{"id":123496,"date":"2008-01-01T12:00:00","date_gmt":"2008-01-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2008\/01\/buetler-engler-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:42:41","modified_gmt":"2023-08-23T21:42:41","slug":"buetler-engler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2008\/01\/buetler-engler\/","title":{"rendered":"Welche Rolle spielt der Faktor Gesundheit beim Erwerbsr\u00fccktritt?"},"content":{"rendered":"<p>In den vergangenen Jahren ist in der Erforschung des Ruhestandsentscheids viel geleistet worden. Dennoch bleiben gerade bez\u00fcglich der Bedeutung des Faktors Gesundheit Fragen offen. Erste Auswertungen des Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (Share) liefern interessante Informationen. Hinter dem institutionellen Rahmen des Sozialversicherungssystems scheinen sowohl der physische als auch der mentale Gesundheitszustand beim Erwerbsaustritt eine wichtige Rolle zu spielen. Eine Untersuchung der Fr\u00fchpensionierungsabsichten legt allerdings auch nahe, dass die Bedingungen am Arbeitsplatz mindestens ebenso bedeutsam sind.<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/200801_23_Buetler-Engler_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"245\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIm Zuge der demografischen Entwicklung wird die Knappheit an Arbeitskr\u00e4ften zur grossen Herausforderung f\u00fcr wirtschaftliches Wachstum und Sozialstaat: Eine bessere Aussch\u00f6pfung des Erwerbspersonenpotenzials tut not. Das Augenmerk richtet sich zusehends auf die \u00e4lteren Arbeitskr\u00e4fte, welche &#8211; als zweite Bev\u00f6lkerungsgruppe neben den Frauen &#8211; eine relativ niedrige Erwerbsbeteiligung aufweisen. Die Forderung nach einem h\u00f6heren Rentenalter oder nach Massnahmen, die zu einer Ann\u00e4herung des tats\u00e4chlichen Erwerbsr\u00fccktrittsalters an die geltende Pensionierungsgrenze f\u00fchren, ist schon mehrfach ge\u00e4ussert worden. Sie setzt aber voraus, dass \u00e4ltere Arbeitnehmende sowohl willens als auch in der Lage sind, ihre Erwerbst\u00e4tigkeit fortzusetzen.&#13;<\/p>\n<h2>Auf institutionellen Rahmen und finanzielle Situation ausgerichtete Forschung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nZu den Bestimmungsfaktoren des Ruhestandsentscheids ist in den letzten Jahren in der Schweiz wie im Ausland intensiv geforscht worden. Oft lag der Fokus auf dem Einfluss des institutionellen Rahmens der Sozialversicherungssysteme &#8211; mit klaren Ergebnissen: Je grossz\u00fcgiger und zug\u00e4nglicher diese ausgestaltet sind, desto geringer ist die Erwerbsneigung. Vgl. Gruber und Wise (2004). F\u00fcr die Schweiz weisen Riphahn und Sheldon (2006) nach, dass die Erh\u00f6hung des Frauenrentenalters von 62 auf 63 Jahre im Jahr 2001 die Neigung, sich mittels des erstmals m\u00f6glichen AHV-Rentenvorbezugs trotzdem mit Alter 62 pensionieren zu lassen, um \u00fcber die H\u00e4lfte reduziert hat. \u00a0Auch der Einfluss der Einkommens- und Verm\u00f6genssituation auf den Ruhestandsentscheid ist eindeutig. Mit den finanziellen M\u00f6glichkeiten steigt die Tendenz der Fr\u00fchpensionierung. Eine Schl\u00fcsselrolle spielt dabei das berufliche Vorsorgekapital. Das Heranreifen der zweiten S\u00e4ule hat in den letzten Jahren breiten Bev\u00f6lkerungsschichten h\u00f6here Einkommensersatzraten im Alter sowie eine bessere Finanzierbarkeit der Fr\u00fchpensionierung beschert. B\u00fctler et al. (2004) vermuten darin die wesentliche Ursache f\u00fcr den Anstieg der Fr\u00fchpensionierungen in den Neunzigerjahren. Dazu passt die Beobachtung, dass sich Fr\u00fchrentner verbreitet komfortabler finanzieller Verh\u00e4ltnisse erfreuen. Trotz fehlender oder unvollst\u00e4ndiger Erwerbseinkommen unterscheiden sich deren Gesamthaushaltseinkommen nicht signifikant von jenen der Erwerbst\u00e4tigen. Vgl. Dorn und Sousa-Poza (2005).&#13;<\/p>\n<h2>Faktor Gesundheit: In der Schweiz vernachl\u00e4ssigt<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nNeben den institutionellen und finanziellen Determinanten als \u00e4ussere Faktoren sind es die pers\u00f6nlichen Voraussetzungen, welche die Ruhestandsentscheidung beeinflussen. Auch in diesem Bereich sind verschiedene Faktoren &#8211; wie zum Beispiel das Geschlecht, das Bildungsniveau oder der Haushaltszusammenhang &#8211; untersucht worden. Wenig Beachtung hat dagegen der Faktor Gesundheit gefunden. Abgesehen von der pauschalen Feststellung, dass zwischen der schlechten Gesundheit und dem fr\u00fchen Ausscheiden aus dem Erwerbsleben ein Zusammenhang besteht, sind f\u00fcr die Schweiz detaillierte Aussagen zum physischen und mentalen Befinden noch kaum vorhanden. Diese L\u00fccke ist erstaunlich, geh\u00f6ren doch die Gesundheit bzw. die Invalidit\u00e4t zu den meistgenannten Gr\u00fcnden f\u00fcr das vorzeitige Ausscheiden aus dem Erwerbsleben. Aus der Schweizerischen Arbeitskr\u00e4fteerhebung (Sake) geht hervor, dass &#8211; je nach Altersjahr &#8211; bis zur H\u00e4lfte der Betroffenen ihre Fr\u00fchpensionierung auf den schlechten Gesundheitszustand zur\u00fcckf\u00fchren. \u00a0Im Gegensatz zur Schweiz finden sich in der internationalen Literatur mehrere Analysen zu den gesundheitlichen Aspekten des Ruhestandsentscheids. Die kausale Wirkung der Gesundheit auf den Arbeitsmarktaustritt ist dort mehrfach best\u00e4tigt worden. Vgl. z.B. Lindeboom und Kerkhofs (2002). Allerdings zeigen die meisten Studien auch, dass der Einfluss des Faktors Gesundheit kleiner wird, sobald andere &#8211; vor allem finanzielle &#8211; Gr\u00f6ssen mit ins Spiel gebracht werden. So stellen Hurd et al. (2002) fest, dass der Gesundheitszustand zwar einen Effekt auf die Pensionierungsentscheidung hat, die Mehrheit der Arbeitnehmenden aber Altersleistungen beantragen, sobald sie auf diese zugreifen k\u00f6nnen. Daneben scheinen vor allem abrupte, noch nicht lange zur\u00fcckliegende Erkrankungen zum Arbeitsmarktaustritt (h\u00e4ufig via die Invalidit\u00e4tsversicherung) zu bewegen. Personen mit chronischen, schon relativ lange andauernden Gesundheitsbeschwerden bleiben dagegen oft auch im Alter erwerbst\u00e4tig. Vgl. Bound et al. (1998).&#13;<\/p>\n<h2>Auswertung der Share-Befragung 2004<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nF\u00fcr eine empirische \u00dcberpr\u00fcfung des Zusammenhangs in der Schweiz steht mit Share ein interessanter Datensatz zur Verf\u00fcgung. Share ist eine interdisziplin\u00e4r organisierte Befragung der \u00fcber 50-j\u00e4hrigen Bev\u00f6lkerung in elf europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, darunter die Schweiz. Erfragt werden die individuellen Lebensumst\u00e4nde mit spezifischen Informationen zu den Bereichen Gesundheit (z.B. Indikatoren zur physischen und mentalen Gesundheit, kognitive F\u00e4higkeiten, Nutzung der Gesundheitsinfrastruktur), wirtschaftliche Situation, Beruf (Stellung, Arbeitsbedingungen und -zufriedenheit), Bildung und Begabung sowie soziale Integration (famili\u00e4re Netzwerke, gesellschaftliches Engagement, empfangene Hilfeleistungen). Derzeit sind die Daten der ersten Befragungswelle aus dem Jahr 2004 verf\u00fcgbar. Damit ist eine abschliessende Beurteilung der Kausalit\u00e4t zwischen Gesundheit und Nichterwerbst\u00e4tigkeit zwar noch nicht m\u00f6glich. F\u00fcr die Analyse bieten sich aber drei verschiedene Sichten auf die Daten an, die jeweils andere Aspekte beleuchten:\u00a0&#8211; Erwerbst\u00e4tige vs. Nichterwerbst\u00e4tige vor dem offiziellen Rentenalter: Ein erstes Bild \u00fcber die Arbeitsmarktf\u00e4higkeit und die Gr\u00fcnde des Erwerbsaustritts \u00e4lterer Menschen ergab sich aus dem direkten Vergleich von erwerbst\u00e4tigen und fr\u00fchpensionierten Personen. Untersucht wurde, wie sich (objektive) physische Gesundheitsindikatoren im Vergleich zur finanziellen Situation und zu pers\u00f6nlichen Charakteristika wie Alter oder Bildung auf die Wahrscheinlichkeit eines Erwerbsaustritts auswirken. \u00a0&#8211; Fr\u00fchpensionierungsabsichten der Erwerbst\u00e4tigen: Eine andere Ann\u00e4herung an die Determinanten der Ruhestandsentscheide wurde \u00fcber die erfragten Fr\u00fchpensionierungsabsichten der Erwerbst\u00e4tigen erreicht. Der Fokus auf den geplanten Ruhestandszeitpunkt hat den Vorteil, dass sich Endogenit\u00e4tsprobleme (aufgrund der unbestimmten Wirkungsrichtung im Zusammenhang Gesundheit\/Erwerbsr\u00fccktritt) ein St\u00fcck weit umgehen lassen. Damit k\u00f6nnen auch eher subjektive Gesundheitsindikatoren und Angaben zu den Arbeitsbedingungen auf ihre Auswirkungen auf den Ruhestandsentscheid untersucht werden. \u00a0&#8211; Gesundheitszustand der Personen im (vorzeitigen oder regul\u00e4ren) Ruhestand: W\u00e4hrend in den ersten beiden Analyseschritten die Auswirkungen des Gesundheitszustands auf den Ruhestandsentscheid untersucht wurden, sollte die Ursache-Wirkungskette auch in die andere Richtung \u00fcberpr\u00fcft werden: Hat die vorzeitige Pensionierung Auswirkungen auf die Gesundheit? Im Vordergrund stand die Abh\u00e4ngigkeit mentaler Gesundheitsindikatoren von Zeitpunkt und Grund der Pensionierung.&#13;<\/p>\n<h2>Ergebnisse: Hohes Gewicht des Versorgungsniveaus der zweiten S\u00e4ule<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nTreibende Kraft f\u00fcr die Wahl des Erwerbsaustritts ist &#8211; weit vor allen gesundheitlichen Aspekten &#8211; die Ausgestaltung des institutionellen Rahmens der Sozialversicherungen. Rund die H\u00e4lfte der pensionierten Personen gibt an, sich aufgrund des Erreichens des offiziellen Rentenalters zur Ruhe gesetzt zu haben. Bereits vor dem AHV-Rentenalter sinkt jedoch die Erwerbst\u00e4tigkeit beim Erreichen bestimmter Altersstufen stark ab. So sind in der Schweiz im Alter von 60 Jahren noch 75% der M\u00e4nner erwerbst\u00e4tig, mit 63 sind es nur noch 46% und mit 64 weniger als ein Drittel. Dies d\u00fcrfte &#8211; neben der Zug\u00e4nglichkeit zu (vorgezogenen) Rentenleistungen &#8211; vor allem das hohe Vorsorgeniveau in der zweiten S\u00e4ule widerspiegeln, welches einen fr\u00fcheren Erwerbsausstieg f\u00fcr eine breite Bev\u00f6lkerungsschicht erm\u00f6glicht.&#13;<\/p>\n<h3>Faktor Gesundheit: Unklare Ursache-Wirkungskette<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Faktor Gesundheit ist ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zwischen den erwerbst\u00e4tigen und nicht erwerbst\u00e4tigen Personen vor dem AHV-Rentenalter. Erwerbst\u00e4tige Personen sind deutlich seltener von gesundheitlichen Problemen betroffen; Grafik 1 illustriert dies am Beispiel der M\u00e4nner. Damit ist allerdings noch nichts \u00fcber die Ursache-Wirkungskette gesagt. Eine schlechte Gesundheit k\u00f6nnte den Erwerbsaustritt beschleunigt haben. Es k\u00f6nnte aber genauso gut sein, dass \u00e4ltere Menschen durch einen vorzeitigen (eventuell erzwungenen) Altersr\u00fccktritt krank werden.\u00a0Die Gesundheit verliert an Gewicht, wenn statt der effektiven Fr\u00fchpensionierungen die geplanten vorzeitigen Erwerbsaustritte betrachtet werden. In dieser Perspektive r\u00fccken &#8211; neben den institutionellen Faktoren &#8211; die Arbeitsbedingungen in den Vordergrund: Arbeitszufriedenheit, Anerkennung f\u00fcr die Arbeitsleistung, aber auch eine ad\u00e4quate Entl\u00f6hnung und Aufstiegsm\u00f6glichkeiten sind signifikante Faktoren, welche die Pensionierungsabsichten formen. Erwerbst\u00e4tige, die mit ihrem Arbeitsumfeld zufrieden sind, haben deutlich seltener die Absicht, fr\u00fchzeitig in Rente zu gehen (vgl. Grafik 2). Dies weist einerseits darauf hin, dass zufriedene Mitarbeitende in h\u00f6herem Mass bereit sind, sich mit allf\u00e4lligen Gesundheitsproblemen zu arrangieren, und ihnen dies dank dem positiven Umfeld auch besser gelingt. Andererseits ist es nicht unwahrscheinlich, dass schlechte Arbeitsbedingungen im Verlauf der Jahre zu mentalen oder k\u00f6rperlichen Gesundheitsproblemen f\u00fchren und schliesslich einen vorzeitigen Erwerbsaustritt erzwingen. M\u00f6glich ist ferner, dass die Fr\u00fchpensionierung durch ein schlechtes Arbeitsumfeld per se motiviert wird. Die Betroffenen gestehen dies allenfalls nicht ein, sondern geben als Grund des vorzeitigen Ruhestands Gesundheitsprobleme an, da dies gesellschaftlich besser akzeptiert wird (sog. justification bias). \u00a0Weitere Hinweise auf eine nicht eindeutige Ursache-Wirkungskette finden sich im Vergleich des Gesundheitszustands von Personen im Rentenalter. Insbesondere M\u00e4nner, die sich vorzeitig pensionieren liessen, sind h\u00e4ufiger psychisch angeschlagen. Bei pensionierten Frauen ist gleichzeitig festzustellen, dass der Erwerbsr\u00fccktritt zugunsten des Familienlebens oder eines freiwilligen, gemeinn\u00fctzigen Engagements mit einem besseren mentalen Gesundheitszustand einhergeht. Mit den heute verf\u00fcgbaren Daten lassen sich daher Kausalit\u00e4ten noch nicht eindeutig bestimmen. Die Resultate lassen aber die Vermutung zu, dass das mentale Wohlbefinden von einer gewissen Betriebsamkeit und allenfalls dem Gef\u00fchl, \u00abnoch gebraucht zu werden\u00bb, abh\u00e4ngig ist. Die M\u00e4nner scheinen dies st\u00e4rker im Erwerbsprozess zu suchen als die Frauen.&#13;<\/p>\n<h2>Handlungsimplikationen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAus den gewonnenen Erkenntnissen lassen sich drei Handlungsbereiche ableiten: \u00a0&#8211; Korrekturen am institutionellen Rahmen des Sozialversicherungssystems;\u00a0&#8211; Verbesserung der Besch\u00e4ftigungsf\u00e4higkeit von \u00e4lteren Arbeitskr\u00e4ften;\u00a0&#8211; Schaffung von altersad\u00e4quaten Arbeitsbedingungen. \u00a0\u00a0Korrekturen am institutionellen Rahmen k\u00f6nnen an verschiedenen Orten ansetzen. Naheliegend ist die Erh\u00f6hung des allgemeinen (AHV-)Rentenalters, ab welchem Leistungen der ersten und zweiten S\u00e4ule f\u00e4llig werden. Damit w\u00fcrde sich das Erwerbsaustrittsalter nach oben verschieben, auch wenn das effektive Rentenalter weiterhin unter dem offiziellen Rentenalter zu liegen k\u00e4me. Ein h\u00f6heres Rentenalter verl\u00e4ngerte zudem den Planungs- und Investitionshorizont der Arbeitgeber und Arbeitnehmenden. Damit w\u00fcrden beispielsweise Investitionen in die Weiterbildung oder in gesundheitsspezifische Anpassungen des Arbeitsplatzes auch f\u00fcr \u00e4ltere Arbeitnehmende wieder lohnender, da sie \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum genutzt bzw. abgeschrieben werden k\u00f6nnten. \u00a0Oft gefordert wird eine weitere Flexibilisierung des Rentenalters. Sie ist insofern w\u00fcnschbar, als dadurch der stufenweise R\u00fcckzug aus dem Erwerbsleben erm\u00f6glicht wird. Die Minimalanforderung an ein flexibilisiertes Rentenalter ist allerdings die versicherungstechnisch korrekte Anpassung der fr\u00fcher und sp\u00e4ter bezogenen Renten. Ein fr\u00fchzeitiges Ausscheiden aus dem Arbeitsmarkt darf nicht belohnt, ein l\u00e4ngerer Verbleib nicht bestraft werden. Dies ist der entscheidende, f\u00fcr die Umsetzung jedoch zugleich problematische Punkt: W\u00e4hrend in der staatlichen ersten S\u00e4ule einer solchen Anforderung noch relativ direkt nachgekommen werden k\u00f6nnte, m\u00fcsste bei einer Durchsetzung in der zweiten S\u00e4ule &#8211; und vor allem in deren \u00dcberobligatorium &#8211; ein massiver Eingriff in den privatrechtlichen Rahmen in Kauf genommen werden. \u00a0Eine wichtige Rolle bei der Fr\u00fchpensionierung spielen schliesslich die zweite und steuerlich beg\u00fcnstigte dritte S\u00e4ule. Durch die Absenkung des (versicherungsmathematisch immer noch zu hohen) Umwandlungssatzes und die gr\u00f6ssere Zur\u00fcckhaltung der Pensionskassen bei der Subventionierung fr\u00fchzeitiger Altersr\u00fccktritte sollten die von der zweiten S\u00e4ule ausgehenden Anreize f\u00fcr Fr\u00fchpensionierungen automatisch schw\u00e4cher werden. Allenfalls beg\u00fcnstigt auch die M\u00f6glichkeit des Kapitalbezugs in der beruflichen Vorsorge &#8211; kombiniert mit bedarfsabh\u00e4ngigen AHV-Erg\u00e4nzungsleistungen oder der Sozialhilfe &#8211; einen vorzeitigen Altersr\u00fccktritt. Vgl. B\u00fctler und Teppa (2007). Zur Wahrung der Einkommenssicherung im Alter w\u00e4re der Kapitalbezug erst beim Erreichen einer minimalen lebenslangen Rente (zum Beispiel im Rahmen des bei den AHV-Erg\u00e4nzungsleistungen ermittelten Bedarfs) zu erlauben.&#13;<\/p>\n<h3>Eng begrenzte staatliche Mittel ausserhalb des institutionellen Rahmens<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nKorrekturen am institutionellen Rahmen sind der zentrale Hebel, um die Besch\u00e4ftigungsquote des \u00e4lteren Teils der Bev\u00f6lkerung zu erh\u00f6hen. Ohne Anpassungen am institutionellen Rahmen ist die Gefahr gross, dass Anstrengungen in anderen Bereichen wirkungslos verpuffen. Nichtsdestotrotz bedingen sie Massnahmen in Bezug auf die bessere Besch\u00e4ftigungsf\u00e4higkeit der \u00c4lteren und die Ausgestaltung der Arbeitsbedingungen. Nur, den diesbez\u00fcglichen staatlichen Handlungsm\u00f6glichkeiten sind enge Grenzen gesetzt: Sie betreffen Massnahmen, die gr\u00f6sstenteils im privatwirtschaftlichen Rahmen stattfinden. Der Staat kann in der Aufkl\u00e4rung und Sensibilisierung Aufgaben \u00fcbernehmen. Allenfalls sind finanzielle Anreize m\u00f6glich; mit der steuerlichen Absetzbarkeit von Weiterbildungskosten ist dieser Weg weitgehend ausgesch\u00f6pft. Es bleibt wenig Handlungsspielraum &#8211; ausser als Arbeitgeber mit gutem Vorbild voranzugehen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1 \u00abGesundheitsmerkmale von nicht erwerbst\u00e4tigen und erwerbst\u00e4tigen 50- bis 64-j\u00e4hrigen M\u00e4nnern, 2004\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2 \u00abArbeitsbedingungen der bis 64-j\u00e4hrigen erwerbst\u00e4tigen Frauen mit und ohne Fr\u00fchpensionierungsabsichten, 2004\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 1: Literaturhinweise<\/b>&#13;<br \/>\n&#8211; Bound, J., M. Schoenbaum, T. R. Stinebrickner und T. Waidmann (1998): The Dynamic Effects of Health on the Labor Force Transitions of Older Workers, NBER Working Paper, Nr. 6777.- B\u00fctler, M., O. Huguenin und F. Teppa (2004): What Triggers Early Retirement? Results from Swiss Pension Funds, CEPR Discussion Paper, Nr. 4394.- B\u00fctler, M., und F. Teppa (2007): The Choice between an Annuity and a Lump Sum: Results from Swiss Pension Funds, Journal of Public Economics, 2007, BD. 91, Nr. 10, S. 1944-1966.- Dorn, D., und A. Sousa-Poza (2005): The Determinants of Early Retirement in Switzerland, Schweizerische Zeitschrift f\u00fcr Volkswirtschaft und Statistik, Bd. 141, S. 247-283.- Gruber, J. und D. A. Wise (Hg.) (2004): Social Security Programs and Retirement around the World &#8211; Micro-Estimation, Chicago und London: The University of Chicago Press.- Hurd, M. D., J. P. Smith und J. M. Zissimopoulos (2002): The Effects of Subjective Survival on Retirement and Social Security Claiming, NBER Working Paper, Nr. 9140.- Lindeboom, M., und M. Kerkhofs (2002): Health and Work of the Elderly: Subjective Health Measures, Reporting Errors and the Endogenous Relationship between Health and Work, IZA Discussion Paper, Nr. 457.- Lumsdaine, R., und O. Mitchell (1999): New Developments in the Economic Analysis of Retirement, in: O. Ashenfelter und D. Card (Hg.), Handbook of Labor Economics, Bd. 3C, S. 3261-3307, Amsterdam: Elsevier.- Riphahn, R., und G. Sheldon (2006): Arbeit in der alternden Gesellschaft, Z\u00fcrich: ZKB.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den vergangenen Jahren ist in der Erforschung des Ruhestandsentscheids viel geleistet worden. Dennoch bleiben gerade bez\u00fcglich der Bedeutung des Faktors Gesundheit Fragen offen. Erste Auswertungen des Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (Share) liefern interessante Informationen. 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