourcenbasis (unentdeckte oder unter dem derzeitigen Preisniveau noch unrentable Vorkommen) dargestellt. Zwar erscheint die Reichweite der Basismetalle mit Blick auf die derzeit verf\u00fcgbaren Reserven als kritisch. Doch dieses Bild \u00e4ndert sich, wenn man die Ressourcenbasis betrachtet. Das US Geological Survey sch\u00e4tzt die derzeitigen verf\u00fcgbaren Kupferreserven auf 960 Mio. Tonnen. Die Ressourcenbasis wird auf 3,7 Mrd. Tonnen angesetzt (\u00fcber 3 Mrd. Tonnen Landressourcen und 700 Mio. Tonnen Tiefseeressourcen). Angesichts der Tatsache, dass Kupfer zu je 33 Gramm pro Tonne Feldgestein in der Erdkruste auftritt, k\u00f6nnten die tats\u00e4chlichen Ressourcen um ein Vielfaches h\u00f6her sein.\u00a0Mit einer Prim\u00e4rproduktion von ca. 16 Mio. Tonnen im Jahr 2008 w\u00e4ren die Reserven bei einer Produktionswachstumsrate von 3% in ca. 35 Jahren verbraucht. Das Vergessen der Ressourcenbasis f\u00fchrt hier aber zu einer \u00e4hnlichen Fehlprognose wie die des Club of Rome 1972, welcher in seinem damaligen Bericht die Ersch\u00f6pfung der Kupferreserven auf 1990 ansetzte. \u00a0F\u00fcr die meisten Metalle lassen die Ressourcenzahlen darauf schliessen, dass die verbleibenden Erzlager potenziell so gross sind, dass sich daraus auf der Grundlage des heutigen Verbrauchs eine Reichweite von \u00fcber 200 Jahren ergibt. Langfristig wird also die fortgesetzte Ausbeutung vorhandener Depots eine Hinwendung zu derzeit noch unwirtschaftlichen Vorkommen zur Folge haben und damit eine l\u00e4ngere Verf\u00fcgbarkeit gew\u00e4hrleisten. Noch zuversichtlicher werden die Aussichten, wenn man die Wiederverwendungsm\u00f6glichkeiten der Metalle mit in die \u00dcberlegungen einbezieht.&#13;<\/p>\n<h2>Wo liegen die Engp\u00e4sse?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAuf kurze Sicht betrachtet wird das Reservenprofil f\u00fcr Basismetalle durch Probleme beeintr\u00e4chtigt, die in Zusammenhang mit Investitionsdefiziten bei den F\u00f6rderkapazit\u00e4ten und mit internationalen Handelsbeschr\u00e4nkungen und gesetzlichen Restriktionen im Hinblick auf die Umweltfolgen des Abbaus stehen. Angesichts des Zerfalls der Metallpreise in den Neunzigerjahre sahen die Produzenten nur wenig Grund, warum sie nach neuen Lagerst\u00e4tten suchen sollten, um ihre Produktion aufzustocken. Unsere Angebots- und Nachfrageszenarien f\u00fcr Kupfer deuten darauf hin, dass sich bis zum Jahr 2025 die Angebotsknappheit weiter akzentuieren wird, die zum grossen Teil von der wachsenden Nachfrage der Schwellenl\u00e4nder herr\u00fchrt. Nachdem nun aber im Zuge steigender Metallpreise auch die Investitionst\u00e4tigkeit wieder zunimmt, gehen wir davon aus, dass die Erschliessung neuer Reserven stark zunehmen wird.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nGem\u00e4ss unseren Projektionen wird der Bedarf an Basismetallen in den Schwellenl\u00e4ndern weiter steigen. Dies ist auf deren fortschreitende wirtschaftliche Entwicklung und den Ausbau ihrer industriellen Kapazit\u00e4ten zur\u00fcckzuf\u00fchren. F\u00fcr die Industriel\u00e4nder hingegen, die immer st\u00e4rker dienstleistungsorientiert und folglich weniger rohstoffabh\u00e4ngig sind, ergibt sich eine Stagnation oder sogar ein R\u00fcckgang des Basismetallverbrauchs. Insgesamt wird die Weltnachfrage nach Basismetallen wie Kupfer in den beiden n\u00e4chsten Jahrzehnten steigen.\u00a0Auf kurze Sicht betrachtet wird das Reservenprofil f\u00fcr Basismetalle durch Investitionsdefizite bei den F\u00f6rderkapazit\u00e4ten in den vergangenen Jahren beeintr\u00e4chtigt. Zwar ist mittlerweile eine verst\u00e4rkte Investitionst\u00e4tigkeit zu verzeichnen, die jedoch innerhalb der n\u00e4chsten drei bis f\u00fcnf Jahre noch kaum einen wirklichen Umschwung der Angebotssituation bringen d\u00fcrfte.\u00a0Langfristig scheint sich angesichts der grossen verf\u00fcgbaren Ressourcenbasis die Frage nicht zu stellen, ob die Depots von Bodensch\u00e4tzen bei Metallen zur Neige gehen k\u00f6nnten. Obwohl sich immer wieder zeitweilige Versorgungsengp\u00e4sse einstellen werden, d\u00fcrfte die fortgesetzte Exploration bestehender Depots eine Aufwertung von derzeit unwirtschaftlichen Reserven erm\u00f6glichen und damit auf lange Sicht das Reservenpotenzial erhalten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1 \u00abKupferintensit\u00e4t des Bruttoinlandprodukts (in Gramm pro USD), 1900-2008\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2 \u00abKupferkonsum (in Kilogramm pro Person), 1900-2008\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 3 \u00abJapan: Entwicklung 1950-2008\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 4 \u00abIndustriemetallkonsum (in&nbsp;% des Weltkonsums)\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 5 \u00abDefinition von Reserven und Ressourcen\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 1: China als neue Marktmacht<\/b>&#13;<br \/>\nIm Laufe des letzten Jahrzehnts ist China zum Grossverbraucher der f\u00fcnf wichtigsten Industriemetalle geworden. Zurzeit ist das Land die weltweite Nummer 1 unter den Verbrauchern von Zink, Aluminium, Kupfer, Nickel und Blei. F\u00fcr einige dieser Metalle ist China aber auch zu einem bedeutenden Produzenten herangewachsen und ist beispielsweise der gr\u00f6sste Erzeuger von Zink, Aluminium und Blei. Dies bedeutet, dass der Einfluss Chinas auf die Preisentwicklung in gewissen M\u00e4rkten nicht nur vom Status als wichtiger Verbraucher, sondern auch von seiner Stellung als bedeutender Produzent herr\u00fchrt. Der grosse Metallkonsum Chinas reflektiert sowohl die Gr\u00f6sse der Bev\u00f6lkerung als auch die rasant fortschreitende Industrialisierung.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#13; &#13; Alchemisten braucht es l\u00e4ngst nicht mehr, um Blei in Gold zu wandeln. Finanzm\u00e4rkte reichen hierzu vollkommen. 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