{"id":123721,"date":"2007-10-01T12:00:00","date_gmt":"2007-10-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2007\/10\/aebischer-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:43:08","modified_gmt":"2023-08-23T21:43:08","slug":"aebischer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2007\/10\/aebischer\/","title":{"rendered":"Wissenschaft und Wirtschaft: Eine Beziehung, die gepflegt werden will"},"content":{"rendered":"<p>Bildung, Forschung und Anwendung sind drei Gebiete, die sich gegenseitig befruchten. Wenn eines davon geschw\u00e4cht ist, leidet der gesamte Kreislauf: Ohne Meilensteine gibt es keine Innovation in der Grundlagenforschung; umgekehrt m\u00fcssen sich die Studierenden den Forderungen aus Forschung und Industrie stellen. Die Gesellschaft profitiert als Ganzes, wenn die Forschungslabors nutzbare Ergebnisse hervorbringen. Voraussetzung daf\u00fcr ist, dass die Unternehmen wissenschaftliche Erkenntnisse in gefragte Produkte und Dienstleistungen umwandeln. Diese Verbindung zwischen wirtschaftlicher und akademischer Welt ist eine wesentliche Triebfeder unserer Gesellschaft. Die diesbez\u00fcglichen Bem\u00fchungen der Eidg. Technischen Hochschule Lausanne (EPFL), die in diesem Text vorgestellt werden, sind eine Bereicherung und gehen nicht zulasten der \u00fcbrigen Aufgaben der Hochschule.&#13;<\/p>\n<h2>Beeindruckende Entwicklung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie EPFL kann stolz sein auf das Erreichte. Der 1991 von Pr\u00e4sident Bernard Vittoz er\u00f6ffnete Wissenschaftspark z\u00e4hlt heute \u00fcber 110 Jungunternehmen (\u00abStart-ups\u00bb). Zudem sind attraktive Forschungspartnerschaften entstanden. Der am h\u00f6chsten dotierte Vertrag wurde im vergangenen Jahr mit Nestl\u00e9 f\u00fcr einen Zeitraum von 5 Jahren und \u00fcber insgesamt 25 Mio. Franken abgeschlossen. Die Schweizer Unternehmen sind also auch an Investitionen an Hochschulen in der Schweiz interessiert, nachdem sie bereits spektakul\u00e4re Betr\u00e4ge f\u00fcr Forschungsprojekte an Universit\u00e4ten ausserhalb der Landesgrenzen bereitgestellt haben. Die Zahl der Lizenzen und Abkommen im Bereich Technologietransfer hat sich in den vergangenen f\u00fcnf Jahren mehr als verdoppelt. Dieser Indikator ist nicht nur Ausdruck der Innovationskraft, sondern zeugt auch vom echten Engagement der Industriepartner zugunsten der Innovation.\u00a0Es gibt noch zahlreiche weitere Indikatoren, \u00fcber deren Aussagekraft und Verzerrungspotenzial sich ausgiebig streiten l\u00e4sst. Aussenstehende Beobachter k\u00f6nnen sich an drei Hauptqualit\u00e4ten orientieren: ein allgemeiner, durch verschiedene Indikatoren belegter Trend, eine breite Strategiepalette und ein globales Arbeitsumfeld, das etwa der Begriff \u00abInnovationskultur\u00bb umschreibt.\u00a0Wenn es darum geht, die im Campus gewonnenen Erkenntnisse umzusetzen und die Wirtschaft durch vielf\u00e4ltige Aktivit\u00e4ten zu stimulieren, st\u00f6sst eine einzelne Strategie oder ein Modetrend bald an Grenzen. Das zeigt die kurze, bewegte Vergangenheit der Start-ups: 1999 noch als Allheilmittel gepriesen, wurden sie bereits 2002 an den Pranger gestellt. In Tat und Wahrheit zeichnen sie sich durch zahlreiche Qualit\u00e4ten aus, je nach T\u00e4tigkeitsgebiet namentlich durch ein hohes Wertsch\u00f6pfungspotenzial. Der Nachteil besteht darin, dass aus dem Nichts ein komplettes Netz von F\u00fchrungs-, Finanzierungs-, Verkaufs- und Vertriebsfazilit\u00e4ten geschaffen werden muss. Daher dauert es h\u00e4ufig relativ lange, bis ein Produkt auf den Markt kommt &#8211; und dieser wartet nicht ewig. Es lohnt sich deshalb, die Strategien zu diversifizieren und wirksame, individuelle L\u00f6sungen f\u00fcr verschiedene Aktivit\u00e4ten vorzusehen. \u00a0Ein Beispiel: Seit einigen Monaten befindet sich der Inkubator von Logitech im Wissenschaftspark der EPFL. Diese kleine, leichte, flexible und schnelle Struktur dient dazu, in Innovationen zu investieren, die aus dem Unternehmen hervorgehen. Seine ausgepr\u00e4gte St\u00e4rke liegt darin, eine Innovation in ein Produkt \u00fcberzuf\u00fchren. Innerhalb weniger Monate hat auf diese Weise ein neuer Algorithmus zur Begrenzung des Echos bei den Webcams den Weg von den Hochschullabors in die Regale der Grossverteiler &#8211; und damit zu den Konsumenten &#8211; gefunden. Der Erfinder dieser Technologie, Christof Faller, konnte sein eigenes Unternehmen gr\u00fcnden und weitere innovative Technologien entwickeln.\u00a0Die Zusammenarbeit mit Nestl\u00e9 steht f\u00fcr einen dritten Weg: die akademische Partnerschaft. Ein Unternehmen wie Nestl\u00e9 ben\u00f6tigt Zugang zu Spitzenforschung nicht nur, um den Weg f\u00fcr neue Produktgenerationen zu ebnen, sondern auch, um seine Produktion unter einem Grundsatz &#8211; wie z.B. \u00abGood Food Good Life\u00bb &#8211; zu b\u00fcndeln. F\u00fcr Spitzenkr\u00e4fte der Forschung kann eine solche Kooperation sehr attraktiv sein, bietet sie doch akademische Anerkennung und ein offenes, kompetentes Umfeld, wie z.B. Engineering zur Entwicklung neuer Messmethoden, Informatik f\u00fcr die Datenverarbeitung oder Mathematik zur Schaffung von Modellen. Auch die EPFL profitiert, da sich weitere hochkar\u00e4tige Forschungsteams bilden lassen, ohne die ethischen Grunds\u00e4tze und Regeln der Hochschulwelt zu verletzen. Der gesamtgesellschaftliche Nutzen besteht darin, dass eine Entdeckung im Einklang mit den akademischen Gepflogenheiten ver\u00f6ffentlicht und damit das neu erworbene Wissen verbreitet wird.\u00a0Eine weitere Option ist namentlich die Zusammenarbeit mit zahlreichen Unternehmen dank Unterst\u00fctzung der F\u00f6rderagentur f\u00fcr Innovation des Bundes (KTI), die f\u00fcr die KMU eine \u00e4usserst wichtige Rolle spielt. Diese Beziehungsvielfalt ist ein Schl\u00fcsselelement bei der Nutzbarmachung neuer Erkenntnisse, da sie optimale Verbindungen zwischen Laboratorien, Unternehmen und M\u00e4rkten schafft.&#13;<\/p>\n<h2>Wem geh\u00f6rt das Geistige Eigentum?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Frage des Geistigen Eigentums stellt sich immer wieder. Im Jahr 2007 haben wir diesbez\u00fcglich einige Regeln abge\u00e4ndert. Grunds\u00e4tzlich gibt es drei Arten von finanziellen Beziehungen:\u00a0Die erste ist ein von der EPFL eingereichtes Patent, wenn aus der Grundlagenforschung an der Hochschule eine wichtige Innovation hervorgeht. Diese Praxis wird beibehalten. Patente k\u00f6nnen Gegenstand einer Lizenz sein oder gegen eine Beteiligung an einem Start-up getauscht werden.\u00a0Die zweite Art ist das Mandat. Sie kommt eher selten zum Zuge, um Ingenieurb\u00fcros oder Unternehmen nicht zu konkurrenzieren. Die Ergebnisse geh\u00f6ren dem Auftraggeber und die Tarife sind entsprechend angesetzt. Diese Form der Zusammenarbeit ist zum Beispiel gerechtfertigt, wenn wir \u00fcber Kompetenzen verf\u00fcgen, die sonst niemand bieten kann, und entsprechende Anfragen von \u00f6ffentlichen Einrichtungen vorliegen.\u00a0Die dritte M\u00f6glichkeit ist eine Zwischenform und besteht in einem von einem Unternehmen vorgeschlagenen Forschungsprojekt mit umfangreicher wissenschaftlicher Komponente. Lange schlossen die Hochschulen in einem solchen Fall komplexe Vertr\u00e4ge ab, in denen die Verteilung des Geistigen Eigentums geregelt wurde. Diese Vertr\u00e4ge sind h\u00e4ufig durch die Angst gepr\u00e4gt, dass einem eines Tages die Gewinne eines Welterfolgs entgehen k\u00f6nnten. Wir haben analysiert, was eine solche Beziehung tats\u00e4chlich bringt. Die Schlussfolgerung ist erstaunlich: Sowohl das Erstellen als auch das \u00dcberwachen der Einhaltung solcher Vertr\u00e4ge sind \u00e4usserst schwierig, langwierig und kostspielig. Zudem verm\u00f6gen die durchschnittlichen Einnahmen die juristischen Kosten nicht zu decken. Die EPFL ist diesbez\u00fcglich kein Einzelfall. Vielmehr handelt es sich dabei um eine internationale Realit\u00e4t, die auch jenseits des Atlantiks ihre G\u00fcltigkeit hat. Aus diesem Grund haben wir entschieden, von unseren Partnern &#8211; auch im Hinblick auf einen echten Einbezug der Studierenden in konkrete Projekte &#8211; einen h\u00f6heren Beitrag an die allgemeine Infrastruktur zu verlangen, ihnen aber im Gegenzug die Rechte am Geistigen Eigentum in ihrem T\u00e4tigkeitsbereich zu \u00fcberlassen. Diese Pr\u00e4zisierung zum Geistigen Eigentum ist ausserordentlich wichtig. Sie bietet den Forschenden die Sicherheit, dass sie ihre T\u00e4tigkeit \u00fcber die Partnerschaft hinaus weiterf\u00fchren und sp\u00e4tere Ergebnisse in einem anderen Kontext nutzen k\u00f6nnen. Die EPFL erh\u00e4lt dadurch mehr Ressourcen f\u00fcr Bildung und Forschung, w\u00e4hrend die Unternehmen dank des vereinfachten Vorgehens wertvolle Zeit gewinnen und so ihre Projekte rascher auf den Markt bringen k\u00f6nnen.\u00a0Die Hochschulen m\u00fcssen also konsequent daran arbeiten, m\u00f6glichst ergiebige Beziehungen mit der Wirtschaft zu unterhalten &#8211; auch entgegen bestehender Vorurteile und alter Gewohnheiten. Nur so kann man zeigen, dass wissenschaftliche Brillanz und wirtschaftlicher Nutzen mit dem richtigen Vorgehen durchaus unter einen Hut zu bringen sind.&#13;<\/p>\n<h2>Innovationskultur<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nNeben den erw\u00e4hnten relevanten Indikatoren und der Beziehungsvielfalt ist bei der Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse ein weiterer Punkt von Bedeutung: ein Umfeld, das die Bezeichnung \u00abInnovationskultur\u00bb verdient. Mit dieser Arbeit wurde an der EPFL schon vor langer Zeit begonnen. Nach der Schaffung des Wissenschaftsparks folgten die ersten Anstrengungen zur Finanzierung von Unternehmensgr\u00fcndungen und zum Angebot von Unterst\u00fctzungsleistungen wie dem Coaching. In den letzten Jahren wurde dieses Umfeld um ein breites Angebot von Weiterbildungen f\u00fcr Managementaufgaben erg\u00e4nzt. Heute belegen mehr als tausend Studierende solche Kurse, mit denen sie ihre technische Ausbildung komplettieren. Gleichzeitig wurden Partnerschaften mit der Universit\u00e4t Lausanne eingegangen und gemeinsame Programme mit dem IMD lanciert. Die j\u00fcngsten Bem\u00fchungen in Zusammenarbeit mit dem Swiss Finance Institute gelten dem Finanzengineering. Dabei konnte mit Peter Bossaerts, bisher Dekan am California Institute of Technology (Caltech), einer der weltweit angesehensten Spezialisten auf dem Gebiet gewonnen werden. Ziel ist es, die Kompetenzen in einem Schl\u00fcsselbereich unserer Wirtschaft zu st\u00e4rken.\u00a0Diese anregende Umgebung mit Start-ups, Inkubatoren, Laboratorien und Bildung \u00fcbt eine zunehmende Anziehungskraft auf Investoren aus, denen sich verschiedene Anlagem\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnen. Sie sind sich bewusst, dass der Campus der EPFL echte Chancen bietet: Endoart, ein auf implantierbare, ferngesteuerte medizinische Ger\u00e4te spezialisiertes Start-up, wurde im Fr\u00fchling f\u00fcr 120 Mio. Franken &#8211; d.h. zum vierfachen Preis der Anfangsinvestitionen &#8211; an Allergan verkauft. Diese Meldung sorgte in der internationalen Anlegergemeinschaft f\u00fcr Aufsehen und verst\u00e4rkte ihr Interesse an der Schweiz.\u00a0Die Entwicklung zeigt das Potenzial, das unser Land dank seiner wichtigsten Ressourcen besitzt: Wissen und Bildung. Dieses Potenzial ist noch keineswegs ausgesch\u00f6pft. Die vorgesehenen Anstrengungen im Bereich Lehre und Forschung m\u00fcssen deshalb realisiert werden. Sie tragen dazu bei, dass wir auch morgen \u00fcber die innovationsstarken Fachkr\u00e4fte verf\u00fcgen, die wir brauchen, um f\u00fcr die Zukunft gewappnet zu sein.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bildung, Forschung und Anwendung sind drei Gebiete, die sich gegenseitig befruchten. Wenn eines davon geschw\u00e4cht ist, leidet der gesamte Kreislauf: Ohne Meilensteine gibt es keine Innovation in der Grundlagenforschung; umgekehrt m\u00fcssen sich die Studierenden den Forderungen aus Forschung und Industrie stellen. Die Gesellschaft profitiert als Ganzes, wenn die Forschungslabors nutzbare Ergebnisse hervorbringen. 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