{"id":123756,"date":"2007-10-01T12:00:00","date_gmt":"2007-10-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2007\/10\/hofer-6\/"},"modified":"2023-08-23T23:43:35","modified_gmt":"2023-08-23T21:43:35","slug":"hofer-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2007\/10\/hofer-5\/","title":{"rendered":"Im Gespr\u00e4ch: Schweizerinnen und Schweizer bei der Weltbank"},"content":{"rendered":"<p>Gerade 30 Personen mit Schweizer Pass arbeiten zurzeit bei der Weltbank-Gruppe. Im Gespr\u00e4ch mit der Volkswirtschaft diskutieren vier Schweizerinnen und Schweizer, denen es gelungen ist, bei dieser Organisation Fuss zu fassen. Zur Sprache kamen dabei folgende Fragestellungen: Wie kommt man \u00fcberhaupt an eine Stelle bei der Weltbank-Gruppe? Was braucht es, um dort Karriere zu machen? Und weshalb sind nicht mehr Schweizerinnen und Schweizer in der Weltbank-Gruppe t\u00e4tig?<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/200710_19_Hofer_01.eps.jpg\" alt=\"Hofer\" width=\"370\" height=\"253\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Volkswirtschaft: Weshalb habt ihr euch entschieden, bei der Weltbank zu arbeiten?\u00a0Nadia Piffaretti: Die Option, in einer internationalen Institution zu arbeiten, war f\u00fcr mich stets sehr attraktiv. Insbesondere die M\u00f6glichkeit, f\u00fcr die Weltbank zu arbeiten, wo die Armutsbek\u00e4mpfung im Zentrum steht, reizte mich. Zudem ist die Aufgabe der Weltbank eng mit den Herausforderungen der Globalisierung verkn\u00fcpft &#8211; ein Prozess, der uns in den n\u00e4chsten Jahren weiterhin stark besch\u00e4ftigen wird.\u00a0Jamele Rigolini: Ich habe einige Jahre in anderen internationalen Institutionen und Unternehmen gearbeitet. F\u00fcr mich als Volkswirtschafter ist jedoch die Weltbank die beste Organisation, um die internationalen Berufserfahrungen zu vertiefen und eine Karriere in der Entwicklungszusammenarbeit zu verfolgen.\u00a0David Michaud: Ich habe vor zehn Jahren meine Diplomarbeit in Ouagadougou in Burkina Faso gemacht. Schon damals kam ich als Ingenieur zur \u00dcberzeugung, dass die Entwicklungsprobleme nicht vorwiegend technisch, sondern vielmehr sozial und politisch anzugehen sind. In den weiteren Jahren meiner Ingenieurerfahrung habe ich immer wieder die Notwendigkeit eines komplexen, alle Bereiche umfassenden Vorgehens erkannt. Als ich dann die M\u00f6glichkeit hatte, in der Weltbank zu arbeiten, habe ich die Chance gepackt, meine verschiedenen Interessensbereiche zu verbinden und in derjenigen Institution t\u00e4tig zu sein, die als einzige die Kapazit\u00e4t hat, auf globalem Niveau all dies anzuwenden.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Wie kommt man zur Weltbank? Welche Qualifikationen sind n\u00f6tig?\u00a0David Michaud: Ich glaube nicht, dass es ein eindeutiges Profil f\u00fcr die Weltbank braucht. Sicher muss man sich gut in Wort und Schrift in Englisch ausdr\u00fccken k\u00f6nnen. Die Bank arbeitet jedoch auch in Franz\u00f6sisch und Spanisch, etwas weniger in Russisch und Chinesisch. Besonders wichtig ist jedoch, dass die Person in einem spezifischen Bereich sehr gute Kenntnisse vorweisen kann. In meinem Fall ist es der Bereich Wasser und Abwasser, wo ich in einem f\u00fcr die Bank wichtigen Sektor komparative Vorteile habe und kompetent arbeiten kann.\u00a0Jamele Rigolini: Ein Universit\u00e4tsabschluss alleine gen\u00fcgt sicher nicht. Um eine Chance zu haben, muss man einiges an Erfahrung &#8211; am besten in der Entwicklungszusammenarbeit &#8211; vorweisen k\u00f6nnen.\u00a0Nadia Piffaretti: Die internationale Konkurrenz &#8211; insbesondere von immer besser qualifizierten Kandidaten aus Entwicklungsl\u00e4ndern &#8211; spielt zusehends eine Rolle. Ein Lizenziat oder Master alleine reicht noch lange nicht. Ich bin sogar der Meinung, dass ein Doktorat oder PhD immer wichtiger wird, um in der Bank Karriere machen zu k\u00f6nnen.\u00a0David Michaud: Da bin ich nicht einverstanden. Im \u00f6konomischen Bereich mag dies stimmen. Aber im technischen Bereich und im Feld kommt es mehr auf die praktische Erfahrung an, die man vorweisen kann.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Die Meinungen \u00fcber die n\u00f6tigen Qualifikationen gehen ja recht weit auseinander. Wer k\u00f6nnte potenzielle Interessenten in der Schweiz dabei beraten und helfen, in der Weltbank Fuss zu fassen?\u00a0Jamele Rigolini: Es gibt ein Weltbankb\u00fcro in Genf, das f\u00fcr die UN-Organisationen zust\u00e4ndig ist. Dieses ist aber sehr klein und kann kaum Arbeitsm\u00f6glichkeiten bieten. Das beste ist, nach Washington zu kommen, um hier zuerst bei der Weltbank als Konsulent zu arbeiten, und dann zu versuchen, eine feste Stelle zu finden (siehe Kasten 2 Die Schweiz ist seit 1992 Mitglied der Bretton-Woods-Institutionen (Weltbankgruppe und Internationaler W\u00e4hrungsfonds) und h\u00e4lt einen st\u00e4ndigen Sitz im Verwaltungsrat. Der Exekutivdirektor der Schweiz ist gleichzeitig Vertreter einer L\u00e4ndergruppe, bestehend aus Polen, Serbien, Aserbaidschan, Kirgisien, Turkmenistan und Usbekistan. Zusammen verf\u00fcgt die Gruppe \u00fcber 3,04% der Stimmen, womit sie auf dem 17 von 24 R\u00e4ngen innerhalb des Verwaltungsrates liegt. \u00dcber ihre Vertreterinnen und Vertreter in Washington kann die Schweiz die institutionelle, strategische und operationelle Entwicklung der Weltbank kritisch und konstruktiv begleiten.Die schweizerische Pr\u00e4senz in der Weltbankgruppe ist relativ bescheiden. Das B\u00fcro des Exekutivdirektors engagiert sich aktiv, dieses Manko zu beheben. Die Bank stellt hohe Anforderungen an die Qualifikation und Kompetenz ihrer Mitarbeitenden. Anderseits sind die Karrierem\u00f6glichkeiten sehr vielf\u00e4ltig und die gebotenen Konditionen sehr attraktiv. Eine laufend aktualisierte Liste von freien Stellen kann auf der Internet-Seite der Weltbank <a href=\"http:\/\/www.worldbank.org\">www.worldbank.org<\/a> eingesehen werden. Der Bund hat eine Reihe von Massnahmen eingeleitet, um die schweizerische Pr\u00e4senz bei der Weltbank zu verbessern, wie z.B. die &#8211; zeitlich begrenzte &#8211; Finanzierung von Stellen des Programms Junior Professional Officer (JPO) oder die selektive Unterst\u00fctzung von qualitativ hoch stehenden Kandidaturen.Interessentinnen oder Interessenten k\u00f6nnen sich an das B\u00fcro des Exekutivdirektors wenden, um n\u00e4here Informationen \u00fcber die Karrierem\u00f6glichkeiten in der Weltbankgruppe zu erhalten.).\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: In der Weltbank arbeiten zurzeit knapp 30 Personen mit Schweizer Pass. Weshalb sind es nicht mehr? Sind Schweizer zu wenig qualifiziert?\u00a0Nadia Piffaretti: Viel wichtiger als die m\u00f6glicherweise zu geringe Anzahl qualifizierter Schweizerinnen und Schweizer ist der Umstand, dass wir als kleines Land nicht die kritische Gr\u00f6sse haben, um das notwendige Netzwerk zu bilden und weitere Leute anziehen zu k\u00f6nnen. Meist konkretisiert sich ein Interesse f\u00fcr die Weltbank erst, wenn eine Person jemanden kennt, die bereits dort t\u00e4tig ist. Das ist wichtig, auch um Rat und Unterst\u00fctzung zu erhalten. Aber leider sind wir wirklich sehr wenige und schaffen es nicht, die n\u00f6tige kritische Masse zu bilden.\u00a0Jamele Rigolini: Die Aussagen \u00fcber die Bedeutung des Netzwerkes f\u00fcr eine Anstellung erstaunen mich. Es t\u00f6nt so, als ob eine Anstellung bei der Weltbank eine Frage von Vetternwirtschaft sei und Freunde und Verwandte nach Lust und Laune in die Bank geholt werden k\u00f6nnten. Dabei gibt es klare Richtlinien, die dem Nepotismus einen Riegel vorschieben und eine Anstellung ausschliessen, wenn bei der Weltbank bereits ein Verwandter angestellt ist.\u00a0David Michaud: Bevor ich dazugestossen bin, war ich bereits in den USA und habe zuf\u00e4llig an einem Orientierungsseminar \u00fcber die Weltbank teilgenommen. H\u00e4tte ich vor zehn Jahren bei der Weltbank arbeiten wollen, dann h\u00e4tte ich keine Ahnung gehabt, an wen ich mich wenden sollte.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Weiss man denn auch in der Schweiz zu wenig \u00fcber die Weltbank?\u00a0Jamele Rigolini: Die Weltbank erscheint in den Zeitungen fast nur in Zusammenhang mit negativen Schlagzeilen. \u00dcber die positiven Seiten der Weltbank wird generell wenig geschrieben. Viele Leute haben deshalb ein falsches Bild von der Weltbank und ein deutlich negativeres als beispielsweise von der UNO. Deshalb wird auch kein Interesse generiert, in der Weltbank zu arbeiten.\u00a0Die Volkswirtschaft: Ist die Bank \u00fcberhaupt ein attraktiver Arbeitgeber?\u00a0Jamele Rigolini: Von der T\u00e4tigkeit her ist es eine \u00e4ussert spannende Sache, f\u00fcr die Weltbank zu arbeiten. Man kann sich in interessanten Sektoren neue Kenntnisse aneignen und hat die M\u00f6glichkeit, sowohl auf der Bank wie auch vor Ort vor enorme Herausforderungen gestellt zu sein. Zum finanziellen Aspekt: Das Sal\u00e4r eines Volkswirtschafters ist mit demjenigen in anderen Sektoren &#8211; auch in der Schweiz &#8211; vergleichbar.\u00a0Monika H\u00fcppi: F\u00fcr mich ist die Weltbank eine einmalige Erfahrung &#8211; und zwar aus verschiedenen Gr\u00fcnden: Zun\u00e4chst hat die Weltbank das Gl\u00fcck, Leute anzuziehen, die auf ihrem Gebiet sehr gute Spezialisten sind. Man kommt mit Leuten aus der ganzen Welt zusammen. Die Weltbank ist zudem ein Arbeitgeber, der viele interessante Eins\u00e4tze bieten kann. Wer offen und willig ist, Neues dazuzulernen und eben auch viel zu arbeiten, f\u00fcr den sind die M\u00f6glichkeiten fast unbegrenzt. Schliesslich haben wir hier die Gelegenheit, mit Regierungen und weiteren Partnern in verschiedenen L\u00e4ndern zusammenzuarbeiten und zu sehen, dass auch in diesem spezifischen Rahmen Fortschritte erzielt und etwas zum Bessern ver\u00e4ndert werden kann.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Der Weltbank wird von Kritikern oft vorgeworfen, dass sie tendenziell zu stark diktiert und vorbestimmt.\u00a0Monika H\u00fcppi: Diese Kritik war zum Teil gerechtfertigt. Aber in den letzten 10 bis 15 Jahren hat sich viel zum Positiven ge\u00e4ndert, auch wenn wir noch einiges dazulernen m\u00fcssen. So ist es heute unm\u00f6glich, dass die Weltbank in die L\u00e4nder kommt und erkl\u00e4rt: \u00abSo wird es gemacht und so nicht.\u00bb Heute entspricht die Zusammenarbeit vielmehr einer Partnerschaft.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: F\u00fchlt ihr euch nahe genug an den Problemen der Empf\u00e4ngerl\u00e4nder, um effektiv beraten zu k\u00f6nnen? Oder seid ihr hier in Washington mehr Schreibtischt\u00e4ter?\u00a0David Michaud: In der Rolle des aussenstehenden Beraters weiss man immer weniger Bescheid \u00fcber den spezifischen Landeskontext als die Partner auf Regierungsseite. Deshalb sehe ich den Wert der Weltbank nicht in der Lehrerrolle, sondern in jener des kritischen und unterst\u00fctzenden Begleiters, der das Problem aus einer anderen Perspektive betrachtet. Unser Vorteil gegen\u00fcber den Partnern ist, in verschiedensten L\u00e4ndern arbeiten und Situationen vergleichen zu k\u00f6nnen. Ich arbeite beispielsweise in f\u00fcnf verschiedenen L\u00e4ndern in Lateinamerika. Auf Regierungsseite fehlt oft die Gelegenheit, von den Erfahrungen der Nachbarl\u00e4nder lernen zu k\u00f6nnen. Deshalb, so meine ich, k\u00f6nnen wir viel zu einem guten Erfahrungsaustausch beitragen.\u00a0Nadia Piffaretti: Die Effizienz unserer Arbeit h\u00e4ngt schliesslich auch davon ab, wie eng wir mit den Partnerl\u00e4ndern zusammenarbeiten und wie stark die Regierungen der Partnerl\u00e4nder ihre jeweilige Bev\u00f6lkerung einbeziehen. Auch wenn die Weltbank eine \u00abperfekte Institution\u00bb w\u00e4re, br\u00e4uchten wir immer noch einen perfekten Partner: Es geht also um eine Partnerschaft. Entwicklung ist eine geteilte Verantwortung.\u00a0Die Volkswirtschaft: Die Weltbank hatte bis vor kurzem Paul Wolfowitz als Pr\u00e4sidenten. Nach einer krisenhaften Periode von mehreren Monaten ist er zur\u00fcckgetreten und hat neu Robert Z\u00f6llick Platz gemacht. Inwiefern hat diese Krise eure Arbeit beeinflusst?\u00a0David Michaud: Von Kollegen im Feld, welche nahe mit den Partnerregierungen zusammenarbeiten, habe ich des \u00f6fteren geh\u00f6rt, wie schlecht diese Situation sei und wie negativ sich dies auf ihre Arbeit auswirken w\u00fcrde. Ich selber habe kaum einen Unterschied gesp\u00fcrt. Meine Ansprechpartner haben langj\u00e4hrige gute Erfahrungen mit der Weltbank gemacht und sind gl\u00fccklicherweise nicht bereit, die Beziehung bloss auf die Person des Pr\u00e4sidenten zu reduzieren. Sie betrachten die Weltbank vielmehr als eine grosse Institution mit vielen Gesichtern. In diesem Sinne habe ich eher Unterst\u00fctzung als Ablehnung erfahren.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Wer bestimmt eigentlich die Agenda der Bank? Man h\u00f6rt viel, dass die Bank von den USA gesteuert werde und die Schweiz kaum Chancen habe, eigene Themen und Ansichten einzubringen. Wer regiert die Bank?\u00a0Jamele Rigolini: Es gibt zwei Niveaus: Auf unserem Niveau ist die Arbeit ziemlich technisch. Wenn einmal entschieden worden ist, dass ein bestimmtes Land einen Kredit erh\u00e4lt, dann spielen wir unsere vordefinierte Rolle und bestimmen durch unsere Arbeit das Resultat der Entwicklungsanstrengung. Auf der obersten Ebene haben hingegen politische Machtspiele verschiedenster Art einen st\u00e4rkeren Einfluss.\u00a0Monika H\u00fcppi: Ich denke nicht, dass die Weltbank bloss die Interessen der USA repr\u00e4sentiert. Vielleicht hat die Krise der letzten zwei Monate einige wichtige Fragen \u00fcber die Gouvernanzstruktur der Weltbank aufgeworfen, was sicher nicht geschadet hat. Obwohl die USA technisch gesehen einen h\u00f6heren Stimmenanteil haben, kommt es in der t\u00e4glichen Arbeit auf die Individuen bzw. darauf an, wie man arbeitet und wie man die Projekte umsetzt. Der Exekutivdirektorenrat trifft als Gruppe die Entscheidungen. Die Schweiz hat in diesem Rat genauso wie die USA einen der 24 Exekutivdirektorensitze inne. Momentan ist die Diskussion um die langfristige strategische Ausrichtung der Bank der n\u00e4chsten Jahre aktuell. Da ist es in keinem Falle so, dass die USA die Diskussion monopolisieren, im Gegenteil. Dies ist ein langer, konsultativ gef\u00fchrter Prozess, welcher auf vielen Ebenen stattfindet und nicht unilateral diktiert wird. \u00a0Nadia Piffaretti: Die USA spielen zwar eine wichtige Rolle; aber da gibt es andere, ebenso wichtige Mitspieler und politische Substrukturen, wie etwa die G8 oder die EU. Auch kleinere L\u00e4nder, die ebenfalls verschiedene Agenden vertreten und im Exekutivrat arbeiten, haben ihren Einfluss und sind Teil des Konsensus. Es w\u00e4re also falsch zu sagen, dass ein einziger Global Player das alleinige Sagen h\u00e4tte.\u00a0David Michaud: Ich finde vor allem die Tatsache st\u00f6rend, dass die USA immer noch automatisch den Pr\u00e4sidenten der Weltbank stellen, was den USA eine \u00fcberproportionale Macht gibt. \u00a0Nadia Piffaretti: Ich muss feststellen, dass wir ein ernsthaftes Problem haben, wenn wir 15 Jahre nach der Bretton-Woods-Volksabstimmung in der Schweiz immer noch hier sitzen und uns fragen, ob die Schweiz dabei sein solle oder nicht. Die Schweiz ist wichtige Verpflichtungen eingegangen, nicht nur f\u00fcr sich alleine, sondern insbesondere als Vertreterin einer Reihe von weiteren L\u00e4ndern, vorwiegend in Zentralasien. Wir haben darin eine Aufgabe zu erf\u00fcllen. Und dies ist wichtig, nicht nur f\u00fcr uns, sondern auch f\u00fcr die internationale Entwicklungszusammenarbeit. Die Schweiz spielt hier eine wichtige Rolle.\u00a0Monika H\u00fcppi: Die Weltbank kann ganz gut ohne die Schweiz auskommen. Es liegt vielmehr im Interesse der Schweiz, auf internationalem Parkett dabei zu sein. Denn dadurch kann sie sowohl multilaterale Programme beeinflussen als auch von der Koordinationsrolle und der technischen Vorarbeit der Weltbank profitieren, so etwa beim erfolgreichen Programm der Schweiz im Bereich der direkten Budgethilfe. Die Schweiz kann und muss aber im finanziellen Bereich einen Beitrag leisten, vor allem bei der Wiederauff\u00fcllung der IDA.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Sollte die Schweiz vermehrt multilaterale Entwicklungszusammenarbeit &#8211; wie z.B. durch die Weltbank &#8211; leisten oder eher den bilateralen Weg gehen?\u00a0Nadia Piffaretti: Man muss sehen, dass die bilateralen Gelder reine Steuergelder sind, w\u00e4hrend die Gelder der Weltbank auf multilateralem Niveau aus verschiedenen Quellen stammen, insbesondere aus dem Finanzmarkt. Das ist ein klarer Vorteil des multilateralen Weges.\u00a0Auf multilateralem Niveau kann die Koordination der verschiedenen Entwicklungsinstitutionen stattfinden. Diese Aufgabe wird immer wichtiger in einem Umfeld, wo in vielen L\u00e4ndern bilaterale Geber gleichzeitig in denselben Sektoren t\u00e4tig sind. Angesichts knapper Ressourcen und beschr\u00e4nkter Kapazit\u00e4ten m\u00fcssen \u00dcberschneidungen tunlichst vermieden werden. Die Weltbank ist hier bestens platziert, um diese Koordinationsrolle wahrzunehmen. Die multilaterale Zusammenarbeit mag gewisse Schwierigkeiten haben, aber die internationale Koordination der bilateralen Zusammenarbeit ist doch viel schwieriger. \u00a0Monika H\u00fcppi: Ich bin ganz dieser Meinung. Jedoch braucht es eine ausgeglichene Formel, wo beides Platz hat. Besonders in L\u00e4ndern mit niedrigem Einkommen ist das Kapazit\u00e4tsproblem eklatant. Da braucht es Hilfe. Wenn wir in einem solchen Land 25 verschiedene Geberl\u00e4nder vorfinden, die alle gleichzeitig den Finanzminister treffen m\u00f6chten, haben wir ein Problem. Kein Wunder beklagen sich diese Minister, dass sie ihren ganzen Arbeitstag damit verbringen, Delegationen zu empfangen, die zudem alle mit einer ganz unterschiedlichen Agenda daherkommen. Wie viel Zeit bleibt denn da \u00fcbrig, das eigene Land voranzubringen? Da braucht es eine Institution, die koordiniert. Auf bilateralem Niveau hingegen kann es der Fall sein, dass z.B. die Schweiz in einigen Gebieten ausgewiesene Spezialisten hat, die einen erheblichen Beitrag zur Entwicklung eines Landes leisten k\u00f6nnen. Es ist aber unm\u00f6glich f\u00fcr die Schweiz, in allen L\u00e4ndern gleich pr\u00e4sent zu sein, insbesondere auf technischem Gebiet. \u00a0Jamele Rigolini: Abgesehen davon weiss man bei den multilateralen Institutionen genau, wo das Geld eingesetzt wird. Kaum eine andere Institution hat ein derart rigoroses Monitoring- und Evaluationssystem wie die Weltbank.\u00a0Monika H\u00fcppi: Es finden auf verschiedenen Ebenen Evaluationen statt: Erstens machen wir bei der Weltbank viel analytische Vorarbeit, bevor wir in einem Land ein Projekt beginnen. Da geht es darum, wirklich zu verstehen, was in einem Sektor &#8211; wie etwa Wasserversorgung &#8211; vor sich geht. Welches sind genau die Probleme, und wie muss man vorgehen, um die Entwicklung voranzutreiben? Die bilateralen Geber haben oft nicht die n\u00f6tigen Ressourcen, um diese Arbeit auf breitem Gebiet zu leisten. Auf einer zweiten Ebene kommen dann &#8211; wie bereits gesagt &#8211; die strengen Monitoringauflagen zum Tragen. Diese beinhalten ganz bestimmte Kriterien zur Art und Weise, wie das Geld ausgegeben werden soll und wie die Geldfl\u00fcsse kontrolliert werden m\u00fcssen. Zudem wird jedes Mal bei Projektabschluss eine Endbewertung durchgef\u00fchrt, die aufzeigt, was erreicht worden ist. Und schliesslich gibt ex-post Evaluationen in der unabh\u00e4ngigen Evaluationsgruppe, die direkt dem Weltbank-Exekutivrat dar\u00fcber Bericht erstatten, ob und wie effizient und wie effektiv die Arbeit in verschiedenen Gebieten geleistet worden ist.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Abschliessend noch eine Frage zum komparativen Vorteil der Schweiz gegen\u00fcber anderen L\u00e4ndern in der Weltbank. Wo kann die Schweiz einen Unterschied machen?\u00a0Nadia Piffaretti: Abgesehen vom finanziellen Beitrag kann die Schweiz als neutrales Land und ohne koloniale Vergangenheit ein sehr respektabler Vermittler sein. Auch die Tatsache, dass wir vorwiegend Entwicklungsl\u00e4nder in unserer Stimmrechtsgruppe haben, tr\u00e4gt dazu bei, dass die Stimme der Schweiz geh\u00f6rt und respektiert wird. Die Schweiz kann so eine Br\u00fcckenfunktion aus\u00fcben.\u00a0Auch im Bereich der R\u00fcckf\u00fchrung veruntreuter Gelder aus Entwicklungsl\u00e4ndern hat die Schweiz bereits einiges geleistet und kann insbesondere im Vergleich zu anderen L\u00e4ndern stolz auf diese Vorreiterrolle sein. \u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Portr\u00e4ts Nadia Piffaretti&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u00d6konomin, seit 2004 bei der Weltbank t\u00e4tig, zuerst als Konsulentin und nun als Beraterin des Chef\u00f6konomen der Weltbank. Von 2001 bis 2004 war sie pers\u00f6nliche Mitarbeiterin und Referentin f\u00fcr Sozialpolitik der Vorsteherin des Eidgen\u00f6ssischen Justiz- und Polizeidepartments.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nJamele Rigolini&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u00d6konom, seit 2005 in der Abteilung Soziale Sicherheit in der Ostasien- und Pazifikabteilung der Weltbank. Er hat ein Bachelor of Arts in Physik (ETH Z\u00fcrich), ein Masters in \u00d6konomie (Universit\u00e4t Lausanne) und einen Doktortitel in \u00d6konomie (University of New York). Bevor er zur Weltbank stiess, lehrte er als Assistenzprofessor f\u00fcr \u00d6konomie an der University of Warwick. Zudem war er als Konsulent unter anderem t\u00e4tig f\u00fcr die Inter-Amerikanische Entwicklungsbank, die International Union for the Conversation of Nature (IUCN) und f\u00fcr McKinsey &amp; Company.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDavid Michaud&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIngenieur, seit 2005 bei der Weltbank t\u00e4tig, zuerst ein Jahr als Young Professional in der Zentralabteilung f\u00fcr Wasserversorgung und Abwasser und nun in der Abteilung f\u00fcr nachhaltige Entwicklung, Region Lateinamerika. Die Abteilung f\u00fcr nachhaltige Entwicklung umfasst die klassischen Infrastrukturbereiche (Verkehr, Energie, Wasser etc.) sowie Umweltfragen und soziale und l\u00e4ndliche Entwicklungsaspekte. Bevor er zur Weltbank stiess, war er als Projektleiter in einer Schweizer Ingenieurfirma t\u00e4tig und sammelte Erfahrung in Afrika und im Mittleren Osten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nMonika H\u00fcppi&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u00d6konomin, seit 1988 bei der Weltbank t\u00e4tig, zuerst in Washington mehrere Jahre in verschiedenen Abteilungen als Konsulentin, danach als Young Professional in Ostasien und dann zehn Jahre in verschiedenen Weltbank Field Offices in Moldawien und der T\u00fcrkei, sp\u00e4ter in S\u00fcdosteuropa Human Development. Seit einem Jahr ist sie bei der Independent Evaluation Group (IEG). IEG ist eine unabh\u00e4ngige Kontrollinstanz der Weltbankgruppe, welche nicht dem Pr\u00e4sidenten untersteht, sondern direkt dem Exekutivdirektorenrat rapportiert.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 2: Die Schweiz in der Weltbankgruppe Die Schweiz ist seit 1992 Mitglied der Bretton- Woods-Institutionen (Weltbankgruppe und Internationaler W\u00e4hrungsfonds) und h\u00e4lt einen st\u00e4ndigen Sitz im Verwaltungsrat. Der Exekutivdirektor der Schweiz ist gleichzeitig Vertreter einer L\u00e4ndergruppe, bestehend aus Polen, Serbien, Aserbaidschan, Kirgisien, Turkmenistan und Usbekistan. Zusammen verf\u00fcgt die Gruppe \u00fcber 3,04% der Stimmen, womit sie auf dem 17 von 24 R\u00e4ngen innerhalb des Verwaltungsrates liegt. \u00dcber ihre Vertreterinnen und Vertreter in Washington kann die Schweiz die institutionelle, strategische und operationelle Entwicklung der Weltbank kritisch und konstruktiv begleiten. Die schweizerische Pr\u00e4senz in der Weltbankgruppe ist relativ bescheiden. Das B\u00fcro des Exekutivdirektors engagiert sich aktiv, dieses Manko zu beheben. Die Bank stellt hohe Anforderungen an die Qualifikation und Kompetenz ihrer Mitarbeitenden. Anderseits sind die Karrierem\u00f6glichkeiten sehr vielf\u00e4ltig und die gebotenen Konditionen sehr attraktiv. Eine laufend aktualisierte Liste von freien Stellen kann auf der Internet- Seite der Weltbank www.worldbank.org eingesehen werden. Der Bund hat eine Reihe von Massnahmen eingeleitet, um die schweizerische Pr\u00e4senz bei der Weltbank zu verbessern, wie z.B. die \u2013 zeitlich begrenzte \u2013 Finanzierung von Stellen des Programms Junior Professional Officer (JPO) oder die selektive Unterst\u00fctzung von qualitativ hoch stehenden Kandidaturen. Interessentinnen oder Interessenten k\u00f6nnen sich an das B\u00fcro des Exekutivdirektors wenden, um n\u00e4here Informationen \u00fcber die Karrierem\u00f6glichkeiten in der Weltbankgruppe zu erhalten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKontaktadressen&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn Washington:&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nMme Barbara Clarke-Bader&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSenior Executive Assistant&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n1818 H, NW, Washington DC 20433&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTel. +1 202&nbsp;458 7058&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<a href=\"mailto:bclarke-bader@worldbank.org\">bclarke-bader@worldbank.org<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn Bern:&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nLukas Siegenthaler&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nStaatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft SECO&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nMultilaterale Zusammenarbeit&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEffingerstr.1&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n3003 Bern&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTel. : + 41 31 32 40 819&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<a href=\"mailto:lukas.siegenthaler@seco.admin.ch\">lukas.siegenthaler@seco.admin.ch<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerade 30 Personen mit Schweizer Pass arbeiten zurzeit bei der Weltbank-Gruppe. Im Gespr\u00e4ch mit der Volkswirtschaft diskutieren vier Schweizerinnen und Schweizer, denen es gelungen ist, bei dieser Organisation Fuss zu fassen. Zur Sprache kamen dabei folgende Fragestellungen: Wie kommt man \u00fcberhaupt an eine Stelle bei der Weltbank-Gruppe? Was braucht es, um dort Karriere zu machen? 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