{"id":123386,"date":"2008-04-01T12:00:00","date_gmt":"2008-04-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2008\/04\/zuercher-18\/"},"modified":"2023-08-23T23:42:05","modified_gmt":"2023-08-23T21:42:05","slug":"zuercher-17","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2008\/04\/zuercher-17\/","title":{"rendered":"Produktivit\u00e4t als Schl\u00fcsselfaktor der Wachstumspolitik"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nProduktivit\u00e4tssteigerungen sind langfristig die einzige M\u00f6glichkeit, um die Wohlfahrt &#8211; sprich: das Pro-Kopf-Einkommen eines Landes &#8211; zu erh\u00f6hen. So gesehen sind Produktivit\u00e4tssteigerungen der Schl\u00fcssel zu wirtschaftlichem Erfolg und Prosperit\u00e4t. Bereits eine kleine Verlangsamung des Produktivit\u00e4tswachstums kann sich \u00fcber l\u00e4ngere Zeitr\u00e4ume zu grossen Differenzen im Wohlstandsniveau kumulieren. Gem\u00e4ss der \u00ab72er-Regel\u00bb dauert es bei einem Produktivit\u00e4tswachstum von 3% 24 Jahre, bei 2% 36 Jahre und bei 1% 72 Jahre, bis sich das Einkommen verdoppelt.&#13;<\/p>\n<h2>Arbeitsproduktivit\u00e4t als g\u00e4ngiges Mass<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas Konzept der Produktivit\u00e4t bildet das Verh\u00e4ltnis von Inputs zu Outputs ab. Grunds\u00e4tzlich werden zwei Klassen von Produktivit\u00e4tsmassen unterschieden: \u00a0&#8211; die totalen Produktivit\u00e4tsmasse, die eine Beziehung zwischen mehreren Inputs und einem Output herstellen;\u00a0&#8211; die partiellen Produktivit\u00e4tsmasse, bei welchen nur ein Input zum Output in Beziehung gesetzt wird. \u00a0\u00a0Das aufgrund der \u00fcblichen Datenverf\u00fcgbarkeit meistverwendete und gleichzeitig einfachste Mass ist die Arbeitsproduktivit\u00e4t, welche die Wertsch\u00f6pfung &#8211; in der Regel das Bruttoinlandprodukt (BIP) oder auch die sektorale Wertsch\u00f6pfung &#8211; zum Arbeitseinsatz (in Stunden oder Anzahl der Erwerbst\u00e4tigen) in Beziehung setzt. Die Arbeitsproduktivit\u00e4t ist ein partielles Mass, da es von allen \u00fcbrigen Input-Faktoren (Sachkapital, Humankapital, technischer Fortschritt usw.), welche die Gesamtproduktivit\u00e4t beeinflussen, nur den Beitrag des Arbeitseinsatzes explizit ausweist. \u00a0Das heisst aber nicht, dass der Einfluss der \u00fcbrigen Input-Faktoren f\u00fcr die Arbeitsproduktivit\u00e4t keine Rolle spielt. Es heisst nur, dass der Einfluss dieser \u00fcbrigen Fakto-ren nicht explizit isoliert werden kann. Die Wachstumsbeitr\u00e4ge der \u00fcbrigen Faktoren zum Produktivit\u00e4tswachstum k\u00f6nnen also nicht separat dargestellt werden. W\u00e4hrend die Arbeitsintensit\u00e4t die Arbeitsproduktivit\u00e4t selbstverst\u00e4ndlich beeinflusst, kommt es ebenso darauf an, mit wie viel Kapital beispielsweise die Arbeitskr\u00e4fte ausgestattet sind. Je kapitalintensiver die Produktion, je h\u00f6her das eingesetzte Humankapital, je effizienter der Produktionsprozess organisiert und je h\u00f6her der technische Fortschritt, umso h\u00f6her wird die Arbeitsproduktivit\u00e4t sein. Zur Messung der Arbeitsproduktivit\u00e4t siehe OECD (2002).&#13;<\/p>\n<h2>Die Schweiz im internationalen Vergleich<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nZun\u00e4chst ist es sinnvoll, die Entwicklung der Arbeitsproduktivit\u00e4t in der Schweiz in den Kontext des vergangenen halben Jahrhunderts (siehe Grafik 1) sowie im Vergleich mit der EU-15 und den USA zu stellen (siehe Tabelle 1). Im Folgenden werden die drei Zeitabschnitte 1950-1973, 1973-1995 und 1995-2006 hinsichtlich der Entwicklung von Produktivit\u00e4t und Pro-Kopf-Einkommen dargestellt. Die Periodisierung ergibt sich anhand der Entwicklung in den USA. Das Jahr 1973 d\u00fcrfte unbestritten als Wendepunkt f\u00fcr fast alle entwickelten Volkswirtschaften gelten. 1995 ist demgegen\u00fcber vor allem f\u00fcr die USA bedeutsam und markiert dort den \u00dcbergang zu einem wieder h\u00f6heren Produktivit\u00e4tswachstum. A priori spricht nichts gegen ein Benchmarking der Schweiz zu den USA als technologisch f\u00fchrende Nation, da offene M\u00e4rkte zur Adoption der f\u00fchrenden Technologien auch in der Schweiz f\u00fchren sollte. \u00a0In der Tendenz scheint die Schweiz in j\u00fcngster Zeit eine \u00e4hnliche Entwicklung wie die USA durchzumachen, allerdings auf deutlich tieferem Niveau. W\u00e4hrend sich das durchschnittliche j\u00e4hrliche Produktivit\u00e4tswachstum (gemessen als BIP pro Arbeitsstunde) in den USA zwischen 1973 und 1995 von 1,2% auf 2,3% seit 1995 beschleunigt hat, nahm es in der Schweiz von 0,4% auf 1,0% zu. In beiden L\u00e4ndern entspricht dies ungef\u00e4hr einer Verdoppelung. Eine gegens\u00e4tzliche Entwicklung zeigt die EU-15, deren Produktivit\u00e4tswachstum sich in dieser Phase von 2,4% auf 1,5% verlangsamt hat. Zur Diskussion der Hintergr\u00fcnde dieser Entwicklungen siehe bspw. Van Ark et al. (2008).&#13;<\/p>\n<h3>Das goldene Zeitalter der Nachkriegszeit<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Nachkriegszeit bis 1973 war von einem hohen Wachstum des BIP, der Produktivit\u00e4t und des Pro-Kopf-Einkommens charakterisiert. Vor allem die europ\u00e4ischen Volkswirtschaften &#8211; und mit diesen auch die Schweiz &#8211; starteten einen intensiven Aufholprozess gegen\u00fcber den USA, der auf einer Imitation von im Ausland entwickelten Technologien, einer hohen Sparneigung sowie wachstumsf\u00f6rdernden Institutionen basierte. Vgl. Eichengreen (2007). Die Schweiz stieg dabei mit dem Vorteil eines praktisch unversehrten Kapitalstockes in die Nachkriegszeit. Nicht zuletzt deswegen lag das Wohlstandsniveau bis in die Achtzigerjahre \u00fcber jenem der USA. Auch wenn die Stundenproduktivit\u00e4t zu Beginn der F\u00fcnfzigerjahre noch rund 20% hinter dem US-Niveau zur\u00fccklag, gelang es der Schweiz bis Mitte der Siebzigerjahre, mit den USA gleichzuziehen (siehe Grafik 2). \u00a0Dieses \u00abgoldene Zeitalter\u00bb beruhte auf einem extensiven Wachstum mit hohem Faktoreinsatz von Arbeit und Kapital. In der Schweiz zeigt sich dies etwa am Wachstumsbeitrag der ausl\u00e4ndischen Bev\u00f6lkerung an der Wohnbev\u00f6lkerung (siehe Tabelle 2) Die Zahlen in Tabelle 1 und Tabelle 2 sind nur der Tendenz nach vergleichbar. W\u00e4hrend die Wachstumsraten in Tabelle 1 auf Basis kaufkraftbereinigter und international vergleichbarer Zahlen ermittelt wurden, beruhen die Wachstumsraten in Tabelle 2 auf Zahlen der nationalen Statistiken des Bundesamtes f\u00fcr Statistik. Die unterschiedlichen Definitionen des Arbeitsvolumens haben zur Folge, dass insbesondere die Produktivit\u00e4tszahlen in Tabelle 1 untersch\u00e4tzt sein d\u00fcrften.. Fast die H\u00e4lfte des Zuwachses war auf die Zuwanderung zur\u00fcckzuf\u00fchren. Die gesamtwirtschaftliche Bruttoinvestitionsquote belief sich auf durchschnittlich \u00fcber 30%. Diese rasante Wachstumsphase kam jedoch im Gefolge des Zusammenbruchs des Bretton-Woods-Systems sowie der zwei aufeinander folgenden \u00d6lpreisschocks im Laufe der Siebzigerjahre zum Erlahmen.&#13;<\/p>\n<h3>Wachstumsabschw\u00e4chung nach 1973<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDie nach 1973 einsetzende Wachstumsabschw\u00e4chung war f\u00fcr die europ\u00e4ischen Volkswirtschaften und f\u00fcr die Schweiz ausgepr\u00e4gter als f\u00fcr die USA. In den USA fiel das Wachstum des BIP von durchschnittlich 3,9% auf 2,8%, w\u00e4hrend es sich in der EU-15 und der Schweiz von 5,5% auf 2,0% beziehungsweise von 4,4% auf noch 1,0% verlangsamte. Das Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens glich sich hingegen zwischen der EU-15 und den USA an. In der Schweiz fiel das Wachstum des BIP pro Kopf der Bev\u00f6lkerung dramatisch von 3,0% auf 0,6% j\u00e4hrlich. Das Produktivit\u00e4tswachstum der EU-15 lag nach 1973 um \u00fcber einen Prozentpunkt h\u00f6her als in den USA und um zwei Prozentpunkte \u00fcber jenem in der Schweiz. \u00a0In die Zeit von 1973 bis 1995 fallen f\u00fcr die Schweiz zwei bedeutende Abschwungphasen. W\u00e4hrend der Rezession Mitte der Siebzigerjahre brach das reale BIP-Wachstum um nahezu 7% ein. Vom Ausmass des Abschwungs war die Schweiz unter den OECD-L\u00e4ndern damit weitaus am st\u00e4rksten betroffen. In Tabelle 2 manifestiert sich dieser Abschwung durch einen j\u00e4hrlichen negativen Wachstumsbeitrag von 0,9% der Arbeitsstunden pro Erwerbst\u00e4tigen und durch einen negativen Wachstumsbeitrag von j\u00e4hrlich 0,4% der Erwerbst\u00e4tigenquote \u00fcber die ganze Dekade, was \u00fcberwiegend auf die R\u00fcckwanderung der ausl\u00e4ndischen Arbeitskr\u00e4fte zur\u00fcckzuf\u00fchren war. \u00a0In der Wachstumsstagnation der Neunzigerjahre waren ausl\u00e4ndische Arbeitskr\u00e4fte \u00fcberdurchschnittlich von Arbeitslosigkeit betroffen. Deren Beitrag zum BIP-Wachstum ist deshalb zwischen 1990 und 2000 aufgrund der stark gesunkenen Erwerbst\u00e4tigenquote negativ. Dasselbe gilt f\u00fcr den Beitrag der Arbeitsstunden pro Erwerbst\u00e4tigen. \u00a0Die zwischen diesen beiden Ereignissen liegenden Achtzigerjahre weisen mit j\u00e4hrlich durchschnittlich 0,3% ein unterdurchschnittliches Produktivit\u00e4tswachstum auf. Kompensiert wurde dieses durch einen hohen Wachstumsbeitrag der Erwerbst\u00e4tigenquote, haupts\u00e4chlich als Folge der Erschliessung des Erwerbspotenzials der Frauen und der hohen Zuwanderung (Wachstum in der Breite). Das tiefe Produktivit\u00e4tswachstum sowie der schleppende Strukturwandel z\u00f6gerten den notwendigen Anpassungsbedarf hinaus. Gleichzeitig verlor die Schweiz auch gegen\u00fcber den USA laufend an Boden. Ausgel\u00f6st schliesslich durch ein B\u00fcndel von Ereignissen &#8211; zu nennen sind etwa der Anfang der Neunzigerjahre einsetzende weltwirtschaftliche Abschwung, die Immobilienkrise in der Schweiz und das Nein zum EWR &#8211; verfiel die Schweiz zu Beginn der Neunzigerjahre in eine Phase des praktischen Nullwachstums, die bis Anfang 1997 andauerte. \u00a0Gem\u00e4ss Tabelle 2 belief sich \u00fcber den Zeitraum von 1973 bis 1995 das j\u00e4hrliche Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens auf 0,7%. Nur gerade 0,3% davon sind Produktivit\u00e4tsfortschritten zuzuschreiben. Die \u00fcbrigen 0,4% sind auf eine gestiegene Erwerbst\u00e4tigen- und Erwerbsf\u00e4higenquote &#8211; also einen h\u00f6heren Arbeitseinsatz &#8211; zur\u00fcckzuf\u00fchren. \u00a0Zwischen 1995 und 2006 schliesslich lag das Produktivit\u00e4tswachstum bei rund 1,0% und das Wachstum der Stundenproduktivit\u00e4t sogar bei 1,2%. Vom Arbeitseinsatz &#8211; also der Erwerbst\u00e4tigen- und der Erwerbsf\u00e4higenquote &#8211; kamen kaum signifikante Wachstumsimpulse. Der Produktivit\u00e4tsr\u00fcckstand auf die USA belief sich 2006 auf rund 15%. Betrachtet man allein die Periode von 2000 bis 2006, kann jedoch festgestellt werden, dass die ausl\u00e4ndischen Arbeitskr\u00e4fte mit einem halben Prozentpunkt einen \u00fcberdurchschnittlich hohen Beitrag zum BIP-Wachstum geleistet haben. Dieses Ergebnis deckt sich mit einer \u00e4hnlichen Analyse der OECD (2007), die f\u00fcr den Zeitraum zwischen 1982 und 2005 einen Wachstumsbeitrag der ausl\u00e4ndischen Erwerbst\u00e4tigen von ebenfalls einem halben Prozentpunkt berechnet hat. Zu diesem erfreulichen Ergebnis d\u00fcrfte nicht zuletzt das Personenfreiz\u00fcgigkeitabkommen mit der EU beigetragen haben, welches zudem einen bedeutend g\u00fcnstigeren Qualifikationsmix der Zugewanderten mit sich bringt als in fr\u00fcheren Phasen hoher Zuwanderung.&#13;<\/p>\n<h2>Wirtschaftspolitische Folgerungen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie beiden wichtigsten Komponenten des Pro-Kopf-Einkommenswachstums sind der Arbeitseinsatz und die Arbeitsproduktivit\u00e4t. Selbstverst\u00e4ndlich ist es daher auch wichtig, den gesamtwirtschaftlichen Arbeitseinsatz zu halten und wenn immer m\u00f6glich zu steigern. In Bodmer (2007) werden dazu Reformen vorgeschlagen, die vor allem auf eine Eliminierung von Fehlanreizen seitens des Arbeitsangebotes abzielen. Insbesondere wird darauf hingewiesen, dass der rasante Ausbau des Sozialstaates w\u00e4hrend der Neunzigerjahre zu einer Erh\u00f6hung der Opportunit\u00e4tskosten der Arbeit gef\u00fchrt hat, mit der Folge, dass sich eine lukrative Erwerbst\u00e4tigkeit oft gar nicht mehr lohnt. Reformans\u00e4tze sind auch bez\u00fcglich der Altersvorsorge notwendig. So ist beispielsweise in der zweiten S\u00e4ule der Umwandlungssatz zu hoch, was eine massive Umverteilung von den Pr\u00e4mienzahlern zu den Rentnern zur Folge hat. Generell muss bei der Altersvorsorge &#8211; also auch bei der AHV &#8211; versicherungsmathematisch korrekt vorgegangen werden. Ausserdem ist gerade angesichts der zu erwartenden demografischen Entwicklung der anhaltende Trend zur subventionierten Fr\u00fchverrentung zu brechen. Schliesslich sind Massnahmen notwendig, die eine bessere Aussch\u00f6pfung des Erwerbspotenzials der Frauen erlauben. Hier ist jedoch nicht so sehr der Staat gefordert als vielmehr die einzelnen Unternehmen. \u00a0Bez\u00fcglich der Massnahmen zur Erh\u00f6hung des Arbeitseinsatzes darf man sich aber keinen Illusionen hingeben, was die quantitativen Auswirkungen betrifft. Eine rein quantitative Steigerung des Arbeitsinputs wird stets von einem abnehmenden Grenzertrag begleitet sein. Letztlich kommt es in einer zunehmend wissensbasierten und auf hoher Innovationsleistung beruhenden Wirtschaft darauf an, wie der Arbeitseinsatz produktiver gemacht werden kann. Gerade mit Blick auf das relativ tiefe Produktivit\u00e4tsniveau und das immer noch unterdurchschnittliche Produktivit\u00e4tswachstum m\u00fcssen wirtschaftpolitische Massnahmen daher priorit\u00e4r bei einer Steigerung der Produktivit\u00e4t ansetzen.&#13;<\/p>\n<h3>Unbegr\u00fcndete Angst vor Arbeitsplatzverlusten<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nOft wird argumentiert, dass Produktivit\u00e4tssteigerungen einem Besch\u00e4ftigungswachstum entgegenlaufen, mithin aufgrund hoher Produktivit\u00e4tsfortschritte weniger Arbeit notwendig sei und so nur die Arbeitslosigkeit zunehme. Dieses Argument wurde u.a. von Rifkin (1995) prominent vertreten. Dem widerspricht etwa die j\u00fcngste Entwicklung in den USA, wo trotz hoher Produktivit\u00e4tszuw\u00e4chse in den vergangenen Jahren die Besch\u00e4ftigung stark zugenommen hat. Produktivit\u00e4tsfortschritte f\u00fchren zu h\u00f6he-ren Einkommen, die wiederum eine zus\u00e4tzliche Arbeitsnachfrage induzieren. Der Umkehrschluss des Rifkin-Argumentes w\u00fcrde ausserdem bedeuten, dass ein tieferes Produktivit\u00e4tswachstum zu h\u00f6herer Besch\u00e4ftigung f\u00fchren m\u00fcsste, was in der Realit\u00e4t nicht zutrifft. Sowohl empirisch wie auch theoretisch ist demnach die oft ge\u00e4usserte Sorge, dass eine h\u00f6here Produktivit\u00e4t und ein h\u00f6heres Produktivit\u00e4tswachstum Arbeitspl\u00e4tze \u00abauffrisst\u00bb, unbegr\u00fcndet.&#13;<\/p>\n<h3>Wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Steigerung der Produktivit\u00e4t und ein h\u00f6heres Produktivit\u00e4tswachstum sind prim\u00e4r nicht eine staatliche Veranstaltung; gefordert sind vor allem die privaten Unternehmen. Der durch Produktivit\u00e4tsfortschritte ausgel\u00f6ste Strukturwandel betrifft zuerst die Unternehmen. Angesichts der fortschreitenden Globalisierung und des damit einhergehenden steigenden Wettbewerbsdrucks haben sie einen starken Anreiz, ihre Produktion effizienter und wettbewerbsf\u00e4higer zu gestalten. Dass diese Anreize bestehen, belegen etwa der hohe private Aufwand f\u00fcr Forschung und Entwicklung sowie die vielf\u00e4ltigen Aktivit\u00e4ten in der Lehrlingsausbildung und Weiterbildung der Belegschaften. \u00a0Produktivit\u00e4tsverbesserungen des privaten Sektors h\u00e4ngen aber nicht nur von den Anstrengungen der einzelnen Unternehmen, sondern auch von der staatlichen Wirtschaftspolitik ab. Hier sind die makro- und mikro\u00f6konomischen Rahmenbedingungen ausschlaggebend, die ein g\u00fcnstiges Klima f\u00fcr Produktivit\u00e4tssteigerungen schaffen. Dazu geh\u00f6ren etwa gute geld- und fiskalpolitische Rahmenbedingungen sowie eine fortschrittliche Wettbewerbs-, Steuer- und Aussenhandelspolitik, aber auch der laufende Unterhalt und Ausbau der \u00f6ffentlichen Infrastruktur. Eine hohe Wettbewerbsintensit\u00e4t sowie die internationale Offenheit der M\u00e4rkte sind f\u00fcr die kleine Schweiz besonders wichtig. Damit kann sichergestellt werden, dass die Anreize der Akteure stimmen und die Allokation der Produktionsfaktoren laufend optimiert wird. Gleichzeitig werden dadurch hohe Innovationsanreize sichergestellt. Bez\u00fcglich der internationalen Markt\u00f6ffnung gilt etwa die Personenfreiz\u00fcgigkeit mit der EU als Gl\u00fccksfall. Sie hat den erw\u00fcnschten positiven Effekt, dass sich der Bildungsmix der Zugewanderten deutlich verbessert und so einen markant positiven Wachstumsbeitrag geliefert hat. Grunds\u00e4tzlich wird die Schweiz mit ihrem sehr kleinen Heimmarkt ganz besonders von der weiter fortschreitenden internationalen Marktintegration profitieren. Die staatliche Wirtschaftspolitik wird aber weiterhin gefordert sein, die Rahmenbedingungen &#8211; etwa hinsichtlich der Bildungspolitik &#8211; laufend zu verbessern. Vgl. Bodmer (2007). In dieser Reformskizze von Avenir Suisse werden Vorschl\u00e4ge zu allen erw\u00e4hnten Bereichen unterbreitet und es wird dargelegt, welche Reformen in der kommenden Legislatur priorit\u00e4r anzugehen sind.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1 \u00abJ\u00e4hrliches durchschnittliches Wachstum der Stundenproduktivit\u00e4t und der Produktivit\u00e4t pro Erwerbst\u00e4tigen in der Schweiz, 1950-2006\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2 \u00abEntwicklung des BIP pro Kopf der Bev\u00f6lkerung und der Arbeitsproduktivit\u00e4t der Schweiz relativ zu den USA, 1950-2005\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 1 \u00abJ\u00e4hrliche durchschnittliche Wachstumsraten des BIP, des BIP pro Kopf der Bev\u00f6lkerung undder Stundenproduktivit\u00e4t (kaufkraftbereinigt) in den USA, der EU-15 und der Schweiz, 1950-2006\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 2 \u00abWachstumsbeitr\u00e4ge zum BIP und zum BIP pro Kopf der Bev\u00f6lkerung in der Schweiz, 1950-2006\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Berechnung der Wachstumsbeitr\u00e4ge an das BIP- und Pro-Kopf-Einkommenswachstum Die Wachstumsbeitr\u00e4ge in Tabelle 2 beruhen auf der folgenden tautologischen Zerlegung: \u0394(BIP) = \u0394(Pop) + \u0394(BIP\/Pop)(1) = (2) + (3) \u0394(BIP\/Pop) = \u0394(BIP\/h) + \u0394(h\/ET) + \u0394(ET\/EWF) + \u0394(EWF\/Pop) (3) = (4a) + (4b) + (6) + (7) = \u0394(BIP\/ET) + \u0394(ET\/EWF) + \u0394(EWF\/Pop) = (5) + (6) + (7)\u0394(BIP) Wachstum des BIP\u0394(Pop) Wachstum der Wohnbev\u00f6lkerung\u0394(BIP\/Pop) Wachstum des BIP pro Kopf der Bev\u00f6lkerung\u0394(BIP\/h) Wachstum der Stundenproduktivit\u00e4t\u0394(h\/ET) Wachstum des Arbeitsvolumens pro Erwerbst\u00e4tigen (ET)\u0394(BIP\/ET) Wachstum der Arbeitsproduktivit\u00e4t pro Erwerbst\u00e4tigen\u0394(ET\/EWF) Wachstum der Erwerbst\u00e4tigenquote mit EWF der Zahl der Erwerbsf\u00e4higen im Alter zwischen 15 und 64 Jahren\u0394(EWF\/Pop) Wachstum der Erwerbsf\u00e4higenquoteDas BIP-Wachstum wird durch das Wachstum der Wohnbev\u00f6lkerung und das Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens bestimmt. Letzteres wiederum wird durch die Zunahme der Arbeitsproduktivit\u00e4t und die Zunahme des Arbeitseinsatzes bestimmt. Der Arbeitseinsatz ist weiter aufgeteilt auf das Wachstum der Erwerbst\u00e4tigenquote, also dem Anteil der tats\u00e4chlich Erwerbst\u00e4tigen an den Erwerbsf\u00e4higen (Erwerbst\u00e4tigeneffekt), sowie der Erwerbsf\u00e4higenquote, also dem Anteil der Zahl Erwerbsf\u00e4higer im Alter zwischen 15 und 64 Jahren an der Wohnbev\u00f6lkerung (Demografieeffekt). In Tabelle 2 sind einerseits die Terme (6) und (7) zum Wachstumsbeitrag des Arbeitseinsatzes an das BIP pro Kopf der Bev\u00f6lkerung (8) und andererseits der Term (8) mit dem Bev\u00f6lkerungswachstum (2) zum Wachstumsbeitrag des Arbeitseinsatzes an das BIP-Wachstum zusammengefasst.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 2: Literatur &#8211; Crafts, Nicolas und Gianni, Toniolo (1996): Economic Growth in Europe since 1945. Cambridge University Press.- Baily, Martin N. und Jacob F. Kirkegaard (2004): Transforming the European Economy. Institute for International Economics. &#8211; Blanchard, Oliver (2004): The Economic Future of Europe, in: Journal of Economic Perspectives 18, 3-26.- Bodmer, Frank (2007): Aufschwung als Reformchance. Hrsg. durch Avenir Suisse, NZZ-Verlag. &#8211; Eichengreen, Barry (2007): The European Economy since 1945. Coordinated Capitalism and beyond. Princeton University Press.- OECD (2001): Measuring Productivity. OECD Manual. Measurement of Aggregate and Industry-Level Productivity Growth. Paris. &#8211; OECD (2007): The Contribution of Immigration to Prosperity can be raised further, in: OECD Economic Surveys Switzerland, Paris. &#8211; Rifkin, Jeremy (1995): The End of Work. Norton, New York.- Van Ark, Bart, Mary O&#8217;Mahony und Marcel P. Timmer (2008): The Productivity Gap between Europe and the United States: Trends and Causes, in: Journal of Economic Perspectives 22, 25-44.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp;&#13; &#13; Produktivit\u00e4tssteigerungen sind langfristig die einzige M\u00f6glichkeit, um die Wohlfahrt &#8211; sprich: das Pro-Kopf-Einkommen eines Landes &#8211; zu erh\u00f6hen. So gesehen sind Produktivit\u00e4tssteigerungen der Schl\u00fcssel zu wirtschaftlichem Erfolg und Prosperit\u00e4t. Bereits eine kleine Verlangsamung des Produktivit\u00e4tswachstums kann sich \u00fcber l\u00e4ngere Zeitr\u00e4ume zu grossen Differenzen im Wohlstandsniveau kumulieren. Gem\u00e4ss der \u00ab72er-Regel\u00bb dauert es bei einem [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":2695,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"om_disable_all_campaigns":false,"ep_exclude_from_search":false,"footnotes":""},"post__type":[66],"post_opinion":[],"post_serie":[],"post_content_category":[213],"post_content_subject":[],"acf":{"seco_author":2695,"seco_co_author":null,"author_override":"","seco_author_post_ocupation_year":"","seco_author_post_occupation_de":"Dr. rer. pol., Leiter der Direktion f\u00fcr Arbeit, Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft (Seco), Bern","seco_author_post_occupation_fr":"Chef de la Direction du travail, Secr\u00e9tariat d\u2019\u00c9tat \u00e0 l\u2019\u00e9conomie (Seco), Berne","seco_co_authors_post_ocupation":null,"short_title":"","post_lead":"Ein h\u00f6heres Wohlstandswachstum kann nur erreicht werden, wenn das im gesamtwirtschaftlichen Produktionsprozess eingesetzte Arbeitsvolumen und die Produktivit\u00e4t gesteigert werden. Da das Arbeitsvolumen nicht beliebig erh\u00f6ht werden kann, kommt dem Produktivit\u00e4tswachstum eine Schl\u00fcsselrolle zu. Eine zielf\u00fchrende Wachstumspolitik muss daher der Steigerung der Arbeitsproduktivit\u00e4t h\u00f6chste Aufmerksamkeit schenken. Nach einer einleitenden Kl\u00e4rung der wichtigsten Begriffe wird im nachfolgenden Artikel das Produktivit\u00e4tswachstum der Schweiz seit 1950 im internationalen Vergleich betrachtet. Abschliessend werden davon einige wirtschaftspolitische Folgerungen abgeleitet.","post_hero_image_description":"","post_hero_image_description_copyright_de":"","post_hero_image_description_copyright_fr":"","post_references_literature":"","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":123389,"main_focus":null,"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"8765","post_abstract":"","magazine_issue":null,"seco_author_reccomended_post":null,"redaktoren":null,"korrektor":null,"planned_publication_date":null,"original_files":null,"external_release_for_author":"19700101","external_release_for_author_time":"00:00:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/55b73fb382902"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/123386"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2695"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=123386"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/123386\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":128134,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/123386\/revisions\/128134"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2695"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=123386"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=123386"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=123386"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=123386"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=123386"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=123386"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}