{"id":123977,"date":"2007-07-01T12:00:00","date_gmt":"2007-07-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2007\/07\/schubert-4\/"},"modified":"2023-08-23T23:44:16","modified_gmt":"2023-08-23T21:44:16","slug":"schubert-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2007\/07\/schubert-3\/","title":{"rendered":"Selbstst\u00e4ndig erwerbende Migrantinnen und Migranten: Gibt es Unterschiede zwischen den Generationen?"},"content":{"rendered":"<p>Migrantinnen und Migranten sind aus dem schweizerischen Erwerbsleben nicht mehr wegzudenken. Das reine Gastarbeitermodell geh\u00f6rt jedoch der Vergangenheit an: Heute sind ausl\u00e4ndische Erwerbst\u00e4tige nicht mehr ausschliesslich in Angestelltenverh\u00e4ltnissen t\u00e4tig, sondern auch als Unternehmer erfolgreich. Im folgenden Artikel wird die selbstst\u00e4ndige Erwerbst\u00e4tigkeit von Personen ausl\u00e4ndischer Herkunft in der Schweiz untersucht. Im Zentrum des Interesses steht die Frage, wie sich das Unternehmertum der ersten und zweiten Generation unterscheidet und wie diese Unterschiede begr\u00fcndet werden k\u00f6nnen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie selbstst\u00e4ndige Erwerbst\u00e4tigkeit von Migrantinnen und Migranten hat in der Schweiz in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Im Rahmen des Forschungsprojekts \u00abEthnicBusiness\u00bb wurde dieses Ph\u00e4nomen untersucht. Die zentralen Fragestellungen waren: Welche Gr\u00fcnde f\u00fchren zur Aufnahme einer selbstst\u00e4ndigen Erwerbst\u00e4tigkeit von Personen ausl\u00e4ndischer Herkunft? Und welche Konsequenzen ergeben sich aus dem Unternehmertum? \u00a0Als Teil des Nationalen Forschungsprogramms 51 zu \u00abIntegration und Ausschluss\u00bb (siehe&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 1<\/b>&#13;<br \/>\nDas Nationale Forschungsprogramm (NFP) 51 \u00abIntegration und Ausschluss\u00bb thematisiert Schl\u00fcsselfragen von Staat und Gesellschaft in der Schweiz. \u00dcber hundert Forschende in 37 Projekten untersuchen anhand einer konkreten Fragestellung, wie gesellschaftliche, institutionelle, kulturelle und \u00f6konomische Integrations- und Ausschlussmechanismen entstehen und sich durchsetzen. Die Forschenden des NFP 51 erarbeiten wissenschaftliche Grundlagen, um den Umgang der Schweiz mit Differenz kritisch zu reflektieren, Ausschlusstendenzen fr\u00fchzeitig zu erkennen, die Toleranz im Umgang mit Minderheiten zu f\u00f6rdern und die Reintegration ausgegrenzter Individuen und sozialer Gruppen zu unterst\u00fctzen. Die Forschungsprojekte gliedern sich in sechs thematische Module:- Soziale Arbeit und Sozialpolitik;- Schulpraxis und Bildungswege;- Gesundheitsvorstellungen und Gesundheitsmodelle;- Erwerbst\u00e4tigkeit und Existenzsicherung;- Konstruktionen von Identit\u00e4t und Differenz;- \u00d6ffentliche R\u00e4ume und soziale Positionierung.Das NFP 51 plant im Jahr 2007 f\u00fcnf thematische Publikationen, die als broschierte B\u00fccher im Seismo-Verlag, Z\u00fcrich, erscheinen. Die Beitr\u00e4ge der Forschenden und der Gastautorinnen und -autoren werden in der Originalsprache mit einer Zusammenfassung in der jeweils anderen Sprache (D oder F) publiziert. Informationen \u00fcber das Erscheinen der Publikationen sind unter <a href=\"http:\/\/www.nfp51.ch\/publikationen\">www.nfp51.ch\/publikationen<\/a> zu beziehen. Weitere Ausk\u00fcnfte: Wolfgang Wettstein, Umsetzungsbeauftragter NFP51, wwettstein@access.ch, 044&nbsp;420 18 60.) lag unser Forschungsfokus auf der Rolle der selbstst\u00e4ndigen Erwerbst\u00e4tigkeit von Migrantinnen und Migranten. In diesem Beitrag konzentrieren wir uns auf jene Ergebnisse, die sich auf Unterschiede zwischen der ersten und der zweiten Generation beziehen. Insbesondere soll der Frage nachgegangen werden, weshalb in der zweiten Generation mehr Personen selbst\u00e4ndig erwerbst\u00e4tig sind als in der ersten (siehe&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 2<\/b>&#13;<br \/>\nNeben einer Sekund\u00e4ranalyse der Daten der Schweizerischen Arbeitskr\u00e4fteerhebung (Sake) 2003 wurden im Rahmen des Projekts biografisch-narrative Interviews mit 35 selbst\u00e4ndig erwerbst\u00e4tigen Migrantinnen und Migranten sowie egozentrierte Netzwerkanalysen durchgef\u00fchrt. Befragt wurden Frauen und M\u00e4nner der ersten und der zweiten Ausl\u00e4ndergeneration, die italienischer, t\u00fcrkischer, \u00abex-jugoslawischer\u00bb sowie tamilischer Herkunft sind, um Unterschiede nach Generationenzugeh\u00f6rigkeit und unterschiedlichem Einwanderungszeitpunkt zu erfassen. Ausgew\u00e4hlt wurden jene Wirtschaftsbranchen, in denen die meisten Personen der jeweiligen Gruppe t\u00e4tig sind. Schliesslich wurde darauf geachtet, dass sich die Befragten in unterschiedlichen Phasen des Unternehmertums befanden: Befragt wurden nicht nur Personen, die zum Befragungszeitpunkt selbst\u00e4ndig erwerbst\u00e4tig waren, sondern auch solche, die beabsichtigten, sich selbst\u00e4ndig zu machen, sowie Personen, die zum Zeitpunkt des Interviews die selbstst\u00e4ndige Erwerbst\u00e4tigkeit wieder aufgegeben hatten.).&#13;<\/p>\n<h2>Hohe H\u00fcrden f\u00fcr wirtschaftliche Selbst\u00e4ndigkeit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nBis Mitte der Sechzigerjahre erlebte die Schweiz einen Wirtschaftsboom, der die Rekrutierung zus\u00e4tzlicher ausl\u00e4ndischer Arbeitskr\u00e4fte als \u00abGastarbeiter\u00bb n\u00f6tig machte. Bei der Erteilung von Aufenthaltsbewilligungen standen immer wirtschaftliche Interessen im Vordergrund: Die ausl\u00e4ndischen Arbeitnehmenden waren \u00abkonjunkturelle Stossd\u00e4mpfer\u00bb, die eine zeitlich beschr\u00e4nkte Aufenthaltsbewilligung erhielten, damit sie wieder weggeschickt werden konnten, wenn man sie nicht mehr brauchte. Die Gastarbeiter wurden somit als Arbeitnehmende angeworben; eine selbstst\u00e4ndige Erwerbst\u00e4tigkeit war prinzipiell nicht vorgesehen. \u00a0Noch heute ist die Aufnahme einer selbstst\u00e4ndigen Erwerbst\u00e4tigkeit im Prinzip Schweizer Staatsb\u00fcrgern und ausl\u00e4ndische Personen mit einer Niederlassungsbewilligung vorbehalten. Piguet (1999) hebt in seiner Arbeit hervor, dass das schweizerische Ausl\u00e4nderrecht haupts\u00e4chlich darauf ausgerichtet ist, die selbstst\u00e4ndige Erwerbst\u00e4tigkeit zu begrenzen. Personen aus Nicht-EU- und Nicht-Efta-Staaten ohne Niederlassungsbewilligung ist eine selbstst\u00e4ndige Erwerbst\u00e4tigkeit nur in besonderen Ausnahmef\u00e4llen erlaubt. Die \u00fcbrigen Ausl\u00e4nder ohne Niederlassungsbewilligung &#8211; unter anderem die EU-B\u00fcrger &#8211; m\u00fcssen eine Ausnahme mit einem ausf\u00fchrlich begr\u00fcndeten schriftlichen Gesuch beantragen. Im Vordergrund steht hier das volkswirtschaftliche Interesse des Kantons.&#13;<\/p>\n<h2>Unternehmertum von Migrantinnen und Migranten in der Schweiz<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn der Schweiz hat die Zahl der selbst\u00e4n-dig erwerbst\u00e4tigen Personen ausl\u00e4ndischer Herkunft in den letzten Jahren markant zugenommen. 1990 waren erst 4,7% Quelle: BFS, Volksz\u00e4hlung 1990 und 2000. der erwerbst\u00e4tigen Ausl\u00e4nderinnen und Ausl\u00e4nder selbst\u00e4ndig (weniger als 35000 Personen); 10 Jahre sp\u00e4ter waren es bereits 8% (\u00fcber 65000 Personen). Zum Vergleich: 1990 betrug der Anteil der selbst\u00e4ndig erwerbst\u00e4tigen Schweizerinnen und Schweizer 12% und im Jahr 2000 14,7%. Der Anteil der selbst\u00e4ndig erwerbst\u00e4tigen Migrantinnen und Migranten hat sich innerhalb von 10 Jahren beinahe verdoppelt. \u00a0Der Anteil der Selbstst\u00e4ndigen variiert je nach Herkunftsgruppe: W\u00e4hrend die Italienerinnen und Italiener sowie die Deutschen tendenziell viele Selbstst\u00e4ndige aufweisen, sind andere Gruppen &#8211; wie z.B. die Portugiesinnen und Portugiesen &#8211; bei den Selbstst\u00e4ndigen eher unterrepr\u00e4sentiert (siehe Tabelle 1).\u00a0Das Unternehmertum von Migrantinnen und Migranten pr\u00e4sentiert sich sehr heterogen. Zu den privilegierten Selbstst\u00e4ndigen geh\u00f6ren Personen aus Nord- und Westeuropa sowie aus den USA. Sie verf\u00fcgen im Vergleich zu den anderen (auch den Schweizer Selbstst\u00e4ndigen) \u00fcber h\u00f6here Ausbildungsabschl\u00fcsse, verdienen mehr und arbeiten in Branchen, die mit einem vergleichsweise hohen Berufsprestige verbunden sind. Zu den nicht privilegierten Selbstst\u00e4ndigen geh\u00f6ren haupts\u00e4chlich Personen aus S\u00fcd- und Osteuropa. Sie arbeiten in Branchen mit geringerem Prestige (wie etwa Handel- und Reparaturgewerbe, verarbeitendes Gewerbe und Industrie sowie Baugewerbe) als die anderen Selbstst\u00e4ndigen, verdienen weniger als diese und weisen in der Regel tiefere Ausbildungsabschl\u00fcsse auf.&#13;<\/p>\n<h2>Unterschiede nach Geschlechts- und Generationenzugeh\u00f6rigkeit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nFrauen mit Migrationshintergrund waren als Unternehmerinnen &#8211; im Vergleich zu ihren m\u00e4nnlichen Kollegen &#8211; lange zahlenm\u00e4ssig untervertreten. Dies \u00fcberrascht kaum, da Frauen insgesamt in der Schweiz weniger oft selbst\u00e4ndig erwerbst\u00e4tig sind als M\u00e4nner. Der Anteil an selbst\u00e4ndig Erwerbst\u00e4tigen ist dar\u00fcber hinaus bei den Ausl\u00e4nderinnen etwas geringer als bei den Schweizerinnen: Gem\u00e4ss Schweizerischer Arbeitskr\u00e4fteerhebung (Sake) 2003 sind knapp 36% der ausl\u00e4ndischen Selbstst\u00e4ndigen Frauen, gegen\u00fcber 41% bei den Schweizer Selbstst\u00e4ndigen. In den letzten zwei Jahrzehnten ist die selbstst\u00e4ndige Erwerbst\u00e4tigkeit von Migrantinnen st\u00e4rker angestiegen als diejenige der Migranten: In den j\u00fcngeren Altersklassen nimmt der Anteil der Frauen generell stark zu (siehe Tabelle 2). Dieser Effekt ist mit der unterschiedlichen Altersstruktur der untersuchten Bev\u00f6lkerungsgruppen zu erkl\u00e4ren: Im Durchschnitt ist die ausl\u00e4ndische Bev\u00f6lkerung j\u00fcnger als die Schweizer Bev\u00f6lkerung und Frauen ausl\u00e4ndischer Herkunft sind j\u00fcnger als M\u00e4nner. \u00a0Obwohl es in der Migrationsforschung \u00fcblich ist, zwischen Angeh\u00f6rigen der ersten und der zweiten Generation zu unterscheiden, wird in Studien zu \u00abImmigrant Entrepreneurs\u00bb erst in neueren Untersuchungen der unterschiedlichen Generationenzugeh\u00f6rigkeit Aufmerksamkeit geschenkt. Interessant ist, dass gem\u00e4ss Sake 2003 Angeh\u00f6rige der ersten und der zweiten Ausl\u00e4ndergeneration praktisch zu gleichen Teilen selbst\u00e4ndig erwerbst\u00e4tig sind, n\u00e4mlich 12,8% bzw. 13,3%. Da die zweite Generation im Durchschnitt wesentlich j\u00fcnger ist als die erste und die Wahrscheinlichkeit, sich selbst\u00e4ndig zu machen, mit zunehmendem Alter steigt, macht sich die zweite Generation de facto h\u00e4ufiger selbst\u00e4ndig als die erste. \u00a0Die selbstst\u00e4ndige Erwerbst\u00e4tigkeit der zweiten Generation weist zudem andere Charakteristika auf als jene der ersten Generation. Angeh\u00f6rige der zweiten Generation haben im Durchschnitt eine h\u00f6here Ausbildung absolviert als Personen der ersten Generation (dieser Sachverhalt gilt vor allem f\u00fcr Personen aus S\u00fcd- und Osteuropa). Die zweite Generation arbeitet nicht mehr in den traditionellen Branchen (Handel- und Reparaturgewerbe), in welchen die erste Generation t\u00e4tig war, sondern findet sich vermehrt in Bereichen wie Informatik, Immobilien und Vermietung, die ein vergleichsweise hohes kulturelles und \u00f6konomisches Kapital erfordern. Im Vergleich zur ersten Generation hat die zweite Generation somit in der selbstst\u00e4ndigen Erwerbst\u00e4tigkeit eine soziale Mobilit\u00e4t vollzogen.&#13;<\/p>\n<h2>Gr\u00fcnde und Folgen der selbstst\u00e4ndigen Erwerbst\u00e4tigkeit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWie unsere biografisch-narrativen Interviews gezeigt haben, finden sich Unterschiede nach Geschlecht Vgl. Hettlage (2005). und Generationenzugeh\u00f6rigkeit auch bei den Motiven und Folgen der selbstst\u00e4ndigen Erwerbst\u00e4tigkeit. Grunds\u00e4tzlich l\u00e4sst sich festhalten, dass die erste Generation die wirtschaftliche Selbst\u00e4ndigkeit mit Negativ-Reaktionen auf den Migrationsstatus verbindet. Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt, blockierte Mobilit\u00e4t und fehlende soziale oder formelle Anerkennung &#8211; zum Beispiel durch die konkrete Aberkennung von formalisierter Ausbildung &#8211; verst\u00e4rken den Wunsch nach gesellschaftlicher Anerkennung und Autonomie und k\u00f6nnen als Motive f\u00fcr den Schritt in die Selbst\u00e4ndigkeit interpretiert werden. Auch in der zweiten Generation findet sich der Wunsch nach Autonomie und sozialer Anerkennung, und auch die zweite Generation kennt Stigmatisierungsoder Ausschlusserfahrungen. Vgl. Juhasz (2005). Allerdings entsteht hier das Unternehmertum oft auf der Basis von besonderen M\u00f6glichkeiten, Marktl\u00fccken und speziellen F\u00e4higkeiten, die im eigenen Unternehmen am besten umgesetzt werden k\u00f6nnen. In der zweiten Generation wird vielfach eine Strategie gefahren, die sich am Mainstream orientiert, um den Diskriminierungen zu entkommen (siehe&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 3<\/b>&#13;<br \/>\nCarla Astorina wird als Tochter italienischer Eltern in der Schweiz geboren. Nach ihrem Sekundarschulabschluss arbeitet sie zun\u00e4chst ein paar Jahre als Tempor\u00e4rangestellte und holt danach ihre Matura nach. Ihr anschliessendes Studium finanziert sie sich durch verschiedene Jobs als Desktop-Publisherin. Dabei ist sie in ihrer beruflichen T\u00e4tigkeit so erfolgreich, dass sie schliesslich diese zweite Schiene weiterverfolgt und nach dem Studium als Webmasterin vollberuflich einsteigt. Neben ihrer Arbeit als Angestellte bei einer Wochenzeitung \u00fcbernimmt sie zunehmend auch Auftr\u00e4ge auf selbstst\u00e4ndiger Basis und geht schliesslich graduell eine berufliche Selbst\u00e4ndigkeit ein.Carla Astorina beschreibt ihren Weg in das Unternehmertum einerseits als logischen Pfad (\u00abEs hat sich so ergeben\u00bb), andererseits auch als Wunsch nach Autonomie (\u00abfrei bestimmen zu k\u00f6nnen, f\u00fcr wen man arbeitet\u00bb). Sie betont, dass sie in ihrem Angestelltenverh\u00e4ltnis eigentlich gl\u00fccklich gewesen sei, dass sie jedoch in ihrer Selbst\u00e4ndigkeit mehr Selbstverwirklichungspotenzial gesehen habe.b Obwohl sie Diskriminierungserfahrungen nicht im Zusammenhang mit ihrer beruflichen Laufbahn erw\u00e4hnt, sind diese dennoch ein Thema. Besonders als Kind und Jugendliche ist sich Carla Astorina ihres Status als Italienerin unter Schweizern sehr bewusst und sie leidet unter dem Anderssein. Dies geht so weit, dass sie das Italienische als Jugendliche ablehnt und sich beispielsweise weigert, zu Hause italienisch zu sprechen oder die italienische Sonntagsschule zu besuchen. Erst im Erwachsenenalter kann sie ihrer italienischen Herkunft einen Platz einr\u00e4umen. Dies mag auch damit zusammenh\u00e4ngen, dass sie aufgrund der Branche (IT-Bereich) nun pl\u00f6tzlich ihr Geschlecht als H\u00fcrde erlebt, w\u00e4hrend ihre italienischen Wurzeln keine Rolle mehr spielen. Der Kampf um Anerkennung, der sie als Ausl\u00e4nderin und Frau begleitet, ist zwar kein einfacher, jedoch erfolgreich: \u00abEs hat drei Etappen gegeben in meinem Leben, von denen ich das Gef\u00fchl habe, dass sie sehr gut waren f\u00fcr mein Selbstwertgef\u00fchl: Als junger Mensch war mein Selbstwertgef\u00fchl, weil ich Seconda bin, nicht so gut. Ich habe f\u00fcr meinen Platz, f\u00fcr die Anerkennung, k\u00e4mpfen m\u00fcssen. Dann mit der Matur habe ich ganz klar gesp\u00fcrt, dass ich mich viel besser, sicherer f\u00fchle. Anschliessend kam das Studium, und ich denke, auch die Selbst\u00e4ndigkeit wirkt sich positiv auf das Selbstwertgef\u00fchl aus.\u00bb). Die wirtschaftliche Selbst\u00e4ndigkeit findet demnach nicht mehr in Nischen statt, die Ausl\u00e4ndern vorbehalten sind, sondern unterscheidet sich kaum mehr von einer Selbst\u00e4ndigkeit der Schweizer. Die ausl\u00e4ndische Herkunft \u00e4ussert sich in diesen F\u00e4llen h\u00f6chstens noch als Ethnomarketing oder symbolische Ethnizit\u00e4t. \u00a0Gleichzeitig l\u00e4sst sich eine Verbindung zwischen den Generationen ausmachen. So ist bei Angeh\u00f6rigen der zweiten Generation das Motiv der Selbst\u00e4ndigkeit als Weg zu sozialer Mobilit\u00e4t oft als Fortsetzung eines elterlichen Mobilit\u00e4tsprojekts zu interpretieren. Weil der ersten Generation die soziale Mobilit\u00e4t in der Schweiz nicht gegl\u00fcckt ist, wird dieses Projekt an die zweite Generation delegiert. Der zweiten Generation gelingt nun aufgrund ihrer Integration in die Aufnahmegesellschaft und der besseren Position im sozialen Raum der erfolgreiche berufliche Aufstieg, was ihren Eltern aufgrund von formalen und informellen Diskriminierungen nicht offen stand. In anderen Worten: Die Selbst\u00e4ndigkeit liess sich gewissermassen erst im Generationenzusammenhang realisieren; sie ist in manchen F\u00e4llen ein Generationenprojekt. \u00a0Was die Folgen der Selbst\u00e4ndigkeit angeht, zeigen die Interviews, dass aus dem Schritt in die Selbst\u00e4ndigkeit f\u00fcr die Unternehmerinnen und Unternehmer soziale Anerkennung und Autonomie resultieren und die Selbst\u00e4ndigkeitsprojekte oft eigentliche Emanzipationsprozesse sind. Dies kann selbst &#8211; und zum Teil erst recht &#8211; dann beobachtet werden, wenn die unternehmerische T\u00e4tigkeit aus \u00f6konomischer Sicht nicht besonders erfolgreich verl\u00e4uft.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nMigrantinnen und Migranten der ersten Generation erw\u00e4gen eine wirtschaftliche Selbst\u00e4ndigkeit vor allem als Reaktion auf Push-Faktoren, w\u00e4hrend die zweite Generation eher Pull-Faktoren nennt. Die Selbst\u00e4ndigkeit der zweiten Generation scheint st\u00e4rker freiwillig zu sein als diejenige der ersten, weil sich die Secondos und Secondas an einer besseren Position im sozialen Raum befinden und dadurch \u00fcber andere Ressourcen (h\u00f6here Ausbildung, ein heterogeneres Netzwerk, bessere Sprachkompetenz, mehr unternehmensrelevantes Wissen) verf\u00fcgen als die erste Generation. Die Selbst\u00e4ndigkeit der zweiten Generation beruht daher auf anderen Opportunit\u00e4tsstrukturen als die der Elterngeneration. \u00a0Gleichzeitig gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den Generationen. Bei Unternehmerinnen beider Generationen ist h\u00e4ufig der Wunsch nach einer Work-Life-Balance als Motiv f\u00fcr die Unternehmensgr\u00fcndung auszumachen. Die egozentrierte Netzwerkanalyse zeigte zudem, dass die befragten Selbstst\u00e4ndigen vergleichsweise viele Kontakte zu Schweizerinnen und Schweizern unterhalten und von ihnen soziale und\/oder finanzielle Unterst\u00fctzung sowie Know-how erhalten, die f\u00fcr die unternehmerische T\u00e4tigkeit wichtig sind. Ausl\u00e4ndische Selbstst\u00e4ndige \u00fcbernehmen gleichzeitig selber Unterst\u00fctzungsfunktionen f\u00fcr andere Migrantinnen und Migranten, indem sie ihnen Zugang zu Informationen und oft auch Arbeitspl\u00e4tzen vermitteln. Sie nehmen somit eine Art Scharnierposition im sozialen Raum ein, die eine wichtige Rolle in Integrationsprozessen spielt.\u00a0Insgesamt verdeutlichen die hier pr\u00e4sentierten Ergebnisse, dass es sich bei den \u00abImmigrant Entrepreneurs\u00bb um eine heterogene Gruppe handelt. Die Unterschiede zwischen Migranten und Schweizern sind daher nicht bedeutsamer als jene, die sich innerhalb der Gruppe der Migranten finden. Dar\u00fcber hinaus zeigen die Analysen der Sake, dass nicht die migrationsbzw. herkunftsspezifischen Variablen an sich mit der Selbst\u00e4ndigkeit in einem engen Zusammenhang stehen, sondern dass diese weit gehend durch strukturelle Faktoren (insbesondere Humankapital, materielle Situation und Wirtschaftssektor) erkl\u00e4rt werden k\u00f6nnen. Zudem sind der Besitz der Schweizer Staatsb\u00fcrgerschaft und die Ehe mit einem Schweizer Partner f\u00fcr die Selbst\u00e4ndigkeit von Migranten in der Schweiz von entscheidender Bedeutung.\u00a0Zuk\u00fcnftige Forschungen und politische Massnahmen m\u00fcssen demzufolge dem Unterschied zwischen den Generationen und der spezifischen Situation der potenziell selbst\u00e4ndig Erwerbst\u00e4tigen Rechnung tragen. F\u00fcr die erste Generation ist vor allem der Zugang zu \u00abschweizerischen Ressourcen\u00bb &#8211; z.B. unternehmensrelevante Informationen, wichtige Beziehungsnetzwerke und Kapital &#8211; zu vereinfachen. Die zweite Generation kann hingegen bereits von allgemeinen, nicht ausl\u00e4nderspezifischen F\u00f6rderprogrammen profitieren. Angesichts der Tatsache, dass kleine und mittlere Unternehmen (KMU) in der Schweiz eine grosse volkswirtschaftliche Bedeutung haben und insbesondere selbstst\u00e4ndige Migrantinnen und Migranten durch ihre Scharnierfunktion eine wichtige integrative Leistung erbringen, sollte mittels Initiativen zur Verbesserung des unternehmerischen Umfelds die selbstst\u00e4ndige Erwerbst\u00e4tigkeit generell weiter gef\u00f6rdert werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 1 \u00abSelbstst\u00e4ndig Erwerbst\u00e4tige in der Schweiz &#8211; Anzahl und Anteile ausgew\u00e4hlter Herkunftsgruppen\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 2 \u00abSelbstst\u00e4ndige nach Generationszugeh\u00f6rigkeit, Geschlecht und Altersklasse Gewichtete Daten (Angaben zu n ungewichtet), ohne Landswirtschaftssektor, in&nbsp;%\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 1: NFP 51 \u00abIntegration und Ausschluss\u00bb<\/b>&#13;<br \/>\nDas Nationale Forschungsprogramm (NFP) 51 \u00abIntegration und Ausschluss\u00bb thematisiert Schl\u00fcsselfragen von Staat und Gesellschaft in der Schweiz. \u00dcber hundert Forschende in 37 Projekten untersuchen anhand einer konkreten Fragestellung, wie gesellschaftliche, institutionelle, kulturelle und \u00f6konomische Integrations- und Ausschlussmechanismen entstehen und sich durchsetzen. Die Forschenden des NFP 51 erarbeiten wissenschaftliche Grundlagen, um den Umgang der Schweiz mit Differenz kritisch zu reflektieren, Ausschlusstendenzen fr\u00fchzeitig zu erkennen, die Toleranz im Umgang mit Minderheiten zu f\u00f6rdern und die Reintegration ausgegrenzter Individuen und sozialer Gruppen zu unterst\u00fctzen. Die Forschungsprojekte gliedern sich in sechs thematische Module:- Soziale Arbeit und Sozialpolitik;- Schulpraxis und Bildungswege;- Gesundheitsvorstellungen und Gesundheitsmodelle;- Erwerbst\u00e4tigkeit und Existenzsicherung;- Konstruktionen von Identit\u00e4t und Differenz;- \u00d6ffentliche R\u00e4ume und soziale Positionierung.Das NFP 51 plant im Jahr 2007 f\u00fcnf thematische Publikationen, die als broschierte B\u00fccher im Seismo-Verlag, Z\u00fcrich, erscheinen. Die Beitr\u00e4ge der Forschenden und der Gastautorinnen und -autoren werden in der Originalsprache mit einer Zusammenfassung in der jeweils anderen Sprache (D oder F) publiziert. Informationen \u00fcber das Erscheinen der Publikationen sind unter <a href=\"http:\/\/www.nfp51.ch\/publikationen\">www.nfp51.ch\/publikationen<\/a> zu beziehen. Weitere Ausk\u00fcnfte: Wolfgang Wettstein, Umsetzungsbeauftragter NFP51, wwettstein@access.ch, 044&nbsp;420 18 60.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 2: Untersuchungsanlage<\/b>&#13;<br \/>\nNeben einer Sekund\u00e4ranalyse der Daten der Schweizerischen Arbeitskr\u00e4fteerhebung (Sake) 2003 wurden im Rahmen des Projekts biografisch-narrative Interviews mit 35 selbst\u00e4ndig erwerbst\u00e4tigen Migrantinnen und Migranten sowie egozentrierte Netzwerkanalysen durchgef\u00fchrt. Befragt wurden Frauen und M\u00e4nner der ersten und der zweiten Ausl\u00e4ndergeneration, die italienischer, t\u00fcrkischer, \u00abex-jugoslawischer\u00bb sowie tamilischer Herkunft sind, um Unterschiede nach Generationenzugeh\u00f6rigkeit und unterschiedlichem Einwanderungszeitpunkt zu erfassen. Ausgew\u00e4hlt wurden jene Wirtschaftsbranchen, in denen die meisten Personen der jeweiligen Gruppe t\u00e4tig sind. Schliesslich wurde darauf geachtet, dass sich die Befragten in unterschiedlichen Phasen des Unternehmertums befanden: Befragt wurden nicht nur Personen, die zum Befragungszeitpunkt selbst\u00e4ndig erwerbst\u00e4tig waren, sondern auch solche, die beabsichtigten, sich selbst\u00e4ndig zu machen, sowie Personen, die zum Zeitpunkt des Interviews die selbstst\u00e4ndige Erwerbst\u00e4tigkeit wieder aufgegeben hatten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 3: Carla Astorinaa &#8211; Unternehmerin, Seconda<\/b>&#13;<br \/>\nCarla Astorina wird als Tochter italienischer Eltern in der Schweiz geboren. Nach ihrem Sekundarschulabschluss arbeitet sie zun\u00e4chst ein paar Jahre als Tempor\u00e4rangestellte und holt danach ihre Matura nach. Ihr anschliessendes Studium finanziert sie sich durch verschiedene Jobs als Desktop-Publisherin. Dabei ist sie in ihrer beruflichen T\u00e4tigkeit so erfolgreich, dass sie schliesslich diese zweite Schiene weiterverfolgt und nach dem Studium als Webmasterin vollberuflich einsteigt. Neben ihrer Arbeit als Angestellte bei einer Wochenzeitung \u00fcbernimmt sie zunehmend auch Auftr\u00e4ge auf selbstst\u00e4ndiger Basis und geht schliesslich graduell eine berufliche Selbst\u00e4ndigkeit ein.Carla Astorina beschreibt ihren Weg in das Unternehmertum einerseits als logischen Pfad (\u00abEs hat sich so ergeben\u00bb), andererseits auch als Wunsch nach Autonomie (\u00abfrei bestimmen zu k\u00f6nnen, f\u00fcr wen man arbeitet\u00bb). Sie betont, dass sie in ihrem Angestelltenverh\u00e4ltnis eigentlich gl\u00fccklich gewesen sei, dass sie jedoch in ihrer Selbst\u00e4ndigkeit mehr Selbstverwirklichungspotenzial gesehen habe.b Obwohl sie Diskriminierungserfahrungen nicht im Zusammenhang mit ihrer beruflichen Laufbahn erw\u00e4hnt, sind diese dennoch ein Thema. Besonders als Kind und Jugendliche ist sich Carla Astorina ihres Status als Italienerin unter Schweizern sehr bewusst und sie leidet unter dem Anderssein. Dies geht so weit, dass sie das Italienische als Jugendliche ablehnt und sich beispielsweise weigert, zu Hause italienisch zu sprechen oder die italienische Sonntagsschule zu besuchen. Erst im Erwachsenenalter kann sie ihrer italienischen Herkunft einen Platz einr\u00e4umen. Dies mag auch damit zusammenh\u00e4ngen, dass sie aufgrund der Branche (IT-Bereich) nun pl\u00f6tzlich ihr Geschlecht als H\u00fcrde erlebt, w\u00e4hrend ihre italienischen Wurzeln keine Rolle mehr spielen. Der Kampf um Anerkennung, der sie als Ausl\u00e4nderin und Frau begleitet, ist zwar kein einfacher, jedoch erfolgreich: \u00abEs hat drei Etappen gegeben in meinem Leben, von denen ich das Gef\u00fchl habe, dass sie sehr gut waren f\u00fcr mein Selbstwertgef\u00fchl: Als junger Mensch war mein Selbstwertgef\u00fchl, weil ich Seconda bin, nicht so gut. Ich habe f\u00fcr meinen Platz, f\u00fcr die Anerkennung, k\u00e4mpfen m\u00fcssen. Dann mit der Matur habe ich ganz klar gesp\u00fcrt, dass ich mich viel besser, sicherer f\u00fchle. Anschliessend kam das Studium, und ich denke, auch die Selbst\u00e4ndigkeit wirkt sich positiv auf das Selbstwertgef\u00fchl aus.\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 4: Literatur<\/b>&#13;<br \/>\n&#8211; Handschin, Martin (2006): Kultur der Selbst\u00e4ndigkeit. Beruflich selbstst\u00e4ndige Secondas als Unternehmerinnen ihrer selbst. In: Soz:mag 9 (2006), S. 22-25. &#8211; Hettlage, Raphaela (2005): Von Gastarbeiterinnen zu Gr\u00fcnderinnen: Migrantinnen als Unternehmerinnen in der Schweiz. In: Michaela Fenske und Tatjana Eggeling (Hg.): Geschlecht und \u00d6konomie: Beitr\u00e4ge der 10. Arbeitstagung der Kommission f\u00fcr Frauen- und Geschlechterforschung der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Volkskunde G\u00f6ttingen 2004. G\u00f6ttingen: Schmerse-Verlag, S. 97-118.- Juhasz, Anne (2005): Autonomie und Risiko statt Unsicherheit. Die selbstst\u00e4ndige Erwerbst\u00e4tigkeit als Weg zur Bearbeitung biographischer Unsicherheiten in der Migration. In: Sozialersinn 6 (2005), 1, S. 93-109.- Piguet Etienne (1999): Les migrations cr\u00e9atrices (pr\u00e9face de Georges Tapinos). Paris: L&#8217;Harmattan.- Suter, Christian, Renate Schubert, Anne Juhasz und Raphaela Hettlage (2006): Der Weg zur Integration? Die Rolle der selbstst\u00e4ndigen Erwerbst\u00e4tigkeit von Migrantinnen und Migranten in der Schweiz. Schlussbericht zuhanden des Schweizerischen Nationalfonds, Bern.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Migrantinnen und Migranten sind aus dem schweizerischen Erwerbsleben nicht mehr wegzudenken. 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