{"id":124233,"date":"2007-03-01T12:00:00","date_gmt":"2007-03-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2007\/03\/ineichen-4\/"},"modified":"2023-08-23T23:45:27","modified_gmt":"2023-08-23T21:45:27","slug":"ineichen-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2007\/03\/ineichen-3\/","title":{"rendered":"Jugendarbeitslosigkeit: Was ist zu tun? Ein Streitgespr\u00e4ch unter Politikern"},"content":{"rendered":"<p>Zwar geh\u00f6rt die Jugendarbeitslosenquote der Schweiz zu den tiefsten Europas. Trotzdem bleibt die Jugendarbeitslosigkeit auch in der Schweiz ein Problem, liegt sie doch &#8211; trotz Hochkonjunktur &#8211; deutlich h\u00f6her als die generelle Arbeitslosigkeit. Unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist sie besonders hoch. Haben wir in erster Linie ein Lehrstellenoder ein Motivationsproblem? Welche Erfolge wurden in den letzten Jahren im Lehrstellenbereich erzielt? Und was muss noch getan werden, um die betroffenen Jugendlichen in den Arbeitsprozess zu integrieren? Zu diesen und anderen Fragen debattieren die Nationalr\u00e4te Otto Ineichen und Paul Rechsteiner.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Volkswirtschaft: Wie gross ist f\u00fcr Sie das Problem der Jugendarbeitslosigkeit?\u00a0Rechsteiner: Die hohe Jugendarbeitslosigkeit ist eines der zentralen Probleme der Schweiz, ganz besonders die Langzeitarbeitslosigkeit. Keine Perspektiven zu haben, ist f\u00fcr die betroffenen Jugendlichen eine Katastrophe und f\u00fcr die Gesellschaft eine Zeitbombe.\u00a0Ineichen: Ich bin mit der Analyse einverstanden.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Trotzdem, im internationalen Vergleich steht die Schweiz bez\u00fcglich Jugendarbeitslosigkeit relativ gut da. Mit der anziehenden Konjunktur hat sich auch die Zahl der arbeitslosen Jugendlichen verringert. Ein Resultat der dualen Berufsbildung?\u00a0Ineichen: Ganz eindeutig. Alle europ\u00e4ischen L\u00e4nder, die ein vergleichbares duales Berufsbildungssystem haben, weisen eine tiefere Jugendarbeitslosigkeit aus als jene, die es nicht kennen. Das ist ein klares Indiz daf\u00fcr, dass das duale Berufsbildungssystem Vorteile hat.\u00a0Rechsteiner: Ein wesentlicher Faktor, der \u00fcber Jugendarbeitslosigkeit entscheidet, ist die Konjunktur. Deshalb ist es wichtig, einen langfristigen Aufschwung herbeizuf\u00fchren. Aber die Konjunktur regelt nicht alles. Trotz guter Konjunktur fehlen immer noch Ausbildungspl\u00e4tze. Besonders in den St\u00e4dten gilt es dringend, neue Lehrstellen zu schaffen.\u00a0Die Volkswirtschaft: Gem\u00e4ss letztem Lehrstellenbarometer vom August 2006 ist das Lehrstellenangebot gegen\u00fcber 2005 um 1500 gestiegen. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?\u00a0Rechsteiner: Die positive Entwicklung ist das Resultat des st\u00e4ndigen Drucks der Gewerkschaften, aber auch anderer Kreise. Wir anerkennen, dass die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) sehr viel aktiver geworden ist. Und auch das Eidg. Volkswirtschaftsdepartement (EVD) ist mit den Lehrstellenkonferenzen aktiv. All diese Bem\u00fchungen haben Fr\u00fcchte getragen. Trotzdem ist das Problem bei weitem nicht gel\u00f6st. Dazu sind weitere Grossanstrengungen n\u00f6tig.\u00a0Ineichen: Dass das Problem nicht gel\u00f6st ist, liegt auch an den Jugendlichen selber. Wir von \u00abSperanza 2000\u00bb konnten sehr viele Lehrstellen nicht besetzen. Ich stelle ern\u00fcchtert fest, dass den Jugendlichen teilweise die Flexibilit\u00e4t fehlt. Es gibt viele Jugendliche, die ihren Wunschberuf erlernen m\u00f6chten und nicht bereit sind, sich der Realit\u00e4t zu stellen. So gesehen haben wir kein Lehrstellenproblem in der Schweiz, sondern ein Motivationsproblem von Jugendlichen.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Haben Sie dazu konkrete Beispiele?\u00a0Ineichen: K\u00fcrzlich waren wir von \u00abSperanza\u00bb beim Lehrverbund Zug eingeladen. Dieser betreut 18- bis 20-j\u00e4hrige Jugendliche, die faktisch keine Chancen mehr haben, ins Berufsleben einzusteigen. Mit dabei waren der kantonale Volkswirtschaftsdirektor und alle Entscheidungstr\u00e4ger der kantonalen Berufsbildung. Es kamen zehn Jugendliche an die Veranstaltung. Ich habe den Jugendlichen sehr provokativ die Frage gestellt: Gibt es nicht zu viele Jugendliche, die sich weigern, in den Arbeitsprozess einzusteigen, weil unsere sozialen Auffangnetze zu grossz\u00fcgig sind? Sieben dieser zehn Jugendlichen haben klar geantwortet, dass dem so sei und sie selber \u00e4hnliche F\u00e4lle kennen w\u00fcrden.\u00a0Rechsteiner: Herr Ineichen spricht, wie Teile der \u00e4lteren Generation bereits seit den alten Griechen gesprochen haben: Die Jugendlichen seien faul oder dumm oder nicht motiviert. Wenn man den Jugendlichen selber die Schuld gibt, verk\u00fcrzt das extrem die sehr gravierende Thematik. Die Jugendlichen selber sind \u00fcberaus motiviert. Doch die Zukunftsaussichten waren in der Generation, aus der Herr Ineichen oder ich stammen, weit besser als jene der heutigen Jugendlichen aus nicht privilegierten Verh\u00e4ltnissen, die mit grossen Unsicherheiten und Diskriminierungen zu k\u00e4mpfen haben.\u00a0Die Volkswirtschaft: Herr Rechsteiner, gibt es denn f\u00fcr Sie kein Motivationsproblem bei Jugendlichen &#8211; und auch nicht bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund?\u00a0Rechsteiner: Die Motivation der \u00fcberwiegenden Mehrheit der Jugendlichen &#8211; auch der Jugendlichen mit Migrationshintergrund &#8211; ist hoch. Die Jugendlichen, die aus nicht privilegierten Verh\u00e4ltnissen stammen, haben allerdings die schlechteren Perspektiven. Das m\u00fcssen sehr viele Sch\u00fcler aus der Realschule erfahren. Gem\u00e4ss Pisa-Studie kommen drei von vier Sch\u00fclern aus privilegierten Verh\u00e4ltnissen ins Gymnasium. Bei Sch\u00fclern aus nicht privilegierten Verh\u00e4ltnissen ist es noch gerade einer von f\u00fcnf &#8211; dies nota bene bei exakt gleichen schulischen Leistungen. Die soziale Herkunft entscheidet leider wieder sehr stark \u00fcber Schulbildung und Karriere.\u00a0Ineichen: Ich bezweifle, dass es \u00fcberhaupt sinnvoll ist, wenn mehr Jugendliche als heute einen Maturit\u00e4tsabschluss haben. Dass wir die niedrigste Arbeitslosigkeit in Europa haben, h\u00e4ngt mit dem dualen Berufsbildungssystem zusammen. Umgekehrt gilt: Je h\u00f6her die Maturit\u00e4tsquote, desto h\u00f6her die Arbeitslosigkeit. \u00a0Rechsteiner: Sie konstruieren hier einen kuriosen Zusammenhang. Auch wenn sich die Gewerkschaften immer f\u00fcr das duale Berufsbildungssystem ausgesprochen haben: Als Land, das \u00fcber keine nat\u00fcrlichen Ressourcen verf\u00fcgt, hat die Schweiz nur Erfolg, wenn wir eine gut ausgebildete Erwerbsbev\u00f6lkerung haben. Dazu geh\u00f6rt auch der akademische Weg. \u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Herr Ineichen, spielen Sie mit Ihrer Analyse nicht die tats\u00e4chlichen Schwierigkeiten von Jugendlichen mit Migrationshintergrund herunter?\u00a0Ineichen: Ich finde f\u00fcr jeden Werksch\u00fcler, der motiviert ist, einen Ausbildungsplatz. Dass es nicht an Angeboten fehlt, zeigt sich in den Statistiken: Die Wirtschaft stellt im Moment mehr Lehrstellen zur Verf\u00fcgung, als Stellen besetzt werden. Bei der Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund &#8211; besonders aus dem Balkan &#8211; haben die Volksschulen versagt. Wir haben heute das Problem, dass rund 15000 bis 20000 Jugendliche nicht integriert sind. Diese Jugendlichen den Unternehmen zu vermitteln &#8211; etwa f\u00fcr eine Schnupperlehre &#8211; ist fast unm\u00f6glich, erst recht wenn die Unternehmen bereits wiederholt negative Erfahrungen gemacht haben.\u00a0Rechsteiner: Es ist eine ganz gef\u00e4hrliche Haltung, die Jugendlichen nach ihrer Herkunft zu diskriminieren. In der Schweiz besteht eine unselige Tendenz, die Menschen nach der Herkunft einzustufen. Das vermindert die Chancengleichheit eben gerade.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Was unternehmen Sie, Herr Ineichen, konkret, um arbeitslose Jugendliche zu integrieren?\u00a0Ineichen: Wir haben im Kanton Luzern ein Projekt zur Eingliederung von arbeitslosen Jugendlichen zwischen 18 und 20 Jahren. Daran nehmen 60 bis 80 Jugendliche teil, die zus\u00e4tzlich sozial begleitet werden. Das Problem, das wir dort haben, ist, dass Jugendliche eine Arbeit ablehnen und ihnen dann noch st\u00e4ndig gesagt wird, dass sie die Arbeitslosengelder und die Sozialhilfe abholen k\u00f6nnen. Das stimmt mich nachdenklich. \u00a0Im Rahmen des Projekts \u00abSperanza\u00bb wollen wir zus\u00e4tzliche Attestausbildungen schaffen. Mit Networkern versuchen wir Unternehmen &#8211; haupts\u00e4chlich KMU, die nicht mehr ausbilden &#8211; davon zu \u00fcberzeugen, Jugendlichen wieder eine Chance f\u00fcr eine Attestausbildung zu geben. \u00a0Rechsteiner: Wie gross die Diskrimierung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist, zeigt sich, wenn Jugendliche sich anonymisiert bewerben. T\u00f6nt der Name nach Balkan, bekommen die Bewerber die Lehrstelle nicht. Diesem Problem m\u00fcssen wir begegnen &#8211; auch mit der notwendigen Sorgfalt in der Analyse seitens der Politiker.\u00a0Herrn Ineichen ist zu attestieren, dass er mit \u00abSperanza\u00bb eine Initiative lanciert hat, die dringend n\u00f6tig ist. Allerdings m\u00fcssen die Initianten in Zukunft vermehrt darauf achten, dass diese Ausbildungen einen Abschluss beinhalten, auf dem die Absolventinnen und Absolventen nachher aufbauen k\u00f6nnen.\u00a0Ineichen: Wir haben bei \u00abSperanza\u00bb unsere Lehren gezogen. Es macht in der Tat keinen Sinn, beispielsweise im Coiffeurbereich eine Attestausbildung anzubieten, weil hier die Nachhaltigkeit nicht gegeben ist. Deshalb versuchen wir, dort Attestausbildungen zu schaffen, wo die Leute nachher auch gebraucht werden, so etwa im Gesundheitswesen. \u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Rund ein Viertel der Jugendlichen bezeichnen ihre Wahl nach der obligatorischen Schulzeit als Zwischenl\u00f6sung, d.h. geht weiter in die Schule oder w\u00e4hlt ein Br\u00fcckenangebot. Was halten Sie in diesem Kontext von Br\u00fcckenangeboten wie das Motivationssemester, deren Abschaffung ja jetzt teilweise gefordert wird?\u00a0Rechsteiner: Den betroffenen Jugendlichen ist mit der Abschaffung der Motivationssemester nicht gedient. Wir sind uns einig, dass das Ziel eine Berufsausbildung f\u00fcr alle Jugendlichen sein muss. F\u00fcr Schnellsch\u00fcsse eignet sich das Thema \u00abMotivationssemester\u00bb aber nicht.\u00a0Ineichen: Ich bin f\u00fcr die Beibehaltung der Br\u00fcckenangebote. Diese Angebote sollten Praxis und Schule kombinieren &#8211; etwa in Form von vier Tagen Arbeit und einem Tag Schule pro Woche. Hier ist die Wirtschaft gefordert; sie soll mithelfen, entsprechende Angebote zu schaffen. Mittelfristig bin ich f\u00fcr die Abschaffung der Motivationssemester, weil diese f\u00fcr die Jugendlichen dem\u00fctigend sind. Sollten sie dennoch beibehalten werden, pl\u00e4diere ich f\u00fcr straff organisierte und gut begleitete Motivationssemester. \u00a0Einen interessanten Ansatz verfolgt der Kanton Zug. Dort \u00fcbernimmt das so genannte Berufsbildungsnetz die Anstellung, das Coaching, die Kontrolle und alle weiteren administrativen Arbeiten. Wenn Probleme mit den Jugendlichen auftauchen, liegt die Verantwortung nicht bei den Unternehmen, sondern beim Berufsbildungsnetz. Dieses Modell ist zwar relativ teuer, aber extrem wertvoll.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Welche Rolle haben Ihrer Meinung nach Politik und Wirtschaft bei der Bek\u00e4mpfung der Jugendarbeitslosigkeit wahrzunehmen?\u00a0Rechsteiner: Wenn wir wollen, dass alle Jugendlichen die M\u00f6glichkeit haben, eine Berufsausbildung zu absolvieren, braucht es ein gemeinsames Handeln der Wirtschaft sowie von Bund und Kantonen. Dass es st\u00e4rkere und schw\u00e4chere Jugendliche gibt, ist eine alte Weisheit. Die schweizerische Wirtschaft braucht auch Leute, die praktische T\u00e4tigkeiten verrichten, heute und in Zukunft. In der Wissensgesellschaft steigt aber der Anteil qualifizierter T\u00e4tigkeiten. \u00a0Ineichen: Wichtig ist, unbedingt die richtigen Anreize daf\u00fcr zu schaffen, dass die Jugendlichen den Start in die Arbeitswelt nicht verschlafen. Die Gew\u00e4hrung von Arbeitslosengeld direkt nach dem Schulabgang schadet der beruflichen Integration. Diese Problematik ist am deutlichsten sichtbar in der Westschweiz. Arbeitslosengelder ohne Coaching der Jugendlichen zu streichen, w\u00e4re kontraproduktiv. Falsch finde ich es, wenn etwa Spit\u00e4ler Kurzaufenthalter f\u00fcr unqualifizierte Arbeiten aus dem benachbarten Ausland in die Schweiz holen. Allein im Gesundheitswesen h\u00e4tten wir die M\u00f6glichkeit, mit einer Attestausbildung 2000-3000 Lehrstellen zu schaffen.\u00a0Rechsteiner: In der Tat w\u00e4re ein Abbau der Leistungen bei der Arbeitslosenversicherung das d\u00fcmmste, was man in der heutigen Situation machen k\u00f6nnte. In die Schul- und Berufsbildung sollte mehr investiert werden. Dazu sind verschiedene Massnahmen n\u00f6tig. Einiges deutet darauf hin, dass die \u00f6ffentliche Hand weiterhin aktiv bleiben muss, um die regionalen Ungleichgewichte zu mindern. Erforderlich sind auch Investitionen wie das Coaching, das in Genf entwickelt worden ist. Auszubildende m\u00fcssen, wo n\u00f6tig, begleitet werden. Denn zum Erfolg geh\u00f6rt nicht nur der gelungene Start der Lehre, sondern dass die Lehre auch abgeschlossen wird. \u00a0Ineichen: Case Management ist ein probates Mittel; aber es greift eher langfristig. Wir haben jedoch dieses und n\u00e4chstes Jahr die grossen Probleme. Kleine Kantone gehen sie pragmatisch und innovativ an. \u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Wie \u00e4ussern sich die Unterschiede zwischen den Kantonen?\u00a0Ineichen: In den kleineren Kantonen bestehen heute bei der beruflichen Integration von Jugendlichen keine Probleme mehr. Anders pr\u00e4sentiert sich die Lage in den gr\u00f6sseren Kantonen. Das liegt daran, dass die schulisch schwachen Jugendlichen in den kleineren Kantonen systematisch gecoacht und betreut werden. Ich bin erstaunt, wie gut das funktioniert. In gr\u00f6sseren Kantonen ist die B\u00fcrokratie zu gross, um die Probleme konsequent angehen zu k\u00f6nnen. Letztes Jahr wurden bei \u00fcber 100 Ausbildungspl\u00e4tzen die Bewilligungen nicht erteilt, obwohl es sich um Ausbildungsbetriebe handelte. So haben McDonald&#8217;s und Valora in kleineren Kantonen die Bewilligungen erhalten. In gr\u00f6sseren Kantonen wurden hingegen die Gesuche abgelehnt, mit der Begr\u00fcndung, die Jugendlichen w\u00fcrden ausgen\u00fctzt.\u00a0Rechsteiner: Dort, wo es um gef\u00e4hrliche Arbeiten geht, macht eine gewisse Zur\u00fcckhaltung auch Sinn. Das Unfallrisiko bei Jugendlichen ist nun einmal h\u00f6her als bei \u00c4lteren. Und es gibt viele gute Gr\u00fcnde, dass solche Arbeiten &#8211; wie etwa das Staplerfahren &#8211; nur in einer regul\u00e4ren Lehre und nicht unqualifiziert verrichtet werden d\u00fcrfen. Der Schutz f\u00fcr jugendliche Arbeitnehmende darf nicht ausgeh\u00f6hlt werden.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Wir haben bisher den Blick auf die 15- bis 19-J\u00e4hrigen geworfen, die in der Phase des \u00dcbergangs von der Schule zur Ausbildung stecken. Wenden wir uns nun den 20- bis 24-J\u00e4hrigen zu, die den \u00dcbergang vom Berufsabschluss in den Arbeitsmarkt bewerkstelligen m\u00fcssen. Wie beurteilen Sie hier die Situation? Welche Massnahmen erachten Sie als geeignet f\u00fcr den Einstieg ins Berufsleben?\u00a0Rechsteiner: Deren Situation ist in erster Linie von der konjunkturellen Entwicklung und der Lage auf dem Arbeitsmarkt abh\u00e4ngig. Leider hat man sich mental von der Vorstellung weit gehend verabschiedet, wieder einmal unter 100000 Arbeitslose zu kommen. Gerade f\u00fcr die jungen Arbeitnehmenden w\u00e4re ein nachhaltiger Aufschwung entscheidend. Ausserdem m\u00fcssten die ausbildenden Betriebe den Wert ihrer Lehrabg\u00e4ngerinnen und -abg\u00e4nger wieder vermehrt erkennen und mehr Verl\u00e4sslichkeit schaffen. Dadurch k\u00f6nnten sie die jungen Arbeitskr\u00e4fte st\u00e4rker an ihren Betrieb binden. Denn mittelfristig werden sie wieder auf diese angewiesen sein. F\u00fcr eine gute Ausbildung ist schliesslich nicht nur die Lehrzeit ausschlaggebend, sondern auch die Erfahrung am Arbeitsplatz. Dem Humankapital muss also wieder mehr Wertsch\u00e4tzung entgegengebracht werden.\u00a0Ineichen: Meiner Meinung nach m\u00fcssten m\u00f6glichst viele Arbeitgeber ihren Lehrlingen die M\u00f6glichkeit geben, weitere sechs Monate nach Abschluss der Ausbildung im Betrieb zu arbeiten, um Erfahrungen sammeln zu k\u00f6nnen. Das ist eventuell in Kleinbetrieben nicht m\u00f6glich. Dass aber grosse Unternehmen wie Banken, Versicherungen usw. diese M\u00f6glichkeit nicht anbieten, daf\u00fcr habe ich kein Verst\u00e4ndnis.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Meine Herren, ich danke Ihnen f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGespr\u00e4chsleitung und Redaktion:Geli Spescha, Chefredaktor \u00abDie Volkswirtschaft\u00bb\u00a0\u00a0Aufzeichnung des Gespr\u00e4chs:Simon D\u00e4llenbach, Redaktor \u00abDie Volkswirtschaft\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Speranza 2000 &#8211; Unternehmen gegen Jugendarbeitslosigkeit Mit dem Projekt &#8222;Speranza 2000&#8220; sollen Jugendliche mit schulischen Lerndefiziten oder sozialen Schwierigkeiten eine neue Berufsperspektive erhalten: Kurzfristig mit der Zuweisung in ein einj\u00e4hriges Praktikum, mittelfristig mit der Schaffung von mehr Ausbildungspl\u00e4tzen bei der zweij\u00e4hrigen Grundbildung mit eidgen\u00f6ssischem Berufsattest. Der Verein &#8222;Speranza 2000&#8220;, der vom Unternehmer und Nationalrat Otto Ineichen pr\u00e4sidiert wird, setzt beim Angebot an. Speranza-Unternehmer motivieren andere Unternehmer innerhalb ihres Netzwerkes, soziale Verantwortung f\u00fcr die Jugend zu \u00fcbernehmen und neue Ausbildungspl\u00e4tze im niederschwelligen Bereich zu schaffen. Die Kantone decken die Nachfrageseite ab. Deren Aufgabe ist es, mit einem fachgerechten individuellen Coaching die Jugendlichen ohne Anschlussl\u00f6sung in die vom Speranza-Netzwerk bereit gestellten zus\u00e4tzlichen Lehr- und Praktikumspl\u00e4tze zu vermitteln. Zur Tr\u00e4gerorganisation des Vereins &#8222;Speranza 2000&#8220; geh\u00f6ren die Verbundpartner der Schweizerischen Berufsbildung (Gewerbeverband, Arbeitgeberverband, Erziehungsdirektoren-Konferenz, Berufsbildungs\u00e4mter-Konferenz) sowie der Verein Speranza FDP Basel-Land und Initiant Otto Ineichen. Das Projekt, das in f\u00fcnf Kantonen (LU, AG, ZH, BL, GR) bereits initiiert wurde, l\u00e4uft drei Jahre und wird laufend den Anforderungen angepasst. Es wird gemeinsam vom Bund und der Wirtschaft getragen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwar geh\u00f6rt die Jugendarbeitslosenquote der Schweiz zu den tiefsten Europas. Trotzdem bleibt die Jugendarbeitslosigkeit auch in der Schweiz ein Problem, liegt sie doch &#8211; trotz Hochkonjunktur &#8211; deutlich h\u00f6her als die generelle Arbeitslosigkeit. Unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist sie besonders hoch. Haben wir in erster Linie ein Lehrstellenoder ein Motivationsproblem? 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