{"id":123446,"date":"2008-03-01T12:00:00","date_gmt":"2008-03-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2008\/03\/naville-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:42:02","modified_gmt":"2023-08-23T21:42:02","slug":"naville","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2008\/03\/naville\/","title":{"rendered":"Wie die Schweiz den schwierigen Wettkampf um die Gunst der multinationalen Unternehmen gewinnen kann"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nMultinationale Firmen &#8211; im weiteren Multinationals genannt &#8211; sind \u00e4usserst wichtig f\u00fcr die Schweizer Wirtschaft (zur Definition siehe Kasten 1 Der vorliegende Artikel basiert auf einer gemeinsamen Studie der Swiss-American Chamber of Commerce und The Boston Consulting Group. Die Studie umfasst quantitative Analysen, eine Web-basierte Umfrage mit \u00fcber 100 Multinationals und intensive Interviews mit zwei Dutzend Wirtschaftsf\u00fchrern.In dieser Studie werden Multinationals definiert als Firmen mit Operationen in der Schweiz, die im Ausland mindestens 25% der Ums\u00e4tze generieren und (kumulativ) 25% der Mitarbeitenden besch\u00e4ftigen, unabh\u00e4ngig von Gr\u00f6sse oder Nationalit\u00e4t der Firmen. Die detaillierten Quellenangaben und Definitionen sind in der Studie vermerkt. Die Studie kann bezogen werden unter <a href=\"http:\/\/www.amcham.ch\">www.amcham.ch<\/a> oder bei martin.naville@amcham.ch.). Im Jahr 2004 erwirtschafteten sie zusammen 34% des gesamten Schweizer Bruttoinlandprodukts (BIP). Dabei entfielen 10% auf ausl\u00e4ndische und 24% auf schweizerische Unternehmen. Gleichzeitig werden die Multinationals durch die zunehmende Globalisierung immer flexibler. Sie zeichnen sich unter anderem durch folgende Eigenschaften aus:\u00a0&#8211; Sie verf\u00fcgen \u00fcber immer gr\u00f6ssere Erfahrung im Management einer globalen Firmenstruktur.\u00a0&#8211; Sie sind mehr und mehr in der Lage, einzelne Gesch\u00e4ftsbereiche weltweit zu verschieben.\u00a0&#8211; Der internationale Wettbewerbsdruck zwingt sie, ihren weltweiten Standortmix immer wieder neu zu optimieren.\u00a0\u00a0Diese Entwicklung bietet der Schweiz die Chance, neue Unternehmen oder zus\u00e4tzliche Gesch\u00e4ftsbereiche von bereits in der Schweiz t\u00e4tigen Unternehmen anzuziehen. Gleichzeitig w\u00e4chst aber auch die Gefahr, Unternehmen oder einzelne Gesch\u00e4ftsbereiche an andere Standorte zu verlieren. Folglich ist es von zentraler Bedeutung, dass sich die Schweiz weiterhin mit allen Mitteln sowohl um schweizerische als auch um ausl\u00e4ndische Multinationals bem\u00fcht. Insgesamt stehen heute 34% des Schweizer BIP auf dem Spiel; dar\u00fcber hinaus besteht ein bedeutendes Potenzial.&#13;<\/p>\n<h2>Ausl\u00e4ndische Multinationals zieht es in die Schweiz&#8230;<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nBei der Standortwahl st\u00fctzen sich Multinationals immer wieder auf die gleichen Kriterien: Arbeitskosten, Zugang zu den grossen M\u00e4rkten, politische Stabilit\u00e4t, steuerliches Umfeld, Qualit\u00e4t der Infrastruktur und ein Know-how-freundliches Umfeld, das Aus- und Weiterbildung f\u00f6rdert sowie Innovationen sch\u00fctzt. Ausl\u00e4ndische Multinationals kommen aus spezifischen Gr\u00fcnden in die Schweiz: Verf\u00fcgbarkeit von qualifizier-ten Arbeitskr\u00e4ften, ausgewogene Steuerbelastung, hohe Lebensqualit\u00e4t, solide Infrastruktur und ein stabiles politisches Umfeld. Ihr Anteil an Besch\u00e4ftigung und BIP hat zwischen 2000 und 2004 mit einem j\u00e4hrlichen Wachstum von 3% bzw. 5% stark zugenommen.&#13;<\/p>\n<h2>&#8230;w\u00e4hrend Schweizer Multinationals T\u00e4tigkeiten auslagern<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAnders sieht es bei den Schweizer Multinationals aus. Sie verschieben Teile ihrer Wertsch\u00f6pfung ins Ausland, und dies vornehmlich aus drei Gr\u00fcnden: Zugang zu grossen M\u00e4rkten, Verf\u00fcgbarkeit von g\u00fcnstigen Arbeitskr\u00e4ften und besserer Zugang zu hervorragend ausgebildetem Personal. Low-cost-Funktionen &#8211; wie Shared Services &#8211; und Produktionst\u00e4tigkeiten, die einen geringen Mehrwert schaffen &#8211; so genanntes Low-value-added Manufacturing -, werden nach Indien, China und in einige L\u00e4nder Osteuropas ausgelagert. Aber auch andere Gesch\u00e4ftsbereiche und zunehmend h\u00f6her qualifizierte T\u00e4tigkeiten werden verlagert. So wurden beispielsweise F&amp;E-Aktivit\u00e4ten in die USA, nach Deutschland oder China ausgelagert, weil diese L\u00e4nder daf\u00fcr ein besseres Umfeld bieten, insbesondere was die Verf\u00fcgbarkeit von spezialisierten Arbeitskr\u00e4ften und die entsprechende Infrastruktur anbelangt. In der Schweiz herrscht Knappheit an spezialisierten Arbeitskr\u00e4ften wie Ingenieuren und Wissenschaftlern &#8211; ein gef\u00e4hrlicher Trend f\u00fcr die Schweizer Volkswirtschaft. \u00a0Aufgrund dieser Entwicklung sind sowohl der Anteil der schweizerischen Multinationals am BIP als auch ihr Anteil an der Gesamtbesch\u00e4ftigung zwischen 2000 und 2004 um 2,4% pro Jahr zur\u00fcckgegangen (siehe Grafik 1). In der gleichen Zeitspanne haben die rein schweizerischen Unternehmen, die f\u00fcr die \u00fcbrigen 66% des BIP sorgen, ihren Anteil erh\u00f6ht. Bei n\u00e4herer Betrachtung zeigt sich, dass der \u00f6ffentliche Sektor beinahe die H\u00e4lfte zu diesem Wachstum beitr\u00e4gt. Der \u00fcbrige Anteil wurde haupts\u00e4chlich von Finanzdienstleistern und Versicherungsgesellschaften generiert, die stark von den Entwicklungen auf den internationalen Finanzm\u00e4rkten abh\u00e4ngig sind.&#13;<\/p>\n<h2>Der Standortwettbewerb versch\u00e4rft sich<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn den letzten zehn Jahren hat sich der Wettbewerb der L\u00e4nder um die Multinationals versch\u00e4rft. Die zehn f\u00fchrenden Nationen im Standortwettbewerb sind in den letzen Jahren deutlich n\u00e4her zusammenger\u00fcckt. Die Entwicklung des Global Competitive Index des World Economic Forum (WEF GCI) zeigt dies auf eindr\u00fcckliche Weise. Die Schweiz konnte &#8211; absolut und relativ gesehen &#8211; ihre Position st\u00e4ndig verbessern und belegte 2006 den 1. Rang. Das ist eine eindrucksvolle Leistung. Trotzdem schneidet die Schweiz bei einigen f\u00fcr die Ansiedlung von Multinationals wesentlichen Unterkategorien schlecht ab, beispielsweise bei den Formalit\u00e4ten zur Anstellung von ausl\u00e4ndischen Arbeitskr\u00e4ften, bei Handelshemmnissen und bei der \u00abEase of Doing Business\u00bb. W\u00e4hrend das WEF die Schweiz an die Spitze setzt, sehen andere Studien mit \u00e4hnlichen Ranglisten, aber unterschiedlichen Schwerpunkten die Eidgenossenschaft lediglich rund auf dem zehnten Rang, hinter wichtigen europ\u00e4ischen Konkurrenten wie Irland oder den Niederlanden. \u00a0Die Schweiz darf sich nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen, denn die internationale Konkurrenz wird immer st\u00e4rker. Andere Standorte gewinnen an Attraktivit\u00e4t und werben aktiver um die immer mobileren Multinationals.&#13;<\/p>\n<h2>Standort Schweiz mit vielen St\u00e4rken, aber auch Schw\u00e4chen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEine Umfrage bei mehr als 100 Multinationals, die heute mit grossen Operationen in der Schweiz t\u00e4tig sind, zeigt deutliche St\u00e4rken und Schw\u00e4chen des Standorts Schweiz. So werden St\u00e4rken wie Lebensqualit\u00e4t, Sicherheit, politische Stabilit\u00e4t, Unternehmenssteuersatz, liberaler Arbeitsmarkt und die hoch qualifizierten Arbeitskr\u00e4fte klar erkannt. Gleichzeitig aber werden auch klare Schw\u00e4chen der Schweiz im Vergleich zu alternativen Standorten beschrieben: Verf\u00fcgbarkeit und Flexibilit\u00e4t von qualifizierten Arbeitnehmenden, Anzahl internationaler Fl\u00fcge, Komplexit\u00e4t der Besteuerung, Unterst\u00fctzung durch die Beh\u00f6rden, Arbeitserlaubnisse und das Vorhandensein relevanter Industriecluster. Weitere wichtige Defizite werden bei Qualit\u00e4t und Quantit\u00e4t internationaler Ausbildungsinstitute und bei der Besteuerung nat\u00fcrlicher Personen &#8211; d.h. einzelne Arbeitnehmende &#8211; erw\u00e4hnt.&#13;<\/p>\n<h2>F\u00fcnf entscheidende Massnahmenpakete<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAus dem St\u00e4rken-Schw\u00e4chen-Profil des Standorts Schweiz hat die Studie f\u00fcnf Bereiche identifiziert, in denen die Schweiz aktiv werden muss. Nur so kann sie ihre Wettbewerbsf\u00e4higkeit erhalten und f\u00fcr Schweizer und ausl\u00e4ndische Multinationals attraktiv bleiben.&#13;<\/p>\n<h3>Bei den Steuern wettbewerbsf\u00e4hig bleiben<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nF\u00fcr die meisten Multinationals sind die Steuern bereits zu Beginn einer Standort\u00fcberpr\u00fcfung ein Knockout-Kriterium. Im weiteren Verlauf des Evaluationsprozesses werden andere Faktoren entscheidender. \u00dcber st\u00e4ndige Reformen muss die gesamte Steuerbelastung der Multinationals in der Schweiz mit den besten Alternativl\u00e4ndern wettbewerbsf\u00e4hig bleiben. Negative Entwicklungen w\u00fcrden rasch zu Vertrauensverlust und Verschiebung der Wertsch\u00f6pfung f\u00fchren.&#13;<\/p>\n<h3>Arbeitserlaubnis f\u00fcr hoch qualifizierte und spezialisierte ausl\u00e4ndische Arbeitskr\u00e4fte erleichtern<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDies wird immer wichtiger, weil sich der Wettbewerb um hoch qualifizierte und spezialisierte Arbeitskr\u00e4fte versch\u00e4rft &#8211; insbesondere dann, wenn sich in der Schweiz weiterhin zus\u00e4tzliche ausl\u00e4ndische Multinationals ansiedeln. Nat\u00fcrlich setzt jede Neuregelung in diesem Bereich eine ganzheitliche Betrachtung der Einwanderungspolitik voraus. Ausschlaggebend wird ein differenzierter Ansatz sein, der sowohl auf die Bed\u00fcrfnisse der Wirtschaft wie auch auf humanit\u00e4re Anliegen eingeht. Gerade im Bereich der Ausbildung sind gr\u00f6ssere Anstrengungen notwendig, um den heimischen Know-how-Pool zu verbessern.&#13;<\/p>\n<h3>Einheitliche Schnittstelle der Kantone gegen\u00fcber Multinationals einrichten<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDamit soll verhindert werden, dass Multinationals mit widerspr\u00fcchlichen Informationen konfrontiert werden. Heute sind weit \u00fcber die H\u00e4lfte der Gesch\u00e4ftsleitungen der Multinationals Ausl\u00e4nder, welche die einzigartigen politischen Strukturen der Schweiz (kein Regierungschef, dreistufiger F\u00f6deralismus mit \u00dcbergewicht in den unteren Stufen) kaum verstehen. Mehr Transparenz und zentral auf Bundesebene angesiedelte Problem-L\u00f6sungshilfen sind zwingend n\u00f6tig. Gleichzeitig sollen die dezentralen, effizienten und massgeschneiderten Dienstleistungen, welche die einzelnen Kantone heute erbringen, weitergef\u00fchrt werden.&#13;<\/p>\n<h3>Kapazit\u00e4tsschw\u00e4chen bei der Infrastruktur angehen<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nMit der zunehmenden Globalisierung w\u00e4chst auch das Bed\u00fcrfnis der Multinationals nach ungehindertem Austausch von G\u00fctern und Personen zwischen den wichtigsten Standorten. Diese Anforderung kann erf\u00fcllt werden, wenn die entsprechende Infrastruktur zur Verf\u00fcgung steht. Das heisst: bessere Flugverbindungen aus den drei internationalen Flugh\u00e4fen, bessere \u00f6ffentliche IT-Infrastruktur (die Schweiz liegt hier zurzeit auf dem 9. Rang im WEF Global Information Technology Index), weniger administrative H\u00fcrden und besserer Zugang zu internationalen Schulen f\u00fcr Kinder von F\u00fchrungskr\u00e4ften und Spezialisten.&#13;<\/p>\n<h3>Kommunikationsmassnahmen des Standorts Schweiz weiterf\u00fchren und verst\u00e4rken<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Schweiz m\u00fcsste als bester Platz f\u00fcr internationale Gesch\u00e4ftst\u00e4tigkeiten etabliert und diese Aussage in aller Deutlichkeit und einheitlich kommuniziert werden. Die erfolgreiche nationale Marketing-Kampagne f\u00fcr die touristische Schweiz als \u00abHeidiland\u00bb dient als gutes Beispiel daf\u00fcr, wie die Regierung eine stimmige Aussage zur Vermarktung des Business-Standorts Schweiz kreieren k\u00f6nnte. Heute besteht jedoch ein krasses Ungleichgewicht: Die Schweizer Tourismuswerbung hat 25-mal und die kantonalen Wirtschaftsf\u00f6rderer 15-mal mehr Mittel als die Promotion der Schweiz als \u00abBest Place to do Business\u00bb.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Schweiz befindet sich in einer ausgezeichneten Ausgangslage und verf\u00fcgt \u00fcber ein riesiges Potenzial, um gest\u00e4rkt aus dem Rennen um den besten Wirtschaftsstandort hervorzugehen. Dar\u00fcber hinaus geniesst sie den Goodwill von CEOs und weiteren wichtigen Entscheidungstr\u00e4gern. Dennoch ist es ungewiss, ob die Schweiz ihre Chance wirklich ergreifen wird. Sollte sie sich diese M\u00f6glichkeit entgehen lassen, w\u00e4re dies mit grossen Risiken verbunden. Ohne massive Anstrengungen k\u00f6nnte ein bedeutender Anteil der Wertsch\u00f6pfung multinationaler Unternehmen in den n\u00e4chsten 10 bis 15 Jahren in andere L\u00e4nder abwandern.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1 \u00abGlobalisierung verlangt eine neue Sicht auf die Wirtschaft\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2 \u00abSt\u00e4rken und Schw\u00e4chen der Schweiz\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Quellen und Definition Der vorliegende Artikel basiert auf einer gemeinsamen Studie der Swiss-American Chamber of Commerce und The Boston Consulting Group. Die Studie umfasst quantitative Analysen, eine Web-basierte Umfrage mit \u00fcber 100 Multinationals und intensive Interviews mit zwei Dutzend Wirtschaftsf\u00fchrern.In dieser Studie werden Multinationals definiert als Firmen mit Operationen in der Schweiz, die im Ausland mindestens 25% der Ums\u00e4tze generieren und (kumulativ) 25% der Mitarbeitenden besch\u00e4ftigen, unabh\u00e4ngig von Gr\u00f6sse oder Nationalit\u00e4t der Firmen. Die detaillierten Quellenangaben und Definitionen sind in der Studie vermerkt. Die Studie kann bezogen werden unter <a href=\"http:\/\/www.amcham.ch\">www.amcham.ch<\/a> oder bei martin.naville@amcham.ch.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp;&#13; &#13; Multinationale Firmen &#8211; im weiteren Multinationals genannt &#8211; sind \u00e4usserst wichtig f\u00fcr die Schweizer Wirtschaft (zur Definition siehe Kasten 1 Der vorliegende Artikel basiert auf einer gemeinsamen Studie der Swiss-American Chamber of Commerce und The Boston Consulting Group. 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