{"id":123626,"date":"2007-12-01T12:00:00","date_gmt":"2007-12-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2007\/12\/riedl-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:42:45","modified_gmt":"2023-08-23T21:42:45","slug":"riedl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2007\/12\/riedl\/","title":{"rendered":"Fit f\u00fcr die Zukunft mit E-Government"},"content":{"rendered":"<p>Die Schweizer Verwaltungen leisten heute und seit je gute Arbeit. Warum also das Thema E-Government pushen &#8211; es scheint doch gar keinen Bedarf f\u00fcr Verbesserungen zu geben? Die Antwort ist simpel: Beim E-Government geht es um mehr als um Internet-Kommunikation zwischen B\u00fcrgern und Beh\u00f6rden. Es geht darum, fit f\u00fcr die Zukunft zu bleiben. Wir k\u00f6nnen so den wachsenden Arbeitsdruck, der \u00e4hnlich wie in der Privatwirtschaft zu beobachten ist, durch Qualit\u00e4tsabbau oder Neugestaltung auf der Basis einer optimalen Technologie-Nutzung auffangen. Letzteres ist E-Government im ganzheitlichen Sinn.<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/200712_19_Riedl_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"256\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nNeben der Chance, in Zukunft bei gleichen Kosten mehr Aufgaben bew\u00e4ltigen zu k\u00f6nnen, ist E-Government eine zuk\u00fcnftige Notwendigkeit &#8211; auch aus Human-Ressource-Perspektive: Wer die effektive Arbeitsunterst\u00fctzung durch IKT in der Privatwirtschaft kennen gelernt hat, wird kaum mehr bereit sein, f\u00fcr den Staat mit seinen vergleichsweise umst\u00e4ndlichen, weit gehend auf Papier gebauten Strukturen zu arbeiten. Deshalb w\u00fcrde ein Zur\u00fcckbleiben in der Technologienutzung gegen\u00fcber der Privatwirtschaft die Rekrutierung von Kadernachwuchs in den n\u00e4chsten Jahren noch schwieriger machen.&#13;<\/p>\n<h2>Die Lage ist ernst, aber es bleibt gen\u00fcgend Zeit f\u00fcr gemeinsames Handeln<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie konventionelle \u00f6ffentliche Verwaltung in der Schweiz funktioniert generell gut &#8211; aber nicht E-Government. Die Leistungsf\u00e4higkeit der traditionellen Verwaltung verschafft allerdings Zeit zum \u00fcberlegten Aufholen im E-Government, ohne in Aktionismus zu verfallen. Die Zeit sollte insbesondere genutzt werden:\u00a0&#8211; zur Analyse der Praxiserfahrungen im Ausland, um aus deren Fehlern zu lernen;\u00a0&#8211; zur fachlich-wissenschaftlichen Weiterentwicklung existierender Best-Practices in- und ausl\u00e4ndischer Beh\u00f6rden (sowie Adaptierung und Transfer von innovativen Konzepten aus der Wirtschaft);\u00a0&#8211; zur Entwicklung klarer Visionen f\u00fcr die \u00f6ffentliche Verwaltung der Zukunft;\u00a0&#8211; zur Ausbildung von Fachexperten f\u00fcr das Planen, Bauen und Betreiben von E-Government-Architekturen und Gesch\u00e4ftsprozessen sowie f\u00fcr das Change-Management in den Beh\u00f6rden;\u00a0&#8211; zum Schaffen einer gesetzlichen Basis, die m\u00f6glichst \u00fcbersichtlich die relevanten Rechtsgrundlagen zusammenfasst;\u00a0&#8211; zur Schaffung von technisch-organisatorischen Infrastrukturen und einer breiten Wissensbasis in den Beh\u00f6rden.\u00a0\u00a0Das alles setzt voraus, dass die Politik die Notwendigkeit eines zukunftsorientierten Handelns erkennt und dass die richtigen Innovationsf\u00f6rderer im Land zusammenarbeiten. Es geht nicht darum, schnell Projekte umzusetzen, sondern darum, gr\u00fcndlich und nachhaltig zu agieren.\u00a0Gefragt ist strategisch weitsichtiges, gemeinsames Handeln von Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft. Es gibt \u00fcberzeugende Vorzeigebeispiele in der Schweiz; innovative Vordenkerarbeit wird bei <a href=\"http:\/\/www.ech.ch\">www.ech.ch<\/a> und beim Informatikstrategieorgan des Bundes (ISB) geleistet. Aber die weltweit identifizierte grosse Herausforderung der digitalen Integration der Beh\u00f6rden \u00fcber die Beh\u00f6rdengrenzen hinaus wurde in der Schweiz bislang schlechter gemeistert als im europ\u00e4ischen Ausland oder in Staaten wie Kanada, Singapur und Hongkong. \u00a0F\u00fcr echte Integrationserfolge ist der in der E-Government-Strategie Schweiz vorgesehene Steuerungsausschuss notwendig, aber nicht hinreichend. Die \u00dcberzeugung, politische F\u00fchrung allein gen\u00fcge zur Bew\u00e4ltigung der grossen Herausforderung, ist Wunschdenken. Die Implementierung von E-Government ist zwar nicht nur, aber auch eine technische Aufgabe. Erfolgreiches Technik-Management verlangt Visionen, ganzheitliches Denken und den Riecher f\u00fcr den Fehler im Detail. Deshalb braucht es Teams mit unterschiedlichen Fachkompetenzen. Auch das Einholen von Aussensichten ist (fast) unverzichtbar. Genau hier k\u00f6nnen transdisziplin\u00e4re Wissenschaft und der Einbezug der Wirtschaft Unterst\u00fctzung bieten.&#13;<\/p>\n<h2>Was ist die mittelfristige Vision?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEine erfolgreiche Implementierung von E-Government verlangt eine klare, mittelfristige Vision. Nach dem aktuellen Wissensstand lautet diese wie folgt:\u00a0&#8211; MyE-Government f\u00fcr B\u00fcrger und Unternehmen. Jeder B\u00fcrger und jedes Unternehmen erh\u00e4lt sein privates Portal, bestehend aus drei untereinander verlinkbaren Bereichen: Eine \u00fcbersichtliche B\u00fcndelung der Interaktionskan\u00e4le mit allen Beh\u00f6rden, die unterschiedliche Strukturierungen und Integrationsparadigmen unterst\u00fctzt &#8211; von generischen Lebenslagen oder traditionellen Beh\u00f6rdenstrukturen bis zu individualisierten, konkreten Lebenskontexten &#8211; und je nach Bedarf individuell gestaltet oder vorkonfiguriert benutzt und durch Software-Beratungsagenten erg\u00e4nzt werden kann; ein Konto f\u00fcr den gesamten beidseitigen Zahlungstransfer mit den Beh\u00f6rden, erg\u00e4nzt durch Planungswerkzeuge; ein virtueller Dokumentensafe mit zus\u00e4tzlichen Funktionalit\u00e4ten zur Beschaffung, Weiterleitung und bei Bedarf fristgerechter, automatisierter Neubeschaffung von Dokumenten, der dem Safebesitzer die Wahl l\u00e4sst, den Beh\u00f6rden entweder automatisiert integrierte Information zur Verf\u00fcgung zu stellen oder die Informationsabgabe selber zu kontrollieren.\u00a0&#8211; Eine umfassende, globale und universelle L\u00f6sung f\u00fcr elektronisches Identit\u00e4tsmanagement, die neben Authentifizierung und digitaler Unterschrift auch Erm\u00e4chtigungen und andere Willens\u00e4usserungen in einer beliebigen Rolle gegen\u00fcber beliebigen Partnern unterst\u00fctzt sowie unterschiedliche Formen von Anonymisierung erm\u00f6glicht.\u00a0&#8211; Virtuell zentrale IKT-Infrastrukturen f\u00fcr dezentrale Nutzung durch Beh\u00f6rden, um das Prinzip der Wiederverwendung auf Informations- und Applikationsebene zu realisieren und so die IKT-Kosten zu reduzieren. Dies soll insbesondere kleinen Verwaltungseinheiten bis hin zu Kleinstgemeinden die Nutzung des IKT-Potenzials erm\u00f6glichen, ohne selbst komplexe IKT-Strukturen aufbauen und betreiben zu m\u00fcssen.\u00a0&#8211; Beh\u00f6rdeninterne Integration aller Daten, Applikationen, Prozesse und Zugriffsm\u00f6glichkeiten, um die Informationsbeschaffungs- und -verarbeitungskosten in den Beh\u00f6rden zu minimieren, die Arbeitsprozesse zu optimieren, das Wissenteilen zu unterst\u00fctzen und implizit generierte Informationen in Entscheidungsprozessen nutzbar zu machen.\u00a0&#8211; Beh\u00f6rden\u00fcbergreifende Vernetzung der Gesch\u00e4ftsprozesse \u00fcber einen schweiz-, europa- und teils sogar weltweiten Informationstransferraum, der mittels semantischer Standards mindestens die organisatorische und technische, m\u00f6glichst aber auch die operative Interoperabilit\u00e4t garantiert sowie Werkzeuge anbietet, um mit der rechtlichen und kulturellen Heterogenit\u00e4t umzugehen.&#13;<\/p>\n<h2>Welchen Nutzen hat effizientes E-Government?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Ziele sind auf \u00f6konomischen Nutzen ausgerichtet. Das bedeutet:\u00a0&#8211; weniger und schnellere Muss-Interaktion mit den Beh\u00f6rden bei gleichzeitiger, weltweiter 24\/7-Zugangsm\u00f6glichkeit &#8211; dies schafft Aufwandsminderung und Flexibilit\u00e4tsnutzen f\u00fcr B\u00fcrger und Unternehmen;\u00a0&#8211; mehr Transparenz f\u00fcr B\u00fcrger und Unternehmen &#8211; dies st\u00e4rkt die implizite Kontrolle der Beh\u00f6rdenarbeit und f\u00f6rdert den interkommunalen sowie interkantonalen Wettbewerb;\u00a0&#8211; geringere Informationsbeschaffungskosten und h\u00f6here Informationsqualit\u00e4t und damit Entscheidungsqualit\u00e4t f\u00fcr Beh\u00f6rden &#8211; dies reduziert die Verwaltungskosten bei steigender Qualit\u00e4t;\u00a0&#8211; geringere IKT-Kosten durch gemeinsame Infrastrukturnutzung &#8211; dies reduziert ebenfalls die Verwaltungskosten;\u00a0&#8211; bessere Versorgung mit strategischen Informationen f\u00fcr politische Entscheidungstr\u00e4ger &#8211; dies f\u00fchrt zu einer besseren sachlichen Basis f\u00fcr politische Entscheidungen.\u00a0\u00a0Ein grosser Nutzen eines effizienten E-Government besteht darin, dass die Erf\u00fcllung komplexer neuer Aufgaben schneller realisiert werden kann.&#13;<\/p>\n<h2>Das Metaziel heisst Integration<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nMan k\u00f6nnte die obigen Ziele auch zu einem einzigen zusammenfassen: Informationsintegration unter Wahrung des Datenschutzes! Ein zentrales Element dabei ist die Informationsintegration in den Ablaufstrukturen, sprich Gesch\u00e4ftsprozessen. Diese sollen pro-aktiv mit Information versorgt werden. Die korrekte Abarbeitung soll innerhalb vorgegebener Fristen erfolgen und die Nachvollziehbarkeit dokumentiert werden. Ein erster Schritt dazu w\u00e4re die umfassende digitale Unterst\u00fctzung des Dossier-Konzepts der elektronischen Gesch\u00e4ftsverwaltung.&#13;<\/p>\n<h2>Ein vision\u00e4res Architektur-Konzept: E-Government-Grids<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nMittelfristig geht es darum, die Arbeit von Beh\u00f6rden unter Wahrung des Subsidiarit\u00e4tsprinzips m\u00f6glichst optimal in Bezug auf Effektivit\u00e4t\/Qualit\u00e4t und Effizienz zu organisieren. In einem ersten Schritt soll durch den Bau von Portalen Vertrieb\/Verbreitung von Ausf\u00fchrung und Kontrolle getrennt werden. In einem zweiten Schritt sollen Ausf\u00fchrung und Kontrolle voneinander getrennt werden. Dies erlaubt ein Zusammenlegen der Ausf\u00fchrung in Shared Service Centers, ohne dass die Kontrolle zentralisiert werden muss. Die Vernetzung dieser Shared Service Centers wird als E-Government Service-Grid bezeichnet.\u00a0Langfristig wird es auf der Basis einer klaren Trennung von Vertrieb\/Verbreitung, Ausf\u00fchrung und Kontrolle vermutlich zu einer Aufgabenumverteilung kommen: Neben dem bewussten Verlegen von einigen Aufgaben an die Peripherie werden andere zentralisiert und wieder andere \u00aboutsourct\u00bb werden. Die schon jetzt stattfindende Zusammenarbeit auf Konsulatsebene mit anderen L\u00e4nder zeigt dabei, dass Shared Service Centers auch l\u00e4nder\u00fcbergreifend funktionieren k\u00f6nnen.&#13;<\/p>\n<h2>Das grosse Risiko ist Nicht-Koordination<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie E-Government-Strategie Schweiz ist eine gute Grundlage f\u00fcr erste Schritte zur Realisierung der oben skizzierten Visionen. Dabei gibt es aber auch grosse Risiken, derer man sich von Anfang an bewusst sein sollte:\u00a0&#8211; komplexe Abh\u00e4ngigkeiten der neuen IT-Systeme von den alten, oft instabilen, Beh\u00f6rdenapplikation &#8211; ein bekanntes Ph\u00e4nomen bei der Wiederverwendung von Software;\u00a0&#8211; neue IKT-Strukturen, die nicht vollst\u00e4ndig interoperabel sind;\u00a0&#8211; Abh\u00e4ngigkeit von Standards, die in wenigen Jahren durch andere abgel\u00f6st werden.\u00a0\u00a0Eine konsequente Koordination der priorisierten Projekte und ein dediziertes Risikomanagement sind deshalb kritisch f\u00fcr den Erfolg der Strategie. Denn im ung\u00fcnstigen Fall kann durch mehr IT die Beh\u00f6rdenarbeit auch komplexer werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Zeitschrift eGov Pr\u00e4senz Die Fachzeitschrift f\u00fcr E-Government in der Schweiz, eGov Pr\u00e4senz, erscheint zwei Mal j\u00e4hrlich. Ihr Fachteil beleuchtet jeweils ein Schwerpunktthema aus nationalen und internationalen Perspektiven der Forschung und der Praxis. Im Magazinteil werden Interviews, Experten-Kolumnen und Veranstaltungsberichte pr\u00e4sentiert. Der Autor ist Herausgeber der Zeitschrift.Die n\u00e4chste Ausgabe der \u00abeGov Pr\u00e4senz\u00bb erscheint im M\u00e4rz 2008 mit dem Schwerpunktthema \u00abGesch\u00e4ftsprozesse und SOA in der \u00f6ffentlichen Verwaltung\u00bb. Im Magazinteil werden u.a. Interviews mit EU-Kommissarin Viviane Reding, Sektionschef Arthur Winter vom \u00f6sterreichischen Finanzministerium, ICTswitzerland-Pr\u00e4sident Stefan Arn und dem Z\u00fcrcher Stadtpr\u00e4sidenten Elmar Ledergerber pr\u00e4sentiert. Die Zeitschrift kann kostenlos abonniert werden unter www.egov-praesenz.ch.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 2: Kompetenzzentrum Public Management und E-Government Das Kompetenzzentrum Public Management und E-Government der Berner Fachhochschule (www.e-government.bfh.ch) betreibt Forschung in den Bereichen Verwaltungsinformatik und Change Management. Daf\u00fcr kooperiert es mit Verwaltungs-, Praxis- und universit\u00e4ren Partnern im In- und Ausland. Der Fokus liegt auf den Themen Leadership, Unternehmensarchitekturen und Gesch\u00e4ftsprozessmanagement.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schweizer Verwaltungen leisten heute und seit je gute Arbeit. Warum also das Thema E-Government pushen &#8211; es scheint doch gar keinen Bedarf f\u00fcr Verbesserungen zu geben? Die Antwort ist simpel: Beim E-Government geht es um mehr als um Internet-Kommunikation zwischen B\u00fcrgern und Beh\u00f6rden. Es geht darum, fit f\u00fcr die Zukunft zu bleiben. 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