{"id":123576,"date":"2007-12-01T12:00:00","date_gmt":"2007-12-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2007\/12\/baur-6\/"},"modified":"2023-08-23T23:42:33","modified_gmt":"2023-08-23T21:42:33","slug":"baur-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2007\/12\/baur-5\/","title":{"rendered":"Welche Faktoren bestimmen die internationale Einkommensverteilung?"},"content":{"rendered":"<p>In den letzten beiden Jahrzehnten fand in der Entwicklung der internationalen Einkommensverteilung eine Trendwende statt. Die Einkommensungleichheit hat in verschiedenen Industrie- und gewissen Entwicklungsl\u00e4ndern wieder zugenommen, w\u00e4hrend sie zuvor w\u00e4hrend Jahrzehnten teilweise stark gesunken war. Die Forschungsliteratur hat eine Reihe von Faktoren identifiziert, die f\u00fcr diese Entwicklung und die Erkl\u00e4rung der Unterschiede zwischen einzelnen L\u00e4ndern verantwortlich gemacht werden k\u00f6nnen. Dazu geh\u00f6ren die \u00f6konomische Struktur und deren Ver\u00e4nderung, institutionelle Rahmenbedingungen sowie Unterschiede bei der Steuer-, Sozial- und Bildungspolitik.<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/200712_04_Baur_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"256\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Verteilung von Einkommen zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und Klassen sowie damit zusammenh\u00e4ngende Fragen von Armut und Wirtschaftsentwicklung geh\u00f6ren seit jeher zu den Grundfragen der \u00d6konomie. Schon die \u00abKlassiker\u00bb wie David Ricardo und Karl Marx haben sich mit Verteilungsfragen besch\u00e4ftigt. In j\u00fcngerer Zeit haben Verteilungsfragen unter anderem in der Entwicklungs\u00f6konomie, im Bereich der Wachstumstheorie und in der Neuen Politischen \u00d6konomie einen wichtigen Stellenwert als Forschungsgegenstand erlangt.\u00a0In der modernen Forschung steht weniger die Einkommensverteilung zwischen verschiedenen Gruppen oder Klassen, sondern die personelle Einkommensverteilung im Vordergrund des Interesses. Diese kann auf unterschiedliche Weise gemessen werden, wobei der Gini-Koeffizient und Einkommensquantile am h\u00e4ufigsten verwendet werden (siehe Kasten 1 Methoden zur Messung der Einkommensverteilung&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGini-Koeffizient&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer Gini-Koeffizient ist ein Mass der relativen Konzentration bzw. Ungleichheit und kann einen Wert zwischen 0 (Gleichverteilung) und 1 (maximale Ungleichheit) annehmen. Er basiert auf der Lorenz-Kurve, welche von den Einkommensschw\u00e4chsten beginnend die aufsummierten Bev\u00f6lkerungsanteile im Verh\u00e4ltnis zum aufsummierten Anteil des von ihnen erzielten Gesamteinkommens darstellt. Bei absolut gleichm\u00e4ssiger Verteilung der Einkommen erg\u00e4be die Lorenzkurve eine mit 45 Grad ansteigende Gerade (Linie der perfekten Gleichverteilung). Die Abweichung der tats\u00e4chlichen Kurve von dieser Ideallinie wird durch den Gini-Koeffizienten gemessen. Im Falle der Gleichverteilung ergibt sich f\u00fcr den Gini-Koeffizienten ein Wert von 0 und im Falle der Konzentration des gesamten Einkommens auf nur eine Person ein Wert von 1. Eine Zunahme des Gini-Koeffizienten bedeutet somit eine Zunahme der Einkommensungleichheit. Trotz verschiedener Einschr\u00e4nkungen ist der Gini-Koeffizient der am h\u00e4ufigsten verwendete Indikator f\u00fcr die Messung der Einkommensverteilung in den meisten L\u00e4ndern und wird von allen internationalen Organisationen verwendet.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEinkommensquantile&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSie geben den prozentualen Anteil am Gesamteinkommen einer bestimmten Gruppe an, also z.B. den Anteil, den die 10% h\u00f6chsten Einkommensbezieher erzielen. Das 90\/10-Verh\u00e4ltnis zeigt das Verh\u00e4ltnis des Gesamteinkommens der 10% Einkommensst\u00e4rksten zu jenem der 10% Einkommensschw\u00e4chsten. Es wird oftmals in internationalen Statistiken gemeinsam mit dem Gini-Koeffizienten ausgewiesen.).&#13;<\/p>\n<h2>Verteilungsdaten der Weltbank<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Weltbank erhebt seit Jahren Einkommensverteilungsdaten f\u00fcr eine grosse Anzahl von L\u00e4ndern. Verschiedene Qualit\u00e4tsstandards sollen dabei die Vergleichbarkeit dieser Daten sicherstellen. Die Gini-Koeffizienten wurden in der Regel aus Haushaltsstudien hergeleitet und beziehen sich auf das Haushaltseinkommen. Bei Entwicklungsl\u00e4ndern wurde wegen Datenmangels teilweise der Konsum anstelle des Einkommens zur Messung des Gini-Koeffizienten verwendet. Tabelle 1 zeigt eine Auswahl von Einkommensverteilungsdaten der Weltbank aus dem World Development Report 2006, wobei f\u00fcr jede Region jeweils die L\u00e4nder mit der tiefsten und der h\u00f6chsten Einkommensungleichheit sowie ausgew\u00e4hlte andere L\u00e4nder dargestellt werden. \u00a0Die L\u00e4nder mit der weltweit tiefsten Einkommensungleichheit sind Ungarn und Taiwan mit einem Gini-Koeffizienten von jeweils 0,24. Die gr\u00f6ssten Einkommensdisparit\u00e4ten sind in Namibia zu finden, wo der Gini-Koeffizient 0,70 betr\u00e4gt. In Taiwan verf\u00fcgen die 10% Reichsten \u00fcber insgesamt knapp dreimal so viel Einkommen wie die 10% \u00c4rmsten der Bev\u00f6lkerung, w\u00e4hrend es in Haiti (Einkommensquantile f\u00fcr Namibia werden im Bericht nicht ausgewiesen) \u00fcber 45-mal mehr sind. \u00a0Die Unterschiede zwischen den einzelnen L\u00e4ndern und innerhalb der L\u00e4nder sind in den westlichen Industriel\u00e4ndern und in den ehemals kommunistischen osteurop\u00e4ischen Staaten am geringsten, gefolgt von Asien. Am gr\u00f6ssten sind diese Unterschiede in Afrika und der Region Lateinamerika\/Karibik.&#13;<\/p>\n<h2>Entwicklung der globalen Einkommensverteilung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nErst die Verf\u00fcgbarkeit von detaillierten L\u00e4ngsschnittdaten hat es in j\u00fcngster Zeit erlaubt, die historische Entwicklung der Einkommensverteilung in einzelnen L\u00e4ndern \u00fcber mehrere Jahre vertieft zu untersuchen. Dies wurde bisher f\u00fcr eine Reihe von Industriel\u00e4ndern durchgef\u00fchrt. Vgl. Piketty, T.: Income Inequality in France 1901-1998, Journal of Political Economy 111, 2003, S. 1004-1042; Piketty, T., Saez, E.: Income Inequality in the United States, 1913-1998, Quarterly Journal of Economics 118\/1 2003; Atkinson, A. B.: Income Inequality in OECD Countries: Data and Explanations, CESifo Working Paper 881, Februar 2003; Dell, F., Piketty, T., Saez, E.: Income and Wealth Concentration in Switzerland over the 20th Century, CEPR Discussion Paper Nr. 5090, 2005. Diese Studien finden in allen untersuchten L\u00e4ndern eine starke Abnahme der Einkommensungleichheit in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts. In Frankreich und den USA verdiente beispielsweise das reichste Prozent der Bev\u00f6lkerung zu Beginn des 20. Jahrhunderts fast 20% des gesamten Einkommens. Ende der Siebzigerjahre ist dieser Anteil in beiden L\u00e4ndern auf ca. 8% geschrumpft. Die Erfahrungen anderer L\u00e4nder &#8211; wie Holland, Grossbritannien und Kanada &#8211; folgen einem \u00e4hnlichen Verlauf und zeigen damit einen umgekehrt U-f\u00f6rmigen Verlauf der Einkommensverteilung im Entwicklungsprozess, wie dies 1955 von Simon Kuznets postuliert wurde (siehe Kasten 2 1955 formulierte Simon Kuznets seine Hypothese einer umgekehrt U-f\u00f6rmigen Beziehung zwischen Wachstum und Einkommensverteilung. Anhand von verschiedenen empirischen Daten f\u00fcr einzelne L\u00e4nder vermutete er, dass die Einkommensungleichheit in einem Land in einer ersten Entwicklungsphase zunimmt, einen H\u00f6hepunkt erreicht und danach wieder abnimmt. Er begr\u00fcndete dies anhand von Bev\u00f6lkerungsverschiebungen zwischen einem traditionellen Agrar- und einem modernen Industriesektor. Einerseits nehmen die Ungleichheiten zwischen den Sektoren w\u00e4hrend des Entwicklungsprozesses zu; andererseits steigt das Gewicht des \u00abungleicheren\u00bb Industriesektors, in welchem nicht f\u00fcr alle gleiche Subsistenzl\u00f6hne bezahlt werden, sondern sich die L\u00f6hne nach dem Grenzprodukt der Arbeit richten. Gem\u00e4ss Kuznets wird die Einkommensungleichheit erst sinken, wenn alle Teile der Arbeiterklasse in die politische und \u00f6konomische Struktur eines Landes integriert sind und politischen Einfluss gewinnen. Die Trendumkehr zu weniger Ungleichheit w\u00fcrde dann unter anderem durch st\u00e4rkere Regulierungen (Tarifvertr\u00e4ge, gewerkschaftliche Organisation, gesetzliche Vorschriften) und staatliche Umverteilungsmassnahmen bestimmt.).\u00a0Seit den sp\u00e4ten Siebziger- und fr\u00fchen Achtzigerjahren sind die L\u00e4ndererfahrungen jedoch unterschiedlich. So zeigen verschiedene Studien einen Anstieg der Einkommensungleichheit erst in den USA und Grossbritannien, etwas sp\u00e4ter auch in Schweden, Holland, Norwegen, Frankreich, Australien und Japan. Vgl. Gottschalk, P., Smeeding, M.: Empirical Evidence on Income Inequality in Industrial Countries, in: Atkinson, A.B., Bourgignon, F. (Hrsg.): Handbook of Income Distribution, Bd. 1, Handbooks in Economics 16, Amsterdam 2000, S. 261-308; Atkinson (2003); Francois, J. F., Rojas-Romagosa, H.: The Construction and Interpretation of Combined Cross-Section and Time-Series Inequality Datasets, World Bank Policy Research Working Paper 3748, Oktober 2005. Neuere Studien finden \u00e4hnliche Tendenzen auch in Entwicklungsl\u00e4ndern: In Indien sind die Anteile der reichsten Einkommensbezieher seit Beginn des 20. Jahrhunderts bis ca. 1980 stetig gefallen und in den letzten beiden Jahrzehnten wieder stark angestiegen. Vgl. World Bank (2005), Equity and Development. World Development Report 2006, Oxford; Bertola, G., Foellmi, R., Zweim\u00fcller, J.: Income Distribution in Macroeconomic Models, Princeton\/Oxford 2006. Die Autoren sprechen aufgrund dieser Entwicklung von einem \u00abGreat U-Turn\u00bb, bei dem die Einkommensungleichheit in den Industriel\u00e4ndern und gewissen Entwicklungsl\u00e4ndern nach einer kontinuierlichen Abnahme ab 1945 seit den sp\u00e4ten Siebziger- und fr\u00fchen Achtzigerjahren wieder zunimmt. Vgl. Francois und Rojas-Romagosa (2005). \u00a0Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren die weltweiten Einkommensunterschiede vor allem durch Einkommensunterschiede innerhalb der einzelnen L\u00e4nder verursacht. Der Industrialisierungsprozess hat in der Folge die Ungleichheit zwischen den L\u00e4ndern bis in die 2. H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts stark erh\u00f6ht. In den letzten Jahrzehnten hat die Ungleichheit zwischen den L\u00e4ndern abgenommen (wobei vor allem die Entwicklungen von China und Indien eine wichtige Rolle gespielt haben), w\u00e4hrend die Ungleichheit innerhalb der einzelnen L\u00e4nder wieder zugenommen hat. Vgl. Heshmati, A.: The Relationship between Income Inequality and Globalization, The United Nations University, April 2003. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts besteht die weltweite Ungleichheit zu ca. 60% aus Ungleichheit zwischen den L\u00e4ndern und zu ca. 40% aus Ungleichheit innerhalb einzelner L\u00e4nder. Vgl. Bertola et al. (2006).&#13;<\/p>\n<h2>Beziehung zwischen Entwicklungsstand und Einkommensverteilung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Erforschung des Zusammenhangs zwischen Einkommensverteilung und Wachstum hat seit Mitte der F\u00fcnfzigerjahre als Folge der Kuznets-Hypothese und der zunehmenden Verf\u00fcgbarkeit von Einkommensverteilungsdaten einen regelrechten Boom erlebt. W\u00e4hrend die \u00e4lteren Querschnittsstudien noch klare Hinweise f\u00fcr eine Kuznetskurve gefunden haben, kamen die neueren Studien, die besseres Datenmaterial verwenden konnten, zu keinen eindeutigen Ergebnissen mehr. Vgl. Deininger, K., Squire, L.: A New Data Set Measuring Income Inequality, World Bank Economic Review 10\/3, 1996, S. 565-591. Die Forschungsliteratur war in der Lage, gewisse Einflussfaktoren auf die Einkommensverteilung &#8211; wie Landbesitz, Bildung und Bev\u00f6lkerungswachstum &#8211; zu identifizieren. Die meisten Autoren sind sich zudem einig, dass nicht der Entwicklungsstand, sondern die \u00f6konomische Struktur, das geografische und historische Erbe der untersuchten L\u00e4nder und insbesondere die Sozial-, Steuer- und Bildungspolitik die wichtigsten Bestimmungsfaktoren der Einkommensverteilung sind. Vgl. Kanbur, R.: Income Distribution and Development, in: Atkinson, A.B. und Bourgignon, F. (Hrsg.): Handbook of Income Distribution, Volume 1. Handbooks in Economics 16, Amsterdam 2000, S. 791-841.\u00a0In den letzten Jahren hat das Interesse an der Kuznetskurve abgenommen. Die Beziehung zwischen Wachstum und Einkommensverteilung wurde unter einem neuen Blickwinkel betrachtet, indem verschiedene Forscher begonnen haben, die Auswirkungen einer bestimmten Einkommensverteilung auf die Wachstumsrate zu untersuchen. F\u00fcr einen \u00dcberblick vgl. Perotti, R. (1996), Growth, Income Distribution and Democracy: What the Data Say, Journal of Economic Growth 1, S. 149-187; Bertola et al. (2006). In diesen Studien wurden verschiedene Verbindungen zwischen Einkommensverteilung und Wachstum identifiziert. Eine ungleiche Einkommensverteilung kann beispielsweise aufgrund verzerrender Effekte von Staatsausgaben und Steuern auf Investitions- und Sparentscheidungen einen negativen Einfluss auf das Wachstum haben. Eine weitere Verbindung zwischen Ungleichheit und Wachstum besteht durch die Stabilit\u00e4t von Eigentumsrechten, wobei h\u00f6here Einkommensungleichheit durch soziale Polarisation einen negativen Einfluss auf die Stabilit\u00e4t der Eigentumsrechte und somit auf die Wachstumsrate haben kann. Weitere identifizierte Einflussfaktoren sind Bildung und Fruchtbarkeit, Unvollkommenheiten der Kapitalm\u00e4rkte, Humankapitalinvestitionen sowie Nachfrageeffekte. \u00a0Die meisten Studien kommen zum Schluss, dass eine ausgeglichenere Einkommensverteilung einen positiven Einfluss auf die Wachstumsrate einer Volkswirtschaft hat, w\u00e4hrend eine ungleiche Einkommensverteilung Wachstum negativ beeinflussen kann. Diese Erkenntnisse standen in einem gewissen Widerspruch zur damals vorherrschenden Meinung, Einkommensungleichheit sei eine notwendige Bedingung f\u00fcr Wachstum, da nur so die richtigen Arbeits-, Spar- und Investitionsanreize gesetzt w\u00fcrden.&#13;<\/p>\n<h2>F\u00fchrt die Globalisierung zu einer Versch\u00e4rfung der Ungleichheiten?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWarum hat die Einkommensungleichheit &#8211; entgegen den Voraussagen von Kuznets &#8211; in den letzten beiden Jahrzehnten in verschiedenen Industrie- und Entwicklungsl\u00e4ndern wieder zugenommen? Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung f\u00fcr diese Trendumkehr wurde in der zunehmenden Globalisierung &#8211; verstanden als Integration von Volkswirtschaften und Gesellschaften durch l\u00e4nder\u00fcbergreifende Str\u00f6me von Informationen, Ideen, Aktivit\u00e4ten, Technologien, G\u00fctern, Dienstleistungen, Kapital und Personen &#8211; gesucht. Verschiedene Studien haben sich mit den Auswirkungen von Globalisierung auf die Einkommensverteilung befasst. \u00a0Gem\u00e4ss diesen Studien hat Globalisierung allein keine Auswirkungen auf die Einkommensverteilung: Eine systematische Beziehung zwischen Indikatoren von Globalisierung (Handel, Auslandsinvestitionen und Finanzfl\u00fcsse) und der Verteilung von Einkommen wurde nicht gefunden. Vgl. Heshmati 2003, Glaeser, E. L.: Inequality, HIER Discussion Paper 2078, Juli 2005; Nollmann, G.: Erh\u00f6ht Globalisierung die Ungleichheit der Einkommen? K\u00f6lner Zeitschrift f\u00fcr Soziologie und Sozialpsychologie 58\/4, 2006, S. 638-659; Harjes, T.: Globalization and Income Inequality: A European Perspective, IMF Working Paper 169, Juli 2007. Der erneute Anstieg der Lohn- und Einkommensungleichheit in Industriel\u00e4ndern wird vor allem durch den technologischen Wandel erkl\u00e4rt, der qualifizierte Arbeitskr\u00e4fte gegen\u00fcber unqualifizierten bevorzugt. Insgesamt werden als Gr\u00fcnde f\u00fcr den Anstieg der Lohnungleichheit die zunehmende Nachfrage nach qualifizierter Arbeit, der technologische Wandel, der mit der Globalisierung zunehmende Aussenhandel, der Strukturwandel von einer Industriein eine Dienstleistungsgesellschaft, die abnehmende Macht der Gewerkschaften (insbesondere in den USA und Grossbritannien), Ver\u00e4nderungen von sozialen Normen sowie Privatisierungs- und Deregulierungsmassnahmen in Industriel\u00e4ndern genannt. Internationale Handelsstr\u00f6me, Auslandinvestitionen und Migration k\u00f6nnen dabei nur einen sehr beschr\u00e4nkten Teil der Erh\u00f6hung der Einkommensungleichheit erkl\u00e4ren. Vgl. Cornia, G.A.: The Impact of Liberalisation and Globalisation on Income Inequality in Developing and Transitional Economies, CESifo Working Paper 843, Januar 2003; Glaeser (2005); Harjes (2007); Nollmann (2006). Die meisten dieser Gr\u00fcnde gelten auch f\u00fcr Schwellen- und Entwicklungsl\u00e4nder, wobei dort zus\u00e4tzlich Strukturanpassungs- und Liberalisierungsmassnahmen f\u00fcr eine Versch\u00e4rfung der Einkommensungleichheiten in den letzten 20 Jahren verantwortlich gemacht werden. Vgl. Cornia (2003).\u00a0Die Globalisierung hat also gem\u00e4ss diesen Studien lediglich einen kleinen Einfluss auf die Einkommensverteilung. Viel wichtiger sind der technologische Wandel und strukturelle Ver\u00e4nderungen beim \u00dcbergang einer Industriein eine Dienstleistungsgesellschaft, mit denen Ver\u00e4nderungen von Arbeitsangebot und -nachfrage sowie Arbeitsmarktinstitutionen verbunden sind. Schliesslich haben Politikmassnahmen &#8211; wie Landreformen, Bildungsanstrengungen, Regional-, Steuer- und Sozialpolitik &#8211; einen Einfluss darauf, wie stark die Auswirkungen des technologischen Wandels in den einzelnen L\u00e4ndern sind.&#13;<\/p>\n<h2>Welche Rolle spielt die Politik?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nNeben der Bereitstellung von \u00f6ffentlichen G\u00fctern und Dienstleistungen sind die Regierungen aller Staaten weltweit mit der Umverteilung von Einkommen durch Transfers, Steuern und gesetzgeberische Massnahmen besch\u00e4ftigt. Die normative Umverteilungstheorie und die Grundprinzipen des modernen Wohlfahrtsstaats propagieren eine Umverteilung von reich zu arm: Politische Umver-teilungsmassnahmen sollten zu einer aus-geglicheneren Einkommensverteilung f\u00fchren. Die ersten polit-\u00f6konomischen Umverteilungsmodelle &#8211; wie das Medianw\u00e4hlermodell &#8211; versuchten, dies auf einer positiven Ebene zu erkl\u00e4ren. In der Realit\u00e4t macht hingegen die Umverteilung von reich zu arm nur einen kleinen Teil der existierenden Umverteilung aus. Vgl. Mueller, D. C.: Public Choice III, Cambridge 2004; Tullock, G.: Economics of Income Distribution, 2. Ausgabe, Dordrecht 1997.\u00a0In polit-\u00f6konomischen Modellen wird Umverteilung als Resultat eines politischen Kampfes zwischen rationalen, nutzenmaximierenden W\u00e4hlern, Interessengruppen, Politikern und B\u00fcrokraten interpretiert. Gem\u00e4ss diesen Modellen geht der gr\u00f6sste Teil der Transfers an politisch einflussreiche und gut organisierte Gruppen &#8211; auf Kosten derjenigen, die am wenigsten in der Lage sind, die Transfers zu bek\u00e4mpfen. Vgl. Tullock (1997). Politischer Einfluss ergibt sich dabei durch Partizipation und Organisation von Interessengruppen. Empirische Studien zeigen, dass der gr\u00f6sste Teil von Regierungsprogrammen an gesellschaftliche Gruppen gelangt, die gut organisiert und politisch einflussreich sind. Vgl. Tullock (1997). Gem\u00e4ss diesen Modellen spielen also vor allem die Machtverteilung in einer Gesellschaft und die Partizipation im politischen Prozess eine Rolle bei der Bestimmung der Einkommensverteilung.\u00a0Neben dem politischen Prozess selbst wurde auch die Rolle von Institutionen und Rahmenbedingungen auf die Einkommensverteilung untersucht. F\u00fcr einen \u00dcberblick vgl. Baur, M.: Einkommensverteilung: Konzepte, Fakten und Theorien, Arbeitspapier der ESTV, Bern 2007. Im Blickpunkt standen dabei Eigentumsrechte und Marktfreiheit, Ideologien und Religionen, historische Demokratisierungsmassnahmen, politische Partizipation in Form von Wahlbeteiligung und Organisation der Interessengruppen sowie die unterschiedlichen politischen Systeme (Demokratie\/Diktatur, Mehrheits-\/Verh\u00e4ltniswahlrecht, pr\u00e4sidiale\/parlamentarische Systeme, direkte\/repr\u00e4sentative Demokratie). Studien, welche die Auswirkungen von aggregierten Demokratiemassen auf die Einkommensverteilung untersuchen, erzielen keine eindeutigen Ergebnisse. \u00dcberzeugendere Resultate pr\u00e4sentieren hingegen Studien, die sich mit spezifischen Aspekten von Demokratie &#8211; wie Chancengleichheit oder Partizipation der Bev\u00f6lkerung im politischen Prozess &#8211; besch\u00e4ftigen. Im Allgemeinen scheinen die politischen Rahmenbedingungen sowie die Partizipation der Bev\u00f6lkerung in Form von Wahlbeteiligung und Organisation von Interessengruppen eine wichtige Rolle bei der Bestimmung der Einkommensverteilung zu spielen.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nW\u00e4hrend Jahren herrschte die Ansicht vor, dass sich die Einkommensverteilung &#8211; zumindest in den Industriel\u00e4ndern &#8211; entlang einer Kuznetskurve entwickle und stetig abnehme. Neuere Studien zeigen jedoch, dass die Einkommensverteilung in vielen Industriel\u00e4ndern wie auch in gewissen Entwicklungsl\u00e4ndern in den letzten Jahren wieder ungleicher geworden ist. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr liegen weniger in der Globalisierung als vielmehr im Strukturwandel beim \u00dcbergang von einer Industriein eine Dienstleistungsgesellschaft und damit einhergehenden politischen Ver\u00e4nderungen.\u00a0Obwohl \u00fcber die tats\u00e4chlichen Bestimmungsfaktoren der Einkommensverteilung in der empirischen Forschung keine Einigkeit herrscht, konnten doch einzelne Faktoren identifiziert werden, die einen Einfluss auf die Einkommensverteilung haben k\u00f6nnen. Im internationalen Vergleich stehen neben dem geografischen und historischen Erbe der einzelnen L\u00e4nder Faktoren wie Landbesitz, Bildung, Bev\u00f6lkerungswachstum, technologischer und struktureller Wandel, politische Rahmenbedingungen, das Ausmass der politischen Partizipation der Bev\u00f6lkerung und die verfolgte Steuer-, Sozial- und Bildungspolitik im Vordergrund. Gleichzeitig konnte gezeigt werden, dass eine ausgeglichene Einkommensverteilung einen positiven Einfluss auf das Wirtschaftswachstum haben kann. Dies deutet darauf hin, dass nicht notwendigerweise ein Trade-off zwischen Umverteilung und Wachstum besteht.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 1 \u00abEinkommensverteilungsdaten von 50 L\u00e4ndern im Vergleich\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<a class=\"box-link\">Kasten 1: Methoden zur Messung der Einkommensverteilung<\/a> Gini-Koeffizient&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer Gini-Koeffizient ist ein Mass der relativen Konzentration bzw. Ungleichheit und kann einen Wert zwischen 0 (Gleichverteilung) und 1 (maximale Ungleichheit) annehmen. Er basiert auf der Lorenz-Kurve, welche von den Einkommensschw\u00e4chsten beginnend die aufsummierten Bev\u00f6lkerungsanteile im Verh\u00e4ltnis zum aufsummierten Anteil des von ihnen erzielten Gesamteinkommens darstellt. Bei absolut gleichm\u00e4ssiger Verteilung der Einkommen erg\u00e4be die Lorenzkurve eine mit 45 Grad ansteigende Gerade (Linie der perfekten Gleichverteilung). Die Abweichung der tats\u00e4chlichen Kurve von dieser Ideallinie wird durch den Gini-Koeffizienten gemessen. Im Falle der Gleichverteilung ergibt sich f\u00fcr den Gini-Koeffizienten ein Wert von 0 und im Falle der Konzentration des gesamten Einkommens auf nur eine Person ein Wert von 1. Eine Zunahme des Gini-Koeffizienten bedeutet somit eine Zunahme der Einkommensungleichheit. Trotz verschiedener Einschr\u00e4nkungen ist der Gini-Koeffizient der am h\u00e4ufigsten verwendete Indikator f\u00fcr die Messung der Einkommensverteilung in den meisten L\u00e4ndern und wird von allen internationalen Organisationen verwendet.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEinkommensquantile&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSie geben den prozentualen Anteil am Gesamteinkommen einer bestimmten Gruppe an, also z.B. den Anteil, den die 10% h\u00f6chsten Einkommensbezieher erzielen. Das 90\/10-Verh\u00e4ltnis zeigt das Verh\u00e4ltnis des Gesamteinkommens der 10% Einkommensst\u00e4rksten zu jenem der 10% Einkommensschw\u00e4chsten. Es wird oftmals in internationalen Statistiken gemeinsam mit dem Gini-Koeffizienten ausgewiesen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 2: Kuznets-Kurve 1955 formulierte Simon Kuznets seine Hypothese einer umgekehrt U-f\u00f6rmigen Beziehung zwischen Wachstum und Einkommensverteilung. Anhand von verschiedenen empirischen Daten f\u00fcr einzelne L\u00e4nder vermutete er, dass die Einkommensungleichheit in einem Land in einer ersten Entwicklungsphase zunimmt, einen H\u00f6hepunkt erreicht und danach wieder abnimmt. Er begr\u00fcndete dies anhand von Bev\u00f6lkerungsverschiebungen zwischen einem traditionellen Agrar- und einem modernen Industriesektor. Einerseits nehmen die Ungleichheiten zwischen den Sektoren w\u00e4hrend des Entwicklungsprozesses zu; andererseits steigt das Gewicht des \u00abungleicheren\u00bb Industriesektors, in welchem nicht f\u00fcr alle gleiche Subsistenzl\u00f6hne bezahlt werden, sondern sich die L\u00f6hne nach dem Grenzprodukt der Arbeit richten. Gem\u00e4ss Kuznets wird die Einkommensungleichheit erst sinken, wenn alle Teile der Arbeiterklasse in die politische und \u00f6konomische Struktur eines Landes integriert sind und politischen Einfluss gewinnen. Die Trendumkehr zu weniger Ungleichheit w\u00fcrde dann unter anderem durch st\u00e4rkere Regulierungen (Tarifvertr\u00e4ge, gewerkschaftliche Organisation, gesetzliche Vorschriften) und staatliche Umverteilungsmassnahmen bestimmt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 3: Achtung beim Vergleich von internationalen Studien Um L\u00e4ndervergleiche zu erm\u00f6glichen, ber\u00fccksichtigt die Weltbank f\u00fcr ihre internationalen Tabellen nur individuelle L\u00e4nderstudien, die gewissen Qualit\u00e4tsstandards entsprechen (Deininger und Squire 1996, Francois und Rojas-Romagosa 2005). Von der Weltbank gesammelte Daten sollten also untereinander mehr oder weniger vergleichbar sein. Bei einem Vergleich von Weltbankdaten mit Daten anderer Organisationen ist jedoch Vorsicht geboten, da die resultierenden Gini-Koeffizienten stark vom Studiendesign abh\u00e4ngen. Dabei stehen die folgenden Aspekte im Vordergrund:- In welchem Jahr wurde die Studie durchgef\u00fchrt?- Werden Individuen oder Haushalte betrachtet?- Handelt es sich um eine Haushaltsstudie, eine Auswertung von Steuerdaten oder eine Auswertung aufgrund von Daten der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung?- Verwendet die Studie ein repr\u00e4sentatives Sample der gesamten Bev\u00f6lkerung, oder werden nur gewisse Teile der Bev\u00f6lkerung ber\u00fccksichtigt (wie z.B. Stadtoder Landbewohner, Steuerzahler, Besch\u00e4ftigte)?- Wird das Einkommen oder der Konsum untersucht? Wie ist der untersuchte Einkommensbegriff definiert (Bruttooder Nettoeinkommen, inklusive\/exklusive Transfers und Pensionen, Lohn-\/Kapitaleinkommen, Einkommen aus selbst\u00e4ndiger\/unselbst\u00e4ndiger Arbeit, inklusive\/exklusive nicht-monet\u00e4re Einkommen usw.)?<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den letzten beiden Jahrzehnten fand in der Entwicklung der internationalen Einkommensverteilung eine Trendwende statt. Die Einkommensungleichheit hat in verschiedenen Industrie- und gewissen Entwicklungsl\u00e4ndern wieder zugenommen, w\u00e4hrend sie zuvor w\u00e4hrend Jahrzehnten teilweise stark gesunken war. 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