{"id":123521,"date":"2008-01-01T12:00:00","date_gmt":"2008-01-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2008\/01\/fricker-4\/"},"modified":"2023-08-23T23:42:33","modified_gmt":"2023-08-23T21:42:33","slug":"fricker-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2008\/01\/fricker-3\/","title":{"rendered":"Die M\u00e4r von der Stroml\u00fccke"},"content":{"rendered":"<p>Der Schweiz drohe eine Stroml\u00fccke, warnen Vertreter der Elektrizit\u00e4tswirtschaft und fordern den schnellen Bau von neuen Atomkraftwerken. Die damit verbundenen Risiken muss die Schweiz nicht in Kauf nehmen: Alles, was es f\u00fcr die Zukunft braucht, ist eine umfassende Effizienzpolitik und einen gezielten Ausbau der erneuerbaren Energien. Denn die \u00abStroml\u00fccke\u00bb ist genau betrachtet nur eine Politik-L\u00fccke. Allein mit einer Lenkungsabgabe auf Strom und der konsequenten F\u00f6rderung effizienter Ger\u00e4te k\u00f6nnten wir den Stromverbrauch um 15 TWh oder einen Viertel des heutigen Wertes reduzieren. Zum Vergleich: Die drei Atomkraftwerke, welche bis 2020 abzuschalten sind, produzieren weniger als 9 TWh.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWeshalb hat sich der Stromverbrauch seit 1970 mehr als verdoppelt, obschon die Bev\u00f6lkerungszahl nur um ein F\u00fcnftel zunahm? Weil es in der Schweiz an einer echten Strompolitik fehlt und weil die Elektrizit\u00e4t viel zu billig ist. Dank l\u00e4ngst abgeschriebenen Wasserkraftwerken und dem lukrativen Stromhandel sanken die Schweizer Strompreise in den letzten 25 Jahren teuerungsbereinigt um 27%. Im gleichen Zeitraum nahm der Stromverbrauch um mehr als ein Drittel zu. \u00a0Dieser Anstieg hat drei Gr\u00fcnde: Erstens haben die grossen Elektrizit\u00e4tswerke bisher die Strompolitik weit gehend selber bestimmt. Allein im St\u00e4nderat sitzen nicht weniger als elf Verwaltungsr\u00e4te von Elektrizit\u00e4tswerken. Zweitens ist Strom nach wie vor sehr billig. Pro Kopf und Monat kostet der Haushaltstrom durchschnittlich nur 30 Franken. Und drittens hat der sorglose Umgang mit dieser hochwertigen Energie auch psychologische Gr\u00fcnde. Strom aus der Steckdose ist geruchlos und in vielen Anwendungen sogar ger\u00e4uschlos. Die Verschwendung von Strom wird also kaum wahrgenommen.&#13;<\/p>\n<h2>Massnahmenb\u00fcndel sichert Vollversorgung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nUmso wichtiger ist es, dass es in der Schweiz endlich zu einem Paradigmenwechsel kommt: weg von einer rein produktionsorientierten Sichtweise (Motto: \u00abWir m\u00fcssen jegliche Nachfrage befriedigen\u00bb), hin zu einer verbrauchsorientierten Effizienzpolitik. Der von der \u00abAllianz f\u00fcr eine verantwortungsvolle Klimapolitik\u00bb erstellte Klima-Masterplan zeigt Instrumente auf, wie der Verbrauch bis 2025 um \u00fcber 15% gegen\u00fcber heute gesenkt werden kann, selbst wenn die Zahl der Stromanwendungen weiter steigt: \u00a0&#8211; Die Strompreise mit Hilfe einer Lenkungsabgabe verdoppeln. Das sorgt f\u00fcr einen gen\u00fcgend grossen Steuerungseffekt, ohne dass dadurch die Kaufkraft sinkt &#8211; die Einnahmen werden ja vollst\u00e4ndig r\u00fcckverteilt. Stromintensive Industrien profitieren von Sonderregelungen, welche die Stromeffizienz erh\u00f6hen und die Wettbewerbsf\u00e4higkeit erhalten.\u00a0&#8211; Die Zahl ineffizienter Ger\u00e4te der Energieklassen C bis G limitieren und mit speziellen Verkaufslizenzen auktionieren.\u00a0&#8211; Energieetiketten auf m\u00f6glichst viele Stromverbraucher anwenden und sie alle drei Jahre der technischen Entwicklung anpassen.\u00a0&#8211; F\u00fcr bereits gekaufte, aber ineffiziente Ger\u00e4te einen Gutschein zum verbilligten Kauf eines A-Ger\u00e4tes abgeben, wenn das alte Ger\u00e4t daf\u00fcr aus dem Verkehr gezogen wird. \u00a0&#8211; Elektrowiderstandsheizungen in Neubauten verbieten und f\u00fcr \u00fcber 20-j\u00e4hrige Elektroheizungen eine Substitutionspflicht einf\u00fchren. \u00a0&#8211; Den durchschnittlichen Standby-Verlust mittels Branchenvereinbarungen unter 0,5 Watt senken.&#13;<\/p>\n<h2>Mehr Effizienz heisst nicht mehr Stromverbrauch<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nSelbst die Vertreter der Stromindustrie anerkennen meist die Bedeutung der effizienten Verwendung von Energie, behaupten dann aber, dass dies zwingend mit einem massiv h\u00f6heren Stromverbrauch einhergehe. Das ins Feld gef\u00fchrte Lieblingsbeispiel ist der Ersatz von \u00d6lheizungen durch W\u00e4rmepumpen. \u00a0Dies w\u00e4re richtig, wenn der heutige Geb\u00e4udebestand ohne jede Sanierung auf W\u00e4rmepumpen umger\u00fcstet w\u00fcrde. Faktisch werden die Altbauten aber zuerst besser isoliert und dann mit der jeweils sinnvollsten Technologie beheizt. Berechnungen zeigen, dass bereits die geforderte Substitutionspflicht f\u00fcr alte Elektroheizungen ausreichen w\u00fcrde, um den Mehrbedarf durch W\u00e4rmepumpen zu decken, denn energetisch sanierte Bauten brauchen weniger Heizenergie &#8211; und damit auch deutlich weniger Strom. \u00a0Das Sch\u00f6nste zum Schluss: Wirtschaftswachstum und Stromsparen schliessen sich nicht aus, wie etwa das Energie-Modell Z\u00fcrich &#8211; ein Zusammenschluss von 16 umweltbewussten Grossfirmen &#8211; zeigt. Die Unternehmen wollen ihre Energieeffizienz bis 2010 um 13% steigern sowie den CO2-Ausstoss um mehr als ein Drittel reduzieren &#8211; und das mit Massnahmen, die sich innert kurzer Zeit zur\u00fcckzahlen, wie die Firmen auf ihrer Homepage schreiben. Bei steigenden Strompreisen lohnen sich solche Investitionen erst recht &#8211; auch bei bis jetzt weniger fortschrittlichen Firmen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Schweiz drohe eine Stroml\u00fccke, warnen Vertreter der Elektrizit\u00e4tswirtschaft und fordern den schnellen Bau von neuen Atomkraftwerken. Die damit verbundenen Risiken muss die Schweiz nicht in Kauf nehmen: Alles, was es f\u00fcr die Zukunft braucht, ist eine umfassende Effizienzpolitik und einen gezielten Ausbau der erneuerbaren Energien. Denn die \u00abStroml\u00fccke\u00bb ist genau betrachtet nur eine Politik-L\u00fccke. 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