{"id":123376,"date":"2008-04-01T12:00:00","date_gmt":"2008-04-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2008\/04\/surchat-10\/"},"modified":"2023-08-23T23:41:56","modified_gmt":"2023-08-23T21:41:56","slug":"surchat-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2008\/04\/surchat-9\/","title":{"rendered":"Warum die Schweizer Wirtschaft weiter wachsen kann, darf und muss"},"content":{"rendered":"<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/200804_05_Surchat_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"247\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn den Sechzigerjahren war das Verh\u00e4ltnis zum Wirtschaftswachstum noch unverkrampft: Volkswirtschaften wurden anhand der Tonnen an Stahl, die sie j\u00e4hrlich herausbrachten, miteinander verglichen. Prosperit\u00e4t wurde an der Zahl der Haushalte gemessen, die in die Mercedes-Klasse aufstiegen. Raubbau an der Natur wurde erst in den Siebzigerjahren mit dem \u00abClub of Rome\u00bb zum Thema und die verantwortungsethische Rechtfertigung des Wachstums erst mit der UNO-Kommission f\u00fcr Umwelt und Entwicklung zu einem politischen Erfordernis. \u00a0Seit Anfang dieses Jahrzehnts ist eine Gegenbewegung im Gang: Nachdem in den Neunzigerjahren die Besch\u00e4ftigungssituation im Zentrum der Reformen gestanden hatte, entwickelte die OECD ab 2002 eine Wachstumsstrategie. Und seit 2005 publiziert sie j\u00e4hrlich die Studie \u00abGoing for Growth\u00bb, in der sie ihren Mitgliedl\u00e4ndern Priorit\u00e4ten f\u00fcr ihre Reformpolitik empfiehlt. Die Wachstumspolitik hat sich so erneut als ein prim\u00e4res wirtschaftspolitisches Handlungsfeld etabliert.&#13;<\/p>\n<h2>Die Wachstumsleistung der Schweiz<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nBetrachtet man Besch\u00e4ftigung und erreichten Wohlstand, steht die Schweiz im internationalen Vergleich weiterhin exzellent da. Zu laufenden Wechselkursen tr\u00e4gt ein Vollzeit t\u00e4tiger Arbeitnehmer in der Schweiz das weltweit h\u00f6chste Monatssal\u00e4r nach Hause. Die Frage, warum es in der Schweiz noch eine Wachstumspolitik braucht, beantwortet sich daher nicht spontan. Die hohen L\u00f6hne sind n\u00e4mlich das Resultat einer weit \u00fcberdurchschnittlichen Zahl an Arbeitsstunden, und das komfortable Einkommensniveau resultiert nur, wenn man das hohe schweizerische Preisniveau ausblendet. Vergleicht man international die Arbeitsproduktivit\u00e4t (gemessen als das wirtschaftliche Ergebnis einer Stunde Arbeit) auf kaufkraftbereinigter Basis, f\u00e4llt die Schweiz dagegen ins untere Mittelfeld der OECD-L\u00e4nder zur\u00fcck (siehe Grafik 1) &#8211; insbesondere, wenn man nur die L\u00e4nder ber\u00fccksichtigt, die keinen wirtschaftlichen Nachholbedarf aufweisen. Dieses Ergebnis h\u00e4ngt zu einem gewissen Teil davon ab, in welchem Ausmass das Arbeitspotenzial in einem Land genutzt wird. Das Ausmass der Nutzung des Arbeitspotenzials entspricht dem Arbeitsvolumen in Stunden dividiert durch die Bev\u00f6lkerung im arbeitsf\u00e4higen Alter (15-64 Jahre).Auch wenn die Produktivit\u00e4t in Bezug auf diesen Punkt korrigiert wird, liegt die Schweiz weiterhin im Mittelfeld der OECD-L\u00e4nder. Im Vergleich zu den bestplatzierten L\u00e4ndern (USA, Irland, Niederlande, Belgien, Luxemburg, Norwegen) k\u00f6nnte die Schweiz ihre Stundenproduktivit\u00e4t um knapp 20% steigern. Hier liegt denn auch ein bedeutendes Wachstumspotenzial, das mit Strukturreformen erschlossen werden k\u00f6nnte.\u00a0Zudem scheint sich die Schweiz nicht an den am besten geeigneten Methoden zu orientieren, um ihre Arbeitsproduktivit\u00e4t zu steigern. Die Hypothese best\u00e4tigt sich, dass die Produktivit\u00e4tssteigerungsrate seit 1990 konstant geblieben ist, wie dies die Grafik 2 unter Ausschluss konjunktureller Faktoren zeigt. Die hervorragenden Ergebnisse der Schweizer Wirtschaft in den Jahren 2004-2007 mit einem durchschnittlichen Wachstum von 2,9% lassen sich wie folgt erkl\u00e4ren:\u00a0&#8211; gute Konjunktur (\u00fcber 1%);\u00a0&#8211; Personenfreiz\u00fcgigkeit (ca. 1%), mit der bedarfsgerecht das Angebot an Arbeitskr\u00e4ften erh\u00f6ht wurde;\u00a0&#8211; trendm\u00e4ssige Steigerung der Arbeitsproduktivit\u00e4t, welche praktisch konstant geblieben ist (1%).\u00a0\u00a0In den kommenden Jahren wird das Arbeitskr\u00e4fteangebot voraussichtlich weniger rasch ansteigen, da sich die nat\u00fcrliche Wachstumsrate des Arbeitskr\u00e4fteangebots durch die Alterung der Bev\u00f6lkerung verlangsamt (siehe rechter Teil der Grafik 2, Wachstumsszenario mit konstanter Produktivit\u00e4t). Wenn die Produktivit\u00e4tssteigerungsrate nicht erh\u00f6ht wird, d\u00fcrfte sich &#8211; dies ist das wahrscheinlichste Szenario &#8211; das trendm\u00e4ssige Wachstum des BIP abschw\u00e4chen. Da vom Problem der demografischen Alterung die ganze EU betroffen ist, kann in n\u00e4chster Zeit auch nicht mehr unbedingt mit einem weiteren Zuwachs ausl\u00e4ndischer Arbeitskr\u00e4fte gerechnet werden.&#13;<\/p>\n<h2>Raschere Umsetzung von Reformen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nF\u00fcr die n\u00f6tige Erh\u00f6hung der Produktivit\u00e4tssteigerungsrate sind zahlreiche Reformen auf allen Ebenen erforderlich. Notwendig ist aber insbesondere eine \u00d6ffnung des Binnenmarktes. Gegen diese Reformen wurden verschiedene Einw\u00e4nde vorgebracht, die jedoch wenig stichhaltig sind. Nachfolgend befassen wir uns mit den m\u00f6glichen Auswirkungen des Wachstums auf die soziale Situation und die Umwelt.&#13;<\/p>\n<h3>Wachstum und Sozialversicherungen<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nAus Grafik 3 geht hervor, dass mit einer Erh\u00f6hung der Produktivit\u00e4tssteigerungsrate von 1% auf 1,5% ausgeglichene \u00f6ffentliche Finanzen &#8211; einschliesslich der Sozialversicherungen &#8211; ohne Steuererh\u00f6hungen gesichert werden k\u00f6nnten. Bei einem R\u00fcckgang der Produktivit\u00e4tssteigerungsrate um 0,5% w\u00fcrde die implizite Staatsverschuldung hingegen bei rund 100% liegen. Um dies zu kompensieren, w\u00e4re eine Erh\u00f6hung des Mehrwertsteuersatzes um \u00fcber 5% erforderlich. Eine solche Erh\u00f6hung der Steuerbelastung h\u00e4tte jedoch eine weitere Abschw\u00e4chung des Wachstums zur Folge. Von allen Optionen, die zur Konsolidierung der Sozialversicherungen bestehen, wird mit einer Erh\u00f6hung des strukturellen Wachstums die gr\u00f6sste Wirkung erzielt.&#13;<\/p>\n<h3>Wachstum und soziale Ungleichheiten<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nMit einem Modell, das die Entwicklung der verf\u00fcgbaren Einkommen von 1990 bis 1998 erkl\u00e4rt, wurde aufgezeigt, dass das hohe Preisniveau im Binnenmarkt der Hauptfaktor f\u00fcr die Zunahme der sozialen Ungleichheiten in der Schweiz war. Eine Wachstumspolitik, die insbesondere auf Preissenkungen im Binnenmarkt ausgerichtet ist, w\u00e4re folglich das geeignetste Instrument, um soziale Ungleichheiten zu bek\u00e4mpfen.&#13;<\/p>\n<h3>Wachstum und Umwelt<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Meinung, ein anhaltendes Wachstum lasse sich mit der Ber\u00fccksichtigung von Umweltanliegen nicht in Einklang bringen, ist in der Bev\u00f6lkerung weit verbreitet. Dies trifft indessen nur begrenzt zu. Die Tabelle 1 enth\u00e4lt die Werte verschiedener Nachhaltigkeitsindikatoren in den Jahren 2000 und 2005 gem\u00e4ss Einsch\u00e4tzung des Bundesamtes f\u00fcr Statistik (BFS). Die Situation in Bezug auf die Abf\u00e4lle, die Gew\u00e4sser- und Luftverschmutzung sowie die Waldfl\u00e4che hat sich trotz eines starken Wachstums deutlich verbessert. Daraus geht hervor, dass eine Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und verschiedenen Formen von Umweltbelastung m\u00f6glich ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Entkoppelung fortgesetzt werden kann, ist sehr hoch.\u00a0Die Umweltprobleme konzentrieren sich auf zwei Bereiche: die wachsende Mobilit\u00e4t, die auch mit einer Zersiedelung der Landschaft verbunden ist, und die Emission von Treibhausgasen, die langfristig betr\u00e4chtlich gesenkt werden muss. Soweit die Bev\u00f6lkerung Mobilit\u00e4t als Umweltbelastung &#8211; und damit als Problem &#8211; empfindet, ist der Einsatz der raumplanerischen Instrumente und eine gezielte Verteuerung der Verkehrs n\u00f6tig. Die Treibhausgasemissionen betreffen die ganze Welt, und die Schweiz hat auf diese Entwicklung nur einen begrenzten Einfluss. Sie wird aber ihren Beitrag an die Bew\u00e4ltigung der globalen Herausforderung leisten m\u00fcssen. Wie gross dieser Beitrag sein wird, ist offen. Gem\u00e4ss Sch\u00e4tzungen der OECD m\u00fcsste f\u00fcr eine Politik, welche den gr\u00f6ssten umweltpolitischen Herausforderungen begegnet, im Jahr 2030 etwas mehr als 1% des weltweiten BIP aufgewendet werden. Die Rate des f\u00fcr andere Zwecke nutzbaren Trendwachstums m\u00fcsste bis dann Jahr f\u00fcr Jahr um weniger als 0,1% pro Jahr tiefer angesetzt werden. Die heute beobachteten Wachstumsraten reichen folglich zur Bestreitung des Aufwandes aus, der zur Bek\u00e4mpfung des Klimawandels und zur F\u00f6rderung von F&amp;E im Bereich der Umwelttechnologien n\u00f6tig ist. Auf Wachstum zu verzichten, ist demnach keine L\u00f6sung, zumal gerade in Zeiten schlechter Konjunktur die Akzeptanz in der Bev\u00f6lkerung f\u00fcr Umweltanliegen abnimmt.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEine Politik des Nullwachstums h\u00e4tte schwer wiegende Konsequenzen. Angesichts der historischen Erfahrungen w\u00e4re mit grosser Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass es zu einem umfangreichen Exodus von Personen, Wissen und Unternehmen k\u00e4me. Die sozialen Probleme der alternden Schweizer Bev\u00f6lkerung w\u00fcrden wahrscheinlich unl\u00f6sbar. Das wirtschaftliche Wachstum bleibt somit Garant f\u00fcr eine nachhaltige Entwicklung. Da Wirtschaftswachstum und Umweltanliegen nur bis zu einem gewissen Grad kompatibel sind, ist die Schweiz aber verpflichtet, ihren Beitrag zur Nachhaltigkeit unseres Planeten zu leisten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1 \u00abStundenproduktivit\u00e4t in Kaufkraftparit\u00e4ten (PPP), 2006\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2 \u00abEntwicklung der Wachstumsraten des BIP und seiner Komponenten, 1990-2020\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 3 \u00abImplizite Staatsverschuldung gem\u00e4ss der Generationen-Bilanz von 2001\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 1 \u00abIndikatoren der nachhaltigen Entwicklung in der Schweiz, 2000 und 2005\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 1: Bibliografie<\/b>&#13;<br \/>\n&#8211; Borgmann C. und Raffelh\u00fcschen B., Zur Entwicklung der Nachhaltigkeit der Schweizerischen Fiskal- und Sozialpolitik: Generationen-Bilanzen 1995-2001, Struk-turberichterstattung Nr. 25, SECO, Bern, 2004.- Ecoplan, Auswirkungen der Klima\u00e4nderung auf die Schweizer Volkswirtschaft (nationale Einfl\u00fcsse), Studie im Auftrag des BAFU, Bern, 2007.- Enkvist P.-A., Naucl\u00e9r T. und Rosander J., \u00abA Cost Curve for Greenhouse Gas Reduction\u00bb, The McKinsey Quarterly, 2007, Nr. 1, S. 35-45.- M\u00fcller A., Marti M. und van Nieuwkoop R., Globalisierung und die Ursachen der Umverteilung in der Schweiz, Strukturberichterstattung Nr. 12, SECO, Bern, 2002.- OECD, OECD Environmental Outlook to 2030, Paris, 2008. Franz\u00f6sische Zusammenfassung unter: <a href=\"http:\/\/www.oecd.org\/dataoecd\/29\/12\/40200611\">www.oecd.org\/dataoecd\/29\/12\/40200611<\/a> .pdf.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#13; &#13; In den Sechzigerjahren war das Verh\u00e4ltnis zum Wirtschaftswachstum noch unverkrampft: Volkswirtschaften wurden anhand der Tonnen an Stahl, die sie j\u00e4hrlich herausbrachten, miteinander verglichen. Prosperit\u00e4t wurde an der Zahl der Haushalte gemessen, die in die Mercedes-Klasse aufstiegen. 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