{"id":124238,"date":"2007-03-01T12:00:00","date_gmt":"2007-03-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2007\/03\/jamasb-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:45:15","modified_gmt":"2023-08-23T21:45:15","slug":"jamasb","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2007\/03\/jamasb\/","title":{"rendered":"Anreizorientierte Regulierung der britischen Elektrizit\u00e4tsverteilnetze"},"content":{"rendered":"<p>Mitte der Achtzigerjahre wurde in Grossbritannien eine umfassende marktorientierte Reform der staatlichen Netzindustrien eingeleitet. Die Reform beinhaltete Restrukturierungen, Privatisierungen, eine unabh\u00e4ngige Regulierung und die Einf\u00fchrung von Wettbewerb in vertikal integrierten Sektoren wie Telekom, Verkehr und Energie einschliesslich Strommarkt. Seither haben sich im Zuge eines weltweiten Reformtrends die Struktur, das Betriebsumfeld und die institutionellen Rahmenbedingungen der Netzindustrien in vielen L\u00e4ndern gewandelt. Im vorliegenden Artikel werden die Erfahrungen Grossbritanniens mit der anreizorientierten Regulierung der Stromverteilnetze beleuchtet und n\u00fctzliche Schl\u00fcsse f\u00fcr allf\u00e4llige k\u00fcnftige Reformen in der Schweiz gezogen.<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/200703_12_Jamasb_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"365\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Reformen im europ\u00e4ischen Strommarkt wurden haupts\u00e4chlich von den Richtlinien der Europ\u00e4ischen Union (EU) vorangetrieben, wenn auch mit unterschiedlicher Dynamik in den verschiedenen L\u00e4ndern. Als Nichtmitglied der EU besteht f\u00fcr die Schweiz keine formelle Verpflichtung, sich am Reformprozess des europ\u00e4ischen Strommarkts zu beteiligen. Infolgedessen ist der Schweizer Strommarkt wohl der am wenigsten stark reformierte aller europ\u00e4ischen OECD-L\u00e4nder. Die Reformdebatte in der Schweiz war in erster Linie durch das Ziel gepr\u00e4gt, die Position des Landes als Exporteur von Spitzenstrom in benachbarte M\u00e4rkte zu bewahren. Zusammen mit der geografischen Lage macht diese Position die Schweiz zu einem wichtigen Marktplayer in Europa. Im Rahmen dieser Diskussion wurde &#8211; im Gegensatz zum \u00dcbertragungsnetz &#8211; kaum \u00fcber die Verteilnetze gesprochen.&#13;<\/p>\n<h2>Merkmale der Strombranche<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nStrom ist technisch gesehen ein homogenes, nicht lagerbares Produkt. Ein zuverl\u00e4ssiges System muss Angebot und Nachfrage fast augenblicklich in Einklang bringen. Die Strombranche umfasst die miteinander verbundenen Bereiche Erzeugung, \u00dcbertragung, Verteilung und Vertrieb. Zur Erzeugung werden die Produktion und die Umwandlung von Strom gez\u00e4hlt. Die \u00dcbertragung besteht im Transport von Hochspannungsstrom \u00fcber grosse Distanzen. Die Verteilung beinhaltet den Transport von Niederspannungsstrom \u00fcber lokale Netze und umfasst Freileitungen, Kabel, Schaltanlagen, Transformatoren, Kontrollsysteme und Z\u00e4hlwerke im Zusammenhang mit dem Transport von Strom vom \u00dcbertragungsnetz zu den Kunden. Zum Vertrieb werden Messen, Z\u00e4hlen, Abrechnen und der Verkauf von Strom an die Endverbraucher gez\u00e4hlt. Die Strombranche ist kapitalintensiv und weist einen hohen Anteil an versunkenen Kosten auf.&#13;<\/p>\n<h2>Britische Stromreform von 1990<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nVor der Verstaatlichung im Jahr 1947 z\u00e4hlte man in Grossbritannien 569 Verteilnetze, von denen lediglich zwei F\u00fcnftel direkt vom \u00dcbertragungsnetz beliefert wurden. Mit der Verstaatlichung gingen sowohl private als auch kommunale Versorger in nationalstaatlichen Besitz \u00fcber, und die Branche wurde konsolidiert. Neu entstanden die British Electricity Authority (BEA), die f\u00fcr die Erzeugung und die Hochspannungs\u00fcbertragung von Strom verantwortlich war, und sechzehn unabh\u00e4ngige Verteiler. 1990 wurde dann die Privatisierung und Reform der Branche in Angriff genommen.\u00a0Die 1990er-Reform beinhaltete die Entflechtung der Kernbereiche, Restrukturierungen, Privatisierungen, Regulierungen und die Einf\u00fchrung von Wettbewerb. Zudem wurde ein unabh\u00e4ngiger Regulator (Ofgem) Office of Gas and Electricity Markets. geschaffen. Urspr\u00fcnglich stand der Wettbewerb bei der Erzeugung von Strom im Zentrum der Reform, w\u00e4hrend dem Potenzial f\u00fcr Effizienzsteigerungen in den Netzen keine Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Mit den umfangreichen Gewinnen, welche die neuen Privateigent\u00fcmer der Verteilnetze dank der Kontrolle \u00fcber einen wichtigen monopolistischen Engpass erzielten, r\u00fcckte die Notwendigkeit von Regulierungen in diesem Bereich ins Bewusstsein. Der Markt wurde schrittweise st\u00e4rker reguliert sowie die Performance und Verteilung von Effizienzgewinnen verbessert.\u00a0F\u00fcr die kontrollierbaren Betriebskosten der Verteilnetzbetreiber kommt ein Anreizelement zur Anwendung. Dabei werden die Kosten weniger effizienter Betreiber mit denjenigen der effizientesten Verteiler verglichen. Die Obergrenze f\u00fcr die Betriebskosten ist so festgelegt, dass die einzelnen Betreiber ihren R\u00fcckstand gegen\u00fcber der Best Practice schrittweise aufholen m\u00fcssen. Zudem erhalten alle Verteiler ein identisches technisches Effizienzsteigerungsziel.\u00a0Die Ertr\u00e4ge der Verteilnetzbetreiber werden zunehmend durch die Kapitalkosten bestimmt. Daf\u00fcr gibt es zwei Gr\u00fcnde: Einerseits hat das Benchmarking die laufenden Betriebskosten gesenkt und anderseits traten in den letzten Jahren vermehrt Neuinvestitionen zum bestehenden Kapitalstock hinzu, die eine Verbesserung der Servicequalit\u00e4t und eine Verminderung der \u00dcbertragungsverluste mit sich brachten. Die Betreiber erarbeiten nun Investitionspl\u00e4ne, welche durch die beratenden Ingenieure des Ofgem gepr\u00fcft werden. So ergibt sich ein Soll an notwendigen Investitionen, auf die das Anreizschema f\u00fcr Anlageinvestitionen Anwendung findet. Letzteres entspricht einer Regulierung, die eine Auswahl an Standardvertr\u00e4gen vorgibt, welche die Investitionseffizienz honorieren.\u00a0F\u00fcr die Qualit\u00e4t der Leistungen bestehen separate Anreize in Form von Leistungszielen. Die Ziele werden f\u00fcr jeden Verteilnetzbetreiber einzeln festgelegt. Bei Abweichungen kommt ein im Vorfeld vereinbartes Bonus-Malus-System zum Tragen, das die dem Versorger zugestandenen Ertr\u00e4ge beeinflusst. Zur Sicherung der finanziellen Nachhaltigkeit der Unternehmen ist der H\u00f6chstbetrag im Rahmen des Leistungsqualit\u00e4tssystems als Prozentsatz der zugestandenen Ertr\u00e4ge festgelegt.\u00a0Energieverluste in den Netzen werden auf der Basis eines Yardstick-Systems nach Vergleichsmassst\u00e4ben beurteilt. Dazu werden die gesamten Energieverluste aller Unternehmen und eine zusammengesetzte erkl\u00e4rende Variable herangezogen, die nach Energie, Transformatorleistung und Netzl\u00e4nge gewichtet wird. \u00a0Als Ganzes ist die genannte Kombination von Anreizmodellen eine Anreizregulierung mit Erl\u00f6sobergrenze (Revenue Cap).&#13;<\/p>\n<h2>Performance der Verteilnetze unter dem System der Preiskontrolle<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas Ziel der ersten f\u00fcnfj\u00e4hrigen Preiskontrolle (1990\/91 bis 1994\/95) in Grossbritannien war in erster Linie, die Verm\u00f6genswerte erfolgreich zu verkaufen. Das Ziel, Effizienzgewinne an die Konsumenten weiterzugeben, kam erst mit den nachfolgen-den Preis\u00fcberpr\u00fcfungen (1994\/95 bis 1999\/00 sowie 2000\/01 bis 2004\/05) hinzu. Damit wurden signifikante Effizienzsteigerungen und Kosteneinsparungen erzielt und an die Kunden weitergegeben.\u00a0Die Grafik 1 zeigt, dass Privatkunden mit Einheitstarif von Reduktionen bei den Verteiltarifen profitiert haben. Besonders substanziell fielen die Reduktionen bei den Fest-preisen aus. Kunden mit dem Programm \u00abEconomy 7\u00bb, bei denen zwischen Spitzen- und Normalstrom unterschieden wird, bezahlten ebenfalls weniger. Der Kurvenverlauf steht in Einklang mit den strenger gewordenen Preiskontrollen. F\u00fcr die Gesch\u00e4ftskunden, zu denen Handels- und Industriebetriebe z\u00e4hlen, gingen die Tarife ebenfalls zur\u00fcck. Bei den Festpreisen war in den ersten Jahren ein R\u00fcckgang zu verzeichnen. Darauf folgte tendenziell ein Anstieg gegen Ende des Beobachtungszeitraumes bis auf ein Niveau leicht unter dem Stand von 1998\/99. Seit Beginn der Reform wurden &#8211; gem\u00e4ss Effizienzstudien und Kosten-Nutzen-Analysen des Stromsektors &#8211; im Verteilnetz signifikante Gesamtgewinne erzielt.\u00a0Dank des anreizbasierten Regulierungssystems geh\u00f6ren die Netztarife und Endverbraucherpreise f\u00fcr Strom in Grossbritannien heute EU-weit zu den niedrigsten. Der von Haushalten mit niedrigem Einkommen f\u00fcr Strom aufgewendete Lohnanteil ist in Grossbritannien kleiner als in den meisten anderen EU-L\u00e4ndern. Vgl. Europ\u00e4ische Kommission, 2005. Gleichzeitig war f\u00fcr Qualit\u00e4tsindikatoren &#8211; wie die Anzahl Lieferunterbr\u00fcche pro 100 Kunden, die durchschnittliche Anzahl verlorener Minuten pro Kunde und Verteilverluste in Prozent der gelieferten Energie &#8211; seit Beginn der Reform eine Verbesserung festzustellen.&#13;<\/p>\n<h2>Lehren f\u00fcr die Schweiz<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas britische Anreizregulierungssystem f\u00fcr die Stromverteilnetze hat bewirkt, dass die Verteilgeb\u00fchren gesenkt, die Qualit\u00e4t der Leistungen verbessert und die Bereitschaft f\u00fcr Investitionen gest\u00e4rkt wurden. Ein strenges Benchmarkmodell f\u00fcr die Betriebskosten f\u00fchrte zu Kostensenkungen. Das kombinierte Regulierungs- und Benchmarkmodell des Ofgem mit Benchmarks f\u00fcr Betriebskosten, \u00dcberpr\u00fcfung von Investitionspl\u00e4nen sowie Belohnungs- und Sanktionselementen f\u00fcr Leistungsqualit\u00e4t und Energieverluste entspricht nicht in allen Punkten einem idealen integrierten theoretischen Modell. Dennoch hat sich das Modell bew\u00e4hrt und dem Regulator die M\u00f6glichkeit gegeben, priorit\u00e4re Aspekte gezielt anzugehen.\u00a0Welche Schl\u00fcsse lassen sich nun aufgrund der in den vergangenen sechzehn Jahren in Grossbritannien mit der Anreizregulierung gewonnenen Erfahrungen f\u00fcr die Schweiz ziehen? \u00a0&#8211; Entgegen der g\u00e4ngigen Praxis kann die Anreizregulierung auch bereits vor der Einf\u00fchrung von Wettbewerbselementen im Erzeugungsbereich realisiert werden. Ebenso ist eine Privatisierung nicht Voraussetzung f\u00fcr eine Anreizregulierung, wie die Beispiele Norwegen und Niederlande gezeigt haben.\u00a0&#8211; Eine wichtige Voraussetzung zur Umsetzung einer Anreizregulierung und eines Benchmarkings ist die wirksame und m\u00f6glichst fr\u00fchzeitige Trennung der Netze, die einen monopolistischen Engpass darstellen. \u00a0&#8211; Unkontrollierte Fusionen und \u00dcbernahmen vor einer Reform k\u00f6nnen die bevorstehende Reform verkomplizieren. Dies hat das Beispiel EU mit nationalen und internationalen Konsolidierungen gezeigt.\u00a0&#8211; Das Reformgesetz sollte die Ziele der Reform und den Auftrag des Regulators klar festlegen und in den wichtigsten Regulationsbereichen gen\u00fcgend Spielraum lassen.\u00a0&#8211; Neu eingesetzte Regulatoren k\u00f6nnen hinsichtlich Auftrag und Ressourcen noch eine schwache Stellung haben. Transparente Regeln helfen dem Regulator, seine Unabh\u00e4ngigkeit zu bewahren.\u00a0&#8211; Wichtig ist, die Leistungsqualit\u00e4t in die Anreizregulierung einzubeziehen. In Grossbritannien wurden Performanceziele mit Belohnungs- und Sanktionsanreizen kombiniert. In Norwegen trugen integrierte Kosten-Qualit\u00e4ts-Regulierungen zur Verbesserung der Leistungsqualit\u00e4t bei.\u00a0&#8211; In der Schweiz gibt es rund 900 Verteiler. Viele kleine Anbieter verf\u00fcgen nicht \u00fcber geeignetes Zahlenmaterial. In einer ersten Phase dr\u00e4ngt sich deshalb die Konzentration auf die gr\u00f6ssten Versorger auf, welche die meisten Kunden bedienen. Sp\u00e4ter kann indirekter Druck durch Vergleiche mit den Gewinnen anderer Versorger und die Ver\u00f6ffentlichung von Tarifen Strukturverbesserungen bewirken.\u00a0&#8211; Zuverl\u00e4ssige Daten sind f\u00fcr die Regulierung entscheidend. Der Zeitraum vor einer Reform kann sinnvoll genutzt werden, um geeignete rechtliche Grundlagen zur Offenlegung und zur Datenbeschaffung zu kreieren.\u00a0&#8211; Verteilnetze m\u00fcssen nicht sehr gross sein, um von Skaleneffekten zu profitieren. Der Spielraum f\u00fcr Einsparungen durch Fusionen ist in der Schweiz durchaus vorhanden. Dies haben die Beispiele Niederlande, Norwegen und auch Grossbritannien mit grossen Versorgern gezeigt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1 \u00abEntwicklung der Verteilnetztarife in Grossbritannien\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Literatur &#8211; Byatt, I. C. R. (1979). The British Electrical Industry 1875-1914: The Economic Returns to a New Technology, Clarendon Press: Oxford.- Europ\u00e4ische Kommission (2005). Bericht \u00fcber die Fortschritte bei der Schaffung des Erdgas- und Elektrizit\u00e4tsbinnenmarktes, Technische Anh\u00e4nge zur Mitteilung der Kommission und den Rat und das Europ\u00e4ische Parlament, Arbeitsdokument der Kommissionsdienststellen, SEK (2005), Kommission der Europ\u00e4ischen Gemeinschaften, Br\u00fcssel.- Jamasb, T. and Pollitt, M. (2007): Incentive Regulation and Benchmarking of Electricity Distribution Networks: From Britain to Switzerland. &#8211; Joskow, P. J. and Schmalensee, R. (1986). Incentive regulation for electric utilities. Yale Journal on Regulation, Volume 4 (1), S. 1-49.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mitte der Achtzigerjahre wurde in Grossbritannien eine umfassende marktorientierte Reform der staatlichen Netzindustrien eingeleitet. 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