{"id":123927,"date":"2007-07-01T12:00:00","date_gmt":"2007-07-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2007\/07\/bruegger-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:44:08","modified_gmt":"2023-08-23T21:44:08","slug":"bruegger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2007\/07\/bruegger\/","title":{"rendered":"Regionale Disparit\u00e4ten in der Arbeitslosigkeit: Bedeutung der Sprach- und Landesgrenzen"},"content":{"rendered":"<p>In diesem Beitrag werden Unterschiede im Ausmass und in der Dynamik der Arbeitslosigkeit an der Sprachgrenze zwischen der lateinischen und der deutschen Schweiz sowie an der Landesgrenze zwischen der Schweiz und \u00d6sterreich diskutiert. Eine empirische Analyse, welche die registrierte Arbeitslosigkeit der Gemeinden dies- und jenseits der Sprach- und Landesgrenzen f\u00fcr den Zeitraum 1997-2003 vergleicht, zeigt auf, dass bedeutende Unterschiede in der Arbeitslosigkeit selbst auf sehr engem geografischem Raum bestehen.<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/200707_17_Bruegger_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"262\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Untersuchung geht von zwei zentralen Fragestellungen aus: Entstehen Unterschiede in regional eng abgegrenzten Arbeitsm\u00e4rkten an einer Sprachgrenze? Gibt es solche Unterschiede in regional eng abgegrenzten Arbeitsm\u00e4rkten auch an einer Landesgrenze? \u00a0Im Rahmen der ersten Fragestellung wird \u00fcber den Vergleich der Arbeitsmarktlage an den Sprachgrenzen zwischen der franz\u00f6sisch- und italienischsprachigen Schweiz mit der deutschsprachigen Schweiz diskutiert. Hinsichtlich der institutionellen Rahmenbedingungen unterscheiden sich die verschiedenen Sprachregionen der Schweiz kaum voneinander. Eine r\u00e4umlich eng abgegrenzte Analyse kann also die Bedeutung einer unterschiedlichen Arbeitskultur f\u00fcr das Ausmass und die Dynamik der Arbeitslosigkeit herausarbeiten. \u00a0Zur Beantwortung der zweiten Fragestellung wird der Kanton St.Gallen mit dem \u00f6sterreichischen Bundesland Vorarlberg verglichen. Diese beiden Regionen unterscheiden sich vor allem in den institutionellen (arbeitsmarktpolitischen) Rahmenbedingungen. So bestehen im Untersuchungszeitraum erhebliche Unterschiede zwischen dem schweizerischen und dem \u00f6sterreichischen Arbeitslosenversicherungssystem bez\u00fcglich der Dauer des Bezugs von Arbeitslosenunterst\u00fctzung. Die maximale Bezugsdauer f\u00fcr Arbeitslosenunterst\u00fctzung betr\u00e4gt in diesem Zeitraum 2 Jahre f\u00fcr Stellensuchende in der Schweiz und lediglich 7 Monate f\u00fcr Stellensuchende in \u00d6sterreich. Hinsichtlich des kulturellen Hintergrundes existieren zwischen diesen beiden Regionen jedoch grosse Gemeinsamkeiten. Die Analyse von kleinr\u00e4umigen Unterschieden in der Arbeitslosigkeit an der Landesgrenze ist somit komplement\u00e4r zu jener der Unterschiede an der Sprachgrenze.&#13;<\/p>\n<h2>Datenbasis und Methode<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie empirische Analyse st\u00fctzt sich auf detaillierte Informationen \u00fcber die Arbeitslosenquote sowie die Zugangs- und Abgangswahrscheinlichkeit von 1997 bis 2003. Die Analysen f\u00fcr die Schweiz basieren auf den offiziellen Daten des Informationssystems f\u00fcr die Arbeitsvermittlung und die Arbeitsmarktstatistik (Avam) des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft (Seco). Die Datenquelle f\u00fcr \u00d6sterreich sind die Daten des Hauptverbandes der \u00f6sterreichischen Sozialversicherungstr\u00e4ger (ASSD). Diese Daten werden nach Gemeinde und Monat getrennt aufbereitet und im Rahmen einer Regressionsanalyse ausgewertet. Die Regressionsanalyse ist so ausgestaltet, dass die Unterschiede in der Arbeitsmarktlage der Gemeinden beidseits der Sprachoder Landesgrenze ermittelt werden k\u00f6nnen, welche alleine durch die geografische Lage der Gemeinde bedingt sind. Strukturelle Unterschiede zwischen den Arbeitsm\u00e4rkten der Gemeinden, welche sich aus Unterschieden in der Gemeindegr\u00f6sse, der Bildungsstruktur oder der Wirtschaftsstruktur ergeben, werden in einem ersten Schritt bereinigt und fliessen deshalb nicht in die abgebildeten Resultate ein.&#13;<\/p>\n<h2>Grosse Unterschiede in den Arbeitslosenquoten<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie empirische Analyse zeigt zun\u00e4chst, dass bedeutende Unterschiede in der Arbeitslosenquote an der Sprach- und Landesgrenze bestehen (siehe Grafik 1). Die Arbeitslosenquote in lateinischsprachigen Grenzgemeinden liegt knapp 3 Prozentpunkte h\u00f6her als in deutschsprachigen Grenzgemeinden. Detaillierte Analysen weisen nach, dass dieser Unterschied sowohl am \u00abR\u00f6stigraben\u00bb als auch an der Grenze zwischen der italienischen Schweiz und der Deutschschweiz auftritt. Die regionalen Disparit\u00e4ten an der Landesgrenze &#8211; gemessen auf der Basis eines Vergleichs der Arbeitslosigkeit im Kanton St.Gallen mit jener des \u00f6sterreichischen Bundeslandes Vorarlberg &#8211; sind ebenso bedeutend wie die Disparit\u00e4ten an der Sprachgrenze: St.Gallen weist im Beobachtungszeitraum eine um rund 3 Prozentpunkte geringere Arbeitslosenquote auf als Vorarlberg.&#13;<\/p>\n<h2>Einfluss der Zu- und Abflusseffekte<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDiese regionalen Unterschiede in Arbeitslosigkeit an eng abgegrenzter geografischer Lage entstehen durch Unterschiede im Eintritt in sowie im Austritt aus Arbeitslosigkeit. Die h\u00f6here Arbeitslosenquote in der lateinischen Schweiz l\u00e4sst sich \u00fcber eine h\u00f6here Wahrscheinlichkeit des Eintritts wie auch \u00fcber eine tiefere Wahrscheinlichkeit des Abgangs aus Arbeitslosigkeit erkl\u00e4ren. Die Zugangswahrscheinlichkeit der lateinischen Grenzgemeinden \u00fcbersteigt die der deutschsprachigen Grenzgemeinden um 0,24 Prozentpunkte. Die Abgangswahrscheinlichkeit liegt in lateinischen Gemeinden um 0,89 Prozentpunkte tiefer als in der deutschsprachigen Schweiz. An der deutsch-franz\u00f6sischen Sprachgrenze l\u00e4sst sich sowohl ein h\u00f6herer Zugang in Arbeitslosigkeit als auch ein geringerer Abgang aus Arbeitslosigkeit feststellen. An der deutsch-italienischen Grenze entsteht der Unterschied haupts\u00e4chlich durch eine geringere Wahrscheinlichkeit, die Arbeitslosigkeit zu verlassen. \u00a0An der Landesgrenze entstehen die Unterschiede in der Arbeitslosenquote prim\u00e4r dadurch, dass in jeder Zeitperiode weniger Personen in die Arbeitslosigkeit eintreten. Die niedrigere Arbeitslosigkeit in St.Gallen ist das Resultat eines geringeren Zugangs in Arbeitslosigkeit. W\u00e4hrend die monatliche Zugangsrate diesseits der Landesgrenze lediglich etwas mehr als 0,2% pro Monat betr\u00e4gt, ist diese Rate in Vorarlberg mit etwa 1,3% rund sechsmal h\u00f6her. Die regionalen Unterschiede an der Landesgrenze werden etwas abgeschw\u00e4cht durch die im Vergleich mit St.Gallen mehr als doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit, im Bundesland Vorarlberg die Arbeitslosigkeit zu verlassen. Der Abgang aus Arbeitslosigkeit ist in St.Gallen mit durchschnittlich etwa 8% pro Monat deutlich geringer als in Vorarlberg (21%).&#13;<\/p>\n<h2>M\u00f6glicher Einfluss kultureller Normen an der Sprachgrenze<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie regionalen Unterschiede an der Sprachgrenze k\u00f6nnten unter Umst\u00e4nden durch Normen und soziale Interaktion, die auf Basis kultureller Unterschiede entstehen, erkl\u00e4rt werden. Ein erh\u00f6hter Zustrom in Arbeitslosigkeit k\u00f6nnte sich etwa daraus ergeben, dass Personen nach Verlust ihres Jobs in den Neunzigerjahren in verst\u00e4rktem Mass Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung in Anspruch nehmen und sich daher h\u00e4ufiger bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) registrieren lassen. Es k\u00f6nnte aber auch sein, dass vormals nicht erwerbst\u00e4tige Personen verst\u00e4rkt auf den Arbeitsmarkt zur\u00fcckkommen und aus diesem Grund der Zustrom in Arbeitslosigkeit ansteigt. Schliesslich k\u00f6nnte ein ver\u00e4ndertes Verhalten der Firmen (etwa aufgrund verst\u00e4rkter internationaler Konkurrenz oder aufgrund technologischer Neuerungen) dazu f\u00fchren, dass bei Nachfrageschocks rascher mit einem Abbau der Besch\u00e4ftigung reagiert wird.\u00a0Auch Unterschiede im Abgang aus Arbeitslosigkeit sind das Resultat von mehreren Faktoren. Abgesehen von der Verf\u00fcgbarkeit von Arbeitspl\u00e4tzen wird das Abgangsverhalten aus Arbeitslosigkeit durch institutionelle Faktoren (vor allem die Ausgestaltung der Arbeitslosenversicherung und der aktiven arbeitsmarktlichen Massnahmen) bestimmt. Obwohl formell keine Unterschiede in den institutionellen Rahmenbedingungen diesseits und jenseits der Sprachgrenze existieren, haben die regionalen Arbeitsvermittlungszentren betr\u00e4chtlichen Spielraum in der Anwendung dieser Regeln. Schliesslich k\u00f6nnten Unterschiede im Abgangsverhalten aus Arbeitslosigkeit auch aus Entmutigungseffekten resultieren.&#13;<\/p>\n<h2>Dominanz institutioneller Unterschiede an der Landesgrenze<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nUnterschiede in der Arbeitslosigkeit an der Landesgrenze St.Gallen\/Vorarlberg sind zum einen stark determiniert durch jene Faktoren, die zu Unterschieden im Zufluss zu Arbeitslosigkeit f\u00fchren. Dieser ist diesseits der Grenze sehr viel niedriger und erkl\u00e4rt die deutlich geringere Arbeitslosenquote in St.Gallen im Vergleich zu Vorarlberg. Erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig ist hier nicht nur die geringe Zugangsrate auf Schweizer Seite, sondern vor allem das hohe Arbeitslosigkeitsrisiko in Vorarlberg, welches mit dem hohen Anteil an saisonalen Berufen zu tun hat. Der Unterschied in der Arbeitslosenquote w\u00fcrde noch wesentlich st\u00e4rker ausfallen, best\u00fcnden nicht auch deutliche Unterschiede im Abgangsverhalten aus Arbeitslosigkeit diesseits und jenseits der Landesgrenze. Die Ursache daf\u00fcr ist vermutlich vor allem in unterschiedlichen Regeln in der Arbeitslosenversicherung zu suchen. Einer regul\u00e4ren Bezugsdauer von Taggeldern im Zeitraum 1997-2002 in der Schweiz von 2 Jahren steht eine Dauer von nur 7 Monaten in \u00d6sterreich gegen\u00fcber. Tats\u00e4chlich unterliegen die Unterschiede in der Abgangsrate aus Arbeitslosigkeit auch deutlichen Schwankungen, die mit der Ausgestaltung des Arbeitslosenversicherungssystems (AVIG-Reform 1997) einher gehen. Das Arbeitslosenversicherungsrecht in der Schweiz scheint daher eine wichtige zus\u00e4tzliche Determinante der geringeren Dynamik der Arbeitslosigkeit in St.Gallen zu sein. \u00a0Zu betonen ist, dass Unterschiede in der Arbeitslosigkeit an der Landesgrenze nicht nur von Unterschieden im Arbeitslosenversicherungsrecht herr\u00fchren. An der Grenze \u00e4ndern auch andere (institutionelle wie \u00f6konomische) Rahmenbedingungen, die einen Einfluss auf das Angebot an sowie die Nachfrage nach Arbeit haben. Eine umfassende Analyse der Unterschiede an der Landesgrenze muss diese Faktoren mit einbeziehen. Schliesslich gilt, dass kulturelle Unterschiede diesseits und jenseits der Landesgrenze zwar gering, jedoch nicht vollkommen vernachl\u00e4ssigbar sind.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie starken Unterschiede in Niveau sowie im Zu- und Abgang aus Arbeitslosigkeit, die an der Sprach- und an der Landesgrenze sichtbar sind, weisen auf die potenzielle Bedeutung kultureller und institutioneller Faktoren hin. Eine detaillierte Analyse der Mechanismen, die diese Unterschiede im Arbeitsmarkterfolg diesseits und jenseits der Sprachgrenze hervorrufen, konnte im Rahmen dieses Beitrages nicht gekl\u00e4rt werden. Unsere Analysen zeigen aber auf, dass Mechanismen zu erforschen sein werden, welche regionale Disparit\u00e4ten auf geografisch eng abgegrenztem Gebiet erkl\u00e4ren k\u00f6nnen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1 \u00abRegionale Unterschiede der Arbeitslosigkeit sowie der Zu- und Abflusseffekte. Differenzen der verglichenen Regionen in Prozentpunkten, inkl. Kontrollvariablen\u00bb<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Beitrag werden Unterschiede im Ausmass und in der Dynamik der Arbeitslosigkeit an der Sprachgrenze zwischen der lateinischen und der deutschen Schweiz sowie an der Landesgrenze zwischen der Schweiz und \u00d6sterreich diskutiert. 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