{"id":124423,"date":"2006-12-01T12:00:00","date_gmt":"2006-12-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2006\/12\/schweri-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:46:11","modified_gmt":"2023-08-23T21:46:11","slug":"schweri","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2006\/12\/schweri\/","title":{"rendered":"Hat die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe abgenommen?"},"content":{"rendered":"<p>Der Anteil der ausbildenden Betriebe in der Schweiz hat in den letzten 20 Jahren markant abgenommen. Vor diesem Hintergrund wurden verschiedentlich Bef\u00fcrchtungen laut, wonach das Interesse von Unternehmen an der Ausbildung von Lehrlingen generell abgenommen h\u00e4tte. Dieser Frage sind die Autoren im Rahmen eines Forschungsprojektes nachgegangen, dessen Ergebnisse hier vorgestellt werden. Der Forschungsbericht liegt vor als SIBP Schriftenreihe Nr. 31, vgl. M\u00fcller und Schweri (2006). Internet: <a href=\"http:\/\/www.sibp.ch\/schriftenreihe\">www.sibp.ch\/schriftenreihe<\/a> . Der vorliegende Artikel entstand unter Mitarbeit von Barbara M\u00fcller, Schweiz. Institut f\u00fcr Berufsp\u00e4dagogik (SIBP). Sie kommen zum Schluss, dass die Abnahme des Anteils ausbildende Betriebe kaum auf die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe, sondern vor allem auf den demografischen R\u00fcckgang der Sechzehnj\u00e4hrigen und die Zunahme von Kleinstbetrieben zur\u00fcckzuf\u00fchren ist.<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/200612_12_Schweri_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"247\" \/>&#13;<\/p>\n<h2>Der Lehrstellenmarkt 1985 bis 2001<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nBetrachtet man die Diskussionen in Politik und Medien der letzten zehn Jahre, scheint der Befund klar: Es bilden immer weniger Betriebe Lehrlinge aus. Die Grundlage f\u00fcr diese Aussage findet sich in den Zahlen aus der Betriebsz\u00e4hlung des Bundesamtes f\u00fcr Statistik (BFS), die in Grafik 1 dargestellt sind. Sie zeigen, dass der Anteil der ausbildenden Betriebe an allen privaten Betrieben in der Schweiz (Ausbildungsbeteiligung) von 24,7&nbsp;% im 1985 auf 17,6% im Jahr 2001 abgenommen hat.\u00a0Allerdings k\u00f6nnen aus dieser Abnahme noch keinerlei politische Schlussfolgerungen gezogen werden. Um beurteilen zu k\u00f6nnen, ob die Abnahme f\u00fcr die Berufsbildung ein Alarmsignal darstellt, m\u00fcssen deren Ursachen genauer untersucht werden. Ein anderes Problem bei der Interpretation des Indikators \u00abAnteil ausbildende Betriebe\u00bb liegt darin, dass viele Betriebe gar nicht ausbildungsf\u00e4hig sind und der Indikator daher schon theoretisch nie 100% erreichen kann. M\u00fchlemann et al. (2004) sch\u00e4tzen die Ausbildungsbeteiligung der Betriebe &#8211; bereinigt um jene Betriebe, die aus betrieblichen Gr\u00fcnden nicht ausbilden k\u00f6nnen &#8211; f\u00fcr das Jahr 2000 auf rund 30%. Im vorliegenden Artikel steht jedoch nicht die absolute H\u00f6he des Indikators zur Diskussion, sondern die korrekte Interpretation seiner Entwicklung \u00fcber die Zeit. Trotz der grossen medialen Aufmerksamkeit f\u00fcr das Thema Lehrstellen finden sich jedoch keine Studien, welche diese Entwicklung genauer unter die Lupe nehmen und die Daten der Betriebsz\u00e4hlung analysieren. Eine Ausnahme bildet Utiger (2003), der in einer beschreibenden Analyse die Entwicklung der Besch\u00e4ftigten- und der Lernendenzahlen miteinander vergleicht.&#13;<\/p>\n<h2>Hypothesen in der \u00f6ffentlichen Diskussion<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn den Diskussionen werden verschiedene Vermutungen ge\u00e4ussert, welche Faktoren f\u00fcr eine abnehmende Ausbildungsbeteiligung der Betriebe verantwortlich sein k\u00f6nnten. Eine Hypothese besagt, dass die Betriebe in Zeiten zunehmenden Wettbewerbsdrucks ihren gesellschaftlichen Verpflichtungen immer weniger nachk\u00e4men und daher generell das Ausbildungsengagement reduzierten. Diese These postuliert, dass die Abnahme des Indikators ganz oder teilweise auf dem abnehmenden Ausbildungswillen der Betriebe beruht.\u00a0Eine andere Hypothese lautet, dass der Strukturwandel der Wirtschaft im Zuge der Globalisierung und der Entwicklung zur Wissens- und Informationsgesellschaft R\u00fcckwirkungen auf die duale Berufsbildung hat. Hier ist h\u00e4ufig von der \u00abTertiarisierung\u00bb die Rede: Da die Berufsbildung klassischerweise auf Gewerbe und Industrie ausgerichtet ist und die Ausbildungsbedingungen in den Dienstleistungsbetrieben weniger g\u00fcnstig seien, sinke die Zahl der Lehrstellen und der Lehrbetriebe im Gleichschritt mit der Zunahme der Dienstleistungsbetriebe.\u00a0Der Schwerpunkt dieses Artikels liegt auf der Frage, ob die Unterschiede in der Ausbildungsbeteiligung durch \u00e4ussere Einflussfaktoren erkl\u00e4rbar sind oder ob sich das Verhalten der individuellen Betriebe ohne \u00e4usseren Einfluss ge\u00e4ndert hat. Im Rahmen dieser Diskussion l\u00e4sst sich auch \u00fcberpr\u00fcfen, ob die Tertiarisierungshypothese einen wichtigen Erkl\u00e4rungsbeitrag liefert.&#13;<\/p>\n<h2>Demografie &#8211; ein vergessener Faktor auf dem Lehrstellenmarkt<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Diskussionen rund um die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe leiden h\u00e4ufig unter einem Fehlverst\u00e4ndnis: F\u00fcr die Entwicklung des Anteils ausbildender Betriebe werden ausschliesslich die Betriebe verantwortlich gemacht. Dabei wird \u00fcbersehen, dass dieser Indikator nicht direkt die Ausbildungsbereitschaft misst, sondern sich aus der Marktinteraktion zwischen Betrieben und Jugendlichen ergibt, die sich f\u00fcr eine Lehrstelle interessieren. Entwicklungen auf Seiten der Jugendlichen k\u00f6nnen den Anteil der ausbildenden Betriebe genauso beeinflussen wie Entwicklungen auf Seiten der Betriebe.\u00a0Bei den Jugendlichen ist insbesondere die demografische Entwicklung zu nennen: Wenn die Zahl der Sechzehnj\u00e4hrigen sinkt, kommen auch weniger Jugendliche auf den Lehrstellenmarkt. Es wird dann f\u00fcr die Betriebe schwieriger, Kandidatinnen und Kandidaten zu finden, welche die f\u00fcr die jeweilige Lehrstelle erforderlichen Eigenschaften mitbringen. Somit werden weniger Lehrstellen besetzt, was sich auch im Anteil ausbildender Betriebe niederschl\u00e4gt.\u00a0Der Indikator \u00abAusbildungsbeteiligung\u00bb ist also nicht gleichzusetzen mit der Ausbildungsbereitschaft der Betriebe. Vielmehr sind alle Faktoren in die Analyse einzubeziehen, die f\u00fcr Entwicklungen verantwortlich sein k\u00f6nnen, das heisst Ver\u00e4nderungen auf Seiten der Jugendlichen (Demografie) ebenso wie Ver\u00e4nderungen auf Seiten der Betriebe (Ver\u00e4nderungen der Betriebsmerkmale). Ist die Abnahme im Indikator Ausbildungsbeteiligung nicht vollst\u00e4ndig durch diese Ver\u00e4nderungen erkl\u00e4rbar, k\u00f6nnte eine Reduktion der Ausbildungsbereitschaft f\u00fcr den unerkl\u00e4rten Teil verantwortlich sein.&#13;<\/p>\n<h2>Datengrundlage und Methode<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn den Analysen verwenden wir zwei Variablen, um die Entwicklungen auf Seiten der Lehrstellensuchenden abzubilden: \u00a0&#8211; Erstens den Anteil Sechzehnj\u00e4hriger an der st\u00e4ndigen Wohnbev\u00f6lkerung im erwerbsf\u00e4higen Alter eines Kantons (demografische Entwicklung);\u00a0&#8211; zweitens den Anteil Sechzehnj\u00e4hriger, welche eine gymnasiale Maturit\u00e4t anstreben. \u00a0\u00a0Diese Variablen stammen aus entsprechenden Statistiken des BFS und wurden dem Datensatz der Betriebsz\u00e4hlung zugespielt. Bereits eine deskriptive Betrachtung dieser Daten l\u00e4sst vermuten, dass die demografische Entwicklung einen bedeutenden Einfluss auf den Lehrstellenmarkt hat (siehe Grafik 2): Die Entwicklung der Eintritte ins erste Lehrjahr weist deutliche Parallelit\u00e4ten auf mit der Entwicklung der Anzahl Sechzehnj\u00e4hriger in der Schweiz.\u00a0Beim zweiten Marktteilnehmer, den Betrieben, sind die Kosten und Nutzen einer eigenen Ausbildung eine wichtige Determinante der Ausbildungsbeteiligung. Schweri et al. (2003) haben diese Kosten und Nutzen erhoben und untersucht. Es zeigt sich, dass ausbildende Betriebe ein g\u00fcnstigeres Kosten-Nutzen-Verh\u00e4ltnis aufweisen als nicht ausbildende Betriebe Vgl. Wolter et al. (2006). und dass die Nettokosten w\u00e4hrend der Lehrzeit einen signifikanten Einfluss auf die Ausbildungsbeteiligung aus\u00fcben Vgl. M\u00fchlemann et al. (2005).. Da es sich bei diesen Kosten-Nutzen-Daten um eine Querschnittserhebung handelt, also Daten f\u00fcr einen Erhebungszeitpunkt vorliegen, k\u00f6nnen nur beschr\u00e4nkt R\u00fcckschl\u00fcsse auf die Entwicklung der betrieblichen Ausbildungsbereitschaft gezogen werden. F\u00fcr unsere Analysen standen keine Kosten-Nutzen-Daten zur Verf\u00fcgung; daher wurden verschiedene Betriebsmerkmale als Variablen verwendet (vgl. Tabelle 1), welche ihrerseits einen Einfluss auf das Kosten-Nutzen-Verh\u00e4ltnis der Ausbildung haben.\u00a0Die Betriebsz\u00e4hlung bietet als Datengrundlage den Vorteil, dass die Betriebe in den Jahren 1985, 1995, 1998 und 2001 befragt wurden, ob sie Lehrlinge ausbilden oder nicht. Ein weiterer grosser Vorteil besteht darin, dass es sich um eine Vollerhebung handelt, in der s\u00e4mtliche Betriebe in der Schweiz erfasst werden. Damit kann die Ausbildungsbeteiligung der einzelnen Betriebe \u00fcber die Zeit verfolgt werden, zudem muss nicht bef\u00fcrchtet werden, dass durch eine nicht repr\u00e4sentative Stichprobe die Resultate verzerrt sind. Insgesamt stehen mit den vier Erhebungswellen 1252132 F\u00e4lle zur Verf\u00fcgung.&#13;<\/p>\n<h2>Determinanten der Ausbildungsbeteiligung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn Grafik 1 ist sichtbar, dass sich Ver\u00e4nderungen \u00fcber die Zeit vor allem bei der Ausbildungsbeteiligung der Betriebe abspielten. Die Ausbildungsintensit\u00e4t bei den ausbildenden Betrieben, also der Anteil der Lernenden an der Anzahl Mitarbeitender, schwankte dagegen nur geringf\u00fcgig. Die nachfolgenden Auswertungen konzentrieren sich daher auf die Ausbildungsbeteiligung.\u00a0Tabelle 1 zeigt, wie die einzelnen Faktoren gemeinsam die Ausbildungsbeteiligung beeinflussen. Bei \u00ab+\u00bb bewirkt eine h\u00f6here Auspr\u00e4gung der Variable eine h\u00f6here Ausbildungswahrscheinlichkeit eines Betriebs, bei \u00ab-\u00bb bewirkt dies eine niedrigere Ausbildungswahrscheinlichkeit. Bei Kategorienvariablen, z.B. bei den Branchenvariablen, bedeutet \u00ab+\u00bb, dass diese Gruppe eine h\u00f6here Ausbildungswahrscheinlichkeit besitzt als die angegebene Vergleichsgruppe. Die in Tabelle 1 angegebenen Vorzeichen entsprechen den Vorzeichen der Koeffizienten in einer Probit-Sch\u00e4tzung. Die abh\u00e4ngige Variable ist der Ausbildungsstatus des Betriebs (0: nicht ausbildend, 1: ausbildend); die unabh\u00e4ngigen Variablen sind in der Tabelle angegeben, hinzu kommen Kantons-Dummyvariablen. Es wurden nur Effekte angegeben, die mindestens auf dem 1%-Niveau signifikant sind; bei Dummy-Variablen wurde zudem darauf geachtet, dass der Einheitseffekt f\u00fcr einen durchschnittlichen Betrieb (die Abweichung von der Vergleichsgruppe) mindestens 1%-Punkt ausmacht, da angesichts der hohen Fallzahl auch \u00f6konomisch unbedeutende Effektgr\u00f6ssen statistisch signifikant sein k\u00f6nnen. \u00ab0\u00bb bedeutet, dass kein bedeutsamer Zusammenhang gefunden wurde.&#13;<\/p>\n<h3>Einfluss der Demografie<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Demografie, also die Entwicklung der Sechzehnj\u00e4hrigen in einem Kanton, zeigt einen positiven Zusammenhang mit der Ausbildungswahrscheinlichkeit. Wenn in einem Kanton die Zahl der Sechzehnj\u00e4hrigen zunimmt, steigt der Anteil ausbildender Betriebe, und umgekehrt. Der Lehrstellenmarkt weist demnach eine gewisse Flexibilit\u00e4t gegen\u00fcber der demografischen Entwicklung auf.\u00a0Wie stark ist der Einfluss der Demografie? Von 1985 bis 1995 etwa nahm der Anteil Sechzehnj\u00e4hriger an der Bev\u00f6lkerung im erwerbsf\u00e4higen Alter in der Schweiz um 0,62 Prozentpunkte ab (von 2,27% auf 1,65%). Gem\u00e4ss den Sch\u00e4tzungen f\u00fchrte allein diese Entwicklung, wenn alle anderen Faktoren sich nicht ver\u00e4ndert h\u00e4tten, zu einem R\u00fcckgang des Indikators Ausbildungsbeteiligung um rund 3 Prozentpunkte. Es handelt sich also um einen sehr wichtigen Faktor f\u00fcr die Erkl\u00e4rung von Schwankungen der Ausbildungsbeteiligung \u00fcber die Zeit.\u00a0Die Maturit\u00e4tsquote zeigte keinen signifikanten Zusammenhang mit der Ausbildungsbeteiligung. In Panel-Sch\u00e4tzungen, welche den Rahmen dieses Artikels sprengen w\u00fcrden, findet sich hingegen der erwartete negative Zusammenhang mit der Ausbildungsbeteiligung, vgl. M\u00fcller und Schweri (2006). Gr\u00f6ssere Betriebe bilden eher aus, dieses Resultat ist seit langem bekannt.&#13;<\/p>\n<h3>Branchenunterschiede<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nZwischen den Branchen finden sich signifikante Unterschiede, wobei die Trennlinie weniger zwischen Betrieben des Gewerbe-\/Industriesektors und des Dienstleistungssektors verl\u00e4uft als zwischen traditionellen und modernen Branchengruppen. Sowohl die moderne (Hightech-)Industrie wie die modernen (wissensintensiven) Dienstleistungen &#8211; u.a. Banken, Versicherungen, Unternehmensberatungen, Informatik, Gesundheits-\/Sozialwesen &#8211; weisen eine geringere Ausbildungswahrscheinlichkeit auf als die traditionellen Branchengruppen. Wie vertiefende Analysen zeigen, haben sich diese Unterschiede zudem \u00fcber die Jahre etwas vergr\u00f6ssert.&#13;<\/p>\n<h3>Erhebungsjahre<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Erhebungsjahrvariablen geben an, wie sich die Ausbildungsbeteiligung zwischen den Jahren unterscheidet, bereinigt um die Effekte der \u00fcbrigen Variablen in Tabelle 1. Ver\u00e4nderungen in der demografischen Entwicklung, in der Betriebsgr\u00f6ssenstruktur oder der Branchenzusammensetzung der Wirtschaft k\u00f6nnen also f\u00fcr allenfalls verbleibende Unterschiede zwischen den Jahren nicht mehr verantwortlich sein. Es zeigt sich, dass die Ausbildungsbeteiligung im Jahr 1985 im Vergleich zu 2001 signifikant h\u00f6her lag, und zwar um 1,8 Prozentpunkte. Im Jahr 1995 lag sie dagegen um 3,2 Prozentpunkte tiefer als 2001. Ein eindeutiger, durchgehender Trend zu weniger Ausbildung ist demnach nicht feststellbar.\u00a0Die Unterschiede zwischen den Jahren haben sich deutlich verringert, was der Vergleich mit dem unbereinigten Indikator Ausbildungsbeteiligung in Grafik 1 verdeutlicht. Der \u00fcberwiegende Teil der Unterschiede l\u00e4sst sich also mit den Determinanten in Tabelle 1 erkl\u00e4ren.&#13;<\/p>\n<h2>Einfluss des Faktors Konjunktur<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nSind die noch verbleibenden Unterschiede nun auf einen abnehmenden Ausbildungswillen der Betriebe zur\u00fcckzuf\u00fchren? Dies l\u00e4sst sich nicht direkt \u00fcberpr\u00fcfen, doch gibt es einen weiteren gewichtigen Faktor, der bisher nicht in die Analysen einbezogen wurde, n\u00e4mlich die konjunkturelle Entwicklung. Ein weiterer m\u00f6glicher Faktor sind Messfehler in den Daten. Wie bei M\u00fcller und Schweri (2006) nachzulesen, scheint die Betriebsz\u00e4hlung die Zahl der Lehrlinge f\u00fcr 1995 im Vergleich zur ebenfalls vom BFS erhobenen Sch\u00fclerstatistik etwas zu untersch\u00e4tzen. 1985 war die wirtschaftliche Situation g\u00fcnstig, w\u00e4hrend sie 1995 ung\u00fcnstig war und sich anschliessend wieder verbesserte. Da uns keine Informationen zu den Ums\u00e4tzen oder Gewinnen (resp. Gewinnerwartungen) der Firmen vorliegen, k\u00f6nnen diese Informationen nicht in optimaler Weise direkt in die Sch\u00e4tzungen einbezogen werden. Grafik 3 macht einen Zusammenhang jedoch immerhin plausibel: Sie stellt die Entwicklung der Anzahl Lernender der Konjunkturentwicklung gegen\u00fcber. Beide Gr\u00f6ssen zeigen \u00e4hnliche Bewegungen. Die verbleibenden Unterschiede zwischen den Jahren in der Ausbildungsbeteiligung der Betriebe d\u00fcrften also &#8211; mindestens teilweise &#8211; auf die konjunkturelle Entwicklung zur\u00fcckzuf\u00fchren sein.&#13;<\/p>\n<h2>Erkl\u00e4rungsfaktoren f\u00fcr die Entwicklung 1985-2001<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nVon 1985 bis 2001 betrug die Abnahme im Indikator Ausbildungsbeteiligung 7,1 Prozentpunkte. Im vorhergehenden Abschnitt wurde gezeigt, dass sich dieser Unterschied auf weniger als 2 Prozentpunkte reduziert, wenn man die Faktoren in Tabelle 1 in die Analysen mit einbezieht. Sie sind also f\u00fcr \u00fcber 5 Prozentpunkte der Ver\u00e4nderung verantwortlich. Welchen Erkl\u00e4rungsbeitrag liefern die einzelnen Determinanten dabei?\u00a0Diese Frage wird mit Hilfe eines statistischen Zerlegungsverfahrens, der sog. Oaxaca-Blinder-Zerlegung, untersucht. Mit diesem Verfahren k\u00f6nnen Unterschiede zwischen zwei Gruppen oder Entwicklungen zwischen zwei Jahren analysiert werden. Unter anderem wurde dieses Verfahren vor Bundesgericht eingesetzt, um Lohndiskriminierung zwischen Frauen und M\u00e4nnern in Unternehmen zu analysieren. Die Erkl\u00e4rungsanteile der betrachteten Faktoren (wiederum ohne die Konjunktur, da ihr Einbezug bei einem Vergleich von zwei Zeitpunkten \u00fcber diesen langen Zeitraum wenig Sinn macht) stellen sich wie folgt dar:\u00a0&#8211; 40% der erkl\u00e4rten Abnahme im Indikator gehen auf den gesunkenen Bev\u00f6lkerungsanteil der Sechzehnj\u00e4hrigen (Demografie) zur\u00fcck.\u00a0&#8211; Weitere 15% lassen sich mit der zunehmenden Maturit\u00e4tsquote erkl\u00e4ren.\u00a0&#8211; Knapp 35% sind der anteilsm\u00e4ssigen Zunahme sehr kleiner Betriebe (weniger als zwei Vollzeitmitarbeitende) mit tiefer Ausbildungswahrscheinlichkeit zuzuschreiben. Absolut nahm die Zahl der \u00fcbrigen Betriebe jedoch nicht ab, sodass durch die Zunahme der Kleinstbetriebe keine Lehrstellen verloren gingen.\u00a0&#8211; Die Gewichtsverschiebungen zwischen den Branchen (Tertiarisierung) erkl\u00e4ren schliesslich noch rund 10%: Anteilsm\u00e4ssig sind in der Volkswirtschaft jene Branchen gewachsen, in welchen die duale Berufsbildung traditionell weniger stark verankert ist.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit &#8211; kein abnehmender Ausbildungswillen der Betriebe zu erkennen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Analysen haben aufgezeigt, dass mit einer Reihe von Variablen die Schwankungen des Indikators Ausbildungsbeteiligung von 1985 bis 2001 in der Schweiz recht gut erkl\u00e4rt werden k\u00f6nnen. Hervorzuheben ist dabei der Einfluss der demografischen Entwicklung; grossen Einfluss hatte auch die Zunahme der Kleinstbetriebe. Eher schwach ist dagegen der Einfluss der Tertiarisierung. Aus Sicht der Bildungspolitik sind die Befunde eher erfreulich, da diese Entwicklungen f\u00fcr das duale Ausbildungssystem wenig Bedrohliches erkennen lassen. Allerdings ist den modernen Branchengruppen, insbesondere im Dienstleistungsbereich, besondere Aufmerksamkeit zu widmen, weil diese ein hohes Wachstumspotenzial aufweisen, die Bedingungen f\u00fcr eine Ausbildung im Betrieb aber eher ung\u00fcnstiger sind als in den traditionellen Branchengruppen.\u00a0Die verbleibenden Schwankungen \u00fcber die Jahre, welche durch diese Faktoren nicht erkl\u00e4rt werden k\u00f6nnen, sind relativ gering und zeigen keinen generellen Trend in Richtung weniger Ausbildungsbeteiligung. Zumindest teilweise k\u00f6nnen sie vermutlich auf Konjunkturschwankungen zur\u00fcckgef\u00fchrt werden.\u00a0Eine wichtige Lehre aus den Analysen ist, dass ein Indikator wie der Anteil ausbilden-der Betriebe vorsichtig zu interpretieren ist. Eine Abnahme ist nicht gleichzusetzen mit einem abnehmenden Ausbildungswillen der Betriebe, sondern kann durch verschiedene Faktoren ausgel\u00f6st werden. Erst eine vertiefte Analyse kann aufzeigen, welche Ursachen den Schwankungen zugrunde liegen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1 \u00abEntwicklung der betrieblichen Ausbildungst\u00e4tigkeit, 1985-2001\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2 \u00abEintritte in eine duale Lehre und Demografie, 1981-2004\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 3 \u00abKonjunktur und Anteil Lehreintritte, 1981-2004\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 1: Literatur<\/b>&#13;<br \/>\n&#8211; M\u00fchlemann, S., J. Schweri, R. Winkelmann, St. Wolter: A Structural Model of Demand for Apprentices. CESifo Working Paper Series Nr. 1417, 2005.- M\u00fchlemann, S., J. Schweri, St. Wolter): Wenn die Ausbildung eines Lehrlings nicht rentiert, Panorama, Z\u00fcrich, 1\/2004.- M\u00fcller, B., J. Schweri: Die Entwicklung der betrieblichen Ausbildungsbereitschaft. Eine L\u00e4ngsschnittuntersuchung zur dualen Berufsbildung in der Schweiz. SIBP Schriftenreihe Nummer 31, Juni 2006.- Schweri, J., S. M\u00fchlemann, Y. Pescio, B. Walther, St. Wolter, L. Z\u00fcrcher: Kosten und Nutzen der Lehrlingsausbildung aus der Sicht Schweizer Betriebe. R\u00fcegger Verlag, Chur; Z\u00fcrich, 2003.- Utiger, U.: Berufsbildung 1985-2003 im Kanton Z\u00fcrich: Wenig Lehrstellen in attraktiven Dienstleistungsbranchen. Statistisches Amt des Kantons Z\u00fcrich (statistik.info Nr. 22) 2003.- Wolter, St., S. M\u00fchlemann, J. Schweri: Why some firms train apprentices and many others do not. German Economic Review 7 (3), 2006, 249-264.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Anteil der ausbildenden Betriebe in der Schweiz hat in den letzten 20 Jahren markant abgenommen. Vor diesem Hintergrund wurden verschiedentlich Bef\u00fcrchtungen laut, wonach das Interesse von Unternehmen an der Ausbildung von Lehrlingen generell abgenommen h\u00e4tte. Dieser Frage sind die Autoren im Rahmen eines Forschungsprojektes nachgegangen, dessen Ergebnisse hier vorgestellt werden. Der Forschungsbericht liegt vor [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":3685,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"om_disable_all_campaigns":false,"ep_exclude_from_search":false,"footnotes":""},"post__type":[66],"post_opinion":[],"post_serie":[],"post_content_category":[],"post_content_subject":[122],"acf":{"seco_author":3685,"seco_co_author":[2911,0],"author_override":"","seco_author_post_ocupation_year":"","seco_author_post_occupation_de":"Dr. rer. oec., Professor und Co-Leiter des Forschungsschwerpunktes \u00abSteuerung der Berufsbildung\u00bb, Eidgen\u00f6ssische Hochschule f\u00fcr Berufsbildung (EHB), Zollikofen BE","seco_author_post_occupation_fr":"Professeur et codirecteur de l\u2019axe prioritaire de recherche \u00ab Pilotage de la formation professionnelle \u00bb, Haute \u00e9cole f\u00e9d\u00e9rale en formation professionnelle (HEFP), Zollikofen (BE)","seco_co_authors_post_ocupation":[{"seco_co_author":2911,"seco_co_author_post_occupation_year":"","seco_co_author_post_occupation_de":"Schweizerisches Institut f\u00fcr Berufsp\u00e4dagogik (SIBP), Zollikofen b. Bern","seco_co_author_post_occupation_fr":"Collaboratrice scientifique, Institut f\u00e9d\u00e9ral des hautes \u00e9tudes en formation professionnelle, Zollikofen"}],"short_title":"","post_lead":"","post_hero_image_description":"","post_hero_image_description_copyright_de":"","post_hero_image_description_copyright_fr":"","post_references_literature":"","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":124426,"main_focus":null,"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"9425","post_abstract":"","magazine_issue":null,"seco_author_reccomended_post":null,"redaktoren":null,"korrektor":null,"planned_publication_date":null,"original_files":null,"external_release_for_author":"19700101","external_release_for_author_time":"00:00:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/55d6d85a7f550"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/124423"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3685"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=124423"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/124423\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":128341,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/124423\/revisions\/128341"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/0"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2911"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3685"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=124423"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=124423"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=124423"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=124423"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=124423"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=124423"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}