{"id":123751,"date":"2007-10-01T12:00:00","date_gmt":"2007-10-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2007\/10\/hinderling-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:43:24","modified_gmt":"2023-08-23T21:43:24","slug":"hinderling","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2007\/10\/hinderling\/","title":{"rendered":"Wozu offene Technologieplattformen?"},"content":{"rendered":"<p>Was ist eine Technologieplattform? Und was eine offene? Die Definitionen dieser Bezeichnungen sind nicht eindeutig. F\u00fcr die folgenden \u00dcberlegungen gehen wir davon aus, dass eine Technologieplattform ein Ensemble von Technologien darstellt, die in einem gemeinsamen Kompetenzbereich liegen. Beispiele daf\u00fcr sind etwa die Mikroelektronik, Mikrotechnologie, Nanotechnologie oder auch Photonik. Die Bezeichnung \u00aboffene Plattform\u00bb soll deutlich machen, dass die darin subsummierten Kompetenzen und Wissensgebiete dem Kunden f\u00fcr Innovationsaktivit\u00e4ten &#8211; zu markt\u00fcblichen Bedingungen &#8211; zur Verf\u00fcgung stehen. <img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/200710_07_Hinderling_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"243\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn technologisch orientierten Bereichen geht der Weg zur Innovation immer zun\u00e4chst \u00fcber eine Technologieplattform. Nur damit k\u00f6nnen \u00abreife\u00bb Technologien f\u00fcr Produkte zur Verf\u00fcgung stehen. Denn die Entwicklung von neuen Technologien basiert in jedem Fall auf Erkenntnissen der Wissenschaft, die neue Realisierungsm\u00f6glichkeiten zulassen. Demnach gibt es einen klaren Entwicklungsweg f\u00fcr neue Technologien: Wissenschaft, Technologiekonzept, Konzeptbeweis, Industrialisierung (Zuverl\u00e4ssigkeit, Reproduzierbarkeit, Anwendbarkeit), Anwendung. \u00a0Oft herrscht die falsche Meinung vor, dass mit dem Konzeptbeweis einer Technologie gleichzeitig ihre Verf\u00fcgbarkeit gegeben ist. Diese unrichtige Einsch\u00e4tzung hat zu vielen Missverst\u00e4ndnissen gef\u00fchrt, insbesondere auch in Fragen der Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Industrie. Tats\u00e4chlich ist es heute so, dass der Weg vom Konzeptbeweis zum industriellen Einsatz &#8211; gerade im Bereiche komplexer Hardware-Technologie &#8211; lang bis sehr lang ist und oft Jahre in Anspruch nehmen kann. Es zeigt sich, dass solche Gebiete in der Schweiz wenig oder nicht von Grossindustrien unterst\u00fctzt werden.&#13;<\/p>\n<h2>Komplexere Anwendungen erfordern mehr Entwicklungsaufwand<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nKommt hinzu, dass die Anwendungen immer komplexer werden. Komplexit\u00e4t ist dabei so definiert, dass immer mehr Disziplinen und\/oder Elemente zusammenkommen m\u00fcssen, um eine Marktl\u00f6sung zu erbringen. Ein GSM-Mobiltelefon war vor 10 Jahren haupts\u00e4chlich durch die Problematik der drahtlosen \u00dcbertragung gepr\u00e4gt. Heute kommen immer mehr zus\u00e4tzliche Funktionen ins Spiel: Bluetooth, eingebaute Kamera, Touchscreen, UMTS, neue Design-Elemente, neue Bedienungsoberfl\u00e4chen usw. Alle diese Bereiche sind einzeln relativ einfach zu l\u00f6sen; da sie aber in einer gemeinsamen L\u00f6sung erbracht werden m\u00fcssen, wird die Entwicklung von innovativen neuen Ger\u00e4ten immer aufwendiger. So wurden zum Beispiel bei der Entwicklung des I-Phone, die Hunderte von Mio. US-$ gekostet hat, nach Aussage des Apple-CEO Steve Jobs \u00fcber 200 Patente angemeldet! Der Aufwand f\u00fcr die Entwicklung solch komplexer Systeme bringt selbst grosse Firmen an die Grenzen des Machbaren: Die Sony-Playstation 3 war \u00fcber ein Jahr versp\u00e4tet, Windows Vista ebenfalls. Beide Riesenfirmen (Sony und Microsoft) waren trotz aller Anstrengungen und eingesetzter Mittel nicht in der Lage, diese Verz\u00f6gerung zu vermeiden. \u00a0Diese Beispiele zeigen, welch entscheidende Rolle grosse Industriebetriebe f\u00fcr die Entwicklung von reifen Technologien spielen. Man nehme nur den Fall der Pharmaindustrie, wo die Grundlagenforschung meist an Universit\u00e4ten und spezialisierten Forschungszentren durchgef\u00fchrt wird, die \u00dcberf\u00fchrung neuer wissenschaftlicher Resultate und neuer Technologien in den Markt aber vollumf\u00e4nglich von der Industrie \u00fcbernommen werden muss. Die Entwicklung von bewiesenen Konzepten zu anwendbaren Technologien verlangt oft immense Investitionen, die im Allgemeinen nur von sehr grossen Industriepartnern erbracht werden k\u00f6nnen. Wo solche Industrien t\u00e4tig sind, bildet sich schnell auch ein \u00ab\u00d6kosystem\u00bb von Kompetenzen und Wissen, das langfristig den Anforderungen der komplexer werdenden Thematik gen\u00fcgen kann. Das zeigt sich etwa am Beispiel der Pharmaindustrie in Basel und der damit verbundenen hohen Dichte von Wissenschaftern.&#13;<\/p>\n<h2>Manko an mikrooder nanotechnologischen Grossfirmen in der Schweiz<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWas aber passiert, wenn solche Grossbetriebe in einer bestimmten Grossregion nicht vorhanden sind? In der Schweiz ist dies in verschiedenen Bereichen der Fall, so z.B. im Bereich der Mikro- und Nanotechnologie. Nur wenige Firmen produzieren Mikrochips der neuesten Generationen in grossen Quantit\u00e4ten. \u00abConsumer Electronics\u00bb wird auch nicht signifikant in der Schweiz produziert. Die Mikrotechnologie ist zwar in gewissen Bereichen (z.B. in der Uhrenindustrie) sehr stark, in anderen Gebieten aber nur schwach vertreten. So gibt es nur wenige Firmen, die sich mit MEMS, BioMEMS, MOEMS MEMS = Mikro-elektromechanische Systeme;MOEMS = Mikro-opto-elektromechanische Systeme. oder anderen Mikrosystemen befassen. Die mit diesen Elementen verbundenen M\u00e4rkte zeigen heute ein starkes Wachstum und werden in Zukunft eine signifikante Quelle von Wertsch\u00f6pfung sein. Da mikrooder nanotechnologische Grossfirmen in der Schweiz fehlen, besteht die Gefahr, dass die entsprechenden Kompetenzgebiete auf der Komponentenebene wenig gepflegt werden. Darunter leidet auch einer der wichtigsten Kompetenzbereiche der Schweizer Industrie, n\u00e4mlich derjenige, neue Technologien, Komponenten und Verfahren sehr schnell in Anwendungen umzusetzen (Systemkonzeptionskompetenz).\u00a0Es ist zu betonen, dass diese L\u00fccke in der Innovationskette weder durch Hochschulinstitutionen noch durch normale Kleinfirmen gef\u00fcllt werden kann. Hochschulinstitutionen verfolgen eine Mission, die haupts\u00e4chlich mit Ausbildung und Forschung zusammenh\u00e4ngt. Zwar wird viel Gewicht auf den Technologietransfer gelegt, doch handelt es sich dabei selten um marktreife, sondern vielmehr um noch nicht industrialisierte Technologien. Die Kleinfirmen ihrerseits haben ganz einfach nicht gen\u00fcgend Kompetenz und Investitionskraft, um neue Technologien an den Markt zu bringen. Die Zeit der ber\u00fchmten Garagen-Firmen ist leider vorbei.&#13;<\/p>\n<h2>Kombination zweier Mechanismen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn der Schweiz sind zwei Mechanismen vorhanden, um diese Situation zu verbessern: \u00a0&#8211; Der eine Mechanismus besteht darin, offene Technologieplattformen bereitzustellen und so den Technologietransfer zu erm\u00f6glichen. Er wird getragen von Institutionen wie der Eidg. Materialpr\u00fcfungsanstalt (Empa), die haupts\u00e4chlich Innovationen dank neuen Materialien erm\u00f6glicht, oder dem CSEM, das eine sehr \u00e4hnliche Mission auf dem Gebiet der Mikro- und Nanotechnologie verfolgt. Sie versuchen damit, eine m\u00f6glichst grosse Innovationswirkung zu erreichen, wobei diese Innovationswirkung durch die Finanzierungsm\u00f6glichkeiten der F\u00f6rderagentur f\u00fcr Innovation KTI wesentlich verst\u00e4rkt wird. \u00a0&#8211; Der andere Mechanismus sind Start-ups, die mit Hilfe von Risikokapital in der Lage sind, neue Technologien zu industrialisieren und bis zum Produkt zu entwickeln. Allerdings fliesst im Allgemeinen nur dann Risikokapital, wenn durch neue Technologien neue Anwendungen m\u00f6glich werden oder wenn bestehende Anwendungen deutlich verbessert werden k\u00f6nnen. \u00a0\u00a0Die offenen Technologieplattformen k\u00f6nnen besonders dann voll ausgen\u00fctzt werden, wenn diese beiden Wirkungsbereiche vereint werden. Bei marktreifen, aber noch sehr neuen Technologien ist die M\u00f6glichkeit der Anwendung f\u00fcr die einheimische Industrie gegeben. Ist von Seiten der Industrie kein Interesse vorhanden und ist die Technologie dennoch sehr relevant, so kann die Gr\u00fcndung eines Start-ups in Betracht gezogen werden. In der Schweiz wird dies eigentlich nur am CSEM in gr\u00f6sserem Umfang durchgef\u00fchrt. \u00a0Die Bedeutung dieses Mechanismus kann leicht mit Zahlen unterlegt werden: Am CSEM wurden in 10 Jahren 25 Start-ups gegr\u00fcndet, die neueste vor zwei Monaten. Der kombinierte Umsatz dieser Firmen \u00fcbersteigt heute 120 Mio. Franken. Dabei wurden 500 Hochtechnologie-Arbeitspl\u00e4tze mit zumeist sehr hoher Wertsch\u00f6pfung geschaffen. Insgesamt wurden 170 Mio. Franken Risikokapital investiert &#8211; ein Wert, der die Investitionen des Bundes in das CSEM beinahe egalisiert! Wichtig dabei: Keine dieser Firmen wurde in Konkurrenz zu einer Schweizer Firma gegr\u00fcndet.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist eine Technologieplattform? Und was eine offene? 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