{"id":123862,"date":"2007-09-01T12:00:00","date_gmt":"2007-09-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2007\/09\/kemfert-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:43:58","modified_gmt":"2023-08-23T21:43:58","slug":"kemfert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2007\/09\/kemfert\/","title":{"rendered":"Die Kosten des Klimawandels sind h\u00f6her als die Kosten des Klimaschutzes"},"content":{"rendered":"<p>Der f\u00fcr sehr viel Aufmerksamkeit sorgende Bericht der britischen Regierung unter der Schirmherrschaft von Sir Nicolas Stern hat die weltweiten Effekte des Klimawandels berechnet und kommt zum Schluss, dass die volkswirtschaftlichen Kosten erheblich sein k\u00f6nnten. Manche Regionen in der Welt sind st\u00e4rker vom Klimawandel betroffen als andere. In Nordamerika sind vermehrt Hurrikane und Tornados mit extremen Windintensit\u00e4ten zu erwarten, wohingegen in Asien \u00dcberschwemmungen wahrscheinlicher sind. In Europa ist in Zukunft neben extremen Hitze-Ereignissen und Fluten auch mit starken St\u00fcrmen, in den Alpenregionen unter anderem mit vermehrten Steinschl\u00e4gen, Murg\u00e4ngen und Lawinen zu rechnen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Konzentration der Treibhausgase in der Atmosph\u00e4re hat heute schon fast ein Niveau erreicht, welches irreversible Klimasch\u00e4den zur Folge haben kann. Durch die Verbrennung von fossiler Energie wie Kohle, \u00d6l und Gas entstehen klimagef\u00e4hrliche Treibhausgase. Um den Klimawandel einzud\u00e4mmen, m\u00fcssen es die modernen, entwickelten Volkswirtschaften schaffen, die Klimagase drastisch zu vermindern und fossile Energien durch alternative Kraftstoffe ersetzen. Eine Vermeidung des Klimawandels ist nur dann m\u00f6glich, wenn die Treibhausgasemissionen nahezu auf das heutige Niveau eingefroren werden. F\u00fcr den Klimawandel hauptverantwortlich ist das Treibhausgas CO2, das durch die Verbrennung fossiler Energie entsteht. Weitere Treibhausgase sind Methan und Lachgas, die vorwiegend durch landwirtschaftliche Produktionsprozesse entstehen. Die weltweit gr\u00f6ssten Produzenten von Treibhausgasemissionen sind die USA, gefolgt von China, Europa, Russland und Japan.&#13;<\/p>\n<h2>\u00d6konomische Komponente des Klimawandels<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Stern-Bericht hat deutlich gemacht, dass der Klimawandel eine starke \u00f6konomische Komponente beinhaltet. Bis zum Jahre 2100 k\u00f6nnen Kosten von bis zu 20% des globalen Bruttosozialprodukts (BSP) auftreten. Nach unseren Berechnungen m\u00fcsste die deutsche Volkswirtschaft in den kommenden 50 Jahren bis zu 800 Mrd. US-$ f\u00fcr die Behebung von Klimasch\u00e4den, erh\u00f6hten Energiekosten und Anpassungskosten aufwenden. Mit einer Klimaschutzpolitik, die unverz\u00fcglich einsetzt, k\u00f6nnten enorme Sch\u00e4den vermieden werden. \u00a0W\u00fcrden die Hauptverursacher des Klimawandels bei einem raschen Ausbau von CO2-freien Techniken kooperieren und gemeinsam einen Emissionshandel einrichten, k\u00f6nnten die Kosten deutlich vermindert werden. Nur 1% der weltweiten Wirtschaftsleistung w\u00e4re dazu notwendig, wie der Stern-Bericht best\u00e4tigt. Damit sind die Kosten des Handelns deutlich geringer als die Kosten des Nichthandelns.\u00a0Extreme Hitzeph\u00e4nomene und Regenf\u00e4lle waren in den vergangenen Jahren in Europa deutlich sichtbar: In Mittel- und Osteuropa traten im Jahre 2002 ausserordentlich starke Regenf\u00e4lle und \u00dcberflutungen auf. Im Osten und S\u00fcden Deutschlands, im S\u00fcdwesten Tschechiens, in \u00d6sterreich und in Ungarn kam es zu starken \u00dcberschwemmungen der Donau, Elbe, Moldau, Inn und Salzach. Das \u00abJahrtausendhochwasser\u00bb hat &#8211; neben \u00d6sterreich und Tschechien &#8211; vor allem Deutschland stark getroffen, wo sich die Sch\u00e4den auf rund 9,2 Mrd. Euro beliefen.\u00a0Im Jahre 2003 litt ganz Europa unter einer extremen Hitzewelle. Die volkswirtschaftlichen Sch\u00e4den umfassen Gesundheitsbeeintr\u00e4chtigungen durch erh\u00f6hte Krankheitsgefahren, Ernteausf\u00e4lle, St\u00f6rungen in der Energiebereitstellung und einen Anstieg der Waldbr\u00e4nde. Insgesamt k\u00f6nnen f\u00fcr das Jahr 2003 wirtschaftliche Sch\u00e4den der Hitzewelle in H\u00f6he von 10 bis 17 Mrd. Euro f\u00fcr Europa gesch\u00e4tzt werden. \u00a0Die Sch\u00e4den des Hurrikans Katrina werden von den Versicherungsunternehmen auf 200 Mrd. US-$ beziffert, was Wachstumseinbussen in den USA in H\u00f6he von 0,2%-0,4% des BSP entspricht. Doch zus\u00e4tzlich m\u00fcssen Zerst\u00f6rungen der Infrastruktur, Krankheits- und Todesf\u00e4lle durch das Ausbrechen von Seuchen sowie Sch\u00e4den in der Landwirtschaft und der \u00d6kologie ber\u00fccksichtigt werden. Die Mittel zur Behebung dieser Sch\u00e4den, die vom Staat aufzuwenden sind, fehlen daf\u00fcr an anderer Stelle der Volkswirtschaft. Allerdings k\u00f6nnen durch den Wiederaufbau besch\u00e4digter Infrastruktur gewisse Branchen &#8211; wie beispielsweise die Baubranche &#8211; auch profitieren (ca. +0,1% des BSP im Jahr 2005). Beim Extremereignis des Hurrikans Katrina kam erschwerend hinzu, dass es durch die Besch\u00e4digung von \u00d6lbohrplattformen zu Angebotsausf\u00e4llen kam und damit der \u00d6lpreis stark angestiegen ist. W\u00fcrde man dies alles hinzurechnen, w\u00e4ren die \u00f6konomischen Sch\u00e4den auf ca. 450 Mrd. US-$ zu beziffern; das sind ca. 2%-3% des BSP der USA im Jahre 2005.&#13;<\/p>\n<h2>Klimaschutz mit technologischen Kooperationen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDerzeit existiert eine lange Liste an technologischen Optionen zur Emissionsminderung. Verbesserungen der Energieeffizienz &#8211; etwa durch gezielte Isolierungen bei Geb\u00e4uden &#8211; k\u00f6nnen zu geringen Kosten sowohl in der Energieerzeugung als auch im Verbrauch beitragen. Zudem werden k\u00fcnftig die erneuerbaren Energien eine immer bedeutsamere Rolle spielen, und dies sowohl in der Strom- und W\u00e4rmeerzeugung als auch im Transportbereich. Schliesslich k\u00f6nnen k\u00fcnftig weitere, innovative Technologien zum Einsatz kommen, wie die Abscheidung und Einlagerung von CO2-Emissionen in der Erdkruste. Da derartige innovative Technologien der Schl\u00fcssel f\u00fcr Klimaschutz und Versorgungssicherheit sind, ist es zum einen wichtig, die Ausgaben zur Erforschung und zur Entwicklung dieser Technologien deutlich zu erh\u00f6hen. Zum anderen m\u00fcssen weltweite Kooperationen zum Ausbau CO2-freier und sicherer Techniken stattfinden. \u00a0Verbindliche Emissionsminderungsziele geben die notwendigen Signale und f\u00fchren damit zu einer fr\u00fchzeitig kosteneffizienten Investition. Wenn beispielsweise der Emissionshandelspreis auf \u00fcber 30 Euro pro Tonne Kohlenstoff ansteigt, kann die Technologie der CO2-Abscheidung und -einlagerung im Vergleich zu herk\u00f6mmlicher fossiler Energieerzeugung durchaus rentabel werden. Durch die Knappheit von \u00d6l und Gas wird es in den kommenden zwei Dekaden zu erheblichen Preissteigerungen beider Rohstoffe kommen. Damit k\u00f6nnen emissionsarme Technologien schnell kosteneffizient werden.\u00a0Sowohl aus der Perspektive des Klimaschutzes als auch der Kosteneffizienz sind globale Aktivit\u00e4ten notwendig. Gezielte Kooperationen in technologische Entwicklungen k\u00f6nnen Anreize schaffen, einem Klimaschutzabkommen beizutreten. Zudem k\u00f6nnen damit technologische Durchbr\u00fcche hin zu einer CO2-freien, umweltvertr\u00e4glichen und sicheren Energieversorgung geschaffen werden. Die gezielte Kooperation in technologische Entwicklungen ist gerade f\u00fcr stark wachsende Volkswirtschaften wie China und Indien besonders wichtig.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nUm den Klimawandel abzumildern oder gar zu verhindern, m\u00fcssen die Treibhausgasemissionen drastisch gesenkt werden. Klimaexperten gehen davon aus, dass eine Reduktion der Treibhausgase um 60% bis 80% bis zum Jahre 2100 notwendig w\u00e4re. Aufgrund der Langlebigkeit der Treibhausgase in der Atmosph\u00e4re m\u00fcssen die verantwortlichen Staaten m\u00f6glichst schnell mit dieser starken Reduktion beginnen. Eine wirksame Klimaschutzpolitik muss vor allem L\u00e4ndern mit hohen Treibhausgasemissionen verbindliche Ziele zur Emissionsvermeidung abverlangen. Mit dem Inkrafttreten des Kyoto-Protokolls haben sich zwar die meisten Industriel\u00e4nder zu einer &#8211; insgesamt sehr moderaten &#8211; Reduktion ihrer Treibhausgasemissionen bis zur Periode 2008-2012 verpflichtet. Allerdings verlaufen die Bem\u00fchungen um wirksame international abgestimmte Klimaschutzmassnahmen z\u00e4h, und es erscheint zweifelhaft, ob es gelingen wird, konkrete und verbindliche Emissionsziele auch f\u00fcr die Zeit nach dem Ende der ersten Verpflichtungsperiode des Kyoto-Protokolls im Jahre 2012 durchzusetzen. W\u00e4hrend Deutschland und die EU auf bindende Verpflichtungen zum Klimaschutz dr\u00e4ngen und selbst bereits zahlreiche Massnahmen ergriffen haben, verweigern sich andere L\u00e4nder &#8211; u.a. die USA und China &#8211; diesen Forderungen. Nur wenn es gelingt, im Rahmen internationaler Klimaschutzpolitik so zu kooperieren, dass Klimaschutzziele zu m\u00f6glichst geringen Kosten erreicht werden, wird es mittelbis langfristig m\u00f6glich sein, Nationen mit hohen Emissionen in ein Klimaschutzabkommen einzubinden. Insbesondere k\u00f6nnen Kooperationen zum Ausbau umweltfreundlicher und sicherer Energietechnologien der Schl\u00fcssel f\u00fcr einen kosteng\u00fcnstigen Klimaschutz sein.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1 \u00abSch\u00e4den durch Klimawandel bei Temperaturerh\u00f6hung\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 1: Literatur<\/b>&#13;<br \/>\n&#8211; Edenhofer, O., Lessmann, K., Kemfert, C., Grubb, M., Koehler, J. (2006): Induced Technological Change: Exploring its Implications for the Economics of Atmospheric Stabilization. In: The Energy Journal 27, Special Issue, S. 57-107.- Kemfert, Claudia, und Katja Schumacher (2005): Costs of Inaction and Costs of Action in Climate Protection: Assessment of Costs of Inaction or Delayed Action of Climate Protection and Climate Change, Final Report. Project FKZ 904 41&nbsp;362 for the Federal Ministry for the Environment, Berlin 2005. (In: Politikberatung kompakt 13. DIW Berlin).- Kemfert, C. (2005): Weltweiter Klimaschutz &#8211; sofortiges Handeln spart hohe Kosten. In: Wochenbericht des DIW Berlin, Nr. 12\/2005.- Kemfert, C. (2007): Der Klimawandel kostet die deutsche Volkswirtschaft Milliarden. In: Wochenbericht des DIW Berlin, Nr. 13\/2007.- Stern, N. (2006): The Stern Review: The Economics of Climate Change. Cambridge University Press 2006.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der f\u00fcr sehr viel Aufmerksamkeit sorgende Bericht der britischen Regierung unter der Schirmherrschaft von Sir Nicolas Stern hat die weltweiten Effekte des Klimawandels berechnet und kommt zum Schluss, dass die volkswirtschaftlichen Kosten erheblich sein k\u00f6nnten. Manche Regionen in der Welt sind st\u00e4rker vom Klimawandel betroffen als andere. 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