{"id":123872,"date":"2007-09-01T12:00:00","date_gmt":"2007-09-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2007\/09\/marioni-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:43:56","modified_gmt":"2023-08-23T21:43:56","slug":"marioni","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2007\/09\/marioni\/","title":{"rendered":"Die flexiblen Mechanismen aus Sicht der Praxis"},"content":{"rendered":"<p>Die Stiftung Klimarappen hat ihre operative T\u00e4tigkeit am 1. Oktober 2005 aufgenommen und wird seither durch einen Beitrag der Importeure von Benzin und Diesel\u00f6l in H\u00f6he von 1,5 Rp. pro Liter alimentiert. Mit ihrer Gr\u00fcndung besitzt die Schweiz ein einzigartiges Programm f\u00fcr den Kauf von Kyoto-Zertifikaten. Ziel ist es, bis ins Jahr 2012 im Ausland 10,2 Mio. Zertifikate aus Klimaschutzprojekten hoher Qualit\u00e4t zu erwerben. Davon konnte sich die Stiftung per Ende Juni 2007 bereits 7,63 Mio. sichern. Die Stiftung zieht Bilanz aus ihrer knapp zweij\u00e4hrigen T\u00e4tigkeit im Ausland.<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/200709_08_Marioni.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"247\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIm Vertrag mit dem Eidgen\u00f6ssischen Departement f\u00fcr Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) hat sich die Stiftung Klimarappen verpflichtet, im Zeitraum 2008 bis 2012 CO2-Emissionsreduktionen von insgesamt 9 Mio. Tonnen zu finanzieren, welche an die Ziele des CO2-Gesetzes bzw. des Kyoto-Protokolls angerechnet werden k\u00f6nnen. Maximal 8 Mio. Tonnen CO2-Emissionsreduktionen d\u00fcrfen aus Klimaschutzprojekten in einem anderen Industriestaat (Joint Implementation, JI) oder in einem Entwicklungsland (Clean Development Mechanism, CDM) eingebracht werden.&#13;<\/p>\n<h2>Sorgf\u00e4ltige Projektwahl<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEine Voraussetzung f\u00fcr die Vergabe von Zertifikaten f\u00fcr Klimaschutzprojekte in Entwicklungsl\u00e4ndern (CDM-Projekte) ist, dass zus\u00e4tzliche Emissionsminderungen erbracht werden, die ohne die Projektmassnahme nicht entstanden w\u00e4ren. Ein solches Projekt wird additionell genannt. Ein CDM-Projekt hat auch zur nachhaltigen Entwicklung im Gastgeberland beizutragen. Um die Einhaltung dieser und anderer Kriterien ad\u00e4quat \u00fcberpr\u00fcfen zu k\u00f6nnen, ist f\u00fcr CDM-Projekte ein Exekutivrat geschaffen worden, der f\u00fcr die \u00dcberwachung und Lenkung des CDM zust\u00e4ndig ist. Doch nicht jedes vom Exekutivrat registrierte Projekt ist ein gutes Klimaschutzprojekt. Im Klimaschutz gibt es &#8211; wie in anderen Gesch\u00e4ftsbereichen auch &#8211; schwarze Schafe. \u00a0Das Kind darf aber nicht mit dem Bade ausgesch\u00fcttet werden. Gem\u00e4ss IEA wird der weltweite Prim\u00e4renergieverbrauch an fossilen Energietr\u00e4gern zwischen heute und 2030 um knapp \u00fcber die H\u00e4lfte steigen. \u00dcber 70% des voraussichtlichen Verbrauchsanstiegs werden auf Entwicklungsl\u00e4nder &#8211; allen voran China und Indien &#8211; entfallen. In diesen L\u00e4ndern wachsen Volkswirtschaft und Bev\u00f6lkerung derart rasch, dass sich der Schwerpunkt des Weltenergieverbrauchs langsam verlagert. Es ist also dringend notwendig, dass bereits heute in den Entwicklungsl\u00e4ndern ein Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung und zu einer schadstoffarmen Wirtschaft geleistet wird. Daf\u00fcr d\u00fcrfen f\u00fcr gute CDM-Projekte Informations-, Such-, Verhandlungs- und Umsetzungskosten ebenso wenig gescheut werden wie sp\u00e4ter die Kosten f\u00fcr ein korrekt durchgef\u00fchrtes Monitoring und die Verifizierung. \u00a0Die Stiftung Klimarappen m\u00f6chte im Ausland in Projekte investieren, die in besonderer Weise \u00f6kologisch wirksam und sozial vertr\u00e4glich sind. Sie setzt einen Schwerpunkt auf Projekte zur Nutzung erneuerbarer Energien, zur Reduktion von Methangas und auf qualitativ hochwertige Kleinprojekte. F\u00fcr einen Teil der Projekte werden Vorauszahlungen von bis zu 30% geleistet. Projektentwickler verf\u00fcgen oft nicht \u00fcber gen\u00fcgende Eigenmittel, um die hohen Entwicklungskosten eines Projektes zu tragen. Terminkontrakte mit Vorauszahlung stellen daher im Klimaschutzbereich eine wichtige M\u00f6glichkeit dar, um Finanzierungsengp\u00e4sse zu \u00fcberbr\u00fccken. Auf den Kauf von Zertifikaten aus Projekten, welche das \u00e4usserst potente Treibhausgas HFC23 vermeiden, wird ebenso verzichtet wie auf Projekte in den Bereichen Senken (Auf- und Wiederaufforstung) und Kohleabbau sowie auf grosse Wasserkraftprojekte. Allen diesen Projekttypen ist gemeinsam, dass sie \u00f6kologisch oder sozial fragw\u00fcrdige Konsequenzen haben k\u00f6nnen.&#13;<\/p>\n<h2>Das CDM\/JI-Kaufprogramm der Stiftung Klimarappen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nKyoto-Zertifikate k\u00f6nnen auf verschiedenen Wegen erworben werden: durch eine Beteiligung an einem Klimaschutzfonds, durch Vertr\u00e4ge mit Brokern und Tradern sowie durch Kauf von Zertifikaten direkt bei den Projekteignern. Bei einem Klimaschutzfonds erfolgt der Erwerb projektbasierter Kyoto-Zertifikate durch den Fondsbetreiber, welcher direkt mit den Eignern der Klimaschutzprojekte Kaufvertr\u00e4ge abschliesst. Die daraus resultierenden Zertifikate werden entsprechend der Investitionen der Anteilseigner am Fonds verteilt. Broker gehen auf die Suche nach geeigneten Klimaschutzprojekten und treten als neutrale Vermittler zwischen K\u00e4ufer und Verk\u00e4ufer (Projekteigner) auf. F\u00fcr die Vermittlung der Projekte erhalten die Broker eine Kommission. Im Gegensatz zum Broker vermittelt der Trader keine Projekte, sondern verkauft von ihm bereits erworbene Zertifikate aus Projekten weiter. Das Lieferrisiko wird vom Trader \u00fcbernommen und auf den Zertifikatspreis aufgeschlagen. Die Stiftung ist \u00fcber vier verschiedene Beschaffungswege zu Kyoto-Zertifikaten gekommen: \u00a0&#8211; Klimaschutz-Fonds: Die Stiftung beteiligt sich mit 25 Mio. US-$ als \u00abLead Participant\u00bb am Asia Pacific Carbon Fund (APCF) der Asiatischen Entwicklungs-bank (ADB). Neben der Stiftung nehmen die Regierungen von Belgien, Spanien, Finnland, Schweden, Portugal und Luxemburg am APCF teil. Die drei erstgenannten L\u00e4nder beteiligen sich &#8211; wie die Stiftung &#8211; als Lead Participants und k\u00f6nnen somit die Rahmenbedingungen der Projektauswahl und die Preispolitik des Fonds mitbestimmen. Das gesamte Fondsvolumen umfasst 150 Mio. US-$. Die Stiftung erwartet f\u00fcr ihre Investition rund 1,8 Mio. Zertifikate aus dem Fonds. Zertifikate aus Projekten im Portfolio, welche den Standards der Stiftung nicht gen\u00fcgen, darf die Stiftung ablehnen. Der APCF wird ein Schwergewicht auf Projekte in den Bereichen Energieeffizienz, erneuerbare Energien und Abfallwirtschaft setzen. \u00a0&#8211; Broker: Die Stiftung hat zwei Rahmenvertr\u00e4ge abgeschlossen, zum einen mit dem in der Vermittlung von CDM-Projekten f\u00fchrenden Unternehmen CantorCO2e, zum anderen mit einem Konsortium der Firmen Climate Focus und South Pole Carbon Asset Management, welches ein Gewicht auf besonders nachhaltige Projekte legt. Der Vermittlungsauftrag von CantorCO2e f\u00fcr die Stiftung betr\u00e4gt insgesamt 2 Mio. CER. Auf vorgeschlagene Projekte muss nicht eingetreten werden. Die Stiftung hat das Recht, Projekte zur\u00fcckzuweisen, die ihren Standards nicht gen\u00fcgen oder nicht in ihr Projektportfolio passen. Das Konsortium Climate Focus \/ South Pole hat den Auftrag, der Stiftung insgesamt 1,5 Mio. CER zu vermitteln. \u00dcber das Konsortium werden ausschliesslich kleinere, qualitativ hoch stehende Projekte im Bereich erneuerbare Energien und Vermeidung von Methanemissionen beschafft. Wie bei CantorCO2e besteht auch hier kein Abnahmezwang. Die Stiftung darf frei aus den vorgeschlagenen Projekten w\u00e4hlen.\u00a0&#8211; Trader: F\u00fcr die Anschaffung von Zertifikaten auf dem Sekund\u00e4rmarkt wurde ein Kaufvertrag mit EcoSecurities abgeschlossen. Dadurch erwirbt die Stiftung Zertifikate im Umfang von 2 Mio. Tonnen CO2 und eine Call-Option im Umfang von 1 Mio. Tonnen CO2. Mit der Call-Option erh\u00e4lt die Stiftung das Recht, bis Mitte M\u00e4rz 2008 von EcoSecurities die Lieferung von zus\u00e4tzlich 1 Mio. Zertifikate zu verlangen. Alle Zertifikate m\u00fcssen aus Projekten stammen, die den Vorgaben der Stiftung bez\u00fcglich \u00f6kologischer Integrit\u00e4t und nachhaltiger Entwicklung Rechnung tragen. Dank der Call-Option kann die Stiftung ihre Liquidit\u00e4t sch\u00fctzen, da sie zum Zeitpunkt des Kaufs lediglich die Optionspr\u00e4mie zu zahlen hat. Es m\u00fcssen nicht wie bei einem Termingesch\u00e4ft eine Verpflichtung \u00fcber die gesamte Transaktionssumme eingegangen und entsprechende R\u00fcckstellungen gebildet werden. \u00a0&#8211; Eigenakquisition: Verschiedene Projekteigner haben sich direkt mit der Stiftung in Verbindung gesetzt und ihr Zertifikate aus laufenden oder erst in Entwicklung befindlichen Projekten zum Kauf angeboten. Die eingereichten Vorschl\u00e4ge werden nach Nachhaltigkeitskriterien gepr\u00fcft. Projekte, welche in Frage kommen und ins aktuelle Projektportfolio passen, werden einer vertieften finanziellen Pr\u00fcfung unterzogen. 1,9 Mio. Zertifikate k\u00f6nnen auf diesem Weg beschafft werden.&#13;<\/p>\n<h2>Risikomanagement<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nGem\u00e4ss den Statistiken von Mitte 2007 des renommierten UNEP Instituts Risoe Centre liegt das durchschnittliche Lieferrisiko aller CDM-Projekte bei rund 15%. Neben technischen, betrieblichen, finanziellen oder politischen Gr\u00fcnden k\u00f6nnen auch Vertragsbr\u00fcche zu Minderlieferungen f\u00fchren. In der Praxis ist es deshalb unabdingbar, ein Risikomanagement durchzuf\u00fchren. Die Stiftung Klimarappen sieht vor, f\u00fcr 210 Mio. Franken 10,2 Mio. Kyoto-Zertifikate zu erwerben. Das sind ein Viertel mehr an Zertifikaten, als sie dem Bund gegen\u00fcber zur Anrechnung bringen kann. Damit wird das bestehende Risiko f\u00fcr eine Minderlieferung von Zertifikaten gedeckt. Die Stiftung f\u00fchrt zudem in regelm\u00e4ssigen Abst\u00e4nden quantitative Risikoabsch\u00e4tzungen sowie ein Controlling der Projekte in ihrem Portfolio durch. Eine Reihe weiterer Massnamen hilft, die Lieferrisiken so weit wie m\u00f6glich zu minimieren. Dazu geh\u00f6ren die Diversifizierung, die sorgf\u00e4ltige Auswahl der Gastl\u00e4nder und Vertragspartner, die \u00dcberpr\u00fcfung der eingesetzten Technologie und abgegebene Garantien in den Kaufvertr\u00e4gen.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Erfolg der flexiblen Mechanismen liegt darin, Investitionen in Klimaschutzprojekte zur Verringerung von Treibhausgasemissionen anzuregen. R\u00fcckschl\u00e4ge in der Praxis, schwarze Schafe sowie der enorme Aufwand f\u00fcr die Umsetzung eines guten Projektes d\u00fcrfen diese Mechanismen nicht in Frage stellen. Die flexiblen Mechanismen haben vielmehr Modellcharakter f\u00fcr andere marktgerechte Initiativen. Das Programm zum Kauf von Kyoto-Zertifikaten der Stiftung Klimarappen ist erfolgreich gestartet und hat sich per Ende Juni 2007 mit 7,63 Mio. Zertifikaten bereits einen Grossteil des Ziels sichern k\u00f6nnen. Ihr aktuell konkretes Projektportfolio besteht aus den Projekttypen Biomasse, Biogas, Wind und Verkehr. Die Stiftung hat sich innert k\u00fcrzester Zeit als kleiner K\u00e4ufer im 5 Mrd. US-$ (2006) starken CDM\/JI-Markt bestens etablieren k\u00f6nnen und sich einen guten Namen verschafft. Sie wird im Ausland als interessanter und glaubw\u00fcrdiger Schweizer K\u00e4ufer von Zertifikaten aus hoch qualifizierten CDM\/JI-Projekten wahrgenommen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1 Ein Holzkraftwerk von 9 MW Leistung auf dem S\u00e4gewerk in Itacoatiara, Brasilien, ersetzt mehrere Dieselgeneratoren und sichert die Stromversorgung der rund 80000 Einwohner der Stadt. Die Anlage erzeugt j\u00e4hrlich 56000 MWh. Die zur Erzeugung des Stroms ben\u00f6tigte Holzmenge wird in Form von Holzabf\u00e4llen aus der S\u00e4gem\u00fchle geliefert. Da diese vor Inbetriebnahme des Projektes am Ort verrotteten, resultiert zudem eine Methanreduktion. Die Stiftung erwirbt 140970 Zertifikate des Kleinprojekts in der Verpflichtungsperiode 2008 bis 2012. Es handelt sich dabei um die weltweit ersten Zertifikate, welche auf Biomasse aus zertifizierter nachhaltiger Waldbewirtschaftung des Forest Stewardship Council (FSC) basieren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 2 Ein neues effizientes Bus-Transportsystem, bestehend aus \u00fcber 130 km reservierten Busspuren, Busstationen nach Metro-Muster und einem modernen zentralen Leit- und Informationssystem, garantiert eine optimale Auslastung der zirkulierenden Busse. 1200 neue Gelenkbusse mit einer Kapazit\u00e4t von 160 Passagieren sowie 500 neue Busse mit einer Kapazit\u00e4t von 70-90 Passagieren werden eingesetzt. T\u00e4glich werden mit dem neuen System 1,8 Mio. Personen transportiert. Es ersetzt \u00fcber 9000 ineffiziente Busse, die \u00e4lter als 15 Jahre sind, Taxifahrten und Fahrten mit dem Privatfahrzeug. Das gesamte Projekt spart in den Jahren 2006-2012 insgesamt 1,725 Mt CO2 ein. Die Stiftung erwirbt davon rund 167000 Zertifikate.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Stiftung Klimarappen hat ihre operative T\u00e4tigkeit am 1. Oktober 2005 aufgenommen und wird seither durch einen Beitrag der Importeure von Benzin und Diesel\u00f6l in H\u00f6he von 1,5 Rp. pro Liter alimentiert. Mit ihrer Gr\u00fcndung besitzt die Schweiz ein einzigartiges Programm f\u00fcr den Kauf von Kyoto-Zertifikaten. 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