{"id":124328,"date":"2007-01-01T12:00:00","date_gmt":"2007-01-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2007\/01\/knecht-6\/"},"modified":"2023-08-23T23:45:32","modified_gmt":"2023-08-23T21:45:32","slug":"knecht-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2007\/01\/knecht-5\/","title":{"rendered":"Die Mikrofinanz wird erwachsen: Was das Seco dazu leistet"},"content":{"rendered":"<p>Mikrofinanz ist kein Allheilmittel, aber ein besonders wirksames Instrument zur Armutsbek\u00e4mpfung. Denn erst der Zugang zu Finanzmitteln erlaubt den Armen, den t\u00e4glichen \u00dcberlebenskampf zu \u00fcberwinden, ihre Zukunft zu planen und in sie zu investieren. Die durch das Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft (Seco) gef\u00f6rderte Anbindung der Mikrofinanz an die westliche Finanzwelt leistet dazu einen innovativen Beitrag. Zu diesem Zweck werden kommerziell orientierten Mikrofinanzinstitutionen \u00fcber den Swiss Investment Fund for Emerging Markets (Sifem) ausgesuchte Refinanzierungsl\u00f6sungen angeboten.<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/200701_19_Knecht_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"278\" \/>&#13;<\/p>\n<h2>Schw\u00e4chen bisheriger Mikrofinanz<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nMit der Verleihung des Friedensnobelpreises an Muhammad Yunus ist die Mikrofinanz nach dem UNO-Jahr 2005 stark ins Rampenlicht der Welt\u00f6ffentlichkeit ger\u00fcckt. Sch\u00e4tzungen gehen davon aus, dass weltweit rund 500 Mio. Haushalte Zugang zu Mikrokrediten suchen. Der Bedarf an Kleinstdarlehen betr\u00e4gt an die 100 Mrd. US-$, davon allein 40 Mrd. US-$ in Indien. In den vergangenen zwei Jahrzehnten sind spezialisierte Mikrofinanzinstitute (MFI) wie Pilze aus dem Boden geschossen; ihre Zahl d\u00fcrfte l\u00e4ngst in die Zehntausende gehen. Doch die ben\u00f6tigten Finanzmittel, die in Form von Mikrokrediten und anderen Produkten an die Kunden weitergegeben werden sollen, \u00fcbersteigen bei Weitem die staatlichen Zusch\u00fcsse und Gelder der Entwicklungszusammenarbeit: Im letzten Jahr waren es ca. 3 Mrd. US-$. Auch der R\u00fcckgriff auf Spareinlagen, soweit dies MFI \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist, reicht l\u00e4ngst nicht aus. Hinzu kommt, dass bis anhin die Refinanzierung von MFI von nicht kommerziell orientierten Geldgebern dominiert wurde, welche mit teilweise stark subventionierten Darlehen arbeiten und Geld in Form von Eigenkapital zur Verf\u00fcgung stellen.&#13;<\/p>\n<h2>Nachhaltigkeit und Integration in internationale Finanzm\u00e4rkte f\u00f6rdern<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nSolche \u00abGeschenkfinanzierungen\u00bb f\u00fchren zu Abh\u00e4ngigkeiten von den Geldgebern und sind f\u00fcr die Nachhaltigkeit der Mikrofinanz und ihre Integration in die internationalen Finanzm\u00e4rkte hinderlich. Will die Mikrofinanz erwachsen werden, ist ihre Transformation von einer Nischenbranche in eine Branche, die den Armen einen breiten und ausreichenden Zugang zu Finanzdienstleistungen gew\u00e4hrleistet, geradezu Voraussetzung. Aus dieser Einsicht heraus hat sich eine wachsende Zahl von MFI f\u00fcr die Kommerzialisierung entschieden. Das bedeutet, dass sie von den Kunden marktgerechte Zinsen verlangen, um kostendeckend und langfristig auch gewinnbringend zu arbeiten.&#13;<\/p>\n<h2>Innovative Formen der Refinanzierung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nBis vor wenigen Jahren standen f\u00fcr MFI haupts\u00e4chlich direkte kurzoder mittelfristige Darlehen und nur in sehr beschr\u00e4nktem Masse Aktienkapital zur Verf\u00fcgung. Die wachsende Nachfrage nach Refinanzierung hat eine breite Palette von Instrumenten hervorgebracht, die den unterschiedlichen Anforderungen auf der Angebots- und Nachfrageseite gerecht werden. Internationale Banken, institutionelle Investoren und Privatanleger agieren wegen der breiten Diversifizierung weiterhin vor allem \u00fcber direkte Aktienbeteiligungen und Darlehen an MFI. Fondskonzepte und strukturierte Finanzierungsprodukte &#8211; speziell Verbriefungen &#8211; gewinnen jedoch immer mehr an Bedeutung. Letztere sind f\u00fcr die MFI eine sehr effiziente Form der Kapitalisierung; aufgrund der meist attraktiven Renditen und klar definierten Risiken sind sie auch f\u00fcr Investoren interessant. Hinzu kommen hybride Finanzierungsarten &#8211; wie etwa in Form von nachrangigen konvertiblen Darlehen &#8211; direkt an die MFI oder wiederum \u00fcber Fonds.\u00a0Rein private und g\u00e4nzlich kommerzielle Investitionen in MFI sind nach wie vor relativ selten, weil Banken und private Geldgeber aufgrund von L\u00e4nder- und Wechselkursrisiken sowie Transparenz\u00fcberlegungen nur die besten, die top-tier MFI, in ihre Portfolios aufnehmen. Um gerade auch Investitionen in die second-tier MFI zu f\u00f6rdern, braucht es mit \u00f6ffentlicher Entwicklungshilfe finanzierte Anschub- und Risikoteilungsmechanismen zur Erzielung von Demonstrationseffekten. Hier setzt die Mikrofinanzf\u00f6rderung des Seco an.&#13;<\/p>\n<h2>Formen der Mikrofinanzf\u00f6rderung des Seco<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas Seco hat sich mit knapp 40 Mio. Franken \u00fcber Sifem an marktorientierten Mikrofinanz-Instrumenten beteiligt und ist bestrebt, deren Entwicklung zu f\u00f6rdern und aktiv mitzugestalten. Dies geschieht zum einen als Leadinvestor in Fonds und zum anderen \u00fcber die Beteiligung an der Konzeption und Anwendung neuer Instrumente. Als Leadinvestor leistete die Schweiz im Rahmen ihrer wirtschaftlichen Entwicklungszusammenarbeit bereits 1996 Pionierarbeit, n\u00e4mlich mit ProFund, dem ersten MFI-Aktien-Investitionsfonds \u00fcberhaupt. Heute nimmt das Seco eine vergleichbare Rolle im weltweit ersten MFI-Hybridfonds ein, indem eine Investition in Solidus get\u00e4tigt wurde. Auf der anderen Seite beteiligt sich das Seco ganz direkt an der Konzeption und Anwendung neuer Instrumente, zusammen mit spezialisierten Institutionen wie etwa der Schweizer Firma Symbiotics. In Peru finanziert das Seco eine strukturierte Transaktion, die zu einer Effizienzsteigerung in der MFI-Refinanzierung beitragen und zugleich das politische und Wechselkursrisiko vermindern soll. Gleichzeitig mobilisiert es in einem weiteren Projekt von Symbiotics privates Kapital mittels optimierter Risikoteilung in einer so genannten Collateralized Debt Obligation. Sodann war das Seco Anschubfinanzierer beim Responsability Global Microfinance Fund, einem der ersten Mikrofinanz-Anlagefonds in der Schweiz. Dieser ist heute auf \u00fcber 100 Mio. Franken angewachsen und widerspiegelt das Interesse von Schweizer Privatanlegern an der Mikrofinanz. \u00a0Als begleitende Massnahmen t\u00e4tigt das Seco schliesslich auch Investitionen, welche die Stabilit\u00e4t und Nachhaltigkeit des gesamten Mikrofinanzsektors st\u00e4rken. Dies geschieht etwa im Rahmen der Emergency Liquidity Facility, welche MFI in Lateinamerika und der Karibik kurzfristige Darlehen zur \u00dcberbr\u00fcckung von Liquidit\u00e4tsengp\u00e4ssen im Fall von externen Schocks (Naturkatastrophen oder anderweitigen Krisen) gew\u00e4hrt. Die Investitionst\u00e4tigkeit erlaubt zudem eine enge Kooperation mit den MFI, wodurch spezifisches Wissen f\u00fcr professionelles Management und erfolgreiches Wachstum vermittelt werden k\u00f6nnen.\u00a0F\u00fcr die Zukunft verfolgt das Seco weiterhin die Strategie, nicht selbst grosse Volumina zu investieren, sondern die beschr\u00e4nkten Ressourcen ganz gezielt zur Risikoteilung, Innovationsf\u00f6rderung und Mobilisierung von privaten Mitteln einzusetzen. Unter Einhaltung des Subsidiarit\u00e4tsgebots wird streng darauf geachtet, Marktverzerrungen zu vermeiden und private Investitionen nicht zu verdr\u00e4ngen.&#13;<\/p>\n<h2>Rasanter Wandel<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nNebst der Ausdifferenzierung der Finanzierungsinstrumente ist eine Reihe von Entwicklungen der letzten Jahre massgeblich daf\u00fcr verantwortlich, dass sich die Mikrofinanz rasch wandelt und zunehmend erwachsen wird. Dazu geh\u00f6ren das Erschliessen neuer Dienstleistungen &#8211; wie etwa Mikroversicherungen, Hypotheken und der Geldtransfer -, der technologische Fortschritt, welcher beispielsweise das Mobilfunk-Banking erlaubt, und das allm\u00e4hliche Auftreten von spezialisierten Rating-Agenturen. Besonders ermutigend ist das wachsende Interesse von internationalen Banken und Versicherungen am Aufbau von Mikrofinanz-Gesch\u00e4ftsmodellen, da diese mehr als andere Kapital mobilisieren helfen, zur Risikominderung beitragen und die Liquidit\u00e4t von MFI erh\u00f6hen. Immer h\u00e4ufiger sind schliesslich auch Downscaling-Prozesse zu beobachten, was bedeutet, dass sich lokale Banken f\u00fcr Kleinstkunden zu interessieren beginnen. Das Seco f\u00f6rdert diesen Trend in Zentralasien mit einer Garantie f\u00fcr die EBRD Micro and Small Enterprise Finance Facility. \u00a0All diese Entwicklungen haben der Mikrofinanz in den vergangenen Jahren zu einer unerh\u00f6rten Dynamik verholfen. Die damit einhergehende Professionalisierung der MFI und der wachsende Wettbewerb tragen dazu bei, die Kosten zu senken, was die wichtigste Voraussetzung f\u00fcr die weitere Verbreitung der Mikrofinanz ist. Noch ist ihr Potenzial bei Weitem nicht ausgesch\u00f6pft, und es sind weitere Anstrengungen n\u00f6tig. Dazu z\u00e4hlt eine verbesserte Regulierung genauso wie die verst\u00e4rkte Formalisierung im l\u00e4ndlichen Raum, vor allem \u00fcber spezifische Finanzprodukte im Landwirtschaftsbereich.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 1: Was ist Mikrofinanz?<\/b>&#13;<br \/>\nEine grosse Zahl von Kleinstunternehmern, viele davon Frauen, gehen in Entwicklungs- und Transitionsl\u00e4ndern einer kleingewerblichen T\u00e4tigkeit im informellen Sektor nach. Weil sie zu arm sind und \u00fcber keine bank\u00fcblichen Sicherheiten verf\u00fcgen, haben 90% von ihnen keinen Zugang zu formellen Finanzdienstleistungen. Auch ist den lokalen Banken der administrative Aufwand f\u00fcr die ben\u00f6tigten kleinen Betr\u00e4ge vielfach zu hoch. Hier begr\u00fcndet sich die Idee der Mikrofinanz und der Mikrofinanzinstitutionen (MFI). Diese vor Ort t\u00e4tigen und lokal gut verankerten Organisationen bieten Finanzdienstleistungen an, die auf die spezifischen Bed\u00fcrfnisse und M\u00f6glichkeiten von Kleinstunternehmern zugeschnitten sind. Dabei geht es nicht nur um Kredite, sondern auch um Spar- und Vorsorgeprodukte, Versicherungen und Geld\u00fcberweisungen. Die Bandbreite des Angebots und der Formen variiert allerdings betr\u00e4chtlich: Die so genannten top-tier MFI &#8211; ihre Zahl wird weltweit auf rund 220 gesch\u00e4tzt &#8211; sind als moderne Bankeninstitute etabliert und weit gehend in den Privatsektor integriert. Eine wesentlich gr\u00f6ssere Zahl von second-tier MFI ist auf dem Weg dazu, wird aber noch f\u00fcr eine gewisse Zeit auf die Unterst\u00fctzung durch die Entwicklungszusammenarbeit angewiesen sein. Daneben gibt es MFI, die in Regionen oder Sektoren aktiv sind, in welchen ein umfassender, kommerzieller Betrieb kaum realistisch ist. Die Klassifizierung dieser low-tier MFI ist jedoch dynamisch, und einstige Nichtregierungsorganisationen (NGO) transformieren in zunehmendem Masse in voll regulierte Finanzinstitutionen.Die von Friedensnobelpreistr\u00e4ger Muhammad Yusuf Mitte der Siebzigerjahre gegr\u00fcndete Grameen Bank of Bangladesh gilt als Pionier der rasant wachsenden Mikrofinanz. Als Aush\u00e4ngeschild der Branche hat Grameen den Beweis erbracht, dass Arme kreditw\u00fcrdig sind. Das klassische, auf m\u00f6glichst g\u00fcnstige Kleinstdarlehen und Kreditkooperativen ausgerichtete Modell hat sich in den letzten Jahren zwar stark weiterentwickelt (siehe Haupttext). Aber noch immer gr\u00fcndet sich der Erfolg der Mikrofinanz auf der langfristigen und engen Beziehung zwischen MFI und Mikrounternehmern. Durch die pers\u00f6nliche Betreuung und Beratung haben sich die Mikrounternehmer als sehr zuverl\u00e4ssige Kunden erwiesen. Gut gef\u00fchrte MFI erzielen m\u00f6glicherweise nicht die stets zitierten Kreditr\u00fcckzahlquoten von 97%, sicher aber sind sie \u00fcberdurchschnittlich hoch. Diese Kreditdisziplin zahlt sich aus: Eine wachsende Zahl von MFI arbeitet \u00e4usserst profitabel, kann das Angebot an Mikrofinanzdienstleistungen laufend ausweiten und neue Kunden gewinnen. Kurz: Die Mikrofinanz funktioniert und leistet einen wichtigen Beitrag zur Armutsbek\u00e4mpfung und der F\u00f6rderung der Privatinitiative in Entwicklungs- und Transitionsl\u00e4ndern.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mikrofinanz ist kein Allheilmittel, aber ein besonders wirksames Instrument zur Armutsbek\u00e4mpfung. 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