{"id":123666,"date":"2007-11-01T12:00:00","date_gmt":"2007-11-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2007\/11\/giordano-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:43:19","modified_gmt":"2023-08-23T21:43:19","slug":"giordano","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2007\/11\/giordano\/","title":{"rendered":"Ver\u00e4ndertes Importverhalten Lateinamerikas und der Einfluss von Handelspr\u00e4ferenzen"},"content":{"rendered":"<p>Die Importe Lateinamerikas waren in den vergangenen Jahrzehnten starken Schwankungen unterworfen. Bei gewissen L\u00e4ndern ist gar von einer Achterbahnfahrt zu sprechen. Auf die Expansion Mitte der Neunzigerjahre folgte aufgrund der Wirtschaftskrise ein abrupter Einbruch, gefolgt vom Aufschwung ab 2002. Ein unsteter Verlauf der Handelsentwicklung ist in Lateinamerika nichts Neues. Worauf sind jedoch die j\u00fcngsten Ver\u00e4nderungen der sektoriellen und geografischen Aufteilung der Importe und die diesbez\u00fcglichen Unterschiede innerhalb der Region zur\u00fcckzuf\u00fchren? Und welche Rolle spielen dabei politische Faktoren wie pr\u00e4ferenzielle Handelsabkommen? Dieser Artikel st\u00fctzt sich wesentlich auf eine Studie des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft (Seco) zum Thema pr\u00e4ferenzielle Handelsabkommen (siehe Estevadeordal et. al., 2007). Die im vorliegenden Artikel ge\u00e4usserten Ansichten entsprechen denjenigen des Autors und stimmen nicht zwingend mit der offiziellen Position der IDB, ihrer Mitgliedsl\u00e4nder oder des Seco \u00fcberein. Herzlichen Dank an Kati Suominen und Augusto Stabilito f\u00fcr ihre Unterst\u00fctzung beim Verfassen dieses Artikels.&#13;<\/p>\n<h2>Unstete Entwicklung der Importe<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEin robustes Wirtschaftswachstum, die W\u00e4hrungsaufwertung in grossen Importl\u00e4ndern wie Argentinien und Brasilien sowie die seit Ende der Achtzigerjahre laufende Liberalisierung der regionalen Handelsbeziehungen d\u00fcrften gleichermassen dazu beigetragen haben, dass Lateinamerika zwischen 1995 und 1998 einen Importboom erlebte. Tabelle 1 zeigt, dass in diesem Zeitraum ein Teil der weiter entfernten Handelspartner Marktanteile eroberten, etwa China (+56%) und die USA (+8,6%). Andere &#8211; wie die Schweiz (-23,3%), die weiteren asiatischen L\u00e4nder (-8,9%) und die EU (-5,4%) &#8211; b\u00fcssten an Boden ein.\u00a0Im Zeitraum 1999-2002 stagnierten die Importe in Lateinamerika. Ursache dieser Entwicklung war die Konjunkturverlangsamung in der Region, die in gewissen L\u00e4ndern wie Argentinien und Uruguay in einen Kollaps m\u00fcndete. In einigen F\u00e4llen stagnierte in diesem Zeitabschnitt die Handelsliberalisierung, oder es kam sogar zu R\u00fcckschl\u00e4gen. Dadurch ver\u00e4nderte sich sowohl die geografische als auch die sektorielle Zusammensetzung der Importe. An Bedeutung gewannen Energielieferungen aus Lateinamerika und die Leichtindustrie aus Asien, w\u00e4hrend die Schwerindustrie im regionalen Importkorb an Gewicht verlor. In diesem Zeitraum konnten ausserregionale Partner wie China (+105,2%) und andere asiatische L\u00e4nder (+35,3%) ihre Marktanteile markant ausbauen, und auch die Schweiz verbesserte ihre Marktstellung leicht (+0,9%). Demgegen\u00fcber verschlechterte sich die Position der USA (-7,9%) und Europas (-12,2%) in den regionalen M\u00e4rkten.\u00a0Die Jahre 2003-2005 standen im Zeichen eines kr\u00e4ftigen Wirtschaftsaufschwungs in der ganzen Region. Von den anziehenden Importen profitierten in erster Linie China (+42%) und die anderen asiatischen L\u00e4nder (+11,8%). Eine weitere Schw\u00e4chung ihrer Stellung mussten dagegen die Schweiz (-10%) und die EU (-1,6%) hinnehmen.&#13;<\/p>\n<h2>Handelsliberalisierung als Schl\u00fcsselvariable<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEine Schl\u00fcsselvariable f\u00fcr die Entwicklung der Importe in Lateinamerika war die Handelsliberalisierung. Die lateinamerikanischen L\u00e4nder verfolgten in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine auf mehreren Pfeilern basierende Integrationsstrategie. Dazu geh\u00f6rten unilaterale Markt\u00f6ffnungen, multilaterale Handelsliberalisierungen unter der Federf\u00fchrung der Welthandelsorganisation (WTO) sowie eine subregionale Integration mit der Bildung verschiedener Vereinigun-gen &#8211; so z.B. die Andengemeinschaft (Andean), der Gemeinsame Zentralamerikanische Markt (MCCA) oder der Gemeinsame Markt des S\u00fcdens (Mercosur) &#8211; und Dutzenden von intra- und extraregionalen Freihandelsabkommen (FHA).\u00a0Die offensive Agenda Lateinamerikas in Sachen uni- und multilateraler Handelsliberalisierung brachte einen substanziellen R\u00fcckgang der durchschnittlichen Einfuhrtarife, die von \u00fcber 40% in den Achtzigerauf unter 12% in den Neunzigerjahren und 10% im Jahr 2000 zur\u00fcckgingen. Vgl. IDB (2002). Eine noch gr\u00f6ssere Rolle d\u00fcrfte jedoch die pr\u00e4ferenzielle Tarifliberalisierung im Kontext regionaler Handelsabkommen (RHA) &#8211; sowohl mit FHA als auch mit breiter gefassten Zollunionen &#8211; gespielt haben. In vielen fr\u00fcheren Abkommen sind die Tarife auf null und werden in j\u00fcngeren Abkommen rasch gesenkt.\u00a0Wie in anderen Regionen gibt es allerdings in Lateinamerika bei den RHA Ausnahmen, die dem allgemeinen Trend entgegenlaufen. Gewisse dieser Abkommen (h\u00e4ufig S\u00fcd-S\u00fcd-Abkommen) und gewisse Produktkategorien (vor allem sensible Sektoren wie Agrarprodukte, Lebensmittel, Textilien und Kleidung, Schuhe) hinken der allgemeinen Liberalisierung noch hinterher. Zudem sind in den RHA Bestimmungen &#8211; wie Zolltarifkontingente, Ausnahmen und restriktive Ursprungsregelungen &#8211; verankert, welche die Liberalisierung unterlaufen k\u00f6nnen.\u00a0Insgesamt jedoch ist der Stand der Handelsintegration in der Region sehr erfreulich (siehe Tabelle 2). Der amerikanische Doppelkontinent z\u00e4hlt zu den am st\u00e4rksten integrierten Regionen der Welt. Die Liberalisierung im Rahmen regionaler Pr\u00e4ferenzabkommen ist weit fortgeschritten. Viele L\u00e4nder sind mit den meisten \u00fcbrigen Nationen der Region \u00fcber ein Abkommen verbunden &#8211; und zunehmend auch mit Partnern in Europa und Asien. Vgl. IDB (2006).\u00a0Der Bruch mit dem Zollschutz der Vergangenheit und der Aufschwung der RHA befl\u00fcgelten die Handelst\u00e4tigkeit in Lateinamerika. Nahe liegend scheint auch die Vermutung, dass durch diese Entwicklung die geografische und sektorielle Zusammensetzung des Handels in der Region beeinflusst wurde.\u00a0Die regionalen Handelsabkommen d\u00fcrften die Importe der Region in dreierlei Hinsicht beeinflusst haben: \u00a0&#8211; erstens in Bezug auf das Volumen (dank der fortgeschrittenen Liberalisierung im Rahmen verschiedener RHA, namentlich im Fall von Mexiko und Chile);\u00a0&#8211; zweitens bez\u00fcglich der geografischen Herkunft (RHA-Partner mit Wettbewerbsvorteil);\u00a0&#8211; drittens hinsichtlich der Zusammensetzung der Importe (sektorspezifische Abweichungen bei der Liberalisierungsgeschwindigkeit von RHA und unterschiedlich strenge Ursprungsregelungen f\u00fcr Endprodukte, die sich auf die Herkunft der Zwischenprodukte auswirken k\u00f6nnen).&#13;<\/p>\n<h2>Einfluss der strukturellen und politischen Faktoren<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEine Shift-Share-Analyse liefert Erkenntnisse zur geografischen und sektoriellen Zusammensetzung der Importe. Eine solche Analyse gibt zudem Aufschluss dar\u00fcber, inwieweit strukturelle und politische Vorgaben (z.B. Handelspolitik) die regionalen Handelsfl\u00fcsse zwischen verschiedenen Volkswirtschaften und die Marktanteile der Partnerl\u00e4nder mitbestimmen. Vgl. Cheptea, Gaulier und Zignago (2005) sowie Estevadeordal et. al. (2007) f\u00fcr genauere Erkl\u00e4rungen. Die Analyse l\u00e4sst zwei Schl\u00fcsse zu:\u00a0&#8211; Die geografische und sektorielle Zusammensetzung der Importe der einzelnen lateinamerikanischen L\u00e4nder glich sich von 1995 bis 2002 an. Strukturelle Faktoren wie die urspr\u00fcngliche geografische Herkunft und sektorielle Zusammensetzung der Importe scheinen neu handelspolitische Einfl\u00fcsse zu dominieren.\u00a0&#8211; Der Einfluss politischer Entscheide war besonders stark im Fall von Costa Rica, Guatemala und Mexiko, die sich in Sachen Handelsintegration besonders aktiv zeigten. In Bolivien, Chile Im Studienzeitraum fiel Chile durch eine \u00e4usserst dynamische Handelspolitik auf. Es scheint daher nicht plausibel, dass strukturelle Faktoren den gr\u00f6sseren Einfluss hatten als die politischen Bem\u00fchungen. Vermutlich wird der Einfluss der RHA auf das Importverhalten mit dem schrittweisen Inkrafttreten von bindenden Bestimmungen zunehmen., Kolumbien, Honduras, Panama, Peru, Uruguay und Venezuela spielten politische Aspekte eine weniger grosse Rolle. In den gr\u00f6ssten Mercosur-L\u00e4ndern Brasilien und Argentinien schliesslich hatten die politischen Variablen einen geringen Einfluss. Dies ist m\u00f6glicherweise damit zu erkl\u00e4ren, dass diese L\u00e4nder im Bereich der pr\u00e4ferenziellen Handels\u00f6ffnung weniger engagiert waren.\u00a0\u00a0Die Rolle der politischen Rahmenbedingungen wird dabei in einem Modell mit drei unabh\u00e4ngigen Variablen bestimmt, welche das Importverhalten Lateinamerikas zwischen 1996 und 2002 gepr\u00e4gt haben d\u00fcrften: das Wirtschaftswachstum (insbesondere die Kontraktion im Mercosur), die W\u00e4hrungsabwertungen (wiederum vor allem in Mercosur) sowie die Handelspolitik und die regionale Integration (wobei viele L\u00e4nder mit einem positiven Impuls aus dieser Quelle zur liberalsten Gruppe geh\u00f6rten und &#8211; mit der Ausnahme von Chile &#8211; klar zu denjenigen mit den forciertesten Integrationsbem\u00fchungen).\u00a0Diese Ergebnisse sind allerdings aufgrund der Grenzen der Shift-Share-Analyse mit einer gewissen Vorsicht zu interpretieren. Um festzustellen, inwieweit die Handelspolitik im Allgemeinen und die regionalen Handelsabkommen im Besonderen mit dem Importverhalten in Lateinamerika nicht nur korrelieren, sondern dieses urs\u00e4chlich beeinflussen, w\u00e4re eine \u00f6konometrische Sch\u00e4tzung erforderlich.&#13;<\/p>\n<h2>Schlussfolgerungen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWird die aufgezeigte Ver\u00e4nderung der Importmuster Lateinamerikas mit \u00f6konomischen und politischen Schl\u00fcsselvariablen (wie Wirtschaftswachstum, Wechselkurse und Handelsliberalisierung) in Verbindung gebracht, ergeben sich vier Schlussfolgerungen: Erstens haben die Importe der Region aus der Schwerindustrie an Bedeutung gewonnen, wenn auch mit betr\u00e4chtlichen Schwankungen \u00fcber den Beobachtungszeitraum. Geografisch gesehen bleiben die USA wichtigster Handelspartner f\u00fcr die meisten Regionen. Die asiatischen L\u00e4nder und insbesondere China konnten ihre Position jedoch st\u00e4rken. \u00dcber den gesamten Analysezeitraum mussten die Schweiz und Europa Marktanteile preisgeben. Besonders ausgepr\u00e4gt war dieser Trend in Zeitabschnitten mit boomenden Importen in Lateinamerika.\u00a0Bei einer genaueren Analyse innerhalb Lateinamerikas treten zweitens gewisse Unterschiede zutage. Die spezifischen Importmuster einzelner L\u00e4nder in Lateinamerika d\u00fcrften wohl mit der Heterogenit\u00e4t der Region in Sachen Wirtschaftswachstum, Wechselkurse und Handelsliberalisierung zu tun haben. \u00a0Drittens zeigt die Analyse zu Umfang und Tiefe der Liberalisierung im Rahmen von lateinamerikanischen Freihandelszonen und Zollunionen ein breites Spektrum. Die RHA scheinen das Importmuster bez\u00fcglich Volumen, geografischer Herkunft und sektorieller Zusammensetzung gepr\u00e4gt zu haben.\u00a0Viertens legt die Shift-Share-Analyse den Schluss nahe, dass im Allgemeinen strukturelle Elemente im Zusammenhang mit der urspr\u00fcnglichen geografischen und sektoriellen Zusammensetzung der Importe die Handelspolitik &#8211; einschliesslich der pr\u00e4ferenziellen Handels\u00f6ffnungen &#8211; dominierten. Bei jenen L\u00e4ndern, welche die Integration am konsequentesten vorantrieben, beeinflusste die Handelspolitik jedoch den relativen Anteil der Partnerl\u00e4nder an den Importen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 1 \u00abLateinamerika: Wachstum der Marktanteile ausgew\u00e4hlter Partner\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 2 \u00abHandelsabkommen des amerikanischen Kontinents: Stand 2006\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Literatur &#8211; Cheptea A., Gaulier G. and Zignago S. (2005): World Trade Competitiveness: A Disaggregated View by Shift-Share Analysis. Centre d&#8216; Etudes Prospectives et d&#8217;Informations Internationales (CEPII).- Estevadeordal A., Giordano P., Stabilito A. and Suominen K. (2007): Shifting Import Patterns in Latin America: The Role of Structural and Policy Determinants, Diskussionspapier erstellt in Koordination mit dem Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft SECO, IDB Integration and Trade Sector, Washington D.C.- Inter-American Development Bank (2002): Beyond Borders: The New Regionalism in Latin America. IPES. Washington, D.C.- Inter-American Development Bank (2006): Market Access Provisions in RTAs, Papier erstellt f\u00fcr ads Expertentreffen \u00abRegional Rules in the Global Trading System\u00bb des IDB-WTO Joint Research Program, 26-27 Juli 2006, Integration and Regional Programs Department, Washington D.C.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Importe Lateinamerikas waren in den vergangenen Jahrzehnten starken Schwankungen unterworfen. Bei gewissen L\u00e4ndern ist gar von einer Achterbahnfahrt zu sprechen. Auf die Expansion Mitte der Neunzigerjahre folgte aufgrund der Wirtschaftskrise ein abrupter Einbruch, gefolgt vom Aufschwung ab 2002. Ein unsteter Verlauf der Handelsentwicklung ist in Lateinamerika nichts Neues. 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