{"id":124549,"date":"2006-10-01T12:00:00","date_gmt":"2006-10-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2006\/10\/daum-10\/"},"modified":"2023-08-23T23:46:56","modified_gmt":"2023-08-23T21:46:56","slug":"daum-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2006\/10\/daum-9\/","title":{"rendered":"Arbeitsmarktliche Massnahmen und ihre Wirkung:Ein Diskurs"},"content":{"rendered":"<p>Die beiden Spritzenvertreter der Arbeitgeber und Gewerkschaften ziehen im Gespr\u00e4ch eine positive Bilanz und best\u00e4tigen auch aufgrund ihrer pers\u00f6nlichen Eindr\u00fccke die in den Studien aufgezeigte Effizienzsteigerung der \u00f6ffentlichen Stellenvermittlung in den letzten Jahren. F\u00fcrs gute Abschneiden entscheidend seien &#8211; nebst der professionellen Arbeit der RAV-Berater &#8211; insbesondere der bew\u00e4hrte schlanke Leistungsauftrag an die Kantone sowie der liberale Arbeitsmarkt. Als Schwachstelle sehen beide Vertreter das da und dort fehlende Vertrauen der Arbeitgeber gegen\u00fcber den RAV aufgrund von schlechten Beratungsleistungen in den Erstkontakten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Volkswirtschaft: Wie funktioniert Ihrer Meinung nach die \u00f6ffentliche Arbeitsvermittlung mit den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV)? Sind grundlegende Weichenstellungen notwendig?\u00a0Gaillard: Die Studien best\u00e4tigen unseren Eindruck, dass seit den Neunzigerjahren erhebliche Fortschritte in der Vermittlungseffizienz realisiert wurden und die Unterschiede zwischen den RAV geringer geworden sind. Es war also richtig, den RAV mit den Leistungsauftr\u00e4gen nur wenige und daf\u00fcr klare Zielsetzungen zu geben. Hauptauf-gabe ist, die Stellensuchenden m\u00f6glichst schnell wieder ins Erwerbsleben zu integrieren und Langzeitarbeitslosigkeit zu vermeiden.\u00a0Verbesserungsm\u00f6glichkeiten sehe ich besonders bei der Zusammenarbeit mit den Arbeitgebern. Viele Unternehmen nehmen die Hilfe der RAV nicht in Anspruch, weil sie sich keine Vorteile davon erwarten oder gar weil sie schlechte Erfahrungen mit Zuweisungen von Personen gemacht haben. Daran gilt es noch zu arbeiten.\u00a0Daum: Auch aus Arbeitgebersicht funktioniert das System der \u00f6ffentlichen Arbeitsvermittlung heute recht gut. Selbstverst\u00e4ndlich gibt es noch Schwachstellen. Herr Gaillard hat zu Recht auf den kritischen Punkt aufmerksam gemacht, n\u00e4mlich auf die teilweise fehlende Akzeptanz der RAV bei den Arbeitgebern. Aber auch hier stelle ich eine Verbesserung fest: Je qualifizierter die ersten Kontakte mit dem RAV sind, desto besser ist in der Folge die Akzeptanz. Arbeitgeber, die gute Erfahrungen gemacht haben, sind auch eher bereit, einmal einen Flop hinzunehmen und Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die schwierige Aufgabe der Vermittlung von Arbeitslosen aufzubringen. Das Gef\u00fchl, die Arbeitgeber h\u00e4tten quasi eine Alibi-Funktion zu erf\u00fcllen, kommt dort auf, wo die Erstkontakte negativ waren, weil v\u00f6llig ungeeignete Zuweisungen erfolgten. Arbeitgeber, die beim ersten Kontakt nicht gut beraten wurden, lassen sich kaum mehr auf Kontakte mit den RAV ein.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Ist die Qualit\u00e4t der Beziehung RAV-Berater\/Arbeitgeber in den letzten Jahren f\u00fcr den Vermittlungserfolg noch wichtiger geworden? Und wie l\u00e4sst sich diese Beziehung allenfalls verbessern?\u00a0Gaillard: Mir scheint, dass die Zusammenarbeit zwischen RAV und Unternehmen in der Tat an Bedeutung gewonnen hat und noch gewinnen wird, und zwar wegen der Personenfreiz\u00fcgigkeit mit der EU. Heute ist es f\u00fcr die Unternehmen sehr leicht, eine Person aus dem Ausland einzustellen oder sich von einem B\u00fcro vermitteln zu lassen. Die Kooperation von RAV und Arbeitgebern muss sicherstellen, dass zuerst Personen aus dem Inland vermittelt werden. Da braucht es die Zusammenarbeit der Unternehmen.\u00a0Daum: Ich bin nicht sicher, ob die Personenfreiz\u00fcgigkeit dabei eine Rolle spielt. Ich sehe eher einen generelleren Grund: Die Arbeitgeber sind in den letzten Jahren unter st\u00e4ndig zunehmenden Kosten- und Zeitdruck geraten und k\u00f6nnen es sich gar nicht leisten, mit den RAV nach dem System von \u00abTrial an Error\u00bb zusammenzuarbeiten. \u00a0Wie die Studien zeigen, steht und f\u00e4llt ein grosser Teil des Erfolgs mit der Qualit\u00e4t der RAV: Je flacher die Hierarchie, je besser die Motivation. Und je n\u00e4her die RAV-Leiter selbst am Arbeitsmarkt pr\u00e4sent sind, desto besser die Ergebnisse. Grosse Organisationen mit vielschichtigen Hierarchien, wo der einzelne Mitarbeiter relativ weit weg von seinen Kunden &#8211; sprich: den Arbeitgebern &#8211; ist, kommen nicht zum Erfolg.\u00a0Gaillard: Gerade weil schlanke Organisationen f\u00fcr den Erfolg so wichtig sind, w\u00e4re es falsch, jetzt den RAV neue Auflagen zu machen. Das Ziel muss die rasche und dauerhafte Wiederintegration bleiben. Allenfalls k\u00f6nnten die Gewichte der einzelnen Zielindikatoren noch verbessert werden. \u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Die arbeitsmarktlichen Massnahmen (AMM) kosten rund 600 Mio. Franken pro Jahr. Lohnt sich diese aufgewendete Summe?\u00a0Daum: Die Arbeitssuchenden m\u00fcssen heute eine aktive Rolle einnehmen und k\u00f6nnen sich nicht einfach unter Vorweisung von einigen Alibi-Bewerbungen einen Check abholen. Dieses Prinzip ist f\u00fcr das Funktionieren des Gesamtsystems sehr wichtig. Selbstverst\u00e4ndlich muss die Effizienz des Mitteleinsatzes immer wieder \u00fcberpr\u00fcft werden und allenfalls der Mitteleinsatz angepasst werden. Doch den ganz grossen Spareffekt sehe ich bei den AMM nicht.\u00a0Gaillard: In der ersten Welle der Evaluationen waren die Resultate bez\u00fcglich AMM noch klar negativ. Im Wesentlichen hiess es damals, die Arbeitslosen w\u00fcrden besser in der Zeit der AMM eine Stelle suchen. Die neuen Studien fallen doch deutlich differenzierter aus. Ich glaube, dass es keine AMM gibt, von der man sagen kann, sie sei immer schlecht oder immer gut. Vielmehr kommt es darauf an, dass die Massnahme gezielt dann eingesetzt wird, wenn die Wahrscheinlichkeit gross ist, dass dadurch die Vermittlungschancen erh\u00f6ht werden. Auch hier glaube ich, dass die heutigen Steuerungsmechanismen die richtigen sind: Wir lassen den Kantonen mit dem Festlegen eines Globalbudgets die maximale Freiheit, diese zu nutzen. \u00a0Daum: Wie die Studien klar zeigen: Jede Massnahme hat f\u00fcr jedes Alterssegment eine andere Wirkung. Die Wirkung einer Massnahme h\u00e4ngt zudem davon ab, wo die betroffene Person eine Stelle sucht: in einer Grossagglomeration oder auf dem Land, in einer stark vom Finanzsektor gepr\u00e4gten Region oder in einem industriellen Umfeld. Deshalb gibt es auch aus der Sicht der Arbeitgeber keinen Bedarf, an den heutigen flexiblen Steuerungsmechanismen etwas zu \u00e4ndern.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Was halten Sie von der Empfehlung, dass ein fr\u00fchzeitiger Einsatz von Massnahmen zur Aktivierung des Stellensuchenden der Haupterfolgsfaktor ist? Kann und soll die Aktivierung noch beschleunigt werden? \u00a0Daum: Auch dieses Resultat ist nicht \u00fcberraschend. Interessant w\u00e4re es allerdings zu wissen, wie eine beschleunigte Aktivierung unter unterschiedlichen Arbeitsmarktbedingungen &#8211; also bei niedrigerer und h\u00f6herer Arbeitslosigkeit &#8211; wirken w\u00fcrde. Grunds\u00e4tzlich soll die Wiedereingliederung m\u00f6glichst rasch und priorit\u00e4r angegangen werden.\u00a0Gaillard: Die Fr\u00fchaktivierung heisst ja nicht, sofort eine AMM anzuwenden. Sondern sie bedeutet, dass es sehr schnell zu einem Beratungsgespr\u00e4ch kommt und die beste Strategie festgelegt wird, um den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt zu schaffen. Schnelle Beratungsgespr\u00e4che sind vor allem f\u00fcr Jugendliche wichtig, die der Stellensuche relativ hilflos gegen\u00fcberstehen oder die Schwierigkeiten und den Aufwand untersch\u00e4tzen, der f\u00fcr die Stellensuche notwendig ist. Bew\u00e4hrt haben sich auch die Motivationssemester f\u00fcr Schulabg\u00e4nger. Es w\u00e4re schade, wenn deren Attraktivit\u00e4t durch eine K\u00fcrzung der Unterst\u00fctzungsbeitr\u00e4ge verringert w\u00fcrde. Arbeit muss sich lohnen.\u00a0Daum: Die Arbeitssuchenden brauchen sofort jemanden, der sie coacht, beobachtet, kontrolliert und &#8211; das sollte eigentlich die St\u00e4rke der RAV sein &#8211; den Know-how-Transfer bez\u00fcglich des Arbeitsmarktes sowie der Bewerbung sicherstellt. Dies ist bei vielen ja verst\u00e4ndlicherweise das Defizit, das gedeckt werden muss. Hier abzuwarten, kann l\u00e4ngerfristig sehr nachteilige Folgen haben.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: In den makro\u00f6konomischen Studien wurden positive Effekte der Besch\u00e4ftigungsprogramme ausgewiesen. Haben die Besch\u00e4ftigungsprogramme gem\u00e4ss Ihrer Einsch\u00e4tzung eher eine abschreckende Wirkung (Droheffekt)? Oder erleichtern sie den Arbeitnehmenden eher den Einstieg in den Arbeitsmarkt? \u00a0Daum: Beides ist der Fall. Eine der Studien f\u00fchrt das sehr sch\u00f6n aus. Je nach Situation \u00fcberwiegt das eine oder das andere. Ich w\u00fcrde allerdings weniger von einer Drohung sprechen als vielmehr von einer Motivation. Auch die Abwehr von Unannehmlichkeiten kann ja eine Motivation sein. Es braucht einen gewissen Druck; das ist nur menschlich. Wir kennen das auch aus anderen Zusammenh\u00e4ngen. Beispielsweise k\u00f6nnen Verl\u00e4ngerungen der K\u00fcndigungsfristen in Sozialpl\u00e4nen kontraproduktiv sein.\u00a0Gaillard: Bezeichnend ist, dass in der ersten Welle der Evaluation die Besch\u00e4ftigungsprogramme von allen Massnahmen das schlechteste Resultat erzielt haben. Das hat sich jetzt deutlich zum Besseren gewendet. Offensichtlich wurde aus den Fehlern gelernt. Fr\u00fcher war man ein Jahr lang in einem Besch\u00e4ftigungsprogramm gefangen. Heute wird periodisch \u00fcberpr\u00fcft, ob die Massnahme noch sinnvoll oder ob der Zweck erf\u00fcllt ist. Zudem wird w\u00e4hrend des Programms Zeit f\u00fcr die Stellensuche einger\u00e4umt. Viele Besch\u00e4ftigungsprogramme \u00fcbernehmen gar die Betreuung w\u00e4hrend der Stellensuche. Das ist zwar umstritten, von mir aus gesehen aber eine gute L\u00f6sung. Ein Besch\u00e4ftigungsprogramm sollte, wenn m\u00f6glich, in eine Besch\u00e4ftigung m\u00fcnden.\u00a0Dass der Droheffekt eine Rolle spielt, mag plausibel sein. Die Vermittelbarkeit von Personen zu testen, kann unter Umst\u00e4nden auch angezeigt sein. Wenn jedoch Personen gegen ihren Willen einem Besch\u00e4ftigungsprogramm zugewiesen werden, kann darunter das Programm als ganzes Schaden nehmen und an Effizienz einb\u00fcssen. \u00a0Daum: Ich halte es schon f\u00fcr wichtig, dass die Betroffenen nicht davon ausgehen k\u00f6nnen, Geld zu kassieren, ohne daf\u00fcr etwas zu tun. Dieses Thema kam seinerzeit auch bei der Anwendung besonderer Wiedereinstiegsbestimmungen f\u00fcr Frauen im Rahmen der Personenfreiz\u00fcgigkeit zur Sprache. Mit einer konsequenten Zuweisungspraxis wurden damals negative Effekte vermieden.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Ist Ihrer Meinung nach die \u00f6ffentliche Stellenvermittlung der richtige Ort, um Weiterbildung oder Umschulung zu machen? \u00a0Gaillard: Bildungsprogramme sind dann wirksam, wenn sie gezielt eingesetzt werden. Bei Jugendlichen steht wahrscheinlich eher die Besch\u00e4ftigung mit Motivationssemestern und Praktika im Vordergrund. Bei \u00c4lteren kann es jedoch sehr wichtig sein, schon vorhandene Qualifikationen aufzufrischen. Auch Wiedereinsteigerinnen m\u00fcssen die technologische Entwicklung &#8211; etwa Computerprogramme &#8211; nachholen, die sich in der Zeit abgespielt hat, als sie nicht erwerbst\u00e4tig waren. Ich halte auch Sprachprogramme f\u00fcr Ausl\u00e4nderinnen und Ausl\u00e4nder f\u00fcr sinnvoll, weil die Sprachkompetenz f\u00fcr sie besonders wichtig ist.\u00a0Es war hingegen richtig zu sagen, dass Weiterbildung nicht die prim\u00e4re Aufgabe der ALV sein kann. Wichtig in diesem Zusammenhang ist ein Recht auf Weiterbildung &#8211; m\u00f6glichst in Gesamtarbeitsvertr\u00e4gen geregelt. Das ist wichtig, damit die Leute sich regelm\u00e4ssig weiterbilden und periodisch eine Lagebeurteilung vorgenommen wird. \u00a0Daum: Die eigentliche Weiterbildung ist in der Tat nicht Aufgabe der ALV. Die ALV kann nur Schulungen anbieten, deren Ziele relativ kurzfristig erreichbar sind. \u00a0Wenn Sie mit Arbeitgebern und Arbeitslosen sprechen, betrifft die Kritik am ganzen System der RAV und der AMM am h\u00e4ufigsten das so genannte \u00abK\u00fcrsliwesen\u00bb. Es scheint also kein Zufall zu sein, dass in den wissenschaftlichen Studien gerade dieser Bereich der AMM schlecht wegkommt. \u00a0Herr Gaillard betont das Recht auf Weiterbildung, ich die Pflicht. Die Arbeitsmarkf\u00e4higkeit zu erhalten, ist prim\u00e4r die Aufgabe des Einzelnen. Die Arbeitgeber leisten mit betrieblichen Schulungen einen wichtigen Beitrag und k\u00f6nnen dar\u00fcber hinaus unterst\u00fctzend wirken. \u00a0Gaillard: Die Arbeitgeber m\u00fcssen ein Interesse haben, dass das Personal vielseitig einsetzbar ist; das erleichtert auch die Flexibilit\u00e4t bei strategischen Entscheiden und bei wirtschaftlichen Problemen. \u00c4ltere Arbeitnehmende sollten ebenfalls das Recht haben, sich regelm\u00e4ssig weiterzubilden, um auch noch nach 50 mit den neuen Entwicklungen Schritt halten zu k\u00f6nnen. \u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Die Bass-Studie lokalisiert ein Diskriminierungspotenzial zu Ungunsten ausl\u00e4ndischer Arbeitnehmender und anerkennt, dass die Bek\u00e4mpfung der Diskriminierung von Ausl\u00e4nderinnen und Ausl\u00e4ndern eine \u00fcbergeordnete Querschnittsaufgabe ist. Welche Rolle kann und soll hier die \u00f6ffentliche Arbeitsvermittlung \u00fcbernehmen? \u00a0Daum: Diese Aussage ist in der Tat beunruhigend. Ich habe aufgrund von vielen Gespr\u00e4chen mit Unternehmern und Personalverantwortlichen den Eindruck, dass es hier nicht um eine direkte Diskriminierung geht. Mir scheint eher, dass Vorurteile bez\u00fcglich Qualifikation und \u00c4hnlichem im Spiel sind, also eine indirekte Diskriminierung. Man hat ein Bild des Ausl\u00e4nders, der die Sprache nicht kann und die Qualifikation nicht mitbringt, und l\u00e4sst sich zu stark davon leiten, sodass auch solche Ausl\u00e4nder, die eigentlich gut qualifiziert sind, darunter fallen. An eine bewusste Diskriminierung von Ausl\u00e4ndern glaube ich aber nicht.\u00a0Gaillard: F\u00fcr uns das Beunruhigendste ist, dass gem\u00e4ss Studien offenbar die Chance, die Arbeitslosigkeit zu verlassen, nach Nationalit\u00e4t stark unterschiedlich ist. Offenbar besteht also doch eine Art Diskriminierung seitens der Arbeitgeber. Was das RAV hier tun kann, ist, das Vertrauensverh\u00e4ltnis zu den Arbeitgebern zu st\u00e4rken. \u00a0In der Studie wird vermutet, dass auch die RAV-Beraterinnen und -Berater ihre Klienten nach Nationalit\u00e4t unterschiedlich behandeln. Eine m\u00f6gliche L\u00f6sung daf\u00fcr w\u00e4re, dass in die RAV-Teams gezielt Personen der zweiten Generation oder mit Migrationshintergrund integriert werden. Allerdings ist unbedingt der Fehler zu vermeiden, dass diese Personen dann ausschliesslich die Migranten betreuen.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Die Studie \u00abDie Situation der Ausgesteuerten\u00bb weist auf die steigende Anzahl Personen hin, die auf Sozialhilfe als Quelle zur Finanzierung des Lebensunterhalts angewiesen sind. Was kann die ALV allenfalls hier tun? \u00a0Gaillard: Es macht keinen Sinn, die Bezugsdauer der Arbeitslosenentsch\u00e4digung weiter zu verk\u00fcrzen und damit die Leute einfach der Sozialhilfe zuzuschieben. Die RAV m\u00fcssen aber alles daran setzen, Langzeitarbeitslosigkeit zu vermeiden; die Vermittlung wird mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit schwieriger. Die RAV sollten sich dabei auch um Personen mit mehrfachen Handicaps k\u00fcmmern. Dazu verf\u00fcgt die ALV \u00fcber viele m\u00f6gliche Instrumente, so zum Beispiel die Einarbeitungszusch\u00fcsse: Ein Teil des Lohns wird in der ersten Zeit von der ALV \u00fcbernommen; im Gegenzug leistet der Arbeitgeber gewisse Integrationshilfen. Ziel ist es, dass die Person am Ende der Einarbeitungszeit f\u00e4hig ist, die T\u00e4tigkeit auszu\u00fcben. \u00a0Daum: Auch hier stellt sich letztendlich wieder die Frage nach der Zust\u00e4ndigkeit der ALV im Verh\u00e4ltnis zur Sozialhilfe. Sicher haben auch die RAV mit Personen zu tun, deren Arbeitslosigkeit mehrere Ursachen hat. Wenn aber die nicht arbeitsmarktspezifischen Gr\u00fcnde immer mehr \u00fcberwiegen &#8211; und das ist bei manchen Langzeitarbeitslosen und Ausgesteuerten der Fall -, ist meines Erachtens die Zust\u00e4ndigkeit der ALV ersch\u00f6pft. Hier setzt auch die Diskussion mit der Bezugsdauer ein. Grunds\u00e4tzlich sollte sich der oder die Arbeitslose nicht im falschen System befinden.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Gegenw\u00e4rtig ist die Lage auf dem schweizerischen Arbeitsmarkt im internationalen Vergleich sehr gut. Wie beurteilen Sie die Lage mittelfristig? Wo sehen Sie allenfalls Probleme auf uns zukommen? Und wie soll diesen begegnet werden?\u00a0Gaillard: Gewisse Leute sagen, wir h\u00e4tten schon Vollbesch\u00e4ftigung. Ich denke, das ist noch nicht der Fall. Die Arbeitslosigkeit ist f\u00fcr schweizerische Verh\u00e4ltnisse immer noch relativ hoch. Wir haben sehr viele Jugendliche, die noch in Warteschlangen sind und Teilzeitbesch\u00e4ftigte, die mehr arbeiten m\u00f6chten. Es besteht also ein erhebliches Potenzial an Personen, die erwerbst\u00e4tig sein m\u00f6chten und zunehmend erwerbst\u00e4tig sind. Die Besch\u00e4ftigung steigt dieses Jahr um etwa 30000 bis 40000 Personen. Die gegenw\u00e4rtige Konjunktur- und Geldpolitik l\u00e4sst &#8211; im Gegensatz zu den Neunzigerjahren &#8211; mehr Wachstum zu, solange es nicht inflation\u00e4r ist. Wir haben heute die Chance, die Arbeitslosigkeit relativ schnell herunter zu bringen und all diesen Menschen, die arbeiten m\u00f6chten, eine Arbeit zu bieten. Dazu braucht es die Mithilfe der Unternehmen, auch mal eine Person einzustellen, die in der Anfangszeit eine gewisse Hilfe braucht.\u00a0Daum: Es ist richtig, dass immer noch eine erhebliche Gruppe von Menschen eine Arbeit aufnehmen oder das Pensum erh\u00f6hen will. Ob man von einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt sprechen will oder nicht, \u00fcberlasse ich den \u00d6konomen. Die arbeitsmarkt\u00f6konomischen Unterschiede zwischen der Schweiz und dem Ausland haben sich etwas verringert. Zwar haben wir bedeutend tiefere Arbeitslosenquoten als das umliegende Ausland. Aber Verh\u00e4ltnisse, wie sie bei uns Anfang der Neunzigerjahre mit einer Arbeitslosigkeit von 0,7% herrschten, sind wohl endg\u00fcltig pass\u00e9. Ich halte es f\u00fcr schwierig, unter 2% zu kommen. Diese Zahl schreckt mich allerdings dann nicht, wenn die Dauer der Arbeitslosigkeit zur\u00fcckgeht. Das w\u00fcrde mit der Erwartung \u00fcbereinstimmen, dass der zeitweilige \u00abMissmatch\u00bb zwischen den Kompetenzprofilen und den Anforderungsprofilen auf dem Arbeitsmarkt in einer sich schnell wandelnden Gesellschaft zunimmt. \u00a0Nicht zuletzt dank des liberalen Arbeitsmarkts ist es Ende der Neunzigerjahre gelungen, bei der Arbeitslosenquote die Wende zu schaffen, viel besser als etwa in Deutschland oder Frankreich, wo einmal angestelltes Personal fast ewig auf der \u00abPayroll\u00bb bleibt. Die Flexibilit\u00e4t der schweizerischen Arbeitsmarktordnung wird dazu beitragen, die Arbeitslosigkeit hierzulande vergleichsweise tief zu halten. Deshalb m\u00fcssen wir auch in Zukunft zum liberalen Arbeitsmarkt Sorge zu tragen.\u00a0\u00a0Die Volkswirtschaft: Meine Herren, wir danken Ihnen f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die beiden Spritzenvertreter der Arbeitgeber und Gewerkschaften ziehen im Gespr\u00e4ch eine positive Bilanz und best\u00e4tigen auch aufgrund ihrer pers\u00f6nlichen Eindr\u00fccke die in den Studien aufgezeigte Effizienzsteigerung der \u00f6ffentlichen Stellenvermittlung in den letzten Jahren. 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