{"id":123922,"date":"2007-07-01T12:00:00","date_gmt":"2007-07-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2007\/07\/beck-4\/"},"modified":"2023-08-23T23:44:08","modified_gmt":"2023-08-23T21:44:08","slug":"beck-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2007\/07\/beck-3\/","title":{"rendered":"Bahn frei f\u00fcr \u00e4ltere Arbeitskr\u00e4fte"},"content":{"rendered":"<p>Die Alterung der Bev\u00f6lkerung ver\u00e4ndert die Arbeitsm\u00e4rkte grundlegend. Je besser ein Land in der Lage sein wird, \u00e4ltere Personen leistungsf\u00e4hig zu erhalten sowie m\u00f6glichst gut und lange zu besch\u00e4ftigen, desto erfolgreicher wird es drohende strukturelle Engp\u00e4sse abwenden k\u00f6nnen. In der Schweiz ist die Erwerbsbeteiligung von \u00c4lteren bereits vergleichsweise hoch; sie hat damit durchaus Vorbildcharakter f\u00fcr andere L\u00e4nder. Die hohen Erwerbsquoten bedeuten f\u00fcr die Schweiz aber nichts anderes, als dass sie eines der ersten L\u00e4nder sein d\u00fcrfte, die die \u00abmagische Grenze\u00bb des Pensionsalters 65 durchbrechen m\u00fcssen. Neben der Personalpolitik von Unternehmen spielen dabei die sozialpolitischen Rahmenbedingungen eine entscheidende Rolle.<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/200707_06_Beck_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"247\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAngetrieben von der lebhaften weltweiten Konjunktur hat auch die Schweizer Wirtschaft wieder Tritt gefasst. Mit den Eintr\u00e4gen in den Auftragsb\u00fcchern w\u00e4chst auch die Besch\u00e4ftigung. Bereits sp\u00fcrbar ist ein Mangel bei gut qualifizierten Arbeitskr\u00e4ften. W\u00e4hrend die Engp\u00e4sse heute vor allem konjunkturell bedingt und somit weniger problematisch sind, stellt die demografische Entwicklung eine ungleich gr\u00f6ssere Herausforderung dar. Vor allem in den Jahren 2015 bis 2035 droht sie den Pool an Arbeitskr\u00e4ften zusehends auszutrocknen.&#13;<\/p>\n<h2>Generationenbeziehungen auf dem Pr\u00fcfstand<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAls Folge tiefer Geburtenraten wird sich die Anzahl von Personen im erwerbsf\u00e4higen Alter von 20 bis 64 Jahren r\u00fcckl\u00e4ufig entwickeln. Besonders stark ist die Abnahme bei j\u00fcngeren Bev\u00f6lkerungsgruppen. Gleichwohl wird die Gesamtbev\u00f6lkerung gem\u00e4ss Hauptszenario des Bundesamtes f\u00fcr Statistik (BFS) weiterhin leicht, aber kontinuierlich zunehmen. Neben der Zuwanderung ist dies vor allem auf die &#8211; erfreulicherweise &#8211; weiterhin steigende Lebenserwartung zur\u00fcckzuf\u00fchren, welche die Anzahl von \u00e4lteren Personen markant anwachsen l\u00e4sst (vgl. Tabelle 1). Auch wenn diese wesentlich vitaler und aktiver sind als die Senioren fr\u00fcherer Generationen: Der Wohlfahrtsstaat mit seinen versprochenen Sozialleistungen wird dadurch einer harten Bew\u00e4hrungsprobe unterzogen. Ohne Reformen entstehen enorme zus\u00e4tzliche finanzielle Belastungen, die vorab von nachfolgenden Generationen zu tragen w\u00e4ren. Heute noch intakte Generationenbeziehungen k\u00f6nnten dadurch in Frage gestellt werden.\u00a0Je besser es gelingt, \u00e4ltere Personen leistungsf\u00e4hig zu erhalten und sie m\u00f6glichst lange zu besch\u00e4ftigen, desto erfolgreicher k\u00f6nnen die Herausforderungen f\u00fcr den Arbeitsmarkt und somit auch die soziale Sicherung bew\u00e4ltigt werden. Beide Bereiche sind eng miteinander verzahnt.&#13;<\/p>\n<h2>Altersmanagement im Fokus<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEine zentrale Rolle wird das Altersmanagement von Unternehmen spielen. Die 2006 publizierte Studie \u00abArbeit und Karriere: Wie es nach 50 weitergeht\u00bb von Avenir Suisse hat gezeigt, dass \u00e4ltere Arbeitskr\u00e4fte verst\u00e4rkt zum Thema in der Personalpolitik werden. Anstatt Personen \u00fcber 50 bereits auf die Pensionierung vorzubereiten, soll deren berufliche Perspektive verl\u00e4ngert werden. Rund 70% der 804 befragten Unternehmen kennen mindestens eine Massnahme f\u00fcr \u00e4ltere Arbeitskr\u00e4fte. Vgl. \u00abDie Volkswirtschaft\u00bb 4-2006, S. 20-23.\u00a0Selbst wenn aktuelle Entwicklungen im Personalmanagement zuversichtlich stimmen, kann es noch keineswegs als optimal beurteilt werden. Zu diesem Schluss kommt auch das Adecco Institute in einer k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichten Studie. Vgl. Adecco Institute (2007). Die Ergebnisse basieren auf einer Befragung von jeweils 500 Unternehmen in sieben EU-L\u00e4ndern und der Schweiz zu den personalpolitischen Bereichen Wissensmanagement, lebenslanges Lernen, Gesundheitsmanagement, Laufbahnplanung und Diversity Management. Anhand der Antworten wurde ein so genannter \u00abDemografischer Fitness-Index (DFX)\u00bb berechnet.\u00a0Insgesamt attestiert die Studie den Unternehmen eine eher bescheidene demografische Fitness. Von maximal 400 Punkten erreichen sie im Durchschnitt lediglich 182 Indexpunkte (Minimum 100). Die Unterschiede zwischen den L\u00e4ndern sind allerdings gering. Das \u00abGewinnerland\u00bb Grossbritannien erreichte 189 Punkte, das letztplatzierte Frankreich 172. Die Abweichungen sind damit kaum gr\u00f6sser als die typische statistische Fehlerquote bei solchen Umfragen; die Ergebnisse d\u00fcrfen deshalb nicht \u00fcberbewertet werden.\u00a0\u00dcberraschend ist das schwache Abschneiden der Schweiz mit durchschnittlich 174 Punkten, weist sie doch unter den verglichenen L\u00e4ndern die mit Abstand h\u00f6chste Besch\u00e4ftigungsquote bei den 55- bis 64-j\u00e4hrigen Personen aus. Doch genau dieser Umstand d\u00fcrfte auch eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr den Vorsprung anderer L\u00e4nder beim DFX-Punktestand liefern: Sie haben einen (noch) gr\u00f6sseren Handlungsbedarf, um das bislang v\u00f6llig unzureichend genutzte Humankapital besser zu erschliessen, und entsprechend aktiv sind daher die Unternehmen geworden.\u00a0Mit Ausnahme der Schweiz sind in allen L\u00e4ndern die Besch\u00e4ftigungsquoten der 55- bis 64-J\u00e4hrigen von 2000 bis 2005 deutlich angestiegen (vgl. Tabelle 2). Auch wenn kein Zweifel \u00fcber die Bedeutung der Personalpolitik besteht &#8211; den Ausschlag daf\u00fcr d\u00fcrften andere Faktoren gegeben haben.&#13;<\/p>\n<h2>EU: Besch\u00e4ftigungsquoten im Steigflug<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie anhaltend gute Konjunkturlage hat die Nachfrage nach Personal stimuliert. W\u00e4hrend in der Schweiz ernsthafte Engp\u00e4sse vor allem durch die Zuwanderung von gut qualifizier-ten Arbeitskr\u00e4ften ausgeblieben sind, haben Unternehmen in den betrachteten EU-L\u00e4ndern verst\u00e4rkt auf \u00e4ltere Arbeitskr\u00e4fte gesetzt (vgl.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 1<\/b>&#13;<br \/>\nIm M\u00e4rz 2000 haben die Staats- und Regierungschefs der EU in Lissabon ein Programm verabschiedet, das den Wirtschaftsraum st\u00e4rken soll. Ein Pfeiler dieser Strategie sind Massnahmen zur Erh\u00f6hung der Besch\u00e4ftigungsquote. F\u00fcr Personen im Alter von 55 und 64 Jahren eine Quote von 50% bis 2010 anvisiert. Erreicht werden soll sie durch eine Politik des \u00abaktiven Alterns\u00bb. So sollen beispielsweise negative Anreize f\u00fcr ein langes Erwerbsleben beseitigt werden, und der Zugang zu Aus- und Weiterbildung soll unabh\u00e4ngig vom Alter gew\u00e4hrleistet bleiben. Je nach Land sind Anpassungen in der sozialen Sicherung, im Arbeits- und Steuerrecht notwendig. Zwar besteht in der EU insgesamt noch eine deutliche L\u00fccke zur angepeilten Quote, doch haben zahlreiche L\u00e4nder die Besch\u00e4ftigungsquote der 55- bis 64-J\u00e4hrigen dank Reformen deutlich gesteigert (vgl. Tabelle 2 und Haupttext).Auch in der Schweiz soll die Arbeitsmarktbeteiligung \u00e4lterer Personen erh\u00f6ht werden. Zu diesem Zweck hat der Bundesrat im Dezember 2005 ein Massnahmenpaket beschlossen, das sich an folgenden drei Zielsetzungen orientiert:- Anreizneutrale Ausgestaltung der sozialen Sicherung: Eine Weiterf\u00fchrung der Erwerbst\u00e4tigkeit, eine Reduktion des Besch\u00e4ftigungsgrades oder ein Funktionswechsel sollen sich nicht mehr nachteilig auswirken. Allerdings will der Bundesrat laut Bericht vom August 2006 auf eine altersneutrale Ausgestaltung der Beitr\u00e4ge in der beruflichen Vorsorge verzichten. Die Begr\u00fcndung, wonach in der \u00dcbergangsphase deutliche Mehrkosten anfallen, mittelfristig aber keine Besserstellung von \u00c4lteren auf dem Arbeitsmarkt zu erwarten sei, vermag indessen nicht zu \u00fcberzeugen; bereits hat das Parlament neue Vorst\u00f6sse mit der Forderung nach altersunabh\u00e4ngigen Beitr\u00e4gen eingereicht.- Altersgerechte Arbeitsbedingungen, Erhalt der Arbeitsf\u00e4higkeit und der Arbeitsmotivation: Kampagne gegen \u00abfalsche Altersbilder\u00bb und Alterdiskriminierung, gesundheitserhaltende Massnahmen am Arbeitsplatz.- Arbeitsmarktchancen f\u00fcr \u00c4ltere verbessern: Verst\u00e4rkte Ausrichtung der Stellenvermittlung und der arbeitsmarktlichen Massnahmen auf die alternde Erwerbsbev\u00f6lkerung.). Zudem haben verschiedene L\u00e4nder politische Reformen eingeleitet, die auf eine Verl\u00e4ngerung der Erwerbsphase abzielen: \u00a0&#8211; In Grossbritannien wurde das Pensionierungsalter angehoben, der Zugang zu Fr\u00fchpensionierungen erschwert und die Rente bei einem aufgeschobenen Bezug erh\u00f6ht. \u00a0&#8211; Die Niederlande haben Schlupfl\u00f6cher in der Invalidenversicherung gestopft, die zuvor f\u00fcr Fr\u00fchpensionierungen missbraucht werden konnten. Auch wurden die Anforderungen f\u00fcr Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung angehoben und steuerliche Erleichterungen bei Fr\u00fchpensionierungen gestrichen. \u00a0&#8211; Deutschland hat insbesondere den Arbeitsmarkt reformiert und eine schrittweise Anhebung des Rentenalters auf 67 Jahre beschlossen. In der Rentenformel wird mit dem so genannten Nachhaltigkeitsfaktor einer stets zunehmenden Belastung f\u00fcr zuk\u00fcnftige Generationen entgegengewirkt. \u00a0&#8211; Frankreich hat die f\u00fcr eine volle Rente notwendigen Beitragsjahre an die steigende Lebenserwartung angepasst und einen \u00abBonus\u00bb bei einem sp\u00e4teren Rentenbezug eingef\u00fchrt. \u00a0&#8211; Belgien und Italien haben die Bedingungen f\u00fcr Fr\u00fchpensionierungen restriktiver ausgestaltet.\u00a0&#8211; Spanien hat unter anderem in der Altersvorsorge die Beitr\u00e4ge und Leistungen enger aneinander gekoppelt.\u00a0\u00a0Auch andere L\u00e4nder haben vergleichbare Schritte unternommen. All diese L\u00e4nder mussten eine Politik korrigieren, die &#8211; zulasten zuk\u00fcnftiger Generationen &#8211; lange Zeit darauf abzielte, mit Fr\u00fchpensionierungen den Strukturwandel sozialvertr\u00e4glich abzufedern, was letztlich in der Sackgasse geendet hat. Die Politik beruhte auf der falschen Annahme, dass Fr\u00fchpensionierungen mit einer Verbesserung der Besch\u00e4ftigungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr J\u00fcngere einhergehen w\u00fcrden. Die Anzahl an Arbeitspl\u00e4tzen ist aber nicht fix. W\u00e4re dem so, h\u00e4tte beispielsweise auch die deutliche Zunahme der Frauenerwerbsquote die Arbeitslosigkeit erh\u00f6hen m\u00fcssen. Eine auf OECD-Daten basierende L\u00e4ngsschnittbetrachtung zeigt einen signifikant positiven Zusammenhang zwischen der Erwerbsquote der jungen und \u00e4lteren Arbeitnehmenden. Arbeit schafft demnach zus\u00e4tzliche Arbeit; weder Generationen noch Geschlechter d\u00fcrfen gegeneinander ausgespielt werden.&#13;<\/p>\n<h2>Schweiz: Das Vorbild ist gefordert<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Schweiz hat das Gl\u00fcck, eine eigentliche Fr\u00fchverrentungspolitik nicht betrieben zu haben. Sie befindet sich dadurch in einer komfortableren Ausgangslage. Trotzdem besteht Handlungsbedarf. In den kommenden Jahren n\u00e4hern sich die geburtenstarken Jahrg\u00e4nge der Nachkriegszeit dem Pensionierungsalter. Wenn sie den Arbeitsmarkt verlassen, hinterlassen sie eine L\u00fccke, die &#8211; anders als in anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern &#8211; kaum durch eine verst\u00e4rkte Erwerbsbeteiligung bei den 55- bis 64-J\u00e4hrigen kompensiert werden kann. Aufgrund der bereits hohen Besch\u00e4ftigungsquote von \u00e4lteren Personen d\u00fcrfte die Schweiz somit eines der ersten L\u00e4nder sein, die im Zuge der demografischen Entwicklung die \u00abmagische Grenze 65\u00bb durchbrechen m\u00fcssen. Heute findet die viel gepriesene Flexibilisierung der Pensionierung praktisch nur nach unten statt. Gegen oben markiert das Alter 65 nach wie vor das Ende des Berufslebens. Damit sich dies \u00e4ndert, m\u00fcssen bestehende Regelungen aus dem Weg ger\u00e4umt werden, die eine Erwerbsarbeit nach 65 ausschliessen oder behindern.\u00a0Unternehmen schaffen weit verbreitete Anreize zu Fr\u00fchpensionierungen vermehrt ab, in der Regel \u00fcber Anpassungen bei den Pensionierungsbedingungen in der beruflichen Vorsorge. Hingegen scheuen sich Unternehmen oft, eine Weiterarbeit \u00fcber das in der AHV festgelegte Pensionierungsalter hinaus zu erm\u00f6glichen. Die erw\u00e4hnte Avenir-Suisse-Studie hat gezeigt, dass seitens \u00e4lterer Personen durchaus ein Interesse an einer Weiterarbeit auch im AHV-Alter vorhanden ist. Je besser Unternehmen diesem Bed\u00fcrfnis gerecht werden, desto eher werden sich auch neue Rollenbilder entwickeln.&#13;<\/p>\n<h2>Flexibilisierung auch nach oben<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nF\u00fcr das Verhalten von Unternehmen und Erwerbst\u00e4tigen ist die Ausgestaltung der sozialen Sicherung von grosser Bedeutung. Um eine \u00abechte\u00bb Flexibilisierung auch nach oben zu verwirklichen, sollte das Pensionierungsalter im Rahmen der AHV- und BVG-Gesetzgebung lediglich als Bezugsgr\u00f6sse f\u00fcr die Berechnung der Renten verstanden werden, nicht aber als kategorische Grenze der Berufsphase. Bei einer Weiterarbeit \u00fcber das Pensionierungsalter hinaus soll sich entsprechend auch die Rente erh\u00f6hen, bei einem Vorbezug wird sie gek\u00fcrzt.\u00a0Da in der AHV einerseits die Altersleistungen begrenzt sind (Maximalrente), andererseits aber das gesamte Einkommen beitragspflichtig ist, profitiert sie besonders stark von Personen mit h\u00f6herem Einkommen. Gerade im Sinne der Solidarit\u00e4t in der AHV w\u00e4re daher zu pr\u00fcfen, ob bei einer Weiterarbeit die Altersrente f\u00fcr h\u00f6here Einkommen nicht \u00fcberproportional ansteigen sollte. Die AHV als Gesamtes w\u00fcrde dennoch entlastet, wenn das erzielte Einkommen voll beitragspflichtig bleibt.\u00a0In der beruflichen Vorsorge nehmen die Beitragss\u00e4tze mit dem Alter zu. Dadurch ist zum einen das Lohngef\u00fcge systematisch zu Ungunsten von \u00e4lteren Personen verzerrt. Zum anderen wird so ein Grossteil des Alterskapitals erst in den letzten Jahren vor der Pensionierung angespart, was unter dem Gesichtspunkt der zeitlichen Diversifikation nicht sinnvoll ist. Die Beitr\u00e4ge sollten daher altersneutral ausgestaltet werden. Dadurch k\u00f6nnte der Ansparprozess optimiert werden. Die Verzerrung des Lohngef\u00fcges w\u00fcrde entfallen, und der Faktor Arbeit k\u00f6nnte durch tiefere Lohnnebenkosten bei \u00c4lteren deutlich entlastet werden. Gerade mit Blick in die Zukunft w\u00e4re dies sinnvoll, weil \u00c4ltere je l\u00e4nger, je mehr den Arbeitsmarkt tragen.&#13;<\/p>\n<h2>Alternativen zur Strategie \u00abl\u00e4nger arbeiten\u00bb?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie absehbare Verknappung an Arbeitskr\u00e4ften kann zumindest teilweise durch weitere Produktivit\u00e4tsfortschritte ausgeglichen werden. Eine Voraussetzung daf\u00fcr sind gut qualifizierte Personen, was verst\u00e4rkte Investitionen in das Humankapital bedingt. Hier sind sowohl die Arbeitgeber und Arbeitnehmenden als auch der Staat gefordert. \u00a0Noch nicht ausgesch\u00f6pft ist das Potenzial bei den Frauen. Trotz hoher Erwerbsbeteiligung in der Schweiz arbeiten sie mehrheitlich mit geringen Pensen. Damit ihr Arbeitsvolumen weiter gesteigert werden kann, sind einerseits Massnahmen wie Tagesschulen und Blockzeiten notwendig, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu erleichtern. Andererseits m\u00fcssen die nach wie vor vorherrschenden Rollenbilder \u00fcberwunden werden, wonach es die Mutter ist, welche die Br\u00f6tchen einkauft, die der Vater verdient.\u00a0Bereits heute spielt die Migration eine entscheidende Rolle. Dank dem Personenfreiz\u00fcgigkeitsabkommen zwischen der Schweiz und der EU15 sowie der Efta sind die Weichen g\u00fcnstig gestellt, dass Knappheiten auf dem Arbeitsmarkt in Grenzen gehalten werden k\u00f6nnen. In Zukunft d\u00fcrfte es aber schwieriger werden, Arbeitskr\u00e4fte aus dem Ausland zu rekrutieren. Insbesondere der Wettbewerb um gut qualifizierte Arbeitskr\u00e4fte d\u00fcrfte intensiver werden. Denn andere hoch entwickelte L\u00e4nder stehen vor vergleichbaren demografisch bedingten Herausforderungen wie die Schweiz.\u00a0Die erw\u00e4hnten Ansatzpunkte sind allerdings nicht als Ersatz f\u00fcr die Strategie \u00abl\u00e4nger arbeiten\u00bb zu sehen, sondern vielmehr als deren Erg\u00e4nzung.&#13;<\/p>\n<h2>Eigenverantwortung statt Automatismen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nLetztlich m\u00fcssen die Sozialwerke mit den demografischen Ver\u00e4nderungen Schritt halten &#8211; und nicht umgekehrt. Nur so kann auch der Arbeitsmarkt im Gleichgewicht gehalten werden, und Generationenbeziehungen werden nicht unn\u00f6tig belastet. Reformschritte sind unvermeidbar, damit sich der vermeintliche Gegensatz zwischen der aus individueller Sicht erfreulichen und aus gesellschaftlicher Sicht problematischen Alterung aufl\u00f6sen kann. \u00a0Als Folge entsprechender sozialpolitischer Reformen w\u00fcrde der Zeitpunkt der Pensionierung nicht mehr durch falsche Anreize und Automatismen verzerrt. In Kombination mit dem wenig regulierten und flexiblen Arbeitsmarkt schafft dies die Voraussetzungen, dass Unternehmen und Arbeitnehmende die anstehenden Herausforderungen bew\u00e4ltigen k\u00f6nnen. \u00a0Die schablonenhafte Dreiteilung des Lebens in die Phasen Ausbildung, Beruf und Pensionierung sowie lineare Lebens- und Karrierevorstellungen verlieren zunehmend an Bedeutung. Unternehmen werden nicht umhin kommen, ihre Personalpolitik darauf auszurichten. Fr\u00fchzeitige Gespr\u00e4che \u00fcber die Laufbahngestaltung, Investitionen in die kontinuierliche Aus- und Weiterbildung oder ein gezieltes Gesundheitsmanagement werden zu entscheidenden Erfolgsfaktoren. Die \u00abdemografische Fitness\u00bb wird so mit den neuen Rahmenbedingungen mitwachsen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 1 \u00abEntwicklung der Bev\u00f6lkerung nach Altersgruppen, 2005-2035 Anzahl in Tausend, Ver\u00e4nderung in&nbsp;%\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 2 \u00abBesch\u00e4ftigung von \u00e4lteren Arbeitskr\u00e4ften, 2000 und 2005 Besch\u00e4ftigungsquoten der 55- bis 64-J\u00e4hrigen\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 1: Erwerbsverhalten: Rahmenbedingungen sind entscheidend<\/b>&#13;<br \/>\nIm M\u00e4rz 2000 haben die Staats- und Regierungschefs der EU in Lissabon ein Programm verabschiedet, das den Wirtschaftsraum st\u00e4rken soll. Ein Pfeiler dieser Strategie sind Massnahmen zur Erh\u00f6hung der Besch\u00e4ftigungsquote. F\u00fcr Personen im Alter von 55 und 64 Jahren eine Quote von 50% bis 2010 anvisiert. Erreicht werden soll sie durch eine Politik des \u00abaktiven Alterns\u00bb. So sollen beispielsweise negative Anreize f\u00fcr ein langes Erwerbsleben beseitigt werden, und der Zugang zu Aus- und Weiterbildung soll unabh\u00e4ngig vom Alter gew\u00e4hrleistet bleiben. Je nach Land sind Anpassungen in der sozialen Sicherung, im Arbeits- und Steuerrecht notwendig. Zwar besteht in der EU insgesamt noch eine deutliche L\u00fccke zur angepeilten Quote, doch haben zahlreiche L\u00e4nder die Besch\u00e4ftigungsquote der 55- bis 64-J\u00e4hrigen dank Reformen deutlich gesteigert (vgl. Tabelle 2 und Haupttext).Auch in der Schweiz soll die Arbeitsmarktbeteiligung \u00e4lterer Personen erh\u00f6ht werden. Zu diesem Zweck hat der Bundesrat im Dezember 2005 ein Massnahmenpaket beschlossen, das sich an folgenden drei Zielsetzungen orientiert:- Anreizneutrale Ausgestaltung der sozialen Sicherung: Eine Weiterf\u00fchrung der Erwerbst\u00e4tigkeit, eine Reduktion des Besch\u00e4ftigungsgrades oder ein Funktionswechsel sollen sich nicht mehr nachteilig auswirken. Allerdings will der Bundesrat laut Bericht vom August 2006 auf eine altersneutrale Ausgestaltung der Beitr\u00e4ge in der beruflichen Vorsorge verzichten. Die Begr\u00fcndung, wonach in der \u00dcbergangsphase deutliche Mehrkosten anfallen, mittelfristig aber keine Besserstellung von \u00c4lteren auf dem Arbeitsmarkt zu erwarten sei, vermag indessen nicht zu \u00fcberzeugen; bereits hat das Parlament neue Vorst\u00f6sse mit der Forderung nach altersunabh\u00e4ngigen Beitr\u00e4gen eingereicht.- Altersgerechte Arbeitsbedingungen, Erhalt der Arbeitsf\u00e4higkeit und der Arbeitsmotivation: Kampagne gegen \u00abfalsche Altersbilder\u00bb und Alterdiskriminierung, gesundheitserhaltende Massnahmen am Arbeitsplatz.- Arbeitsmarktchancen f\u00fcr \u00c4ltere verbessern: Verst\u00e4rkte Ausrichtung der Stellenvermittlung und der arbeitsmarktlichen Massnahmen auf die alternde Erwerbsbev\u00f6lkerung.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 2: Literatur<\/b>&#13;<br \/>\n&#8211; Adecco Institute (2007): Der Demografische Fitness-Index: Schweiz, Adecco Intitute White Paper, April 2007, <a href=\"http:\/\/www.adeccoinstitute.com\/Swiss-DFX-White-Paper-DE\">www.adeccoinstitute.com\/Swiss-DFX-White-Paper-DE<\/a> .pdf- Europ\u00e4ische Kommission (2006): Employment in Europe 2006. Br\u00fcssel.- H\u00f6pflinger, Fran\u00e7ois, Alex Beck, Maja Grob und Andrea L\u00fcthi (2006): Arbeit und Karriere: Wie es nach 50 weitergeht. Eine Befragung von Personalverantwortlichen in 804 Schweizer Unternehmen. Z\u00fcrich: Avenir Suisse.- OECD (2006): Live Longer, Work Longer. Paris: OECD.- Funk, Lothar, Susanne Seyda (2006): Besch\u00e4ftigungschancen f\u00fcr \u00e4ltere Arbeitnehmer &#8211; Ein L\u00e4ndervergleich. In: Prager, Jens U. und Andr\u00e9 Schleiter (Hrsg.) (2006): L\u00e4nger leben, arbeiten und sich engagieren. G\u00fctersloh: Verlag Bertelsmann-Stiftung.- Reday-Mulvey, Genevi\u00e8ve (2005): Working Beyond 60. Key Policies in Europe. New York: Palgrave Macmillan.- Riphahn, Regina T. und George Sheldon (2006): Arbeit in der alternden Gesellschaft. Der Arbeitsmarkt f\u00fcr \u00e4ltere Menschen in der Schweiz. Z\u00fcrich: Z\u00fcrcher Kantonalbank.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Alterung der Bev\u00f6lkerung ver\u00e4ndert die Arbeitsm\u00e4rkte grundlegend. Je besser ein Land in der Lage sein wird, \u00e4ltere Personen leistungsf\u00e4hig zu erhalten sowie m\u00f6glichst gut und lange zu besch\u00e4ftigen, desto erfolgreicher wird es drohende strukturelle Engp\u00e4sse abwenden k\u00f6nnen. 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