{"id":123746,"date":"2007-10-01T12:00:00","date_gmt":"2007-10-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2007\/10\/hertig-4\/"},"modified":"2023-08-23T23:43:43","modified_gmt":"2023-08-23T21:43:43","slug":"hertig-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2007\/10\/hertig-3\/","title":{"rendered":"Wissenstransfer mit dem Ausland: Chancen, Risiken und Handlungsbedarf"},"content":{"rendered":"<p>Vor dem Hintergrund von pers\u00f6nlichen Erfahrungen setzt sich der Autor mit Fragen des Wissenstransfers zwischen der Schweiz und China auseinander. Er analysiert Chancen und Risiken von internationaler Kooperation und ortet Handlungsbedarf im Bereich der angewandten Forschung und Entwicklung (F&amp;E). Der Autor pl\u00e4diert f\u00fcr die Sensibilisierung der verantwortlichen Akteure im Umgang mit Wissen und Technologie. Dass die Warnungen nicht aus der Luft gegriffen sind, zeigt die Titelgeschichte eines bekannten deutschen Nachrichtenmagazins, die neulich publiziert wurde, auf eindr\u00fcckliche Weise. <img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/200710_09_Hertig_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"250\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEine der h\u00e4ufigsten Fragen, mit denen ich bei meiner gegenw\u00e4rtigen T\u00e4tigkeit in China konfrontiert bin (siehe Kasten 1 Grundlagenforschung und angewandte Forschung sind Idealtypen, die in der Praxis ineinander \u00fcbergehen. Wo der bez\u00fcglich internationalem Wissenstransfer sensible Bereich beginnt, ist konzeptionell nicht eindeutig festzulegen &#8211; schliesslich hat auch der Grundlagenforscher nicht nur Erkenntnisgewinn im Kopf, sondern denkt h\u00e4ufig auch an sinnvolle Anwendungen. Als Handlungsprinzip muss gen\u00fcgen, dass die internationale Kooperation mit zunehmender N\u00e4he des Forschungsvorhabens zum gewinnbringenden Produkt und zur marktf\u00e4higen L\u00f6sung ihre Unschuld verliert und die Forschenden gut daran tun, m\u00f6gliche negative Aspekte mitzudenken und zu antizipieren.), ist jene nach den Risiken eines engen wissenschaftlichen Austausches f\u00fcr die Schweiz. Wer profitiert schlussendlich von dieser mit \u00f6ffentlichen Geldern finanzierten Kooperation? St\u00f6sst der Wissenstransfer im Reich der Mitte nicht prim\u00e4r deshalb auf Interesse, weil man sich davon einseitige wirtschaftliche Vorteile erhofft? Wird die Schweiz dabei nicht ausgenutzt? \u00a0Die Frage ist berechtigt. Zwar ist die notwendige Bedingung f\u00fcr fruchtbare internationale Zusammenarbeit erf\u00fcllt: Die Wissenschafter selber sind interessiert, wie eine k\u00fcrzlich erfolgte Umfrage der Schweizerischen Hochschulkonferenz bei den schweizerischen Hochschulen zeigt. China ist auf dem Weg, (auch) in den Wissenschaften zu einer Weltmacht zu werden. In einzelnen Forschungsfeldern geh\u00f6rt das Land bereits heute zur Weltspitze. Dass sich darunter einige befinden, die auch in der Schweiz zu den strategisch wichtigsten Disziplinen geh\u00f6ren (z.B. die Nanotechnologie), erh\u00f6ht den Reiz der Sache. Aber eine notwendige Bedingung ist eben noch keine hinreichende. Hochschulen sind mit Steuergeldern betriebene \u00f6ffentliche Institutionen. Ihre Akteure m\u00fcssen sich die Frage gefallen lassen, ob das, was sie tun, f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit, die sie finanziert, tats\u00e4chlich von Nutzen ist. Das Interesse der Wissenschaftsgemeinde allein rechtfertigt noch keinen Ausbau der wissenschaftlichen Beziehungen \u00aba tout prix\u00bb. Der blosse Hinweis darauf, Wissenschaft sei eben ein internationales Gesch\u00e4ft, das vor L\u00e4ndergrenzen nicht Halt mache, greift in dieser Perspektive jedenfalls zu kurz.\u00a0Wissenschaft ist nicht gleich Wissenschaft. Die Antworten auf die eingangs gestellte Frage fallen deshalb je nach Forschungsbereich, Forschungsziel und jeweiligem juristischem (und politischem) Umfeld h\u00f6chst unterschiedlich aus. Die Diskussion ist B\u00fccher f\u00fcllend und kann an dieser Stelle nicht gef\u00fchrt werden. Auf eine fundamentale Differenzierung ist aber auch in einer gezwungenermassen an der Oberfl\u00e4che bleibenden Analyse nicht zu verzichten: jene zwischen Grundlagenforschung, mit dem prim\u00e4ren Ziel, mehr zu wissen \u00fcber uns und die Welt, in der wir leben, und angewandter Forschung und Entwicklung, also marktnaher Forschung, die direkt gewinnbringende Produkte oder Probleml\u00f6sungen anstrebt. Im Folgenden werden die beiden Forschungstypen separat (siehe Kasten 2 Im Auftrag des Staatssekretariats f\u00fcr Bildung und Forschung (SBF) etabliert der Autor zurzeit in China ein Schweizer Haus f\u00fcr Wissenschaft, Technologie und Kultur. Swissnex Shanghai hat &#8211; wie seine schon bestehenden Schwestern in Boston, San Francisco und Singapur &#8211; die Aufgabe, wissenschaftliche Kooperationen zu f\u00f6rdern und die Schweiz als eine der weltweit f\u00fchrenden Forschungsnationen zu profilieren. Swissnex Shanghai wird Ende Jahr offiziell er\u00f6ffnet. Weitere Swissnex sind in Indien, Russland und S\u00fcdafrika geplant.) diskutiert. Dabei geht es jeweils nur um die mit \u00f6ffentlichen Mitteln unterst\u00fctzte Wissensproduktion; Forschung in Privatfirmen unterliegt noch einmal anderen Gesetzen.&#13;<\/p>\n<h2>Grundlagenforschung &#8211; ein unproblematischer Bereich<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAls Produkt von Grundlagenforschung ist der Artikel in einer m\u00f6glichst angesehenen wissenschaftlichen Zeitschrift anzusehen. Da der Artikel weltweit zug\u00e4nglich ist, spielt grenz\u00fcberschreitender Wissenstransfer in dieser Perspektive keine Rolle (siehe Kasten 3 Der freie Zugang zu den Resultaten der Grundlagenforschung ist in Wirklichkeit ein Mythos. Wissenschaftliche Zeitschriften sind teuer und f\u00fcr viele potenzielle Lesende in \u00e4rmeren L\u00e4ndern gar nicht zug\u00e4nglich. Ein weiteres Hindernis ist die Sprache. China hat sich zwar zu einem Publikationsriesen gemausert: Bez\u00fcglich Anzahl der wissenschaftlichen Publikationen liegt das Land bereits auf Platz 5 der Weltrangliste. Da aber drei Viertel der Artikel in Mandarin geschrieben sind, entziehen sie sich der Kenntnis von nahezu der gesamten Schweizer Wissenschaftsgemeinde.). Aber wie steht es mit den Autoren dieser Artikel? Das Gespenst der Abwanderung brillanter, in der Schweiz ausgebildeter Wissenschaftler ins Ausland &#8211; des so genannten \u00abBrain-Drain\u00bb &#8211; hat es in den letzten Jahren immer wieder in die Schweizer Presse geschafft und Warnfinger provoziert. Insbesondere wurde beklagt, dass wir laufend Talente an die USA verlieren. Junge, viel versprechende Schweizer Forscherinnen und Forscher werden mit \u00f6ffentlichen Geldern &#8211; am h\u00e4ufigsten mit einem Stipendium des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) &#8211; in die USA geschickt und bleiben dort h\u00e4ngen. Ich halte diese Klagen aus drei Gr\u00fcnden f\u00fcr unbegr\u00fcndet:\u00a0Erstens hat der Kleinstaat Schweiz gar keine andere Wahl, als seine jungen Talente zu Ausbildungszwecken f\u00fcr einige Jahre in Spitzenforschungslabors ins Ausland zu schicken. In den meisten Fachbereichen fehlt uns die kritische Masse f\u00fcr eine bereichernde nationale Zusammenarbeit und &#8211; noch wichtiger &#8211; f\u00fcr eine anspornende innerschweizerische Konkurrenz. Nichts auszusetzen gibt es dabei sicher auch am Umstand, dass sich die Mehrheit der oben angesprochenen SNF-Stipendiaten immer noch f\u00fcr einen Aufenthalt in den USA entscheidet. Die USA haben die besten Universit\u00e4ten der Welt.\u00a0Zum Zweiten ergeben sich aus dem schieren Umstand, dass sich die Wanderungsbilanz mit den USA negativ pr\u00e4sentiert, noch keine negativen Auswirkungen auf den Wissensstandort Schweiz. Wichtig ist nicht die Quantit\u00e4t, sondern die Qualit\u00e4t der ausgetauschten Personen. Wenn die Mehrheit in den USA h\u00e4ngen bleibt, wir jedoch die Besten zur\u00fcckgewinnen und es zudem gelingt, einige amerikanische Weltklasseforschende in die Schweiz zu holen, ist die Bilanz f\u00fcr unser Land \u00e4usserst positiv. Die Voraussetzungen daf\u00fcr sind gut. Der SNF hat mit dem vor einigen Jahren etablierten Programm \u00abSNF-F\u00f6rderungsprofessuren\u00bb ein attraktives Programm f\u00fcr R\u00fcckkehrwillige geschaffen. Gleichzeitig gelingt es unseren Spitzenuniversit\u00e4ten immer wieder, bestens ausgewiesene Kr\u00e4fte aus dem Ausland &#8211; nicht zuletzt den USA &#8211; anzulocken. Der Anteil ausl\u00e4ndischer Professoren und Professorinnen an unseren Universit\u00e4ten geh\u00f6rt zu den h\u00f6chsten der Welt. Eine hohe Lebensqualit\u00e4t, eine lange erfolgreiche Geschichte als Wissensnation, Spitzenpl\u00e4tze unserer Hochschulen in internationalen Rankings und ein im internationalen Vergleich relativ unb\u00fcrokratisches Umfeld machen unser Land f\u00fcr Spitzenforschende ausserordentlich attraktiv.\u00a0Zum Dritten sind im Ausland verbleibende Wissenschafter f\u00fcr unser Land nicht einfach verloren. Sie bilden ein f\u00fcr die Zusammenarbeit mit der entsprechenden lokalen Wissenschaftsgemeinde ausserordentlich wichtiges Netzwerk. Sie unterhalten privilegierte Partnerschaften mit Schweizer Gruppen und agieren als Geburtshelfer f\u00fcr neue Kooperationen mit Wissenschaftern im Gastland. Dar\u00fcber hinaus bilden sie ein ausgezeichnetes Rekrutierungspotenzial f\u00fcr im entsprechenden Land agierende Schweizer Unternehmen. Grunds\u00e4tzlich darf sich die Diskussion \u00fcber die Vor- und Nachteile des internationalen Wissenschaftsaustausches ja nicht auf die akademische Welt beschr\u00e4nken. Grundlagenforschung ist eine ausgezeichnete Vorbereitung auf den sp\u00e4teren Einsatz in den verschiedensten Bereichen einer Volkswirtschaft. \u00dcberall dort, wo Originalit\u00e4t, Innovation und Methodenvielfalt gefragt sind, stellen in der Grundlagenforschung geschulte Pers\u00f6nlichkeiten die beste Wahl dar. Sie meistern ihr Handwerk und sind in den Kulturen der Schweiz und des jeweiligen Gastlandes zu Hause. \u00a0Gleiches gilt auch f\u00fcr alle anderen Formen des Wissenstransfers im Grundlagenbereich, sei es \u00fcber gemeinsame Forschungsprojekte mit ausl\u00e4ndischen Gruppen oder via gemeinsame Forschungsvorhaben in grossen internationalen Forschungseinrichtungen und Organisationen, wie zum Beispiel dem Cern. Die Schweiz sollte die Politik eines m\u00f6glichst offenen Wissenschaftssystems ohne k\u00fcnstliche Barrieren forcieren. Davon wird sie so lange profitieren, als sie als starke Wissenschaftsnation mit gut ausgebildeten Wissenschaftern und hochklassigen Hochschulen aufzutreten vermag. Wichtig ist also prim\u00e4r, dass es uns gelingt, die bestehende Qualit\u00e4t zu halten oder sogar zu verbessern. Dies ist letztendlich eine Frage des politischen Willens &#8211; und an diesem war in den letzten Jahren und Jahrzehnten manchmal etwas zu zweifeln. Mit dem neuen Rahmenkredit f\u00fcr die F\u00f6rderung von Bildung, Forschung und Innovation in den Jahren 2008-2011 und der vorgesehenen Wachstumsquote, die sich international wieder sehen lassen kann, ist die Trendwende aber offensichtlich geschafft.&#13;<\/p>\n<h3>Grundlagenforschung vorherrschend<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Schweizer Forschungsgemeinde &#8211; zumindest jene, die mit \u00f6ffentlichen Mitteln agiert &#8211; ist traditionell eher der Grundlagenforschung verhaftet. Nicht zuletzt aus ordnungspolitischen \u00dcberlegungen haben sich Bund und Kantone bei Investitionen in angewandte F&amp;E immer stark zur\u00fcckgehalten und das Feld der Privatindustrie \u00fcberlassen. Das Budget der f\u00fcr diesen Forschungstyp zust\u00e4ndigen F\u00f6rderagentur f\u00fcr Innovation (KTI) liegt denn auch deutlich unter jenem des der Grundlagenforschung verpflichteten SNF. Zudem gibt es im Vergleich zum Ausland f\u00fcr Schweizer Hochschulangeh\u00f6rige wenige Anreize, Br\u00fccken zur Praxis zu bauen. W\u00e4hrend beispielsweise amerikanische Hochschulforschende in den Sommermonaten keine Sal\u00e4re beziehen und sich schon aus rein finanziellen \u00dcberlegungen st\u00e4rker mit der Frage besch\u00e4ftigen, wie sie ihr Hochschulwissen an den Mann und die Frau bringen k\u00f6nnen, sind ihre Schweizer Kolleginnen und Kollegen finanziell derart gut gepolstert, dass solche Reflexionen in den Hintergrund treten. Kurz: Rascher und effizienter Wissenstransfer zwischen Hochschulen und Industrie geh\u00f6rt &#8211; von lobenswerten Ausnahmen abgesehen &#8211; nicht zu den St\u00e4rken unseres Systems. Es fehlt den Akteuren sowohl an Interesse als auch an Praxis. Und was f\u00fcr den innerschweizerischen Transfer gilt, hat eben auch f\u00fcr den Transfer mit dem Ausland G\u00fcltigkeit.&#13;<\/p>\n<h2>Angewandte F&amp;E &#8211; ein komplexer und sensibler Bereich<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nBedeutend komplexer und sensibler als im Bereich der Grundlagenforschung ist die Sache in jenem der marktnahen angewandten F&amp;E. Hier entsteht der Eindruck, dass die Schweizer Wissenschaftsgemeinde s\u00fcndigt und im Allgemeinen zu unbesorgt ans Werk geht. Daf\u00fcr gibt es verschiedene Gr\u00fcnde: \u00a0\u00d6ffentlich finanzierte angewandte F&amp;E wird in der Schweiz prim\u00e4r an den Fachhochschulen betrieben. Diese haben seit kurzem einen eigentlichen Forschungsauftrag. Um diesem gerecht zu werden, m\u00fcssen sie sich internationalisieren und vermehrt Kooperationen mit dem Ausland eingehen. Damit begeben sie sich aber auf ein relativ neues Parkett, das sie weit weniger gut kennen als die universit\u00e4ren Hochschulen und das im Bereich der angewandten F&amp;E bedeutend glitschiger ist als im Bereich der Grundlagenforschung. \u00a0Dies bringt uns zur\u00fcck zum Fallbeispiel China. China ist gerade f\u00fcr unsere Fachhochschulen ein \u00e4usserst attraktiver Partner. Bis auf wenige, bereits zu Hochmut neigende Spitzenuniversit\u00e4ten, die nur noch mit Harvard, MIT und Stanford flirten, sind chinesische Universit\u00e4ten f\u00fcr internationale Kooperationen \u00e4usserst offen. Dabei treten traditionelle politische und b\u00fcrokratische Motive &#8211; wie das Bem\u00fchen, die Liste der Kooperationspartner Ende Jahr um einige wohlklingende Namen erg\u00e4nzt zu haben &#8211; immer st\u00e4rker in den Hintergrund. Aktiv werden immer mehr die Forschenden selbst. Das ist Chance und Gefahr zugleich. Weil chinesische Wissenschafter bez\u00fcglich internationaler Kooperationsregeln \u00e4hnlich im Dunkel tappen wie viele ihrer potenziellen CH-Partner, sind Probleme vorprogrammiert. Kritisch ist dabei prim\u00e4r der Bereich des Geistigen Eigentums. Denn die auf dem Papier im internationalen Vergleich recht moderne Gesetzgebung ist in der Realit\u00e4t ein wunder Punkt. Das Problem liegt beim Vollzug.\u00a0Die Verh\u00e4ltnisse in China werden sich in dieser Beziehung ohne Zweifel verbessern. Mit zunehmender St\u00e4rke w\u00e4chst auch das Interesse am Schutz eigener Wissensvermehrung. Aber nach China werden andere L\u00e4nder kommen, und es werden sich \u00e4hnliche Probleme stellen. Gesucht ist eine langfristige, umfassende Strategie.&#13;<\/p>\n<h2>Was tun?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nChina und andere aufstrebende L\u00e4nder &#8211; insbesondere im asiatischen Raum &#8211; sind oder werden f\u00fcr uns zu wichtig, um sie einfach ignorieren zu k\u00f6nnen. Es geht also nicht um die Installation von Rotlichtern, sondern darum, das Orange vor dem Gr\u00fcn ernst, ernster zu nehmen. Drei Dinge stehen meines Erachtens im Vordergrund: \u00a0&#8211; Unsere Wissenschafter sind bez\u00fcglich internationaler Kooperation besser auszubilden. Es ist nicht statthaft, einer Fachhochschule einen Forschungsauftrag im angewandten Bereich zu erteilen, auf internationale Kooperation zu dr\u00e4ngen und nicht gleichzeitig Anstrengungen zu unternehmen, den Akteuren ein Mindestmass an Einsichten in die Rahmenbedingungen einer internationalen Kooperation mit \u00absensiblen\u00bb L\u00e4ndern zu vermitteln. Dabei geht es nicht nur um juristische Beratung. Um negative Aspekte des internationalen Wissenstransfers auszuschalten oder zumindest besser in den Griff zu bekommen, m\u00fcssen die generellen Kenntnisse \u00fcber das jeweilige Partnerland erh\u00f6ht, die kulturellen Hintergr\u00fcnde, wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, Normen und Verhaltensmuster der dortigen Akteure besser verstanden werden. Unsere Hochschulen m\u00fcssen auf bestimmte Weltregionen zugespitzte Lehrangebote entwickeln. Das w\u00e4re zum Beispiel ein auf die Bed\u00fcrfnisse zuk\u00fcnftiger Ingenieure ausgerichteter Lehrgang \u00abAsian Studies\u00bb, wie ihn die ETH Lausanne in den letzten Jahren bereits in seinem Coll\u00e8ge des Humanit\u00e9s aufgebaut hat und n\u00e4chstes Jahr zu einem eigentlichen Nebenfach entwickeln will.\u00a0&#8211; Es braucht eine Enttabuisierung der Problematik. Noch zu oft werden kritische Fragen der Sorge um ein gutes Kooperationsklima geopfert. Vom Gastgeber im fernen Lande verzaubert, bei Gr\u00fcntee (aber auch anderen S\u00e4ften) gehen Schweizer Forschungsinstitutionen und ihre Vertreter oft Abenteuer ein, auf die sie bei k\u00fchlem Kopf in trauter Umgebung zu Hause wohl lieber verzichtet h\u00e4tten. Internationale Kooperationen m\u00fcssen sorgf\u00e4ltig vorbereitet und d\u00fcrfen nicht \u00fcberhastet initiiert werden. Empfehlenswert ist zudem ein Testversuch auf der Projektebene. Erst wenn sich dabei keine grundlegenden Probleme manifestieren, sollten institutionalisierte Abkommen mit langfristigen Programmen auf der Ebene von Forschungsinstituten oder ganzer Hochschulen folgen. \u00a0&#8211; Die Schweiz muss auch \u00absur place\u00bb mehr Beratung und Expertise anbieten k\u00f6nnen. Aufgerufen sind unsere Botschaften, wo Wirtschafts- und Wissenschaftsattach\u00e9s enger zusammenarbeiten m\u00fcssten. Gefordert sind ebenfalls die zurzeit im Auf-bau begriffenen Wissenschaftsvertretungen des Staatssekretariats f\u00fcr Bildung und Forschung (SBF) Swissnex, insbesondere jene in China und Indien.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nF\u00fcr die Grundlagenforschung ist das Fazit einfach: keine k\u00fcnstlichen Barrieren und eine aktive Mobilit\u00e4tspolitik mit einem guten Angebot f\u00fcr die heimkehrwilligen besten Schweizer und Schweizerinnen sowie attraktive Bedingungen f\u00fcr brillante Ausl\u00e4nder. Das ist in der Schweiz schon weit gehend verwirklicht, und es besteht wenig Handlungsbedarf. Ganz anders im Bereich der angewandten F&amp;E. Hier m\u00fcssen die einzelnen Akteure &#8211; die Forschenden selbst, die Hochschulen und die schweizerischen Vertretungen im Ausland &#8211; eindeutig \u00fcber die B\u00fccher.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Grundlagenforschung und angewandte Forschung Grundlagenforschung und angewandte Forschung sind Idealtypen, die in der Praxis ineinander \u00fcbergehen. Wo der bez\u00fcglich internationalem Wissenstransfer sensible Bereich beginnt, ist konzeptionell nicht eindeutig festzulegen &#8211; schliesslich hat auch der Grundlagenforscher nicht nur Erkenntnisgewinn im Kopf, sondern denkt h\u00e4ufig auch an sinnvolle Anwendungen. Als Handlungsprinzip muss gen\u00fcgen, dass die internationale Kooperation mit zunehmender N\u00e4he des Forschungsvorhabens zum gewinnbringenden Produkt und zur marktf\u00e4higen L\u00f6sung ihre Unschuld verliert und die Forschenden gut daran tun, m\u00f6gliche negative Aspekte mitzudenken und zu antizipieren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 2: Aufbau eines Swissnex in China Im Auftrag des Staatssekretariats f\u00fcr Bildung und Forschung (SBF) etabliert der Autor zurzeit in China ein Schweizer Haus f\u00fcr Wissenschaft, Technologie und Kultur. Swissnex Shanghai hat &#8211; wie seine schon bestehenden Schwestern in Boston, San Francisco und Singapur &#8211; die Aufgabe, wissenschaftliche Kooperationen zu f\u00f6rdern und die Schweiz als eine der weltweit f\u00fchrenden Forschungsnationen zu profilieren. Swissnex Shanghai wird Ende Jahr offiziell er\u00f6ffnet. Weitere Swissnex sind in Indien, Russland und S\u00fcdafrika geplant.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 3: Mythos des frei zug\u00e4nglichen Wissens Der freie Zugang zu den Resultaten der Grundlagenforschung ist in Wirklichkeit ein Mythos. Wissenschaftliche Zeitschriften sind teuer und f\u00fcr viele potenzielle Lesende in \u00e4rmeren L\u00e4ndern gar nicht zug\u00e4nglich. Ein weiteres Hindernis ist die Sprache. China hat sich zwar zu einem Publikationsriesen gemausert: Bez\u00fcglich Anzahl der wissenschaftlichen Publikationen liegt das Land bereits auf Platz 5 der Weltrangliste. Da aber drei Viertel der Artikel in Mandarin geschrieben sind, entziehen sie sich der Kenntnis von nahezu der gesamten Schweizer Wissenschaftsgemeinde.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor dem Hintergrund von pers\u00f6nlichen Erfahrungen setzt sich der Autor mit Fragen des Wissenstransfers zwischen der Schweiz und China auseinander. 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